Die Liebe, das Essen, der Tod

Leseprobe Wenn sie erwachsen ist, wird sie die gefragteste Köchin Nordamerikas werden. Doch davon ahnt das Kleinkind Eva noch nichts
J. Ryan Stradal | Ausgabe 34/2016 2

Lars Thorvald liebte zwei Frauen. Das war’s dann wohl, schoss es ihm durch den Kopf, als er auf den kalten Betonstufen saß, die zu seiner Wohnung hinaufführten. Vielleicht hätte er auch mehr als nur diese zwei lieben können, aber daraus würde wohl nichts mehr werden.

An diesem Morgen hatte er entgegen ärztlicher Anweisung geschmorte Schweineschulter püriert, dabei aus dem Küchenfenster auf das verschneite Dach des Happy-Chef-Restaurants auf der anderen Seite des Highways gesehen und einer dieser Frauen ein Liebeslied vorgesungen. Es war ein Beatles-Song, und er galt seiner kleinen Tochter, die auf dem Wohnzimmerboden schlief, wobei Lars den Namen des Mädchens im Original durch den seines Babys ersetzte.

Mit achtundzwanzig hatte er das erste Mal zu einer Frau „Ich liebe dich“ gesagt. Und bis dahin war er auch noch Jungfrau gewesen. Seinen ersten Kuss hatte er immerhin schon mit einundzwanzig bekommen, auch wenn die Frau, die ihn geküsst hatte, eine knappe Woche später nicht mehr auf seine Anrufe reagiert hatte.

Dass er mit Frauen kein Glück hatte, schob Lars auf den Umstand, dass er schon als Jugendlicher kein Glück bei Mädchen gehabt hatte. Und die Schuld dafür wiederum schob er auf den Umstand, dass er der übelriechendste Junge seines Jahrgangs war, und zwar alle Jahre wieder. Seit er zwölf war, stank er jedes Jahr zur Weihnachtszeit wie der Boden eines Fischmarkts, und selbst wenn er den Rest des Jahres überhaupt nicht stank, taten die anderen Kinder dennoch so als ob, weil Kinder nun mal so sind. „Fischkopf“ nannten sie ihn, das ganze Jahr, und schuld daran war eine alte Schwedin namens Dorothy Seaborg.

Zum Autor

J. Ryan Stradal, Jahrgang 1975, studierte Film, Fernsehen und Radio an der Northwestern University in Illinois. Heute ist er als Lektor und Redakteur bei einem Literaturmagazin sowie als Produzent von Fernsehserien für VH1, MTV, Discovery und History Channel tätig. Er lebt in Los Angeles

Foto: Franco P. Tettamanti

Es war an einem Dezembernachmittag im Jahre 1971 gewesen, als besagte Dorothy Seaborg aus Duluth, Minnesota, auf dem Weg zum Briefkasten auf einer Eispfütze ausrutschte und sich die Hüfte brach, wodurch der Lutefisk-Nachschub für die sonntäglichen Adventsessen der St. Olaf’s Lutheran Church ins Stocken geriet. Daraufhin hatte Lars’ Vater Gustaf Thorvald, Inhaber der Bäckerei Gustaf & Sons in Duluth und einer der prominentesten Norweger zwischen Cloquet und Two Harbours, vor versammelter Kirchengemeinde versprochen, mit seiner Familie einzuspringen und die gewöhnungsbedürftige skandinavische Tradition weiterzuführen – zum Wohle der gesamten Twin-Harbour-Region.

Dabei übersah er schlichtweg, dass weder er selbst noch seine Frau Elin und seine Kinder je einen lebendigen Stockfisch gesehen, geschweige denn gefangen, weichgeklopft, getrocknet, in Ätznatron eingelegt, mehrmals kalt gewässert und anschließend behutsam aufgekocht hatten – die Hauptzutat für ein Gericht, das im Idealfall aussah wie gelierter Nebel und roch wie gekochtes Aquariumswasser. Da alle Familienmitglieder für diese Aufgabe gleichermaßen unqualifiziert waren, fiel die Arbeit dem zwölfjährigen Lars und seinem zehnjährigen Bruder Jarl zu. Der jüngste Bruder, der neunjährige Sigmund, blieb verschont – allerdings nur, weil er das Zeug tatsächlich gern aß.

Fisch mit Folgen

1987 schloss Lars die Highschool ab und sah zu, dass er aus Duluth wegkam. Seine Noten hätten ihm problemlos einen Studienplatz an einer respektablen Lutherischen Universität wie dem Gustavus-Adolphus-College oder dem Augsburg College verschafft, aber Lars wollte Koch werden, und er sah nicht ein, was der Besuch eines guten Colleges mehr bringen würde als einen unnötigen Zeitverlust von vier Jahren.

Also zog er in die Twin Cities Minneapolis und St. Paul auf der Suche nach einer Freundin und einem Job in der Küche, egal in welcher Reihenfolge. Die einzige Bedingung war, dass niemand von ihm verlangen durfte, Lutefisk zu machen. Und das ließ ihm weit mehr Möglichkeiten, als sein Vater prophezeit hatte.

Im Oktober 1987, als sein Heimatstaat glückselig den allerersten World-Series-Titelgewinn für die Minnesota Twins feierte, hatte Lars sich eine Stelle als Koch bei Hutmacher’s erarbeitet, einem In-Restaurant am Seeufer, das „Berühmtheiten“ wie Wetteransager, Staatssenatoren und die Lokalhelden des Profisports anzog. Jahrelang war das Hutmacher’s dafür bekannt gewesen, dass Twins-Spieler ihre Mahlzeiten dort ungestört genießen konnten, doch ausgerechnet in der Woche, in der Lars eingestellt wurde, veranstalteten die jubelnden Baseballspieler selbst eine feuchtfröhliche Spätschicht-Party nach der anderen.

Der Erfolg dieser leidgeprüften Mannschaft elektrisierte das ganze Restaurant. So schien etwa Cynthia Hargreaves, die aufgeweckteste Kellnerin im Team – sie gab die besten Weinempfehlungen von allen – , ein Interesse an Lars zu entwickeln, der sich mit seinen mittlerweile achtundzwanzig Jahren einen blassen, behaarten Rettungsring um die Hüfte und eine beginnende Glatze zugelegt hatte. Cynthia hatte zwar einen Überbiss und zitterte immer leicht, aber sie war eins achtzig groß und wunderschön. Nicht schön wie eine Statue oder ein Parfummodel, sondern schön auf eine realistische Art, so wie ein Lkw oder eine Pizza in dem Moment schön sind, in dem man sie am meisten braucht. Und deshalb erschien sie Lars erreichbar.

Nüchterner Rausch

Als die beiden Ende Oktober 1988 heirateten, war Cynthia schwanger, was man ihr jedoch nicht ansah. Lars war noch immer Koch bei Hutmacher’s, und sie war noch immer die beliebteste Kellnerin dort. Doch trotz der Bilderbuchliebesgeschichte, die sich in ihrem Betrieb abgespielt hatte, weigerten sich die Besitzer, das Restaurant für den Hochzeitsempfang an einem Samstag zu schließen.

Für die Flitterwochen fuhr das Paar ins Napa Valley. Lars hatte noch nie an einer Weinprobe teilgenommen, und während er die Probiergläser hinunterstürzte, nahm seine frischgebackene Ehefrau alles andere in sich auf: das Kleingedruckte auf den Flaschenetiketten, die fachkundigen Weingartenführungen und was die Karten über die Weinlagen verrieten. Cynthia war zum ersten Mal in Kalifornien, und selbst vollkommen nüchtern wurde ihr ganz schwindlig beim Anblick eines Weinstocks, und bei all den Fachbegriffen blühte sie erst richtig auf: reinsortig, Oechsle, Cuvée, Barrique. Zurück im Mietwagen versuchte Lars ein Übermaß an schweren Rotweinen auszuschlafen, spürte aber auch mit geschlossenen Augen, wie Cynthia lächelte, während sie ihn und ihr ungeborenes Kind durch die sonnenüberfluteten kalifornischen Hügel chauffierte.

„Ich liebe das hier alles so sehr“, sagte sie.

„Ich liebe dich auch“, sagte er.

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Lars bei einem Jungen den Namen des Babys aussuchen durfte und Cynthia, wenn es ein Mädchen würde. Eva Louise Thorvald wurde zwei Wochen vor dem errechneten Termin am 2. Juni 1989 geboren und kam mit einem stattlichen Gewicht von viereinhalb Kilo auf die Welt. Als Lars sie das erste Mal auf dem Arm hatte, schmolz sein Herz dahin wie Butter auf warmem Brot und sollte nie wieder seine ursprüngliche Form annehmen. So wie ein musikalischer Elternteil genau plant, wo, wie und wann sein Kind welches Musikstück zum ersten Mal zu hören bekommt, hatte Lars Wochen damit verbracht, den Speiseplan für die ersten drei Lebensmonate seiner Tochter festzulegen:

Woche 1

Keine Zähne, daher:

1. Selbst gemachte Guacamole.2. Pürierte Backpflaumen (mögen Säuglinge Backpflaumen?)3. Pürierte Karotten (wenn möglich Sugarsnax 54, sonst Herbstkönig)4. Pürierte Rote Bete (Lutz Green Leaf)5. Selbst gemachtes Honeycrisp-Apfelmus (Äpfel bei Dennis Wu besorgen)6. Hummus (aus Dosenkichererbsen? Vielleicht bis Woche 2 warten)7. Oliven-Tapenade (vielleicht mit pürier ten Cerignola-Oliven? Dubcek nach den besten Oliven für Neugeborene fragen)8. Was als Eiweiß- und Eisenquelle?

Woche 2

Noch immer keine Zähne, außer wir haben unwahrscheinlich viel Glück, aber was soll’s:

1. Definitiv Hummus2. Rest wie oben, bis Zähne da

Woche 12

Zähne!

1. Schweineschulter (püriert? Oder lieber eine Demi Glace auf Schweine fleischbasis?)2. Spaghettikürbis. Welches Kind wäre nicht begeistert? Das wird sie umhauen! (Was für ein Glück sie hat, dass sie zu Beginn der Kürbissaison Zähne bekommt!)3. Ossobuco (Kalbshachsen von Al Norg aard bei Hackenmueller Meats besorgen)1. Corn Dogs (bestimmt gut abzunagen! State-Fair-Rezept finden.)2. Moms Möhrenkuchen (siehe Rezept)

400 g Zucker (evtl. weniger)

350 ml Salatöl (Ersatz finden)

4 Eier

240 g Mehl

2 TL Backpulver

3 TL Zimt

300 g Möhren, geraspelt

100 g Nüsse, gehackt (Nussallergiegefahr?)

1 TL Vanilleextrakt

Ofen auf 160 °C vorheizen. Sämtliche Zutaten gut vermengen, in eine rechteckige Springform füllen und 45 Minuten backen.

Für den Guss:

115 g Butter

225 g Frischkäse (Doppelrahmstufe)

800 g Puderzucker

Verrühren und auf dem abgekühlten Möhrenkuchen verstreichen.

Dieser Essensplan kam Lars sehr vernünftig vor, der immer im Hinterkopf hatte, welche Lebensmittel gerade Saison hatten und was schon seine eigene Familie durch die langen Winter in Duluth gebracht hatte. Seine größte Sorge galt den im Möhrenkuchen enthaltenen gehackten Nüssen. Irgendwo hatte er gehört, dass Kinder eine Nussallergie entwickeln konnten, wenn sie zu früh Nüsse aßen. Aber wie früh war zu früh? Er musste mit ihrem Geburtshelfer Dr. Latch sprechen.

Der Mann hatte einen buschigen Schnurrbart, freundliche Augen und etwas, das Lars als zupackend interpretierte. In seiner Praxis hörte sich Dr. Latch Lars’ Frage an und blickte den jungen Mann dann ungefähr so an, wie jemand ein Krabbelkind mit einem Klappmesser in der Hand ansehen würde. „Sie wollen ein vier Monate altes Kind mit Möhrenkuchen füttern?“, fragte Dr. Latch.

„Nicht viel“, erwiderte Lars. „Nur eine kleine Portion. Eine Babyportion. Ich mache mir bloß Sorgen wegen der Nüsse. Wahrscheinlich könnte ich den Kuchen auch ohne Nüsse backen, aber meine Mom hat ihn immer mit Nüssen gemacht. Was meinen Sie?“– „Achtzehn Monate. Frühestens. Warten Sie zur Sicherheit lieber, bis sie zwei ist.“– „Zwei Jahre, echt?“ Lars wollte sich vor Dr. Latch nicht anmerken lassen, dass diese Unterhaltung ihm das Herz brach, aber der Arzt merkte es auch so.

„Ich kann ja verstehen, wie gern Sie Ihre große Leidenschaft mit Ihrem ersten Kind teilen wollen. Das sehe ich in der einen oder anderen Form immer wieder. Lassen Sie sich gesagt sein: Die Zeit wird kommen! Aber fürs Erste bitte nur Muttermilch und Babynahrung.“

„Das ist ja schrecklich“, stöhnte Lars.

„Für Sie vielleicht“, sagte Dr. Latch. „Aber glauben Sie mir, Ihre Tochter wird mit dieser Kost ungeheuer zufrieden sein. Und jetzt überweise ich Sie an den aufmerksamsten Kinderarzt, den ich kenne.“

„Hutmacher’s sucht einen neuen Sommelier“, sagte Cynthia eines Morgens, während Lars Evas Windel wechselte.

Für Cynthias empfindliche Nase war der Geruch der vollen Windeln ihrer Tochter unerträglich, für Lars hingegen war es nach zehn Jahren Lutefisk-Produktion leichter, als ein Omelett zu wenden.

„Aber es ist doch erst ein Monat um“, sagte Lars. „Die haben dir doch drei gegeben.“

„Sie haben gesagt, sie würden mir die Stelle drei Monate lang freihalten. Aber es ist ja nicht so, als würden sie mir den Mutterschutz bezahlen.“

„Dann nimm dir doch die drei Monate. Wir haben doch ein bisschen was gespart!“ Nachdem er die Krankenhausrechnung beglichen hatte, entsprach das ganz und gar nicht mehr der Wahrheit, aber Lars wollte nicht, dass Cynthia sich darum Sorgen machte.

„Ich weiß, aber ich drehe hier noch durch. Es ist Hochsommer, und draußen kann ich nichts Sinnvolles unternehmen, wenn ich das Kind umgeschnallt habe. Das Nachmittagsprogramm im Fernsehen ertrage ich auch nicht länger. Und mehr als zwanzig Seiten in Ruhe lesen kann ich auch nicht, ohne dass sie anfängt zu quengeln.“

„Du willst also früher wieder anfangen zu arbeiten?“

„Ich denke drüber nach.“

Wenn Cynthia auf Weintouren außerhalb der Stadt war, was ihr neuer Job als Assistenz-Sommelière von Jeremy St. George bei Hutmacher’s erforderte, wurden Lars’ Runden auf dem Wochenmarkt in St. Paul logistisch anspruchsvoller, machten aber immer noch genauso viel Spaß. Manch einem wäre es vielleicht zu anstrengend und kompliziert vorgekommen, ein zwei Monate altes Kleinkind inklusive Wickeltasche und Kinderwagen überallhin zu manövrieren, aber Lars fühlte sich energiegeladen, auch wenn alles an ihm hängen blieb.

Da Lars’ Bruder Jarl und seine Freundin Fiona jetzt offiziell als Babysitterkommando abgestellt waren, wenn sich Lars’ und Cynthias Schichten überschnitten, wollte Lars jede freie Minute mit seiner Tochter nutzen.

Die Spätsommerhitze durchströmte seinen Körper, als er aus der Tür trat, auf seinem Fruit-of-the-Loom-T-Shirt blühten schon im Aufzug Schweißflecken, und als er Eva und ihre Ausrüstung nach unten zum Wagen geschafft hatte, keuchte er. Aber der Wochenmarkt von St. Paul würde die Mühen wie immer wert sein. Mitte September ging die Saison für Späternte-Tomaten zu Ende, und Lars plante kalte Suppen, Soßen und milde Salsas, nach denen Evas junger Gaumen ganz sicher verrückt sein würde, wenn man bedachte, wie sehr sie die tragisch wenigen Dinge liebte, die Dr. Latch ihr bisher zu essen erlaubt hatte.

Ihm war nie bewusst gewesen, wie viele Paare auf den Wochenmärkten unterwegs waren, bis seine Frau anfing zu verreisen. Samstagmorgenpärchen tingelten durch die Reihen voller Äpfel, Rüben und Salat, viele mit Kinderwagen oder mit Kindern an der Hand. Andere waren kinderlos, noch erfüllt von wahrer Liebe und ihren berauschenden Nachbeben, und konnten die Hände nicht voneinander lassen, als wollten sie sich vergewissern, dass der andere auch tatsächlich existierte. Lars versuchte sich daran zu erinnern, wie sich das Verliebtsein angefühlt hatte, doch die vielen Leute, die stehenblieben, um seine kleine Tochter zu bewundern, hielten ihn davon ab, weiter in Gedanken bei dem fehlenden Mitglied ihrer kleinen Familie zu verweilen.

„Wusstest du, dass 125 Gramm Marinarasoße fast achtmal so viel Lycopin enthalten wie eine rohe Tomate?“, fragt er seine zappelnde Tochter, während er sie durch die träge Masse von Pärchen beförderte, die um sie herumwogte. „Heute suchen wir uns ein paar ordentliche Soßentomaten.“ Worauf Eva in die Sonne blinzelte und fröhlich zu ihm hochguckte, als wollte sie sagen: Ich liebe meinen Dad, oder vielleicht auch nur: Ich habe gerade den flüssigsten Schiss hingelegt, den mein Vater je sehen wird. Gegen die Sonne war das schwer zu sagen.

Am vierten Tag, an dem er nichts von Cynthia gehört hatte, fing Lars an herumzutelefonieren. Ihr Vorgesetzter Mike Reisner hatte nichts gehört, und auch die Restaurantbesitzer Nick Argyros und Paul Hinckley hatten weder von Cynthia noch von Jeremy gehört. Nachmittags rief er bereits die Weingüter an, die sie vermutlich besucht hatten: Stag’s Leap, Cakebread, Shafer, Ridge, Stony Hill, Silver Oak. Er versuchte es sogar bei einigen von den Rhone-Rangers-Mitgliedern wie Bonny Doon und Zaca Mesa; sie alle kannten Jeremy St. George, aber keiner von ihnen hatte ihn oder Cynthia gesehen.

Lars’ Bruder schien sich keine Sorgen zu machen. „Wahrscheinlich sind sie mit dem Auto auf dem Rückweg“, sagte Jarl auf Lars’ Flokati liegend, noch immer in Hemd und Krawatte, die er bei seinem Job als Rechtsanwaltsgehilfe trug.

„Aber auf dem Hinweg sind sie doch geflogen“, erinnere Lars ihn.

„Gibt es nicht auch Weingüter in Arizona und Texas und so was?“

„Sie wurden auf keinem von den großen Gütern im Napa Valley gesehen“, sagte Lars von seinem Lehnsessel aus. Eva saß auf seinem Schoß und lutschte an einer Bratenspritze.

Das Telefon klingelte. „Kannst du mal rangehen?“, fragte Lars und zeigte auf das Baby auf seinem Schoß. „Klar“, sagte Jarl. Er machte vier Liegestütze und klatschte zwischen jeder einmal in die Hände, wobei seine Krawatte wie eine lange, gestreifte Zunge auf den Boden hing, und stand dann auf, um den Hörer in der Küche abzunehmen.

„Hallo, bei Thorvald“, sagte er.

„Wer ist dran?“, rief Lars.

„Deine Arbeit. Paul irgendwas.“

„Einer von den Besitzern“, sagte Lars und setzte seine Tochter auf den Teppich, bevor er in die Küche rannte. „Pass mal eben auf Evie auf“, bat er Jarl, als er den Hörer ans Ohr nahm. „Hey, Lars“, sagte Paul Hinckley. Er war ein erfolgreicher Anwalt in den Twin Cities gewesen, bevor er Restaurantbesitzer wurde.

„Hallo, Paul. Was ist los?“

„Ja, hi, Lars. Du, ich hab nur schnell ein paar Neuigkeiten für dich.“

„Klar, schieß los.“

„Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ein Parkplatz frei wird, und wir dachten, du hättest vielleicht Interesse daran.“

„Ja, klar, wäre schon schön, auf dem Grundstück parken zu können.“

„Das hatten wir uns schon gedacht. Es ist nämlich so, dass Jeremy St. George heute gekündigt hat, mit sofortiger Wirkung. Du kannst also schon heute Nachmittag da parken, wenn du kommst.“

„Du hast mit Jeremy St. George gesprochen?“

„Jap. Er hat uns vom Flughafen aus angerufen und gesagt, er kündigt.“

„Was ist mit Cynthia? Hat er irgendwas über Cynthia gesagt? Sie war doch mit ihm unterwegs.“

„Oh, ich dachte, sie hätte mit dir gesprochen. Oh, da klingelt es auf der anderen Leitung. Kannst du kurz dranbleiben?“

„Nein, ist schon gut“, sagte Lars. Er legte auf und starrte ins Wohnzimmer, wo seine Tochter an einem Eitrenner lutschend auf dem Rücken lag und ihr Onkel versuchte, sie zum Lachen zu bringen.

Drei Tage später machte Lars seinen Briefkasten auf und fand einen Brief mit Poststempel aus San Francisco. Er erkannte die Hand, die mit blauer Tinte die Schnörkel und Bögen ihrer gemeinsamen Adresse geschrieben hatte, und riss den Umschlag gleich auf:

Mein lieber Lars, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich hätte lieber anrufen sollen, aber jedes Mal, wenn ich den Hörer abgenommen und angefangen habe, unsere Nummer zu wählen, musste ich weinen. Außerdem wusste ich, dass du versuchen würdest, mir die Sache auszureden, und dafür ist es jetzt zu spät. In den letzten fünf Wochen habe ich Dinge erlebt und Entscheidungen getroffen, die es mir unmöglich machen würden, aus voller Überzeugung zu dir zurückzukehren. Vielleicht willst du mich ja trotzdem zurück, aber den Menschen, den du dir zurückwünschst, gibt es nicht mehr. Vielleicht hat es ihn nie gegeben.

Furchtbar selbstsüchtig

Du bist der beste Vater, den die Welt je gesehen hat. Aber ich bin nicht dazu gemacht, Mutter zu sein. Das Leben als Mutter fühlt sich für mich an wie eine Gefängnisstrafe. Das klingt für dich jetzt bestimmt furchtbar selbstsüchtig, aber hier draußen in Kalifornien habe ich eine Zufriedenheit gefunden, die ich zuletzt gespürt habe, bevor ich schwanger geworden bin. Wenn du willst, dass ich wirklich glücklich werde, musst du versuchen, das zu verstehen. Als Mutter werde ich niemals glücklich sein.

Ein Kind zu kriegen, war der größte Fehler meines Lebens, und ich glaube ganz ehrlich, dass es unserer Tochter besser geht, wenn sie gar keine Mutter hat, als wenn sie eine schlechte hätte.

Ich muss los. Ich werde dich so, so sehr vermissen.

Für immer in Liebe Cynthia

Lars schloss die Tür zu seiner stillen Wohnung auf. Er hatte Eva nur einen Augenblick allein lassen wollen, während er die Post holte. Sie schlief noch immer auf einer Decke mitten auf dem Wohnzimmerboden, als wäre er nie weggewesen und als würde der Brief, den er im Briefkasten gefunden hatte, nicht existieren. Er ging damit in die Küche und zog leise eine kindergesicherte Schublade unter der Arbeitsplatte auf. Seine Tochter sollte diesen Brief nie zu Gesicht bekommen oder auch nur ahnen, was darin stand, beschloss er. Sie würde nie zu hören bekommen, dass sie ein Fehler gewesen war. Sie würde niemals einen Brief lesen müssen, in dem ihre Mutter sie verließ, und noch nicht einmal Ich liebe dich schrieb.

Überhaupt würde sie, so lange er lebte, kein einziges böses Wort über ihre Mutter hören, nicht eines – jedenfalls nicht von ihm. Was er ihr stattdessen erzählen würde, wusste er noch nicht, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um über solche Dinge nachzudenken. Jetzt war der Zeitpunkt, um mit seiner kleinen zweiköpfigen Familie zusammenzusitzen und zu weinen. Jarl zog seine braune Krawatte und sein gelbes Polyesterhemd hoch und kratzte sich den haarigen Bauch. „Wie meinst du das: Sie ist gegangen, weil du fett und hässlich bist?“

Fett und hässlich

Fiona, die neben Jarl an Lars’ Küchentheke saß, schlug sich die Hand vor den kirschrot geschminkten Mund. „O Gott“, sagte sie, und ihre Augen weiteten sich, wobei ihre gemalten Augenbrauen aussahen wir zwei Bergzacken in einem Comic. „Es tut mir so leid, Lars!“ Sie stand auf und nahm ihn in den Arm. Erst da fiel Lars auf, dass er seit Wochen von keiner Frau mehr angefasst worden war. Es war verwirrend, wie wenn man auf einer Autofahrt aus einem Nickerchen aufwacht, aber ihren pummligen, parfümierten Körper an seinem zu spüren, war dennoch tröstlich.

Jarl nahm einen Schluck aus seinem Grain-Belt-Premium-Bier. „An der Stelle solltest du eigentlich sagen, dass er gar nicht fett und hässlich ist, Fiona.“

„Aber es stimmt doch, dass ich fett und hässlich bin“, sagte Lars. „Ich habe in meinem Leben nie schlimmer ausgesehen.“

„Ich kann nicht glauben, dass eine Mutter ihr Kind einfach so verlässt“, sagteFiona. „Das kann sie doch nicht ernstmeinen.“

„Sie hat nicht unsere Tochter verlassen“, widersprach Lars. „Das hat sie sehr deutlich gemacht. Sie hat mich verlassen. Ich habe nicht genug verdient. Ich habe mich gehen lassen. Es ist alles meine Schuld.“

„Wenn sie zurückkommt, können wir ihr vielleicht ein bisschen Vernunft einprügeln“, sagte Fiona.

Jarl nickte. „Und diesen Jeremy St. George hinter einem Auto herschleifen, das würde ich gern machen. Ich wette, er hat sie verführt. Ich wette, das war alles seine Idee.“ Nach einer kurzen Pause fragte er: „Also, können wir heute Nacht hierbleiben oder sollen wir sie mit zu uns nehmen?“

„Wie ihr wollt.“

„Ach, und was ich dich noch fragen wollte …“ Jarl stand auf. „Vielleicht ist jetzt nicht der beste Zeitpunkt, um damit zu kommen, aber ich habe mich gefragt, weil die Kleine ja sowieso immer in deinem Bett schläft, und das eine Zimmer dann leer steht – wir könnten ja für eine Weile hier einziehen. Uns die Miete teilen.“

Fiona nickte. „Das würde uns echt helfen.“

Damals wollte Lars nicht zugeben, dass die Sache ihm vielleicht noch mehr half als den beiden, deshalb sagte er auftypische Lars-Art, er würde darüber nachdenken, und ging in sein Zimmer, um sich für die Arbeit umzuziehen. Als er sein weißes Hemd zuknöpfte, stellte er in Gedanken bereits die Möbel um, erwog die Vor- und Nachteile und überlegte, wie unerlässlich das alles nun sei, und wie irgendjemand jemals etwas ohne die Hilfe der Familie hinbekam, und wie jemand das aufgeben konnte in nicht mehr Zeit, als es brauchte, um einen Briefumschlag mit dem gleichen Speichel zuzukleben, mit dem einst die Eheschließung besiegelt worden war.

Am Weihnachtsabend musste einiges bedacht werden. Das Restaurant war zum Glück geschlossen, denn Lars hatte ein Fünf-Gänge-Menü für Eva, Lars, Jarl, Fiona und die vier Leute geplant, die aus West Des Moines anreisen wollten: Fionas Schwester Amy Jo, Amy Jos Mann, der Kunstprofessor Wojtek, und deren Kinder Rothko und Braque. Wojtek und Amy Jo standen unheimlich auf Essen und Kultur, das hatte man Lars jedenfalls gesagt. Sie fanden es schick, dass ihr Weihnachtsessen von einem professionellen Koch zubereitet werden sollte. Das schien Fionas schlagendes Argument gewesen zu sein, um sie herzulocken.

Lars kannte die Familie nicht, aber die Tatsache, dass sie bereit waren, so weit zu fahren und die Nacht in einem Hotel zu verbringen, bewog ihn dazu, die ganze Palette aufzufahren – Schweineschulter, Winterkürbis, Wildfrikadellen, Wildreissalat, Crème brûlée und natürlich die Überraschung für Jarl.

Es war zehn Uhr morgens, und Lars wollte gerade losfahren, um die wichtigste Zutat für seine Überraschung bei dem alten Metzger zu kaufen, als der Mazda 626 von Amy Jo und Wojtek Dragelski draußen auf einen der Parkplätze einbog. „Hey, Leute“, sagte er. „Ich muss noch schnell was besorgen. Ich bin ungefähr in einer Stunde zurück. Fiona, zeig ihnen doch mal die Wohnung. Oben stehen Kaffee und Wildfrikadellen bereit.“

Auf dem Weg zurück nach St. Paul fing es an zu schneien, und im Radio hörte Lars Warnungen vor Glatteis und einem Unfall auf der Stadtautobahn Richtung Westen zwischen Minneapolis und St. Paul. Er dachte an Cynthia in Australien oder Neuseeland und dass in diesem Teil der Welt gerade Sommer war. Jarl und Fiona hatten sich dermaßen darüber aufgeregt, dass Cynthia Eva kein Weihnachtsgeschenk geschickt hatte, dass sie drohten, einen Privatdetektiv zu beauftragen, der sie ausfindig machen sollte.

Aber das hatte Lars nicht gewollt. Er sah es als Test an, dass Cynthia Evas erstes Weihnachten ignorierte, als Beweis dafür, dass es ihr ernst war, dass sie das Mutterdasein für immer hinter sich gelassen hatte und niemals zurückkommen würde. Auf der Fahrt dachte er an die Geschichte, die er am Abend unterm Baum vielleicht erzählen wollte: dass er einen Anruf von der Polizei in Sydney erhalten und man ihm gesagt habe, dass Cynthia bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei, an dem niemand weiter beteiligt war, und dass man sie einfach dort beerdigen würde. Cynthia hatte kein sonderlich gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, und ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Teenager gewesen war, es war also vollkommen im Bereich des Möglichen, dass niemand die Lüge aufdecken würde.

Auf der Betontreppe war es kalt, aber Jarl hatte recht, er musste wieder fitter werden. Lars hatte in den vergangenen zwei Wochen bereits zwei Kilo abgenommen, und die Treppe war maßgeblich daran beteiligt gewesen. Wenn er jemals eine Frau finden wollte, die seiner Tochter eine gute Mutter sein würde, musste er wohl wenigstens versuchen, unter hundertzwanzig Kilo zu kommen. Irgendwo musste man ja anfangen.

Er war schon im dritten Stock, als ihm einfiel, dass er den Lutefisk im Kofferraum vergessen hatte und noch einmal runter musste, um ihn zu holen. Immerhin war er so gezwungen, noch ein bisschen mehr Sport zu treiben. Vielleicht hatte ihm auch sein Unterbewusstsein einen Streich gespielt, weil er wusste, was die Feiertage für eine Kalorienschlacht waren. Er joggte, eine Atemwolke vor dem Gesicht, die Stufen hinunter bis zu seinem rostigblauen, salzverkrusteten Dodge Omni, wo er die Überraschung für Jarl aus dem Kofferraum holte.

Auf halbem Weg den dritten Treppenabsatz hinauf spürte er plötzlich einen Schmerz in der Schulter und schnappt in der Kälte mit offenem Mund nach Luft. Er setzte sich mitten auf die Treppe, um sich auszuruhen, und spürte ein so heftiges Stechen, dass es ihn schlagartig müde machte.

Er schloss die Augen, ließ den Lutefisk fallen, lehnte den Kopf ans Geländer und spürte, wie sein Körper ohne ihn hinunter auf den Treppenabsatz fiel.

16:15 24.08.2016

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