Die Kommissionsmisere

Filmförderung Kultur ist gut, Wirtschaft ist besser: Grundsätzliche Überlegungen vor der Novellierung des Filmfördergesetzes

Ich bin Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) im Fach Regie, ich habe gerade den Finanzierungsprozess für einen Langspielfilm durchlaufen und die Entwicklung vieler Projekte in meinem Umfeld verfolgt. Dabei habe ich mich immer häufiger gefragt, inwieweit die deutsche Förderung ihrem Auftrag nachkommt, filmische Qualität hervorzubringen.

Lothar Herzog wuchs in Paris auf, studierte Regie an der DFFB und in San Francisco und bereitet gerade seinen ersten Langspielfilm vor

Es wird jedes Jahr neu darüber diskutiert, warum so wenige deutsche Filme in den Wettbewerben der Filmfestivals von Cannes und Venedig laufen. Auch dieses Jahr, als Deutschland in Cannes nicht vertreten war – Frankreich dafür gleich mit acht Filmen, darunter der Gewinner der Goldenen Palme. Mit Blick auf die für 2017 anstehende Novellierung des Filmfördergesetzes (FFG) scheint es gegeben, Grundprinzipien der deutschen Filmpolitik zu hinterfragen. Aufschlussreich ist dabei der Vergleich mit dem System in Frankreich.

In Deutschland wurden im Jahr 2013 zirka 250 Millionen Euro für Filmförderung ausgegeben. In Frankreich, das ein Viertel weniger Einwohner hat, investierte der Staat mit 750 Millionen Euro dreimal so viel in den Film. In Cannes liefen 2015 zwei mit deutschem Geld geförderte Filme (kein deutscher) – und 37 vom Centre National de la Cinematographie (CNC) unterstützte (davon acht französische).

2013 erhielten deutsche Theater und Orchester übrigens 2,6 Milliarden staatlicher Unterstützung, also mehr als das Zehnfache der hiesigen Filmförderung. Wichtiger als das Volumen der Förderung sind die Vergabestrukturen. Hier offenbart sich das Problem der deutschen Filmpolitik: Die meisten Entscheidungen werden nicht von ausgewiesenen Experten getroffen, sondern von Vertretern aus Politik, Verwaltung und Fernsehen. Begründet wird vorwiegend mit wirtschaftlichen Argumenten.

Mehr als die Hälfte der deutschen Filmförderung wird von den Ländern vergeben, etwa vom Medienboard Berlin-Brandenburg, einer der größten Länderförderungen (25 Millionen Euro in 2013). In deren Richtlinien ist als Förderziel unter anderem vermerkt, „die qualitative und quantitative Weiterentwicklung der Berlin-Brandenburger Medienkultur und -wirtschaft zu unterstützen, (...) den Nachwuchs zu fördern“. In der Praxis wird der Förderauftrag jedoch vor allem wirtschaftlich interpretiert. Auf der Homepage des Boards wurde kürzlich eine Rede von Björn Böhning (SPD) zitiert, der als Chef der Berliner Senatskanzlei sein Aufsichtsratsvorsitzender ist. Böhning will Filmpolitik als Industriepolitik verstehen, vergleichbar mit einer Politik für die chemische Industrie. Geworben wird dafür mit einem „messbaren Wirtschaftseffekt von 500 Prozent“, damit sind die mit der Förderung verbundenen Ausgaben in der Region gemeint. Das Medienboard förderte dementsprechend etwa das „RTL-Event-Movie“ Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern, die US-Produktion Point Break 2 und die Serie Homeland.

Verwaltung und Fernsehen

Die Vergabe der Fördermittel wird im Medienboard von sechs Mitarbeitern beraten, entschieden wird nach dem Intendantenprinzip von der Geschäftsführerin allein – Kirsten Niehuus ist von Haus aus Juristin, mit langjähriger Berufserfahrung in Rechtsabteilungen der Filmindustrie. So sehr ich verstehe, dass solche Qualifikationen für die Leitung von Gremien wichtig sind, frage ich mich, warum in die Entscheidungen nicht Praktiker einbezogen werden: Regisseure, Autoren, Produzenten, Kritiker.

Die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) verfügt über 14 Millionen Euro. Förderungen werden hier von einem Gremium entschieden: drei Vertreter aus Ministerien und Behörden, drei vom Fernsehen, einer vom Festival und einer für eine soziale Organisation – filmische Expertise wird also bestenfalls mit einer Tätigkeit beim Fernsehen gleichgesetzt. In einem Interview zum 15-jährigen Bestehen sprach MDM-Chef Manfred Schmidt folglich über „wirtschaftlich erfolgversprechende“ Filme und Standorteffekte.

Man könnte die Liste fortsetzen. Andere Länderförderungen unterscheiden sich nicht wesentlich in Ausrichtung oder Zusammensetzung der Kommissionen. In der einen mögen noch Vertreter des Privatfernsehens sitzen, in der anderen der Produktionsprofessor einer Filmhochschule – die dahinterstehende Politik ist dieselbe: Entschieden wird vor allem nach regionalen Wirtschaftseffekten, meist von Vertretern von Fernsehen und Verwaltung. Film subventioniert in Deutschland also zuerst die regionale Wirtschaft – trotz anderslautender Gesetze und Beschlüsse.

Zum Vergleich: Die Intendanten deutscher Theater, die über künstlerische Ausrichtung und Spielplan ihrer Häuser entscheiden, sind in aller Regel Regisseure, also Experten aus der Praxis. Außer dem höheren Fördervolumen könnte also auch die qualitätsorientierte Steuerung im Theaterbereich dafür verantwortlich sein, dass die hiesige Bühnenkultur international führend ist, der deutsche Film leider nicht.

Erfolg durch Qualität

Nun gibt es Förderinstrumente des Bundes, die immerhin gut die Hälfte der deutschen Filmförderung ausmachen. Wiederum grob die Hälfte dieser Gelder wird durch automatisierte Förderprogramme vergeben, das heißt, dass wirtschaftlich besonders erfolgreiche Produktionsfirmen unterstützt (Referenzmittelförderung) oder besonders hohe Budgets aufgestockt werden (etwa George Clooneys Monuments Men, der insgesamt 8,4 Euro Förderung erhielt).

Zusätzlich gibt es bei der FFA (Filmförderungsanstalt) und der BKM (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien) Kommissionen, die über kleinere Budgets verfügen und auch Produktionsförderung vergeben. Es sind dies die einzigen Förderjurys in Deutschland, in denen mehrheitlich Filmpraktiker sitzen.

Noch eine Kommission

Expertise Zur Novellierung des Filmfördergesetzes (FFG) 2017 hat gerade eine vom FFA-Verwaltungsrat gebildete Expertenrunde beraten, deren Empfehlungen einiges Gewicht beigemessen wird. Sie setzt sich wie folgt zusammen: Klaus Schaefer (FFF Bayern, Leiter), Matthias Elwardt (Abaton-Kino), Florian Gallenberger (Regisseur), Jörg Graf (RTL), Martin Hagemann (Produktionsprofessor Filmuniversität Potsdam), Alfred Holighaus (Filmakademie), Stephan Lehmann (Cinestar), Stefan Lütje (Medienanwalt), Martin Moszkowicz (Constantin Film), Thomas Negele (Hauptverband Deutscher Filmtheater), Kirsten Niehuus (Medienboard BB), Bettina Reitz (BR), Peter Schauerte (Warner), Sonja Schmitt (Boje Buck Produktion), Manuela Stehr (Spitzenorganisation der Filmwirtschaft), Tom Spieß (Produzentenallianz), Philipp Weinges (Drehbuchautor) Matthias Dell

Doch deren Wirksamkeit ist begrenzt. Die BKM-Produktionsförderung vergibt den vergleichsweise minimalen Betrag von 2,5 Millionen Euro – und selbst hier sitzen mehrheitlich Produzenten und Kinobetreiber, also die wirtschaftliche Seite der Filmherstellung. Das andere Gremium (FFA, 11 Millionen Euro für Produktionsförderung) besteht vor allem aus Vertretern der Berufsverbände, was nicht zuerst künstlerischen Wagemut assoziiert.

Dass Filmförderung ganz anders aussehen kann, zeigt der Blick nach Frankreich. Beim CNC, gibt es mehrere Jurys, deren Besetzung regelmäßig wechselt. So wird niemand benachteiligt, falls jemand bei einer Jury in Ungnade fallen sollte. Der Präsident einer der wichtigsten Produktionsförderungsjurys ist Serge Toubiana, Filmkritiker-Legende, ehemaliger Chefredakteur der Cahiers du Cinéma und Leiter der Cinémathèque francaise. Die Jurys sind zusammengesetzt ausschließlich aus Filmregisseuren, Drehbuchautoren, Belletristik-Autoren, Filmkritikern und Verlegern – auf der Liste findet sich etwa der renommierte Filmemacher Olivier Assayas.

Und das aus deutscher Sicht wohl Überraschendste: Indem die filmische Qualität fokussiert wird, ist das Fördersystem sogar kommerziell erfolgreich. Der Kinoumsatz französischer Filme betrug 2012 in Frankreich 526 Millionen Euro, in Deutschland spielten einheimische Filme nur 138 Millionen Euro ein. Auch hatte Christian Petzolds Film Barbara (2012) in Frankreich mehr Zuschauer (225.000) als in Deutschland (135.000). Denn es herrscht dort eine andere Offenheit gegenüber dem Kino als Kunstform, in der Schule wird „Film“ gelehrt, sogar als Abiturfach.

Natürlich ist Film wie andere Kulturprodukte auch ein Wirtschaftsgut – und es ist legitim, Zuschauerzahlen in die Beurteilung von Erfolg einzubeziehen. Doch würde es deutschen Politikern einfallen, Theater, Opern, Museen, Galerien oder Buchverlage als „Industriezweig“ an der chemischen Industrie zu messen? Warum fördern wir nicht auch gezielt qualitativ hochwertige Filme, sondern sehen in unserer Filmkultur nur einen Vorwand für Wirtschaftsstandortpolitik? Ich glaube, dass wir umdenken müssen. Film muss wie in Frankreich als Kunstform schon in der Schule gelehrt werden, genauso wie Bildende Kunst, Musik, Theater und Literatur. Und es muss eine kulturelle Filmförderung aufgebaut werden, die diesen Namen tatsächlich verdient.

06:00 03.07.2015

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