Die Lust an der Fiktion

OHNE FESTEN GRUND Die bösen Märchen der Karen Duve

Es war einmal ein Mädchen, dem starb die Mutter. Eines Morgens lag sie tot im Bett. Dann brannte dem armen Kind das Dach über dem Kopf ab, und es verlor alles, was es besessen hatte. Barfuß und nur notdürftig bekleidet stand es da. Das Mädchen aber weinte nicht, besorgte sich ein Paar grobe Männerstiefel aus einem jener Behälter, die man vor Apotheken findet, und zog in die Welt hinaus.

Ein schönes Märchen könnte das werden, so möchte man meinen, doch die Welt, in der die Figuren der Karen Duve leben, läßt das Wunderbare, das es zu einem guten Ende braucht, vermissen. Dafür bleibt genug böser Zauber, der wiederum unserer Alltagswelt derart verhaftet scheint, daß es den Leser abwechselnd grausen und vor Lachen schütteln möchte. Anita Dams nämlich, die in Karen Duves langer Erzählung »Im tiefen Schnee ein stilles Heim« von ihrem Leben berichtet, ist von einer Naivität, die durchaus an Gerissenheit grenzt und mit der Gutherzigkeit des armen Mädchens aus den Grimmschen »Sterntalern« nur wenig zu tun hat. Schließlich bezieht sie einen großen Teil ihres Wissens über die Welt aus dem Fernsehen, da ihre Mutter die Kontakte zur Außenwelt auf das unbedingt Nötige - Einkaufen, Schule, Arbeit - beschränkt hatte. Wie ein notdürftig informiertes Wesen von einem anderen Stern bewegt sich Anita durch jene Bereiche der menschlichen Gesellschaft, denen eine detailliert-nüchterne Beschreibung manchmal gar nicht gut tut. Da ragt der Penis eines Mannes »wie eine häßliche Absicht« von ihm ab, und die Erzählerin weiß sich eben dieser Absicht zu fügen und die Erfahrung als ein »besonders unangenehmes Stück Gegenwart« zu verbuchen.

Nachträglich vermag sie dem Erlebnis sogar noch etwas Positives abzugewinnen, da sie nun nicht mehr befürchten müsse, eines Tages zu denken, sie hätte etwas verpaßt. Es ist diese fast buchhalterisch zu nennende Sichtweise, die den tragikomischen Effekt und damit den Reiz der Erzählung ausmacht.

Lange Zeit war »Im tiefen Schnee ein stilles Heim«, 1995 als bibliophiles Bändchen in der Bremer Achilla-Presse erschienen, die einzige Buchveröffentlichung der 1961 geborenen Hamburger Autorin Karen Duve, von dem gemeinsam mit Thies Völker 1997 herausgegebenen »Lexikon berühmter Tiere« einmal abgesehen. Und wer, wie der Rezensent, nicht gerade zu den regelmäßigen Lesern von solch unterschiedlichen Organen wie Brigitte Young Miss oder Playboy gehört, konnte die skurrilen bis grotesken Geschichten dieses außergewöhnlichen Erzähltalents nur allzu selten genießen. Aber nun ist endlich ein neues Buch von Karen Duve erschienen, der Regenroman. Selten wohl trug ein Roman einen seine Wirkung derart treffend charakterisierenden Titel, auch wenn es in manchen der zehn Kapitel, denen jeweils ein kurzer Wetterbericht vorangestellt ist, nur sehr wenig oder gar nicht regnet. Denn es bleibt durchgehend feucht, und es gibt mehr als eine Passage in diesem Buch, die den Leser genauso frösteln läßt wie die Protagonisten. Bei diesen handelt es sich um ein frischverheiratetes Ehepaar, Martina und Leon Ulbricht, die sich irgendwo in Ostdeutschland am Rande eines Moores ein Haus gekauft haben, abseits von der Hektik der Großstadt und mitten in der sogenannten Natur. Der 38jährige Leon ist Schriftsteller, das heißt, er schreibt »Kurzgeschichten über enttäuschte Männer, die ihm ähnelten, und Gedichte, die sich nicht reimten und nicht gut verkauften«. Kein Wunder eigentlich, heißt doch einer seiner Lyrikbände tatsächlich »Schreib oder Schrei«.

Hauptsächlich ist es die relative Erfolglosigkeit, die Leon von einem Wolf Wondratschek, dem er offenbar nachempfunden ist, unterscheidet. Er liest Bücher über den Stierkampf, gibt sich gern als harter Bursche und hat eine Rotlicht-Type mit Pferdeschwanz namens Harry zum »besten Freund«. Über Harry lernt Leon Pfitzner kennen, einen alternden Zuhälter, dem er für 100.000 Mark seine Biographie schreiben soll.

Die vierzehn Jahre jüngere Martina hat Leon bei einem Talkshowauftritt kennengelernt und mit seiner ruppigen Macho-Attitüde sofort für sich eingenommen. Daß sie eigentlich nicht viel von ihrem Mann weiß, erfährt Martina schon auf dem Weg zu ihrem neuen Domizil, als Leon nämlich durch Zufall bei einer kurzen Rast eine Wasserleiche entdeckt und ein ihr ziemlich merkwürdig vorkommendes Verhalten an den Tag legt. Aber auch sie versteht es, ihre Bulimie geschickt vor ihrem Ehemann geheim zu halten.

Doch die richtigen Probleme kommen erst, als die beiden das Haus bezogen haben. Nicht nur, daß Leon sich als handwerklicher Versager entpuppt und die Renovierung des durchfeuchteten Anwesens Züge eines Windmühlenkampfes annimmt, auch andere Vorfälle lassen die erträumte Idylle rasch zum sprichwörtlichen Alptraum mutieren. Dauernder Regen, eine Schneckenplage apokalyptischen Ausmaßes, feindselige Dorfbewohner und Probleme beim Schreiben der Zuhälter-Biographie setzen Martinas und Leons Beziehung gehörig zu, die im Nachbarhaus lebenden Schwestern Kay und Isadora stiften zusätzliche Verwirrrung, und als Pfitzner, der mit der Arbeit an seiner Lebensgeschichte gar nicht zufrieden ist, wiederholt auftaucht, kommt es zur Katastrophe.

Aus all diesen Ingredienzien ließe sich ein trefflicher Psychothriller bauen, Stoffe von Patricia Highsmith bis Stephen King lassen grüßen. Zudem zeigt Karen Duve beträchtliches Können bei der graphischen Schilderung von Gewalttätigkeiten, die ihr in diesem Genre sicherlich zupaß kommen dürften. Doch offenbar ist der reine Nervenkitzler ihre Sache nicht. Der Regenroman ist eine bewußt literarische Veranstaltung, und ihr Thema ist die Destruktion von Männlichkeit, genauer gesagt, der männlichen Hybris. Schon Johann Knöpfli, der Herr, mit dem Anita Dams in Im tiefen Schnee das oben erwähnte, eher unangenehme sexuelle Erlebnis verbuchen kann, krönt seine zunächst wenig erfolgreichen Avancen mit einer Rede, die in den Worten, er sei ein Mann, und in ihm brenne und wüte es, gipfelt. Um das Lächerliche dieser Proklamation deutlich zu machen, bedarf es in diesem Fall nur des Konjunktivs der indirekten Rede. Bei Leon Ulbricht, dessen Selbstbild zu Beginn des Romans kaum Kratzer zeigt, muß die Autorin stärkeres Geschütz auffahren. Die so gar nicht idyllische Natur ist es, die den Macho zur Strecke bringt. Schon kurz nach dem Einzug dämmert es ihm wie weiland Max Frischs Technikfetischisten Walter Faber: »O nein, die Natur war nicht lieblich. Sie war böse, undiszipliniert und dreckig, und sie war Leon und seinen Anstrengungen und Hoffnungen grundsätzlich feindlich gesonnen.« Doch zu diesem Zeitpunkt ist er noch kampflustig. Als er aber den Krieg gegen die Nacktschnecken verloren weiß und zudem den weichen Fleischmassen der Nachbarin Isadora erliegt, ist Leons Schicksal besiegelt. Während Martina mit Benzin und Streichholz ihr Kindheitstrauma angeht, ergibt er sich der geistigen und körperlichen Regression und endet, wie nicht anders zu erwarten, im Sumpf.

Der Roman selbst allerdings ist hier noch nicht ganz am Schluß angelangt. Die letzte Seite wartet mit einer Pointe auf, die wenig Zweifel daran läßt, daß es sich bei Leon Ulbricht um einen stereotypen Vertreter seines Geschlechts handelt. Andererseits ...? Es wäre wahrscheinlich falsch, sich im Regenroman irgendwann auf festem interpretatorischen Grund zu fühlen, denn selten läßt erzählende Literatur die Lust an der Fiktion so deutlich spüren wie dieses Buch. Karen Duve ist eine Autorin, die mit Wonne Motive und Handlungsmuster herbeizitiert, die kraß naturalistisch anmutende Schilderungen im nächsten Moment ihre Künstlichkeit offenbaren läßt und in deren stärksten Momenten die Sprache das Beschriebene einfach überrollt. Leser mit einem Sinn für düstere Komik, denen Irritation ästhetisches Vergnügen bereitet, sollten ihre bösen Märchen zu schätzen wissen.

Karen Duve: Im tiefen Schnee ein stilles Heim. Erzählung. Achilla Presse, Bremen 1995, 94 Seiten, 20,- DM
Karen Duve: Regenroman. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 1999, 299 Seiten, 36,- DM

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00:00 26.03.1999

Ausgabe 42/2021

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