Die künstliche Nation

Weißrussland Der Philosoph Valentin Akudowitsch begibt sich in seinem Essay „Der Abwesenheitscode“ auf die Suche nach der Identität seiner Heimat
| Ausgabe 22/2013

Weißrussland – was ist nur mit diesem seltsamen Land los? Seit 1994 hält sich dort ein autokratisches Regime, das mit repressiven Methoden seine Kritiker kontrolliert. Präsident Alexander Lukaschenko ist politisch kaum einzuordnen. Nur eines ist gewiss: Er ist ein durchtriebener Machtpolitiker, der sein Land mit einem gewaltigen Sicherheitsapparat regiert. Als sowjetischer Wiedergänger wurde er gewählt, als die Weißrussen der demokratischen Probezeit Anfang der Neunziger überdrüssig geworden waren. „Der Präsident ist so was wie unsere Hausmarke“, sagt auch der Philosoph Valentin Akudowitsch. „Den kennt man im In- und Ausland.“ Akudowitsch ist ganz bestimmt kein Fan von Lukaschenko, ganz im Gegenteil.

Aber es stimmt. Der „letzte Diktator Europas“ hat sein Land bekannt gemacht. Und darin liegt auch eine Tragik. Denn der weißrussische Kulturraum hat es nicht nötig, nur auf diesen infamen Präsidenten reduziert zu werden. Der Makel überdeckt die historische Komplexität und den kulturellen Reichtum dieser typisch europäischen Grenzregion, in der Weißrussen, Polen, Ukrainer, Russen, Tataren, Deutsche oder Juden zu Hause waren. Zudem hält der Stempel „Diktatur“ viele davor zurück, sich mit diesem Kosmos „zwischen der lateinisch-katholischen und byzantinisch-orthodoxen Einflusssphäre“, wie Akudowitsch sagen würde, zu beschäftigen. Akudowitsch hat bei Suhrkamp ein Bändchen vorgelegt, das Abhilfe für diejenigen schafft, die keine Scheuklappen haben und in die fremden Welten Osteuropas eindringen wollen. Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen heißt der Essay, den Akudowitsch 2007 in seiner Heimat veröffentlichte, er hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.

Der Mann mit dem grauen Bart und den dicken Brillengläsern ist in der Republik Belarus, wie das Land zwischen Polen und Russland richtigerweise heißt, so etwas wie ein Vulkan, der ständig kontroverse, polemische, aber immer inspirierende Ideen aussspuckt. Dabei nimmt er keine Rücksicht auf Gesinnungen und Ideologien, sondern orientiert sich nur an der starken Sehnsucht nach Freiheit, die in seinem Denken stetig präsent ist. Akudowitsch ist ein Solitär in der überschaubaren weißrussischsprachigen Szene, der sich zudem als Förderer der jungen Literaturszene hervorgetan hat.

„Die Nation ist erfunden, sie ist also nicht real; da sie aber gleichwohl existiert, täglich stattfindet, sucht sie Wege, um Realität zu werden.“ Akudowitsch geht der Geschichte der weißrussischen Nation und dem Umstand nach, dass sie sich als ethnokulturelles Modell nie durchsetzen konnte – und nach Akudowitschs Meinung nicht durchsetzen wird. Dafür führt er eine ganze Reihe von Gründen an. Die Republik Belarus ist ein junger Staat. Sie war das Ergebnis des Zusammenbruchs der Sowjetunion und wurde 1991 gegründet. Anders als in der Ukraine oder in den baltischen Staaten, wo der Wunsch nach einer nationalen Autonomie stark ausgeprägt war, ist den Weißrussen die Eigenstaatlichkeit eher zugefallen. Erstmals in der Geschichte gibt es also einen weißrussischen Staat. Denn vorher war der weißrussische Kulturraum, der größer ist als die heutigen Staatsgrenzen, Teil von anderen Staatsgebilden.

Konkurrenz um Mythen

So lebten die Weißrussen im Großfürstentum Litauen, dann in der ersten Demokratie Europas, der „Rzeczpospolita“, die 1795 vollends von der Landkarte verschwand, als die Weißrussen Teil des Zarenreiches wurden und schließlich Teil der Sowjetunion. Dabei mussten sie sich immer an andere Kulturen und Sprachen anpassen. „Wir waren den meisten Teil unserer Geschichte unsichtbar“, sagt Akudowitsch in einem Gespräch. „Deswegen nimmt man uns heute von außen so schlecht war, und deswegen haben wir Probleme, uns selbst wahrzunehmen. Wir sind unsichtbar oder noch drastischer gesagt: Wir existieren nicht.“ Darauf bezieht sich auch der Titel des Buches, das wunderbar von Volker Weichsel für die deutsche Leserschaft aufbereitet wurde.

Auch die Religion spielte keine einigende Rolle für die Weißrussen, deren Kultur eine sehr ländliche, dörfliche gewesen ist. Die weißrussische Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts konnte sich nur auf eine schmale Schicht einer urbanen Elite berufen. Man konkurrierte um dieselben Mythen und historischen Traditionen, auf die sich auch Polen, Russen und Ukrainer beriefen. Hinzu kamen ständig Kriege und Katastrophen, die den Weißrussen und ihren Eliten zusetzten. Wenn die Weißrussen durch etwas geeint werden, dann ist es das Leid.

Die Sowjets trieben den Weißrussen die Identität vollends aus und machten sie zu gehorsamen Kommunisten. Auch deswegen war die Phase der national-demokratischen Wiedergeburt, die Anfang der Neunziger einsetzte, nur wenig erfolgreich. Weißrussland ist ein kulturell zutiefst gespaltenes Land. „Weißrussland wird nie nur weißrussisch sein“, meint Akudowitsch, der selbst nicht Russisch, sondern Weißrussisch spricht und schreibt. Er postuliert ein Staatsmodell, das sich an verfassungsrechtlichen und zivilgesellschaftlichen Merkmalen orientiert und nicht an Sprache und Kultur.

Das Buch mag für jemanden, der noch nie mit Weißrussland in Berührung gekommen ist, eine recht große Herausforderung sein. Denn diese soziale, kulturelle und historische Vielschichtigkeit nachzuvollziehen, ist in der Tat eine Mammutaufgabe. Dennoch gelingt es Akudowitsch – auch durch eine mitreißende Sprache –, ein Tor in einen Kulturraum zu öffnen, der hierzulande zu Unrecht so unbekannt ist. Es ist nicht leicht, dieses seltsame Weißrussland zu verstehen. Aber es lohnt sich.

Der Abwesenheitscode: Versuch, Weißrussland zu verstehen Valentin Akudowitsch Volker Weichsel (Übers.) Suhrkamp 2013, 204 S., 15 €

Ingo Petz ist freier Journalist und berichtet seit vielen Jahren über Weißrussland

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01:44 13.06.2013

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