Die Kümmerin

Porträt Ines Kummer stellt sich im sächsischen Freital gegen den Hass auf Flüchtlinge – und die Nazi-Szene
Andreas Förster | Ausgabe 17/2016 4

Am vergangenen Wochenende erst hat Ines Kummer den Hass wieder erlebt. Ins nahe Dresden war sie mit der Familie gefahren, ihr 18-jähriger Pflegesohn Sammi aus Ghana hatte sie eingeladen zum Kinobesuch. „Auf dem Bahnhof kam uns eine Horde Dynamo-Fans entgegen, da wussten wir schon, was passiert“, sagt sie. Die Familie habe Sammi in ihre Mitte genommen, schweigend hätten sie sich an den pöbelnden Männern vorbeigeschoben. „Negerschlampe haben sie gerufen, das Affengeräusch gemacht, das F-Wort kam natürlich auch“, sagt Ines Kummer. „Aber es blieb bei Beschimpfungen, zum Glück.“

Zum Glück? Die 53-Jährige zuckt etwas resigniert mit den Schultern. Daheim in Freital, einer 40.000 Einwohner großen Kleinstadt vor den Toren der Pegida-Hauptstadt Dresden, gehören Beschimpfungen für die Grünen-Stadträtin längst zum Alltag. Auf offener Straße zeigen ihr wildfremde Menschen den Stinkefinger oder rufen ihr Kraftausdrücke nach. Andere Freitaler Bürger, die sie schon seit Jahren kennt, wechseln die Straßenseite oder schauen einfach nur weg, um sie nicht grüßen zu müssen. „Freital ist nicht mehr die gleiche Stadt wie vor zwei Jahren“, sagt Ines Kummer. „Es ist viel kaputtgegangen hier.“

Sie hat Anfang vergangenen Jahres in Freital zusammen mit Gleichgesinnten die „Organisation für Weltoffenheit und Toleranz“ ins Leben gerufen. Es war eine Reaktion auf die Bürgerinitiative „Nein zum Heim“. Die hatte sich gegründet, als festgelegt wurde, dass 100 Asylbewerber in das leerstehende Hotel Leonardo in Freital einziehen werden. Schon kurz nach der Ankündigung kam es zu einer Protestdemonstration, an der immerhin 1.500 Freitaler Einwohner teilnahmen. Als dann im Juni bekannt wurde, dass das Hotel auch als Erstaufnahmeeinrichtung für 280 Asylsuchende genutzt werden soll, eskalierten die Proteste. Es gab Tumulte auf Bürgerversammlungen, Blockaden vor dem Flüchtlingsheim und Aufmärsche von NPD und Pegida-Anhängern. Im Internet wurde offen gegen Flüchtlinge gehetzt und zu gewalttätigen Aktionen aufgerufen, Menschen, die sich wie Ines Kummer für die Migranten einsetzten, erhielten Morddrohungen und wurden wüst beschimpft. Darüber hinaus gründete sich eine „Bürgerwehr FTL/360“, benannt nach der Buslinie, die am Freitaler Heim entlangführt. Aktivisten dieser Gruppe patrouillierten im Bus, um eine angebliche Bedrohung deutscher Frauen und Kinder durch Ausländer zu verhindern.

Zur Person

Ines Kummer, 53, ist grüne Stadträtin in Freital. Sie warnt seit langem vor wachsendem Extremismus. Die CDU schaute bisher lieber weg – bis zur Razzia gegen Rechtsterroristen

„Da war plötzlich so viel Hass, so viel offener Rassismus in der Stadt, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte“, sagt Ines Kummer. Durch Freundschaften, Nachbarschaften, ganze Familien sei ein Riss gegangen, und den gebe es bis heute. „Aber es hat auch sein Gutes“, sagt sie. „Bei vielen Menschen weiß ich nun, woran ich bin. Die einen haben sich abgewandt von mir, andere stehen mir bei, wieder andere, die ich bislang nicht kannte, sprechen mich jetzt an, fragen nach Asylrecht und Flüchtlingspolitik und nach Möglichkeiten, den Geflüchteten zu helfen.“

Inzwischen sei auch wieder einigermaßen Ruhe eingekehrt in Freital, erzählt sie. Es gebe einen Asylbeirat, in dem Anwohner mit Vertretern der Stadtverwaltung darüber beraten, wie das Nebeneinander von Einwohnern und Flüchtlingen organisiert werden kann. Der Pragmatismus hat die Emotionen etwas in den Hintergrund gedrängt. Aber Ines Kummer bleibt skeptisch: „Es gibt eine schweigende Mehrheit in der Stadt“, sagt sie. „Diese Mehrheit hat es Rassisten erst ermöglicht, ihren Hass auf die Straße zu tragen.“

Vergangene Woche war es mit der trügerischen Ruhe in Freital vorbei. Polizei und GSG-9 nahmen fünf mutmaßliche Rechtsterroristen fest – die aus aus der „Bürgerwehr FTL/360“ hervorgegangen sind. Mindestens drei Anschläge werden ihnen bislang zugeordnet, darunter ein Sprengstoffattentat. Bei einem weiteren Anschlag auf ein Asylheim sollen die Täter zudem den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen haben.

Ines Kummer nennt es überfällig, dass der Staat gegen die Rechtsextremisten in Freital vorgeht. Sie hofft, dass die Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft die Freitaler Bürger aufschrecken und zum Nachdenken bringen. Und dass sich nun endlich auch der gesamte Stadtrat dazu bekennt, den Kampf gegen rechts in Freital als gemeinsame Aufgabe zu verstehen.

Bislang waren im Stadtrat die Fronten verhärtet. „Während wir Grünen zusammen mit der SPD und den Linken immer wieder das Thema rechte Szene in Freital ins Gespräch brachten, wollte die CDU-Mehrheit davon nichts wissen.“ Sogar nach dem Anschlag auf das Auto des Linken-Stadtrats Michael Richter habe sich die CDU gegen eine gemeinsame Verurteilung der Aktion gesperrt. „Stattdessen warf uns die CDU-Fraktion im vergangenen November in einer Erklärung Nestbeschmutzung vor, wir hätten dem Ruf von Freital durch das ständige Thematiseren der Nazifrage nachhaltig geschadet.“

Inzwischen aber scheint sich auch die CDU-Fraktion von Oberbürgermeister Uwe Rumberg zu bewegen. Hatte der OB es noch im Februar abgelehnt, ein für Anfang Mai geplantes Konzert des vom Rapper Smudo unterstützten Bündnisses „Laut gegen Nazis“ in Freital zu fördern, hat die Stadt nun doch ein Entgegenkommen signalisiert. „Der OB hatte eine Unterstützung vor drei Monaten ja noch mit der Begründung abgelehnt, dass die Existenz einer nennenswerten Nazi-Szene in Freital nur ein Klischee sei“, sagt Ines Kummer. „Spätestens seit der Razzia von vergangener Woche aber dürften auch er und seine Fraktion nicht mehr an der Realität vorbeikommen.“

06:00 02.05.2016

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