Die Last der Stolpersteine

Erinnerung Sein Rücken will nicht mehr, aber Gunter Demnig kann nicht aufhören: Er klopft zum Gedenken an Nazi-Opfer Steine in deutsche Bürgersteige

Hut auf, Handschuh an. Gunter Demnig steigt aus seinem hochgeheizten Van, hinein in einen nasskalten Tag, er überquert feuchten Asphalt und sinkt an einer bestimmten Stelle zu Boden, als könne er nicht mehr weiter. Er stützt sein rechtes Knie auf eine Gehwegplatte, sein linkes Bein ist angewinkelt. Es ist die immer gleiche Haltung, die der 63 Jahre alte Mann einnimmt, um einen seiner „Stolpersteine“ ins Pflaster zu klopfen. Tausende Male kniete er schon so. Tausende Gedenksteine für deportierte Juden hat er in halb Europa verlegt. Die „Stolpersteine“ sind Demnigs Lebenswerk. Doch inzwischen sind sie auch eine Last geworden.

„Wenn Du so weitermachst, ist der Herzkasper programmiert.“ Das habe eine Freundin zu ihm gesagt, erzählt Demnig auf seiner Verlegetour durch die Stadt Münster. Früher ist er allein von Ort zu Ort, von Straße zu Straße gefahren. Heute sitzt ein Freund am Steuer und kurvt ihn durch eng bebaute Wohnquartiere. Im Kofferraum stapeln sich die würfelförmigen Gedenksteine. Mit der Messingplatte an ihrer Oberseite glänzen sie wie eine Ladung Goldbarren. Daneben lagert er Zementsäcke, dahinter hat Demnig seine Werkzeuge in Eimern verstaut. „Losgefahren sind wir mit 159 Steinen. Jetzt sind es noch 138. Für die haben wir fünf Tage Zeit“, sagt Demnig. Auf einer Liste hat er die Namen und Adressen für Münster stehen. Demnig kramt sie hervor und zählt, heute hat er noch 18 Steine vor sich. Manchmal sind es auch mehr als 30 am Tag, die er verlegen muss. „Sonst würde sich das Ganze nicht rechnen“, sagt er.

Das Autoradio schweigt. Demnigs Chauffeur schaut mal auf die Fahrbahn, mal auf den Bildschirm des Navis, der an der Frontscheibe befestigt ist. „Jetzt links abbiegen“, befiehlt eine blecherne Stimme. Der Künstler hockt auf dem Beifahrersitz und wandert mit seinen Fingern über einen Stadtplan. Karten auf Papier haben ihm schon zu viele gute Dienste erwiesen, als dass er sich nun allein auf ein elektronisches Gerät verlassen würde. „Da kommen wir in Teufels Küche“, sagt er, glaubt, sie seien falsch abgebogen. Für Irrfahrten ist der Zeitplan zu eng. Doch zum Glück sehen Fahrer und Beifahrer: Ein paar Meter weiter hat sich vor einem Wohnhaus eine Menschentraube gebildet. „Hier muss es doch sein“, sagt Demnig. Der Mann am Lenkrad parkt und stellt den Motor ab. Demnig zieht ein Paar Arbeitshandschuhe über und greift zu seinem Hut. Dann atmet er noch einmal tief durch, ehe er sich aus dem Auto hievt. Selbst wenn man ihm noch nie begegnet ist, macht der 63-Jährige einen vertrauten Eindruck. Der Hut mit der breiten Krempe, seine Weste, das rote Halstuch und der Knieschoner ums rechte Bein. Alles wirkt so stimmig, dass man ihn sich anders kaum vorstellen kann.

Handwerker der Erinnerung

Vielerorts gibt es Initiativen, die mit Demnig gemeinsame Sache machen. Sie bewerben seinen Besuch, trommeln Anwohner und nicht zuletzt Angehörige zum Verlegetermin zusammen. Vor allem aber bestellen sie immer wieder neue „Stolpersteine“. So hat der gebürtige Berliner mittlerweile in 600 Städten und Gemeinden Spuren hinterlassen. Es sind die Spuren der Menschen, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten vertrieben und ermordert wurden. Jeder Stein trägt den Namen eines dieser Menschen. Demnig sagt, dass er ihre Namen dahin zurückbringt, wo sie zuletzt freiwillig gewohnt, gewirkt, gelehrt oder gelernt haben.

Die Frage, wieviele „Stolpersteine“ er noch verlegen will, ist sein ständiger Begleiter. „Anfangs dachte ich an ein paar hundert“, sagt Demnig. Theoretisch könnten es wegen der vielen Opfer des NS-Terrors ein paar Millionen werden. Was im Jahr 1996 mit ersten Steinen in Berlin begann, hat sich jedenfalls zu einem echten Großprojekt entwickelt. Mehr als 27.000 Steine hat Demnig mittlerweile verlegt. Zwei Kilo wiegt ein Exemplar. Das macht ein Gesamtgewicht von über 54 Tonnen, das er bis heute aus seiner Kölner Künstlerwerkstatt ins Auto und von dort auf Gehwege und Plätze verfrachtet hat. Früher hat Demnig nicht nur den Transport allein gemeistert. Er hat recherchiert, geplant und die „Stolpersteine“ auch selbst hergestellt. „Das hat irgendwann ein großes Chaos gegeben“, erinnert er sich. Die mahnenden Worte seiner Freundin im Ohr hat Demnig die Arbeit mittlerweile auf mehrere Schultern verteilt. Nur eines lässt er sich trotz der Anstrengung nicht nehmen: Die Steine auszuliefern und mit eigenen Händen zu verlegen.

Eine Lackspur quer durch Köln

Demnig öffnet mit einem Ruck die Schiebetür seines Vans. Er packt vier graue Betonklötze aufeinander und wuchtet sie hoch. Sie sind ungefähr doppelt so schwer wie die „Stolpersteine“. Der Künstler presst die Lippen zusammen und unterdrückt ein Stöhnen. Dass ihn Rückenschmerzen plagen, merkt nur, wer ihn kennt. Den Oberkörper nach vorn gebeugt schleppt Demnig die Steine auf die andere Straßenseite. Er senkt den Kopf, das Gesicht verschwindet unter seinem Hut. Die versammelten Menschen könnten gerade noch erblicken, wie er angestrengt die Backen aufbläst. Doch sie sind mit sich beschäftigt. Gesprächsfetzen fliegen um Demnig herum. Der steuert schnell durch die Menschen hindurch und brummelt so etwas wie ein „Hallo“ in sich hinein. Kein Händedruck, keine großen Worte. In ihrer Mitte angekommen setzt Demnig die Klötze ab. Er geht wieder zum Auto, kommt mit Eimern an hängenden Armen zurück und lässt sie auf den Bürgersteig krachen.

Über die NS-Zeit hat Gunter Demnig schon vor den „Stolpersteinen“ gearbeitet. 1990 zog er eine Lackspur quer durch Köln. Sie markierte den Weg, über den 50 Jahre zuvor etwa 1.000 Sinti und Roma gescheucht und anschließend ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Während seiner Kunstaktion habe ihn eine Frau, eine Zeitzeugin, angesprochen. Ihr sei nicht bekannt gewesen, dass Sinti und Roma überhaupt in Köln gelebt hätten, geschweige denn von dort in den sicheren Tod geschickt wurden. Da wurde Demnig klar, dass viele Menschen gar nicht wissen oder wissen wollten, wer ihre Nachbarn waren und was aus ihnen geworden ist. Die „Stolpersteine“ – die stets flach ins Pflaster eingelassen werden – sollen gedanklich Anstoß erregen.

Die Vorstellung, dass Menschen womöglich den Schmutz ihrer Schuhe an den Steinen abschmieren und so das Gedenken an die Opfer mit Füßen treten könnten, hat mancherorts für Empörung gesorgt. Die Stadt München ist so ein spezielles Pflaster. In der bayerischen Landeshauptstadt sind die „Stolpersteine“ unerwünscht. Die Verwaltung jedenfalls verweigert Demnig bis heute die Genehmigung, auf öffentlichen Plätzen zu verlegen. Anderswo arbeiten Behörden und Privatpersonen mit dem Künstler zusammen. In Münster haben sie die Löcher für die „Stolpersteine“ sogar schon ausgehoben und die Stellen beschildert. Gelegentlich mosert Demnig, dass die freundlichen Helfer zu tief gegraben oder die Stellen zu unauffällig platziert hätten. Dann murrt er, ohne dass jemand zunächst weiß, was los ist. Er läuft zwischen Auto und Loch hin und her. Ein paar leise Wörter zischen aus seinem Mund. Demnig kann nicht nach seinem Schema verlegen. Er muss improvisieren. Und das kostet Zeit. Die, die zum Gedenken gekommen sind, zählen die Minuten nicht. Sie verweilen und werden auch noch gebannt zu Boden schauen, wenn Demnig schon wieder ein paar Straßen weiter ist. Die wenigsten wissen, dass der Künstler noch anderswo Steine verlegen muss.

Anstoß nimmt nur der Kopf

Langsam geht Demnig in die Knie und beginnt, sich ans Werk zu machen. Meißel, Kelle und Hammer wechseln sich in seiner rechten Hand in Sekundenschnelle ab. Die vier Betonklötze bilden den Rahmen für einen „Stolperstein“. Der liegt noch schwer in den Händen einer Frau. Sie ist 95 Jahre alt und Schwester des Mannes, dessen an dieser Stelle gedacht werden soll. Die Dame ist extra aus den Niederlanden angereist. Wie ihr Bruder wurde sie einst von den Nazis aus Münster vertrieben. „Sie hätte auch einen Stein bekommen müssen“, wird Demnig später sagen. In ihrem Beisein behält er diesen Gedanken aber für sich. Er tritt zwei, drei Schritte zur Seite, damit die Frau sich über das Loch im Gehweg beugen kann. Sie will den „Stolperstein“ selbst einsetzen. Jetzt sind alle ganz still. Der Würfel gleitet durch die dünnen Finger nach unten. Dabei verkantet er ein wenig im maßgefertigten Loch. Die Frau versucht zu drücken, doch sie ist zu schwach. Die alte Dame streichelt mit ihrer Handfläche über die Messingplatte, in die der Name ihres Bruders eingraviert ist. Sie hat die NS-Zeit überlebt, er nicht. Als sich die Frau aufrichtet, können alle sehen, wie ihr Tränen in die Augen steigen.

Zeremonien wie die in Münster hat Demnig tausendfach erlebt. Sie bringen Menschen zusammen und halten die Erinnerung wach, sagt er. Ist damit auch schon erklärt, warum er immer weiter macht, obwohl er weiß, dass er seinem Körper damit inzwischen schadet? Noch bevor Demnig an diesem wolkenverhangenen Tag den „Stolperstein“ ins westfälische Pflaster klopft, steht schon fest, dass er im nächsten Jahr wieder kommt. Da ist trotz all seiner Beschwerden an Aufhören nicht zu denken. Sein Projekt hat eine Eigendynamik entwickelt, der er nicht entkommt. Demnig fühlt sich verpflichtet. So viele Menschen haben die „Stolpersteine“ in ihre Städte geholt, dass man durchaus von einer Bewegung sprechen kann. Und Gunter Demnig ist die Symbolfigur dieser Bewegung. In Schulen und Volkshochschulen erzählt er von seinem Projekt. Jüngst gastierte Demnig in Israel, um auch dort darüber zu berichten. Er selbst, der gelernte Bildhauer, bezeichnet die „Stolpersteine“ als eine soziale Skulptur. So gesehen wäre er der Sockel, auf dem diese Skulptur steht und immer größer wird.

Zum Schluss stets dasselbe Ritual

Jemand legt seinen Arm um die alte Dame. Demnig greift zum Hammer. Sein Gesicht bleibt unter dem Hut versteckt. Nur für ein Foto schaut er kurz auf, um gleich wieder abzutauchen. „Ich helfe nochmal nach“, sagt er und klopft den Stein so fest, dass dieser bündig abschließt und niemand daran hängen bleiben kann – zumindest mit den Füßen. Aus dem Tritt kommt nur, wer liest, was auf der Messingplatte geschrieben steht. Demnig greift in seine Hosentasche und holt ein weißes Taschentuch hervor. Er streicht damit über die goldenglänzende Oberfläche. Es ist das immer gleiche Ritual, mit dem er die Verlegung eines „Stolpensteins“ abschließt. Kurz glaubt man, ihn innehalten zu sehen. Danach überlässt er anderen die Szenerie. Ein Schüler beginnt über jüdisches Leben in Münster zu referieren.

Heute will Demnig schnell fertig werden. Seine Sachen hat er ratzfatz im Auto verstaut. Während die Menschen noch um den „Stolperstein“ herum stehen, Erinnerungen wach rufen und Reden halten, macht Demnig einen Haken auf seinem Zettel. Seinen Hut stülpt er über die Kopfstütze des Fahrersitzes. Der Freund dreht den Zündschlüssel herum und der Motor springt an. Der nächste „Stolperstein“ ist dran.

Die Frage, wie lange er noch weitermachen wolle, hat Demnig schon so oft gehört, dass er sich längst eine offene Antwort parat gelegt hat: „Picasso hat mit 99 noch Bilder gemalt.“ Und wirklich: Vor kurzem hat sich auch Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“ für die Verlegung von „Stolpersteinen“ eingesetzt. Gut möglich, dass Demnig tatsächlich noch ein paar Jahre weitermachen muss.

Michael Billig ist Journalist. Im Freitag schrieb er zuletzt über SS-Kitsch in der Wewelsburg

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11:35 14.02.2011

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