Die Kanonisierung des Ketzers findet nicht statt

Senegal Eine letzte Begegnung mit dem Romancier und Regisseur Ousmane Sembène

Beim internationalen Forum der Berliner Filmfestspiele war Osmane Sembène stets ein willkommener Gast. In Cannes, Moskau und Venedig war es nicht anders. Am 9. Juni 2007 ist der bedeutende Romancier und Doyen des schwarzafrikanischen Kinos, der überall auf der Welt bekannter ist als in seiner senegalesischen Heimat, 84-jährig in Dakar verstorben. Einige Wochen später stand ich an seinem Grab. Und das kam so:

Als ich vom deutschen PEN-Zentrum zum Internationalen Jahreskongress in Dakar delegiert wurde, informierte ich sofort den Vorstand der FIPRESCI. Wir verabredeten, dass ich im Namen unseres Verbandes der Filmkritiker einen Kranz am Grabe niederlegen und einen Kondolenzbesuch bei der Familie machen sollte. Wie sich später herausstellte, blieb ich der einzige, der auf diese naheliegende Idee kam. Ich erinnerte mich, dass vor vielen Jahren, während einer Woche des frankophonen Films in Dakar, die Veranstalter eine Gedenkstunde für den kurz zuvor verstorbenen Dichter Amadou Hâmpaté Bâ organisierten, um sein Werk zu ehren.

Etwas Ähnliches hatte ich auch diesmal erwartet, aber nichts dergleichen geschah. Der senegalesische PEN, dessen neue Leitung wortreiche Lobreden auf die Regierung hielt, aber auch der Internationale PEN beschränkten sich darauf, den verstorbenen PEN-Präsidenten des Senegal nur beiläufig in den Eröffnungsreden zu erwähnen.

Meine Sorge, ob und wie man in Dakar einen Kranz beschaffen und eine Kranzschleife mit Widmung anfertigen lassen könne, erwies sich als unnötig. Wie auf jüdischen, so ist auch auf muslimischen Friedhöfen derlei nicht gestattet. (Um den bekennenden Atheisten innerhalb der Friedhofsmauern beisetzen zu können, hatte die Familie Sembènes ein religiöses Begräbnis in Kauf genommen, das vom Staatlichen Fernsehen auch prompt in den Abendnachrichten gezeigt wurde.)

Das zweite Problem, Haus und Grab von Sembène zu finden, löste sich auf sehr afrikanische Weise. Mein freundlicher junger Chauffeur, den mir die Kongressleitung zur Verfügung gestellt hatte, fuhr mit mir los, ohne eine exakte Adresse und mehr als eine vage Vorstellung von der Richtung zu haben, die wir einschlagen mussten. Wir durchquerten N´Gor und fuhren parallel zur Küste weiter nach Yoff, zwei Vorstädte, die heute zu Dakar gehören. Kurz nach einer Tankstelle, die man uns als einzigen Orientierungspunkt genannt hatte, bogen wir von der Überlandchaussee auf gut Glück nach links in eine enge Seitengasse ab. Ballspielende Halbwüchsige, die wir nach dem Weg fragten, wussten den Namen ihres berühmten Nachbarn, der im Viertel offenbar bekannt war, und halfen uns weiter. Am Ende der Straße stießen wir auf einen sandigen Querweg mit einer Reihe von größeren Einzelhäusern, hinter denen der Hang zum Strand abfiel. Hier fanden wir Sembènes Anwesen, einen geräumigen unverputzten Bau aus rohem Zement. Seine Rückseite dem Atlantik zugekehrt, bot dieses Domizil eine imposante Aussicht, die zu dem einfachen Gebäude, der ungepflasterten Straße und der ärmlichen Nachbarschaft in einem seltsamen Kontrast stand. Das Gittertor war verschlossen. Zwei schläfrige Wächter saßen auf Metallstühlen vor dem Zaun in der Nachmittagshitze und erklärten uns, sie hätten den Auftrag, das Grundstück zu bewachen.

An der Vorderfront des Hauses stand in großen Lettern: Villa Ceddo. So hatte Sembène es nach seinem berühmten Film von 1977 genannt, der die Zwangsislamisierung Schwarzafrikas und den Widerstand dagegen zum Thema hat. Das Wort bedeutet Verweigerer und Unbeugsame. Ihre geschichtlichen Gestalten waren sein Vorbild. Sich den Mächtigen verweigern, sich nicht beugen, nicht nachgeben, sein Recht verteidigen oder erkämpfen, das war auch Sembènes Devise, der er ein Leben lang folgte. Das war die Botschaft seiner Erzählungen und Romane wie seiner Filme - gleich ob sie afrikanische Geschichte oder Gegenwart zum Thema hatten.

Es war keine weite Fahrt mehr bis zum Zentralfriedhof von Dakar, der sich leicht finden ließ, denn er ähnelte zumindest in seiner Größe Hamburgs Ohlsdorf. Hier wie dort nimmt man am besten ein Auto, um zu dem gewünschten Feld zu gelangen. Aber wo war es zu finden? Die alten Männer, die auf dem Platz vor dem Eingangstor hockten, wussten keine Antwort und verwiesen uns an einen gerade vorübergehenden Friedhofsangestellten. Der junge Mann erbot sich, uns zu begleiten. Nach wenigen Schritten, bei denen wir im Sand versanken, und seiner Auskunft, es sei noch ein ziemlich weiter Weg, kehrten wir zu unserem Wagen auf dem Vorplatz zurück und baten ihn, zu uns einzusteigen.

Wir fuhren entlang der Einfriedungsmauer nach links bis ans Ende und dann, an zahllosen Gräberreihen vorbei, noch einmal weit nach rechts. Am hinteren Rand des Friedhofs, auf einem neuen, noch halbleeren Feld, fanden wir das Grab, flach wie der Boden ringsum. Nur ein Rechteck aus lose aneinander gefügten großen Zementziegeln markierte die Stelle. Am Kopfende ein provisorisches schwarzes Holzschild, auf dem mit weißer Ölfarbe geschrieben stand:

Ousmane Sembène 1923-2007
Zinguinchor - Dakar.

Ein Friedhofsarbeiter glättete das Grab mit einer umgedrehten Harke. Ein anderer, angetan mit einem knöchellangen blauen Grand Boubou, sprengte es mit einer Gießkanne und schrieb mit geübter Hand einen arabischen Schriftzug in den Sand, einen muslimischen Segensspruch, wie man mir erklärte.

Der ungewohnte Besuch eines Europäers an diesem Platz weckte die Neugier von zwei weiteren Männern. Alle sagten mir, dass sie von Sembène zum ersten Mal anlässlich seines Todes gehört hätten und wollten von mir wissen, was für ein Mann er war. Sembènes Strategie, mit Filmen die einheimischen Massen zu erreichen, die seine Bücher nicht lesen können, war nicht sehr erfolgreich; dafür haben die ausländischen Verleiher und die inländischen Zensoren gesorgt.

Ich begann also eine Art improvisierter Grabrede, die der Chauffeur in Wolof übersetzte. Durch Fragen unterbrochen, erzählte ich von dem Fischer und Maurer, dem Soldaten und dem Dockarbeiter in Marseille, der seine schwarzen Kollegen gewerkschaftlich organisierte. Von einem, der in Abendkursen Französisch lesen und schreiben lernte und später mit einem Stipendium an der Moskauer Filmhochschule bei Gerassimow und Donskoi studierte. Einer ihresgleichen, der ein weltbekannter Schriftsteller und Filmregisseur wurde. Ich sprach von dem geduldigen Lehrer und unerschrockenen Anwalt seines Volkes, der den Unterdrückten und Besitzlosen brüderlich verbunden blieb und die Rechte der Frauen verteidigte. Er war - schloss ich - das sollt ihr wissen, ein großer Sohn eures Landes. Und er hat seine Herkunft nie vergessen.

Das stimmt, sagte zu meiner Verblüffung einer der Zuhörer. Die Regierung - sie liebte den unerbittlichen Gesellschaftskritiker, Ankläger und Spötter sicher so wenig wie ihre Vorgänger - habe angekündigt, dass sie auf Staatskosten ein großes marmornes Denkmal auf sein Grab setzen werde. Aber - so erfuhr ich nun - der Plan musste aufgegeben werden, weil der Verstorbene sich in weiser Voraussicht derlei posthume Ehrungen in seinem Testament strikt verbeten hatte. Er wolle begraben werden wie jeder andere. Diese letzte Botschaft, das sah ich, hatten alle verstanden.

Die Männer bedankten sich mit einem Handschlag für meine Auskünfte und wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber auch ich hatte an diesem Nachmittag etwas gelernt. Auf der Rückfahrt zum Hotel führten wir das Gespräch zu zweit weiter. Zum Schluss sprach der nachdenklich gewordene Chauffeur, als befänden wir uns in einem Agitationsstück, mit großem Ernst den denkwürdigen Satz: Ich werde mich bemühen, die Werke dieses Mannes kennen zu lernen. So endete meine letzte Begegnung mit Ousmane Sembène.



Ousmane Sembène

1937 - 1944
Der am 1. Januar 1923 im Senegal geborene Sohn eines muslimischen Fischers muss die Schule mit 14 Jahren verlassen und arbeitet zunächst als Mechaniker und Maurer in Dakar. 1944 wird er von der französische Armee zum Krieg gegen Deutschland rekrutiert.

1946 - 1956
Rückkehr nach Dakar und Teilnahme an einem großen Eisenbahnerstreik. 1948 geht Sembène wieder nach Frankreich, arbeitet zehn Jahre als Hafenarbeiter in Marseille, ist in der Gewerkschaft und bei der Blockade von Schiffsladungen aktiv, die für den französischen Krieg in Vietnam bestimmt sind. 1956 veröffentlicht er seinen ersten Roman.

1961 - 1965
Sembène wird sich bewusst, dass seine Bücher die Menschen im Senegal nicht erreichen und beschließt, Filme zu drehen. Er geht nach Moskau, um an der dortigen Filmhochschule WGIK Regie zu studieren.

1966 - 1975
Sembène erhält 1966 für La noire de, einen Film über eine junge Afrikanerin, die in Frankreich als Dienstmädchen arbeitet, den Prix Jean Vigo. 1973/74 dreht er Xala, eine Satire auf Afrikas neue Bourgeoisie.

1976 - 1989
In dieser Zeit entsteht der Streifen Ceddo (1976) - ein Thriller über die Entführung einer Prinzessin, der die entgegengesetzten Kräfte in der muslimischen Expansion untersucht. In Camp de Thiaroye (1989) erzählt der Regisseur die Geschichte afrikanischer Soldaten, die Ende 1944 für das freie Frankreich gegen den Faschismus kämpfen und später in einem Lager unter demütigenden Umständen auf ihre Heimkehr warten.

1990 - 2007
Auf den Film L´héroïsme au quotidien (1999) folgt 2004 Moolaadé - Bann der Hoffnung, uraufgeführt auf dem Festival in Cannes. Moolaadé ist der zweite Teil der Trilogie Der alltägliche Heroismus, in welcher Sembène die Rolle der Frau in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft während des Übergangs zur Moderne darstellt.

Als Sembènes bedeutendster Roman gilt Gottes Holzstücke, der von einem großen Streik unter der französischen Kolonialherrschaft erzählt.


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