Die Maschinistin

Kanzlerin Angela Merkel ist der Gegenentwurf zu Christian Wulff: Man will ihr glauben. Nur Joachim Gauck könnte ihrem Politikmodell gefährlich werden

Der demokratische Fürst und sein Volk verhalten sich zueinander in den beiden Wirkkräften des Marktes. Die eine ist die Konvergenz – immer mehr ist der Herrscher „einer von uns“, was Auftreten, Dresscode und Sprache anbelangt. Die andere ist die Differenz – man legt eben doch „andere Maßstäbe“ an einen Bundespräsidenten an als an normale Bürger. Der demokratische Fürst ist also immer mehr so wie andere, wie ein Fernsehentertainer etwa oder ein Erlebnisgastronom oder eine Ärztin. Und er ist doch immer mehr etwas ganz anderes, nämlich Mitglied einer „politischen Klasse“, die sich zu einer sehr eigenen Kaste entwickelt hat, die die Wurzeln in der Wirklichkeit verliert und voller Geheimwissen und Nebenabsprachen steckt.

Das macht eine Politikerkarriere nicht eben einfach: Man muss ganz nah an jenen scheinen, von denen einen Welten trennen. Das kann erstaunlich gut klappen. Oder es kann erstaunlich schiefgehen, wie man an den jüngsten Beispielen gut sehen kann. Eben das, woran Christian Wulff scheiterte, das macht Angela Merkel so stark. Wulff ist weg. Merkel bleibt. Und wirkt irgendwie – alternativlos.

Christian Wulff ist nicht „korrupt“ im klassischen Sinne. Jedenfalls nicht korrupter als andere in seiner Klasse, oder? Er ist nur einer von denen, die geblendet sind von der anderen Seite. Er will weniger von der Seite der Reichen etwas haben als vielmehr zu ihnen gehören, mit den entsprechenden Insignien, den Ritualen. Er will Freunde haben in der Klasse, die er mehr bewundert als die eigene. Unter Freunden schenkt man sich schon mal was, hilft man sich schon mal. Das ist etwas anderes als direkte persönliche Korruption. Die Grenzen zwischen der politischen und der ökonomischen „Elite“ verschwimmen.

Und es verschwimmen die Möglichkeiten der Selbsteinschätzung, sodass man glaubt, die kleine Teilhabe am Spiel der Reichen stehe einem einfach zu. Christian Wulff, so steht zu befürchten, wird nicht für seine Bestechlichkeit bestraft, sondern für seine Dummheit, mit der er die Durchdringung von ökonomischer und politischer Macht sichtbar gemacht hat.

Angela Merkel hatte diesen Ehrgeiz keinen Augenblick. Sie bleibt in der hedonistisch-luxuriösen Welt der ökonomischen Oligarchie und deren Entourage nur höflicher Gast. Ihre Macht – man sagt, sie sei derzeit die mächtigste Frau der Welt – kommt aus der Abstraktion ihrer Beziehung zur ökonomischen Oligarchie: Sie zügelt die Konvergenz, sie betont die Distanz. Sie hat da keine „Freunde“.

Dennoch hat sie sich die Sache der „deutschen Wirtschaft“ zu eigen gemacht. Ihr einziges Ansinnen scheint es, die deutsche Wirtschaft – oder auch: das durch-ökonomisierte Deutschland – zu einem Erfolgsmodell zu machen. Es geht um Effizienz. An ihrer Form der Machtausübung scheint so gar nichts schmutzig. Sie stellt sich, so kommt das rüber, ganz uneigennützig in den Dienst des organisierten Eigennutzes. Sie regelt ganz vernünftig ein vollkommen irrationales System, sie besorgt moderat-weiblich ein männlich-hysterisches Geschäft.

Dabei macht sie auch nicht den Fehler der ständig „Wachstum“ schnarrenden FDP-Politiker, die sich gleichsam in den Neoliberalismus als Religion verrannt haben und im Geheimen mit ihren ökonomischen Göttern hadern. Deren Nepotismus und Klienteldenken sind so lächerlich, wie die Korruption von Christian Wulff in all ihrer Kleinkariertheit rührend ist. Da steht Angela Merkel drüber; sie ist schon die Gestalt gewordene Regierung der Technokratie, die sich Postdemokraten für jede Krise erträumen. Die Marktradikalen brauchen Gegner; Merkel bleibt dagegen strikt bei der Sache. Daher kann sie uns eine Gesellschaft, in der man bald wirklich nicht mehr leben will, so ungerecht, unfrei und unsolidarisch ist sie, als Erfolgsmodell verkaufen. Weil sie als Maschine ja bestens funktioniert. Angela Merkel ist das Gesicht einer solchen Maschine, die gar nicht anders kann als erfolgreich produzieren. Wir glauben ihr – im Gegensatz zu Wulff und anderen –, dass sie selber außerhalb der Maschine bleibt, die sie so perfekt bedient. Sie wird nicht von ihr verschlungen wie Chaplin in den Modernen Zeiten, noch muss sie sich an den Auswurf von Produktion und Profit drängen.

Angela Merkel ist der richtige Mensch für die Art des Kapitalismus, der den Deutschen angemessen scheint. Man redet über Geld nicht in Bezug auf das, was man sich dafür leisten kann, sondern auf das, was man dafür geleistet haben will. Das protestantische Pfarrhaus als Hintergrund verstärkt diesen anti-hedonistischen Kapitalismus ebenso wie die akademische Tätigkeit in der Naturwissenschaft.

Kleine Sprachschwurbel

Nie schien der deutsche Kapitalismus so protestantisch wie in der Ära Merkel, und nie schien seine Brutalität so fürsorglich moderiert. Aber warum glauben wir alle so sehr an Angela Merkel – denn ja, auch ihre Gegner „glauben“ ihr? Weil sie eine Frau ist? Weil sie die Lebensentwürfe der Ost- und der Westdeutschen einschließlich aller Diskurse von „Führung“, „Entscheidung“ oder „Repräsentanz“ so perfekt vereint? Ist sie das ehrliche Gesicht eines verlogenen Systems? Oder der kalte Kern eines Kapitalismus, der nach physikalischen Gesetzen funktioniert, ohne Sentimentalitäten?

Angela Merkel kann nicht reden. Das meint nicht nur, dass sie kein Talent dazu hat, mitreißende oder wenigstens nicht einschläfernde Reden zu halten, oder dass sie sich schwertut mit Konversation. Was wir an ihr lieben, sind diese kleinen Sprachschwurbel, die im günstigen Fall etwas zur Kenntlichkeit verzerren. Im weniger günstigen Fall führen diese Schwurbel indes in ein Nirwana, das in Zusammenhang mit Merkels stets rundender Gestik tatsächlich dem Blasen-Bilden, dem „Blubbern“, sehr nahekommt, das wir Politikern gern unterstellen. Aber Angela Merkel, so scheint es, blubbert für deutsche Ohren angenehm. Ihr Nicht-Sprechen blubbert genau die Wahrheit, die wir uns erhoffen. Der angesprochene – oder angeblubberte – Mensch hat die Erlaubnis, sich okay zu fühlen.

Die oberste Maschinistin der deutschen Wirtschaft zeigt Distanz zu ihrer Maschine. Die muss gewartet und geölt werden, gewiss doch. Aber niemals könnte sich die protestantische Physikerin in eine Maschine so verlieben, wie, sagen wir, ein katholischer Mann, dem es vor lauter Liebkosen und Bewundern die Augen verdreht. Was sich nicht in Formeln fassen lässt, so scheint es bei Merkel, davon kann man auch nicht reden.

„Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“, meinte einst Helmut Schmidt. Angela Merkel würde nicht einmal den Witz verstehen. Die deutsche Wirtschaft oder Deutschland als Wirtschaft braucht keine Visionen, sondern Wartung. Und natürlich Wachstum, aber nicht im Sinne der phallischen Fantasien der Boys von den Marktradikalen, sondern „mit Augenmaß“. Neben dem Umstand, dass Merkel den Unterschied zwischen politischer und ökonomischer Macht respektiert, ist das wohl der Grund, warum wir ihr vertrauen wollen: Sie vermittelt den verlässlichen Eindruck, dass sie die Maschine, die man ihr anvertraut hat, nicht kaputt macht.

Die deutsche eiserne Lady

Die Maschine „deutsche Wirtschaft“ ist auch eine Mythe. Damit sie weiter funktioniert, muss sie die anderen Maschinen – die ökonomischen wie die mythischen – Regeln und Mechanismen unterwerfen. Das Beispiel Griechenland zeigt „das wahre Gesicht“ der abstrakten Gottheit „deutsche Wirtschaft“. Und das ist böse, wirklich. Es passt nicht zu Angela Merkel. Wenn man sie dort in Nazi-Uniform abbildet, wollen auch die kritischeren Zeitgenossen hierzulande eine Grenze ziehen: So nicht! Aber kann Angela Merkel auf Dauer dieses böse, das Schäuble-Gesicht der Politik verbergen, das die „deutsche Wirtschaft“ zum eigentlichen Souverän hat?

Angela Merkel ist die geschmeidigere, aber auch ein wenig drögere, sehr deutsche Version einer „eisernen Lady“. Das Antidot zu einer „aufgeweichten“ Männlichkeit in der männlich notierten Politik. Das Musterbeispiel für eine solche aufgeweichte Männlichkeit, so schließt sich der Kreis, war Christian Wulff.

Angela Merkel ist der Endpunkt. Der Status quo für immer. Was könnte nach ihr kommen? Denken Sie nach. Nichts, was nicht wieder Spaltung und Zerrissenheit, Unsicherheit und, nun eben, Korruption bedeutete. Sie ist nicht bloß das kleinste Übel.

Denn zu der mehr oder weniger mütterlichen, mehr oder weniger wissenschaftlichen, mehr oder weniger pfäffischen Neutralität einer Macht wie der von Angela Merkel gibt es nur zwei Alternativen. Die eine ist die hemmungslose mafiose Hedonisierung der Macht, ein Berlusconismus. Und die andere wäre eine politische Institution mit gefüllter Moral, mit wirklicher Handlungslegitimation. Es wäre die Rückkehr eines politischen Wollens anstelle des preußischen „Wat mutt dat mutt“, das die Kanzlerin, als sie einmal launig sein wollte, als wahres Programm ihrer Regierung verkündete. Die Macht des Merkelismus liegt darin, diese beiden extremen Widerparts zu eliminieren.

Für Salzstangenpsychologen mag dies allzu rasch ins Bild von der starken Frau münden, die sich nur mit schwachen Männern umgeben mag. Ein Machtknoten à la Merkel allerdings funktioniert auch noch jenseits solcher Mythopoetik der Macht. Andererseits funktioniert er nur, solange es keinen Gegenpol gibt. Damit ist nicht ein „Feind“ gemeint, sondern, im Gegenteil, ein Widerpart im gleichen Lager, in der gleichen Idee (nennen wir sie, mit allem Vorbehalt, „konservativ“).

Ist Joachim Gauck als Bundespräsident ein solcher Widerpart? Und könnte er dem Merkelismus gefährlich werden? Gleichgültig, ob es sich auch hierbei um nichts anderes handelt als um Schimäre und Medienprodukt: Er ist das Bild gefüllter moralischer Integrität geworden. Er ist ein väterliches Gegenbild zur technokratischen Herrschaft jener teutonischen Iron Lady. Deren Wirkmacht strahlt ohnehin viel eher nach außen, als den maroden Kern einer Gesellschaft zu berühren, die nicht weiß, ob sie vor Stolz oder vor Scham platzen soll.

Joachim Gauck, immerhin, wäre ein Präsident, der zeigte, dass Macht und Repräsentation auch anders aussehen können als im Merkelismus vorgesehen. Anders auf jeden Fall – kritische Zeitgenossen meinen: vielleicht noch schlimmer. Einen guten Präsidenten als Widerpart jedenfalls kann Merkels Art von Herrschaft überhaupt nicht brauchen.

Georg Seeßlen, Jahrgang 1948, ist Autor, Feuilletonist, Kritiker und Radiomacher. Im Freitag hat der Kunsthistoriker zuletzt das Lebensgefühl des Red-Bull-Kapitalismus analysiert. Sein neues Buch Wir Untote handelt von Posthumanen, Zombies, Botox-Monstern und anderen Über- und Unterlebensformen

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12:07 24.02.2012

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