„Die Liebe ist überfordert“

Interview Bini Adamczak glaubt, dass mit dem Kapitalismus auch die Romantik verschwinden wird
Nicholas Potter | Ausgabe 49/2019 26

Welche Rolle spielt die romantische Liebe im Kapitalismus? Und wie kann und könnte eine Liebe in nichtkapitalistischen Zuständen aussehen? Diese und andere Fragen untersucht die Autorin Bini Adamczak zusammen mit der Künstlerin Konstanze Schmitt und der Dramaturgin Karolin Nedelmann in ihrer neuen Inszenierung Everybody Needs Only You. Liebe in Zeiten des Kapitalismus im Berliner Theater HAU Hebbel am Ufer. Ein Gespräch über Optimierungszwänge, Liebe als Währung und postrevolutionäre Beziehungsformen.

der Freitag: Frau Adamczak, in dem neuen Theaterstück, an dem Sie mitgewirkt haben, geht es um Liebe in Zeiten des Kapitalismus. Wie sieht denn Liebe in diesen Zeiten aus?

Bini Adamczak: Unsere These ist, dass die Liebe als romantische überhaupt erst mit dem Kapitalismus entsteht und deswegen auch nur so lang existiert wie dieser. Das ist romantische Liebe, wie wir sie kennen. Unser Stück folgt einer Dreiteilung in Zirkulation, Konsumption und Transformation. Die Zirkulationssphäre ist der Markt, also die Party, Tinder, OkCupid und so weiter. Für diesen Liebesmarkt musst du dich fit machen, um den eigenen Wert zu steigern – mit Fitnessstudio, Makeover oder Therapie. Das Ziel ist, sich auf dem Markt zum bestmöglichen Preis zu verkaufen, um dann in die Konsumptionssphäre einzukehren: Bett oder Küche. Wobei die Küche schon verrät, dass auch diese Konsumption wieder Produktion bedeutet, also Arbeit. Und schließlich suchen wir in unserem Theaterstück nach Wegen, aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen: die Transformation. Das bedeutet, die Trennung dieser Sphären aufzulösen und neue Verbindungen zu knüpfen.

Das erklärt aber nicht, warum es romantische Liebe in nicht- oder präkapitalistischen Gesellschaften nicht auch gab, gibt oder geben kann. Schließlich existierte der Minnegesang im Mittelalter und Romantik natürlich auch in der DDR.

Der Minnegesang ist der historische Vorläufer der romantischen Liebe: die unendliche, unerfüllte Sehnsucht. Der schmachtende Gesang hat mit den wirklichen Beziehungen aber nichts zu tun gehabt – Ehen wurden damals nur aus politischen und ökonomischen Erwägungen heraus geschlossen. In der DDR hat die heteronormative Ehe überlebt, und Hausarbeit wurde weiterhin als weibliche Sphäre aufrechterhalten. Dennoch haben bereits 40 Jahre autoritärer Staatssozialismus die Intimbeziehungen erstaunlich verändert. Als Frauen lebende Menschen waren im Osten doppelt so zufrieden mit ihrem Sexleben wie im Westen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass die Liebe im Staatssozialismus nicht die Aufgabe erfüllen musste, Sicherheit zu spenden, gegen die Unwägbarkeiten der Ökonomie.

Im Stück heißt es, dass Liebe und Kapitalismus Gegensätze seien, obwohl die romantische Liebe nach Ihrer Analyse ja erst im Kapitalismus entsteht. Wie ist das zu verstehen?

Sowohl in der Popkultur wie in der Theorie wird die Liebe als Gegensatz zum Kapitalismus verstanden. Der Kapitalismus gilt als kalt und rationalistisch. Er basiert auf Konkurrenz, folgt dem Leistungsprinzip, dient dem Profitinteresse. Die Liebe andersrum gilt als warm und emotional. Sie soll die Prinzipien der Loyalität, des Vertrauens, der Nähe verkörpern.

Zwei Gegensätze, die aber doch zueinander passen. Denn die Liebesindustrie lässt sich wunderbar kommerzialisieren – von Tinder bis hin zum Valentinstag ...

Es gibt mehrere Theoretikerinnen, die die Kommodifizierung der Liebe beklagen. Sie analysieren, dass die Liebe im Neoliberalismus immer warenförmiger wird, sich dem Kapitalismus anverwandelt und damit ihr besonderes, dem Kapitalismus entgegengesetztes Moment verliert. Das ist einerseits wahr, andererseits wird dabei aber übersehen, dass gerade das romantische Liebesversprechen – Loyalität, Unersetzbarkeit, Bedingungslosigkeit – eine Funktion im Kapitalismus übernimmt.

Zur Person

Bini Adamczak, Jahrgang 1979, lebt in Berlin und schreibt über Kommunismus und Queerfeminismus. Zuletzt erschien von ihr das Buch Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende im Suhrkamp Verlag

Neoliberalismus propagiert zwar eine gewisse Individualisierung, Zweierbeziehungen können aber auch eine ökonomische Notwendigkeit sein, um zu überleben. Braucht das System nicht sogar eine pragmatische Liebe, um weiter zu existieren?

Eine Besonderheit der kapitalistischen Warengesellschaft ist, dass sie auch Menschen zu Waren macht. Sie müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, als Lohnarbeit. Es gibt allerdings viele Arbeiten, die für den Erhalt der Gesellschaft notwendig sind, die aber nicht mit Geld entlohnt werden. Um sicherzustellen, dass diese Arbeiten trotzdem gemacht werden, braucht es eine andere Form der Währung. Das ist der Grund, warum die marxistische Theoretikerin Silvia Federici sagt, in der Reproduktionssphäre, also im Haushalt, wird das Geld durch die Liebe ersetzt. Die Liebe ist die Währung, mit der die Reproduktionsarbeit bezahlt wird. Die ideologische Anrufung der Liebe hat also auch die Funktion, einen Anreiz für diese notwendigen, aber unbezahlten Arbeiten zu schaffen.

Die nicht entfremdete Zuneigung zweier Menschen, die sich lieben und füreinander auch ohne Entlohnung da sind, ist aber doch gerade das Antikapitalistischste, was man sich vorstellen kann ...

Nein, die Liebe verspricht, die Risse zu kitten, die der Kapitalismus in unserem sozialen Gefüge reißt. Aber sie ist mit diesem Versprechen hoffnungslos überfordert, weil so eine kleine Beziehungsweise von zwei oder, sagen wir, auch drei, vier oder fünf Menschen nie im Leben in der Lage ist, all das auszugleichen, was draußen an Kälte und Konkurrenz, an Leistungszwang und Angst produziert wird. Deswegen erzeugen diese Erwartungen auch eine permanente Frustration. Und das ist ein Grund dafür, dass viele Liebesbeziehungen oft so schmerzhaft scheiternd verlaufen: mit Enttäuschung, Drama, Liebeskummer. Die Liebe ist mit den in sie gesetzten Erwartungen prinzipiell überfordert.

Ob Kinderbücher oder politische Theorie – Sie sind für Ihre Texte bekannt. Warum haben Sie sich hier für das Medium Theater entschieden?

Ich habe auch zu diesem Thema ein Romanmanuskript geschrieben, für das ich gerade nach einem Verlag suche. Es wird von mir auch ein Theoriebuch dazu geben. Aber ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Konstanze Schmitt zusammen, in ganz unterschiedlichen künstlerischen und theoretischen Formaten. Theater erfordert einen anderen Text, der weder klassisch literarisch noch theoretisch ist. Zudem verlangt das Theater, vor allem das freie Theater, komplexe kollektive Arbeitsweisen. Es verbindet verschiedenste Kunstformen – Text mit Körpern mit Raum mit Bewegungen mit Musik mit Licht: Das macht es ziemlich aufregend.

Der Titel ist eine Anlehnung an den Song „Everybody Needs Somebody to Love“, der etwa von den Blues Brothers interpretiert wurde.

Das ist das Paradox dieser Liebe: Einerseits wird behauptet, sie sei allgemein menschlich, jeder würde Liebe brauchen – „Everybody needs somebody“ –, und andererseits soll diese Liebe ganz singulär sein und nur diese eine spezifische Person meinen – „only you“. Das ist ein Widerspruch, den wir im Stück zu entfalten versuchen.

Für Sie spielt also die Popkulturindustrie eine wichtige Rolle für die romantische Liebe im Kapitalismus?

Die Popkultur ist eins der zentralen Medien, über die diese Ideologie permanent propagiert und am Leben gehalten wird. Das Versprechen wird ständig wiederholt und erneuert. Hierauf richten die Menschen ihre Wünsche, ihre Begierden, ihre Sehnsüchte. Eben nicht darauf, auch die anderen gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, gleiche, freie und sichere Beziehungen zu schaffen, eine solidarische Welt zu verwirklichen, sondern auf die Fantasie, in diesem kleinen Mikrokosmos das zu finden, was im Rest der Welt fehlt.

Wie würde eine postrevolutionäre, emanzipierte Form der Liebe also aussehen?

Wir gehen davon aus, dass eine Transformation der Liebesbeziehung nur möglich ist durch die Transformation der anderen Beziehungsweisen, die unser Leben heute bestimmen. Diese dürften nicht mehr durch Ausbeutung und Hierarchie, durch Indifferenz und Konkurrenz bestimmt sein, sondern durch Kooperation und Gleichheit, durch Kollektivität und Solidarität. Etwas von dem, was in der Liebe versprochen wird, würde in der Gesellschaft realisiert und könnte aus dem Gefängnis entlassen werden, das die Liebe heute darstellt. Das würde – und das ist vermutlich ernüchternd für die Romantikerinnen unter uns – gleichzeitig bedeuten, dass das, was wir heute als Liebe kennen, stärker beeinflusst würde von den Prinzipien des Nüchternen, des Sachlichen oder vielleicht des Freundschaftlichen, dass es etwas vom Leidenschaftlichen, vom Romantischen eben verlieren würde.

Die Abschaffung des Kapitalismus könnte die Liebe aus dieser Krise also vielleicht sogar retten?

Na ja. Manche würden sagen, dass die Abschaffung des Kapitalismus zu einer Aufhebung der Liebe führen kann. Aber das wäre eben in sehr anderer Form. Es geht um gesellschaftliche Beziehungsweisen der Solidarität, die zwischen uns entstehen. Das wäre nicht mehr die romantische Liebe, wie wir sie heute kennen.

Info

Everybody Needs Only You. Liebe in Zeiten des Kapitalismus Bini Adamczak (Text), Konstanze Schmitt (Regie). 6., 7. und 8. Dezember, HAU Hebbel am Ufer

Nicholas Potter ist Kulturjournalist und glücklich verliebt

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06:00 05.12.2019

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