Die Leichen in Heinzes Garten

Lieberose 1944 ließ Himmler von jüdischen KZ-Häftlingen einen Truppenübungsplatz bauen. Ein Massengrab liegt noch auf dem Gelände, doch die Gerichte verhindern die Suche danach

Für den Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, ist das jetzt ergangene Urteil beim Landgericht Cottbus ein einziger Justizskandal. "Die drei Richter in der Berufungskammer hätten statt einer gefühllosen formaljuristischen Abarbeitung durchaus Neuland beschreiten können, um Lücken im Gräbergesetz zu heilen", gibt Kramer seinem Ärger Nachdruck.

Noch nie gab es einen vergleichbaren Fall in der Bundesrepublik Deutschland, und noch nie gab es ein derartiges Urteil: Erstmals wurde Privateigentum eines einzelnen Bürgers höher bewertet als die Aufklärung eines hundertfachen Mordes an Juden, deren Leichname heute noch unentdeckt am Rande des Spreewaldes verscharrt liegen - vermutlich das größte bisher nicht gefundene Massengrab der Shoah auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland.

Himmlers Jäger-Programm

Ort des Geschehens ist das KZ Lieberose-Jamlitz, das drei Kilometer von dem Lausitzstädtchen Lieberose entfernt Ende 1943 als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet wurde, um dort für die SS-Division Kurmark einen Truppenübungsplatz zu bauen. Es sollte der größte in ganz Europa werden. Das kleine Lieberose sollte im Dritten Reich sogar zur Garnisonsstadt ausgebaut werden. Dazu ließ Himmler sich eigens KZ-Häftlinge zuteilen. Die Nazis hatten Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits für "judenfrei" erklärt. Doch die Rüstungsindustrie und das Militär brauchten billige Arbeitssklaven. Aller Rassenideologie zum Trotz lief das so genannte Jäger-Programm an.

Auf Erlass Hitlers wurden ab Februar 1944 über 100.000 jüdische Häftlinge, zum großen Teil aus oder über Auschwitz, heimlich ins Alt-Reich transportiert. Bald wurden sie nicht nur zur Produktion von Flugzeugen, sondern in allen möglichen kriegswichtigen Bereichen angefordert. "Die deutsche Bevölkerung sollte dabei aber unter keinen Umständen mit jüdischen Häftlingen konfrontiert werden. Himmler musste zusichern, dass sie fernab der Bevölkerung eingesetzt werden", sagt Günter Morsch, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen. Er war in den letzten Jahren schon oft in Lieberose und hat im Auftrag des Brandenburger Innenministeriums nach dem Schicksal der KZ-Insassen geforscht. Morsch ist sich aber sicher, dass die Bevölkerung von Anfang an von dem Lager wusste. "Bevor noch die ersten Baracken entstanden, wurden die ersten jüdischen Häftlinge im Dorfgasthaus untergebracht", weiß Morsch heute.

Zufälliger Opfer-Fund

Auf Befehl Himmlers sollten die Juden nach erledigter Zwangsarbeit aber auf keinen Fall mehr am Leben bleiben. Von Anfang an wurde wenig Rücksicht auf die Häftlinge genommen. Jeden Tag starben rund 30 KZ-Insassen an Krankheit und Unterernährung. Das Sachsenhausen-Außenlager Liro, wie die Abkürzung der Nazis hieß, war faktisch ein Vernichtungslager durch Arbeit. In den ersten Februar-Tagen 1945 musste das KZ Lieberose dann vor der heranrückenden Roten Armee evakuiert werden, einer der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Sachsenhausen begann. Acht Tage hat er gedauert. Keine Geheimaktion, sondern ein Leidensgang am helllichten Tage. Einzelne aus der deutschen Bevölkerung hätten noch versucht zu helfen, andere dagegen hätten selbst noch in den letzten Lebenstagen die Gefangenen geschmäht oder sogar misshandelt, weiß Morsch. Den Krieg überlebten am Ende nicht mehr als 400 der Häftlinge von Lieberose-Jamlitz.

Der Historiker kann die damaligen Zustände gut rekonstruieren. In den jetzt frei gegebenen Moskauer Archiven hat er exakte Zahlen gefunden. Genau 1.342 Kranke und Nicht-Transportfähige mussten demnach zurückgelassen werden. Von ihnen hat wohl keiner überlebt. Es waren meist ungarische Juden, die zwischen dem 2. und 4. Februar 1945 getötet wurden. Zu Beginn muss es Widerstand unter den Gefangenen gegeben haben. Nach der verzweifelten Attacke eines ungarischen Häftlings-Arztes mit einem zum Messer umgeschliffenen Löffel auf den Lagerleiter Kersten ist es zu einem ersten spontanen Maschinenpistolen-Gemetzel der Wachmannschaften gekommen. Eine zweite Exekutions-Welle per Pistolen-Genickschuss folgte am Tag danach. Diese Toten wurden dann per Lastwagen in die benachbarte Kiesgrube Staakow gebracht. Das jüdische Leichenkommando warf die getöteten Mitgefangenen über den Kiesgrubenrand, verschüttete sie und wurde anschließend selbst exekutiert. Ein präzises Mordprogramm.

1971 wurden die Leichen dann zufällig von Bauarbeitern gefunden. Die Gerichtsmedizin bahrte damals 577 Gebeine auf. Nach Entfernung des Zahngoldes, dessen Spur sich später in der Stasi-Finanzbehörde verliert, wurden die Knochen - gegen jeden jüdischen Ritus und ohne die jüdische Gemeinde zu fragen - einfach eingeäschert. Die Urne wurde am Ortseingang von Lieberose in der neu geschaffenen KZ-Gedenkstätte feierlich in Anwesenheit der NVA-Ehrenabteilung beigesetzt. Nach der Religionszugehörigkeit der Toten wurde damals nicht gefragt, KZ-Opfer galten in der DDR per se als politische Häftlinge.

Aus den Akten ergibt sich damit eine makabre Opferarithmetik: Wenn man die bereits in den siebziger Jahren gefundenen Gebeine abzieht, dann müssen heute noch immer über 700 meist jüdische Tote in Lieberose-Jamlitz verscharrt sein. Zu DDR-Zeiten wurde nicht nach weiteren Opfern gesucht. Der einstige Truppenübungsplatz der SS wurde von der Roten Armee übernommen und weiter genutzt. Militärische Geheimhaltung ging vor Geschichtsaufarbeitung, bis zum Abzug der sowjetischen Westgruppe 1994.

Seit Mitte der neunziger Jahre aber sucht Morsch zusammen mit einer Arbeitsgruppe des Innenministeriums nach den sterblichen Überresten der KZ-Opfer. Nach dem deutschen Gräbergesetz sind die Behörden dazu verpflichtet. Doch wo die Totengrube nun genau liegt, ist unbekannt. "Wir haben mehrere Verdachtspunkte mit Boden-Radar, Überfliegungen und Probe-Grabungen überprüft und von den Verdachtspunkten bis auf einen alle falsifizieren können", sagt Morsch. Neben der Krankenbaracke, von der heute noch die halbverfallenen Kellergewölbe sichtbar sind, sollte damals eine neue Baracke entstehen. Die Baugrube war bereits ausgehoben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie zum Massengrab wurde. Die letzte mögliche Verdachtsfläche liegt also direkt auf dem ehemaligen KZ-Gelände. Seit den fünfziger Jahren wurden hier Eigenheime und bis in die siebziger Jahre sogar Schrebergärten errichtet, offenbar sahen die DDR-Behörden in der Neubebauung kein Problem.

Eine Lücke im Gräbergesetz?

Auch dem Cottbusser Gericht war dieser Umstand jetzt keine weitere Erwähnung wert. Das wirkt auf den Zentralrat wie eine nachträgliche Legitimation des Unrechts. "Es fällt mir schon recht schwer, überhaupt darüber nachzudenken, wie man sich fühlen muss, wenn man möglicherweise auf 700 Ermordeten seine Freizeit verbringt", sagt der jüdische Generalsekretär Stephan Kramer. Jamlitz hat heute 600 Einwohner, ein typisch brandenburgisches Schlafdorf. Nur zum Feierabend oder am Wochenende beleben sich die Straßen. Wenn man Bewohner auf dem ehemaligen KZ-Gelände anspricht, so zeigen sie keinerlei Anzeichen von Scham oder Selbstzweifel, gerade dort ihr Haus gebaut zu haben. Schließlich habe man ja das Grundstück ordnungsgemäß und rechtens gekauft.

Letzte Gewissheit über den Verbleib der Toten könnte nur noch eine Grabung geben, doch die ist bislang nicht möglich. Das fragliche Flurstück ist Privatbesitz. Es gehört Hans-Jürgen Heinze, der es von seinen Eltern geerbt hat, seit Jahren aber im bayrischen Marktredwitz lebt und das verfallene Haus nebst rund 5.000 Quadratmeter großer Freifläche gar nicht mehr nutzt. Allen Anfragen der Behörden habe sich der Besitzer in den letzten Jahren verweigert, sagt Lieberoses Amtsdirektor Bernd Boschan. Der Antrag des Amtes Lieberose/Oberspreewald zur Schlitzgrabung ist vom Amtsgericht Guben abgelehnt und die Entscheidung vom Landgericht Cottbus bestätigt worden. "Der Besitzer des Grundstückes kann sich darauf berufen, dass das Grundstück Teil seiner Wohnung ist und entsprechend bedarf es, um überhaupt auf das Grundstück zu kommen, einer Ermächtigungsgrundlage. Das Gräbergesetz, das als mögliche Anspruchsgrundlage in Betracht kommt, bietet diese Ermächtigungsgrundlage nicht. Das Gräbergesetz regelt nur den Fall, dass tatsächlich ein Grab vorhanden ist. Die Suche nach einem vermuteten Grab ist vom Gräbergesetz jedoch nicht erfasst", erläutert Christian Fisch, stellvertretender Pressesprecher beim Landgericht Cottbus, in trockenem Juristendeutsch.

Auch der Einsatz der Kripo fällt aus, denn, so die Urteilsbegründung, "bei den auf dem Grundstück ... vermuteten Leichnamen der Opfer ... handelt es sich im rechtlichen Sinne nicht mehr um Personen, sondern um Sachen." Da von diesen "Sachen" aber keine aktuelle Gefährdung ausgehe, könne man auch nach dem Polizeigesetz nicht einfach das Grundstück betreten.

Peter Fischer vom Zentralrat der Juden ist entsetzt und erkennt durchaus auch eine Ironie der Geschichte darin, dass die ungarischen Juden 1944 ausgerechnet den Truppenübungsplatz gebaut haben, auf dem heute die Bundeswehr übt, die aber in Lieberose nicht helfen darf. "Die Bundesrepublik hat das Völkerrecht und die Menschenrechte in Anspruch genommen, um im ehemaligen Jugoslawien mit Hilfe der Bundeswehr nach Massengräbern zu suchen. Dort hat auch das Pionier-Bataillon Kurmark gesucht, das heute einige Kilometer von Jamlitz-Lieberose entfernt stationiert ist. Was in Ex-Jugoslawien gilt, gilt in unserem Land offensichtlich nicht", klagt Fischer an.

Immerhin hat unter anderen Politikern auch Brandenburgs Innenminister Schönbohm Unverständnis für die Gerichtsentscheidung geäußert. Das Amt Lieberose hat Berufung gegen das Cottbusser Urteil angekündigt. Auch der Zentralrat der Juden will sich mit dem aus seiner Sicht unerträglichen Justizskandal nicht abfinden und prüft eine eigene Klage. Der Fall Lieberose-Jamlitz könnte sich bald sogar zum internationalen Skandal ausweiten.

"Die jüdischen Verbände in Ungarn, in den Vereinigten Staaten und auch die Verfolgtenverbände in Israel haben die Entwicklung in Jamlitz mit großer Sorgfalt beobachtet und Sie dürfen davon ausgehen, dass jetzt Unruhe aufkommt ob dieser Entwicklung. Einige Juristen in Brandenburg sollten sich warm anziehen, denn wenn es uns hier nicht gelingt, juristisch dem Recht zum Recht zu verhelfen, dann will ich nicht ausschließen, dass es zu Protestaktionen kommen wird", kündigt Kramer an.

Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass Lieberose-Jamlitz bis heute eine doppelte geschichtliche Bürde zu tragen hat. Unmittelbar nach dem Krieg wurde das KZ von den Sowjets als NKWD-Speziallager Nr.Ê6 weiter geführt. Hier starben Tausende Deutsche und Nazikollaborateure. Für diese Opfer hat die Gemeinde einen Ehrenfriedhof im nahen Wald errichtet. Und auch hier sind noch längst nicht alle Leichname entdeckt. Doch das ist eine weitere Geschichte, auch wenn sie mit der ersten eng zusammen hängt.

Ein Opfer-Ranking soll es aber nicht geben, versichert Amtsdirektor Bernd Boschan. Beiden Opfergruppen, jüdischen KZ-Insassen und internierten Deutschen, wolle man am Ort gerecht werden. Er wäre aber froh, erst einmal die jüdischen Opfer zu finden. Wenn man denn endlich beim ehemaligen Mitbürger Heinze im Garten graben dürfte.

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00:00 30.05.2008

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