Die Komplizin

Abgehoben Ivanka Trump hat ein Buch über arbeitende Frauen geschrieben. Es ergänzt die antifeministische Politik ihres Vaters. Eine Abrechnung

Ivanka Trump hat ein Buch über weibliches Empowerment geschrieben – und es ist ungefähr so feministisch wie ein Bikiniwaxing in Hakenkreuzform. Gäbe es in Women Who Work irgendwelche Ratschläge, die auch nur im Ansatz relevant sein könnten für eine Frau, die schon einmal für ihren Lebensunterhalt arbeiten musste, müssten wir das Buch für sich genommen ernst nehmen. So aber können wir diesen Wirrwarr alberner Plattitüden, zusammengetragen von einer Erbin und Unternehmerin, im kalten, harten Licht der postliberalen Propagandakriege betrachten.

Women Who Work ist eine unselige Tirade spätpatriarchalisch-kapitalistischer Wahrsagereien, die als zartrosa Selbsthilfefibel daherkommt. Dass die Autorin dieses Park-Avenue-Zauberbuchs ernsthaft als „neues Gesicht des Feminismus“ gelten könnte, ist ebenso lächerlich wie die Annahme, das Buch und das Multimillionen Dollar schwere Markenbildungsprojekt dahinter, ließen sich irgendwie von Ivanka Trumps persönlicher Macht im Weißen Haus trennen. Wir haben es hier mit der ultimativen, unseligen und inzestuösen Ehe von Politik und PR zu tun, deren geringste Sünde noch die Heuchelei ist.

Ich habe viele Fragen. Die erste davon lautet: Woher nimmt diese Frau die Nerven? Wir kennen die Antwort natürlich: daher, dass sie im Oval Office herumhockt. Nicht nur ist dieses Buch banal und trivial, außerdem vereinnahmt es Dinge, die Women of Color zu Rassismus geschrieben haben, um die Situation der betuchten Unternehmergattin, Mutter und Käuferin von bürotauglichen Midiröcken der Ivana-Trump-Marke mit Sklaverei zu vergleichen.

Andere Kritiker haben angemerkt, Ivanka Trump erkläre sich selbst zum Gesicht der arbeitenden Frauen und leiste gleichzeitig einem Tyrannen Beihilfe, der erklärt hat, es sei gefährlich, wenn ein Mann seiner Frau erlaube zu arbeiten. Das stimmt. Es ist aber immer noch nicht das Schlimmste an Women Who Work.

Das Schlimmste ist, dass es eben nicht bloß ein schrottiges Selbsthilfebuch ist. Ein schrottiges Selbsthilfebuch kann jeder schreiben. Die Läden sind voll davon. Doch nur wenige davon sind aktiv faschistisch. Nein, hier handelt es sich um eine vollkommen andere Kategorie der Scharlatanerie – ein Manifest für kapitalistische Selbstverwirklichung, das die Unverfrorenheit besitzt, sich selbst empowering zu nennen. Ein Wohlstandsevangelium für das post-trump’sche Patriarchat, wiedergekäut und erbrochen als eine Zusammenstellung grienender Zitate, ganz in Schickimicki-Lachsfarbtönen und sterilem Beige.

Sei wie Ivanka!

Ivanka Trump stellt sich hier als die Verkörperung von allem dar, was am heutigen Frausein erstrebenswert ist. Die Antwort auf jedes Problem lautet schlicht: „Sei mehr wie Ivanka.“ Sei weiß, wohlhabend und blond. Sei reich, schlank und habe teuer manikürte Fingernägel. Sei spätkapitalistische, zu silikongeformtem Fleisch gemachte Femininität. Sei die Madonna der Gauner. Diese Frau will, dass wir Designer-Stiefel kaufen, die in ausländischen Ausbeutungsbetrieben hergestellt wurden, und uns selbst dann eine „freie Bitch“ nennen.

Ich habe schon viele schlechte, pseudofeministische Bücher darüber rezensiert, wie wir den patriarchalen Todeskult des Konzernkapitalismus überleben können, indem wir härter arbeiten und uns in unseren privaten und beruflichen Entscheidungen richtig „reinhängen“. Dieses ist keins von diesen Büchern. Dieses Buch ist neoliberaler Choice-Feminismus, der zu etwas weitaus Gefährlicherem metastasiert ist.

Es ist kein Zufall, dass dieser Grabbelsack aus You-go-girl-Binsenweisheiten gerade dann veröffentlicht wurde, als Trump senior Gesetzesentwürfe unterzeichnet hat, die für Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln, Abtreibungen und reproduktiver Gesundheitsversorgung unterminieren und die Vorstellung gesetzlich verankern, die religiösen Ansichten von Männern seien mehr wert als die Handlungsfähigkeit jeder Frau. Das steht nicht im Widerspruch zueinander – es sind zwei Seiten der gleichen Agenda, zwei Köpfe des gleichen überzüchteten Designerkampfhunds, der darauf wartet, auf alles losgelassen zu werden, wofür die Frauenbewegung seit Jahrhunderten kämpft. Diese neuen Angriffe auf die Frauenrechte stehen keineswegs im Widerspruch zu der himmelschreienden Travestie des postneoliberalen falschen Feminismus, den Ivanka perfektioniert hat. Sie sind seine logischen Erweiterungen.

Wieder geht es um Heuchelei. Die gesamte Agenda des Trump-Regimes besteht aus Heuchelei. Es geht nur darum, womit man durchkommen kann. Das saccharinsüße, sterile Modell aufstrebender Weiblichkeit, wie es in Women Who Work beschrieben wird, geht da Hand in Hand mit dem brutalen sozioökonomischen Überfall auf jede Frau, die nicht „leidenschaftlich“ genug ist oder „hart genug arbeitet“, um als Milliardärstochter geboren zu werden. Religiöse Fanatiker wollen dich zwingen, gegen deinen Willen ein Kind zu bekommen? Jemand hat deine gesamte Familie deportiert? Vielleicht hast du einfach nicht groß genug geträumt! Dies ist ein gänzlich neuer Antifeminismus, der es auf die Autonomie von Frauen auf jeder Ebene abgesehen hat und gleichzeitig Individuen vollkommen verantwortlich macht für ihr eigenes Empowerment.

Und mit „Empowerment“ meint Ivanka Konformität – Konformität mit einer Vision von Freiheit, einer Vision einer Work-Life-Balance, die praktisch für so gut wie niemanden, noch nicht einmal für Reiche, möglich ist. Anne-Marie Slaughter und Sheryl Sandberg, von denen Ivanka Trump sich freimütig einiges zusammenklaubt, haben bereits ausführlich beschrieben, wie schwer es immer noch ist, „alles zu haben“. Wobei „alles haben“ hier meint eine „Karriere in der Regierung, dem Finanzwesen oder der akademischen Welt, eine gesunde Familie und eine konventionelle Ehe“. Die Lösungen, die sie zu bieten haben, sind, wie die von Ivanka, individuell statt strukturell. Doch die Probleme, die sie identifizieren, sind der Mehrheit der amerikanischen Frauen – die versuchen, das zu bewahren, was sie haben – fremd. Von denen, die es wagen von einem anderen Leben jenseits von Ehe, Mutterschaft und Anstellung in einem Unternehmen zu träumen, ganz zu schweigen.

Kein Haar am falschen Platz

Dies ist das Modell weiblichen Empowerments, auf das der Neoliberalismus sich einlassen konnte – und das der Neonationalismus aktiv feiert: Ein Empowerment, das sich ausschließlich an wohlhabende, weiße Frauen richtet, das niemals auch nur für einen Moment die Vorherrschaft des weißen Mannes in Frage stellt, das sich nie beschwert oder wütend wird und bei dem nie auch nur ein für viel Geld blondiertes Haar am falschen Platz ist.

Ivankas Feminismus ist einer, der die Existenz jeder Form des strukturellen Sexismus leugnet, der sich weigert, Männer in irgendeiner Form verantwortlich zu machen für die Unterdrückung der Frauen und der die gesamte Last, einen Wandel herbeizuführen, den Einzelnen aufbürdet.

Die Ideologie von Ivanka-Land lautet, dass die Leute eben kriegen, was sie verdienen. Ganz, wie Daddy sagt: „Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du liebst, was du tust, und wirklich, wirklich hart arbeitest, wirst du erfolgreich sein. Dies ist ein fundamentales Prinzip, um eine Kultur des Erfolges zu schaffen und zu erhalten. Und es ist mir ein persönliches Leitbild.“

Die Konsequenz des Ganzen lautet natürlich, dass jene, die dieses Ideal noch nicht erreicht haben, es einfach nicht hart genug versucht haben. Hört ihr mich? Ihr seid faule Schlampen. Wenn du noch nicht deine erste Million gemacht hast und die Kinderbetreuung noch nicht an einen Stab bezahlter Angestellter abgegeben hast, bist du selbst schuld. Jede kann Ivanka sein. Warum also bist du es nicht?

Es stimmt, dass jede Frau, wenn sie es wirklich will, eine totäugige Instagramhülle eines Menschen sein kann, die zwischen seelenzerstörender Plackerei in der Geschäftswelt und unbezahlter emotionaler Arbeit für einen undankbaren Typen krampfhaft Bilder von sich selbst bearbeitet. Aber man muss schon eine besondere Sorte Mensch sein, um all dies zu tun und gleichzeitig einen Lockvogel für einen Backlash gegen die Frauenrechte abzugeben. Ivanka Trump ist diese besondere Sorte Mensch. Die Langweiligkeit ihrer Prosa trägt ihr Übriges zu diesem Horror bei:

„ERKUNDE DEINE INTERESSEN: Frag dich, worüber du gern nachdenkst. Was ist dir am wichtigsten? Wie verbringst du gern deine Zeit? Was machst du überhaupt nicht gern?

ENTWICKLE DEINE INTERESSEN FORT UND GEHE IHNEN NACH: Wenn du eine ungefähre Richtung hast, eine Ahnung davon, was dir Freude macht, gehe hinaus in die Welt und stelle etwas damit an. Experimentiere, probiere aus, lerne. Finde Wege, deine Interessen immer wieder anzuregen.“

Ich will nicht darüber spekulieren, ob Ivanka einen Ghostwriter hatte. Die furchtbarere Variante ist sicher, dass sie das selbst verfasst hat. Es liest sich aber, als ob jeder Satz heimgesucht würde von den Geistern von Frauen und Verbündeten aus vielen Jahrhunderten, die für eine Freiheit gekämpft haben, die mehr bedeutet, als in einem Eckbüro zu sitzen, während dreißig Stockwerke darunter die Welt brennt.

Ivanka nennt sich nicht direkt eine Feministin. Das kommt nicht gut an bei der Basis, auf die ihr Vater seinen Erfolg stützt. Das Wort „Feminismus“ taucht nicht auf in diesem Buch. „Mein Vater“ hingegen 30 Mal. „Marke“ und „Markenbildung“ 59 Mal.

Und wo wir schon beim Zählen sind: Das Wort „Kindermädchen“ taucht nur ein einziges Mal auf. Ivanka hat aber mindestens zwei davon, plus weitere Hausangestellte. In einer besonders üblen Anekdote aus Ivanka-Land erzählt sie, wie sie mit ihrer Tochter Mittagsmeetings in einem besonderen rosa Büro abhält, und gratuliert sich zu ihrer Güte gegenüber ihrem Kind, der Firma und – so wird impliziert – der gesamten Weiblichkeit. Wer das Kind zu dem Termin mit seiner Mutter hin- und wieder wegbefördert hat, wird nicht erwähnt.

Das Geld kommt in einem Kapitel namens „Steck deinen Claim ab“ ins Spiel: „Einfach gesagt, bedeutet den eigenen Claim abzustecken, etwas zu seinem Eigen zu erklären. In den Anfangstagen der Geschichte unseres Landes, als neue Territorien erworben oder erschlossen wurden – vor allem während des Gold Rushs –, konnte ein Bürger buchstäblich einen Pflock in den Boden rammen und das Land sein Eigen nennen. Das Land selbst und alles, was darauf war, ging legal in den Besitz dieser Person über.“

Ivanka ist nicht die Einzige, die die rassistischen Gemetzel diskret übergeht, wenn es um den amerikanischen Westen geht. Aber sie macht es mit der Umdeutung in eine moralische Lektion wohl am dreistesten. Dies ist die Trump-Agenda: Nimm dir, was du willst, von wem du willst. Setz eine Fahne mit deinem Namen drauf und es gehört dir. Wer darunter zu leiden hat, ist egal, denn du bist der Gewinner, sie sind die Verlierer und das ist der American Way.

Als Nächstes kommt dann nur noch: Wie man eine Kinderkrippe im Bunker dekoriert, während Daddy die Welt in die Luft jagt.

Laurie Penny, geboren 1986 in London, gilt als eine der prominentesten Stimmen eines jungen Feminismus. Dieser Text erschien zuerst in dem US-Magazin The Baffler.

Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 07.06.2017

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