„Die Menschen wollen das“

Ostukraine Premier Plotnizki träumt davon, mit der Volksrepublik Luhansk bald von Russland aufgenommen zu werden
„Die Menschen wollen das“
Igor Plotnizki wartet auf ein Zeichen aus Moskau

Foto: Jens Malling

Tageslicht spiegelt sich im Stahl ihrer Maschinenpistolen. Die Leibwächter von Igor Plotnizki tasten die Besucher mit unbewegtem Gesichtsausdruck und professioneller Sorgfalt ab. Im Vorzimmer des Chefs der Volksrepublik Luhansk gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Mäntel, Jacken, sämtliche Taschen und die Fotoausrüstung sind abzugeben. Noch immer gibt es Gefechte in der Umgebung der Großstadt im ukrainischen Osten.

Luhansk, 35 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt, zählte Anfang 2014, bevor der Konflikt mit der Regierung in Kiew gewaltsam ausgetragen wurde, gut 400.000 Einwohner. Inzwischen hat deren Zahl deutlich abgenommen, viele Familien sind zu Verwandten in die Russische Föderation geflohen. Ob sie zurückkehren, sollten die Feindseligkeiten eines Tages enden, erscheint zweifelhaft. Igor Plotnizki hätte ihnen außer Wiederaufbau und Entbehrungen nicht viel zu bieten. Die Wohnblöcke rechts und links von seinem Amtssitz wirken verlassen und verwahrlost. Zuweilen trägt der Wind die Geräusche unvermutet aufflackernder Schießereien bis in die Innenstadt, dann tritt ebenso unvermutet wieder Stille ein, was den Besucher aufatmen lässt.

Seit August 2014 steht Plotnizki als Ministerpräsident an der Spitze der von niemandem anerkannten Volksrepublik. Er hat sich von Anfang an gegen den Majdan-Umsturz gestellt und führte sein Bataillon „Sarja“ gegen die neuen Machthaber in Kiew, die wiederum er nicht anerkannte. Seither steht sein Name auf einer der EU-Sanktionslisten. Kein EU-Staat darf ihn einreisen lassen. In seiner Machtenklave Luhansk werden im Vergleich zur Praxis der anderen, der Donezker Volksrepublik, Journalisten selten vorgelassen, geht es etwa um Interviews mit Autoritäten wie Plotnizki. Das hat die wildesten Spekulationen darüber genährt, was in diesem Rajon der Abtrünnigen womöglich so alles vorgeht.

Morde an der Entourage

Zum Interview in seinem Arbeitszimmer trägt Plotnizki trotz seiner massigen Gestalt einen leichten Straßenanzug und wirkt geradezu elegant, als er an den Konferenztisch bittet, von seinen Leibwächtern beobachtet und bewacht. „Mit Hilfe ihrer amerikanischen und kanadischen Berater baut die ukrainische Armee derzeit Spezialeinheiten auf, die in das von uns kontrollierte Gebiet einsickern.“ Deshalb müsse man immer mit allem rechnen, er habe bereits einen Mordversuch überlebt. Andere, Militärs und Mitglieder seiner Regierung, seien durch gezielte Angriffe weit von der Frontlinie entfernt getötet worden. Zum Beispiel Kommandeur Alexander Bednow, bekannt als „Batman“, der bei einem Feuerüberfall auf seinen Konvoi starb. Oder Kosakenführer Pawel Drjomow, dem eine Autobombe in der Stadt Perwomajsk zum Verhängnis wurde. „Zuletzt kam unser Militärchef Oleg Anaschtschenko bei einem Anschlag mitten in Luhansk ums Leben. Wir sehen darin einen Versuch der westlichen Demokratien, zum Frieden in unserer Region beizutragen.“

In der Donezker Volksrepublik, der anderen Entität der Separatisten, ist die Liste getöteter hoher Militärs etwa gleich lang. „Wir beantworten Terror nie mit Terror“, beteuert der 53-jährige Plotnizki, „und sind kategorisch gegen diese Art von Krieg. Wenn die Ukraine unbedingt die Entscheidung will, sollte sie die auf dem Schlachtfeld suchen.“ Hält Plotnizki sein Leben für bedroht? „Wenn du persönlich von einer Sache betroffen bist, kriegst du ein anderes Verhältnis zu deiner Sicherheit. Wir werden alle sterben. Die Frage ist nur, wie. Und aus welchem Grund.“

Wie einige Leute aus Plotnizkis Entourage ums Leben kamen, dazu wird in den ukrainischen Medien viel geschrieben und kolportiert, dass die Luhansker Führung dafür selbst verantwortlich sei. Es habe Säuberungsaktionen gegeben, die eine Folge interner Machtkämpfe gewesen seien. Zwei prominente Luhansker Separatisten – der frühere Ministerpräsident Gennadij Zypkalow und Militärchef Witalij Kisseljow – waren angeblich in einen Putschversuch gegen Plotnizki verwickelt. Wie auch russischen Quellen zu entnehmen ist, so dem Internetmedium Gazeta.ru, starben beide im September 2016, als sie in Untersuchungshaft saßen. Zypkalow habe sich in seiner Zelle erhängt, so die offizielle Erklärung. Auf Zypkalows Schicksal angesprochen, meint Plotnizki: „Das ganze Material der Ermittlung wird in Kürze dem Gericht übergeben. Bald werden wir alle Einzelheiten zu diesem Todesfall kennen.“

Sklave seines Volkes?

Weiterhin lässt sich die Konfrontation in der Ostukraine nicht so weit entschärfen, dass zumindest die immer wieder aufflammenden, oft verheerenden Artillerieduelle ein Ende haben. Schon zu Beginn des Jahres war erkennbar, dass sich keinerlei Entspannung abzeichnete. Auf eigene Initiative blockierten ukrainische Kriegsveteranen und Milizionäre sämtliche Transitwege, die bis dahin noch mit den Territorien der Sezession verbanden. Kiew ließ es geschehen, so dass jedweder Handel endgültig zusammenbrach. Am 1. März reagierten die Führungen in Donezk und Luhansk, indem sie ukrainische Unternehmen auf ihrem Gebiet unter „externe Verwaltung“ stellten, quasi verstaatlichten.

„Die Blockade gegen unsere Region zeigt, dass entweder Banditen die ukrainische Regierung leiten oder die ukrainische Regierung unter dem Druck von Banditen steht. Wie sonst lässt sich erklären, dass Präsident Poroschenko eine derart unwürdige Entscheidung trifft?“, fragt Plotnizki in Anspielung darauf, dass Kiew inzwischen hinter der Blockade steht. Und das trotz der Abhängigkeit ukrainischer Kraftwerke von Kohlelieferungen aus den Donbass-Gruben. „Sie wollen damit die Widerstandsfähigkeit unseres Volkes treffen, um uns zu brechen. Aber genau das Gegenteil passiert: Diese Repressionen machen uns noch sicherer, das Richtige zu tun. Das Embargo gegen uns funktioniert so wenig wie die Sanktionspolitik des Westens gegen Russland. Stattdessen werden die EU und die Ukraine dadurch verlieren, dass sie Gegenspieler wie uns zu isolieren suchen. Außerdem verstößt die Blockade gegen das Minsker Abkommen. Ich möchte anmerken, dass dies die deutsche Kanzlerin wie auch der französische Präsident Herrn Poroschenko genau so gesagt haben“, räsoniert Plotnizki.

Derzeit wolle Luhansk den in der Ukraine verlorenen Absatzmarkt durch Exporte nach Russland kompensieren. Mit Blick auf die Enteignung ukrainischer Firmen weist Plotnizki den Vorwurf zurück, seine Republik habe diese Betriebe unrechtmäßig übernommen. „Leider ist Verwirrung entstanden darüber, was externe Verwaltung bedeutet. Es geht darum, dass diese Unternehmen im Einklang mit den Gesetzen der Luhansker Volksrepublik existieren.“

Der Krieg, die Blockade, der Bevölkerungsrückgang, geschlossene Betriebe und mehr Arbeitslose, dazu der ungeklärte Status der Volksrepubliken, das alles stellte deren Autoritäten vor nahezu unlösbare Aufgaben. Wie sollte man damit umgehen? Igor Plotnizki bringt die Frage nicht weiter in Verlegenheit. „Die ersten drei Jahre unserer Unabhängigkeit waren nur die ersten Schritte unterwegs zu dem Ziel, Teil der Russischen Föderation zu werden. Ich weiß, die Menschen hier wollen genau das. Und als Regierungschef habe ich die Pflicht, den Wünschen des Volkes nachzukommen. Wir warten daher nur auf die Entscheidung Russlands.“ Es sei für ihn nur eine Frage der Zeit, dass sich Luhansk für immer von der Ukraine verabschiede. „Nach all dem Leid, das die Armee dieses Staates unserem Volk zugefügt hat, und all den Erklärungen aus Kiew haben wir keine andere Wahl. Wir werden nie wieder zurückkehren – wir sind keine Masochisten.“

Auf welche Signale aus Moskau sich derartige Zuversicht gründet, dazu lassen sich Plotnizki während der Begegnung keine Aussagen entlocken. Auf entsprechende Fragen weicht er immer wieder aus und rühmt stattdessen die Nothilfe der Russen auf der anderen Seite der Grenze, die Medikamente und Wollsocken nach Luhansk schicken würden. Ansonsten sei Wladimir Putin für die russische Außenpolitik verantwortlich. „Wenn er findet, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird er dieses Thema behandeln. Wenn wir ein Teil der Russischen Föderation werden, ist es für uns gleichgültig, was der Rest der Welt darüber denkt“, fügt er hinzu. „Ich möchte gern wissen, welche Standards der westlichen Demokratie wir in Luhansk, Donezk oder auf der Krim nicht erfüllen. Die Bürger in diesen Gebieten haben ihren Willen durch freie Wahlen zum Ausdruck gebracht. Warum respektiert die EU nur dann den Willen des Volkes, wenn es für sie opportun ist? Mir scheint, dass der Westen kein großes Interesse an der Demokratie hat, sondern nur sein Spiel mit der Demokratie treibt.“

Einer der Leibwächter zeigt an, die für das Interview vorgesehene Zeit sei abgelaufen. Der Chef der Republik hebt abwehrend die Hand und spricht weiter. „Wie jeder Regierungschef kann ich nicht sagen, dass mir alles gelungen ist, was ich wollte. Vor langer Zeit sagte Wladimir Putin, er arbeite als Präsident wie ein Sklave auf einer Galeere. Damals verstand ich nicht, was er meinte. Inzwischen verstehe ich diese Äußerung besser. Um das Schiff zu bewegen, musst du rudern, du musst hart arbeiten und andere dazu bringen, das Gleiche zu tun. Meine persönlichen Wünsche und Gefühle bedeuten in dieser Hinsicht gar nichts. Wenn du versprochen hast, für das Volk zu arbeiten, musst du Wort halten.“

Plotnizki verabschiedet sich. Bei seinen letzten Aussagen erinnerte man sich unwillkürlich seiner spektakulären Aktion Anfang November 2014, als er Petro Poroschenko in einem offenen Brief aufforderte, sich mit ihm zu einem Duell auf Leben und Tod zu treffen. Der Gewinner sollte danach allein entscheiden, wie der Konflikt zwischen dem Zentralstaat und den abtrünnigen Regionen zu lösen sei.

06:00 13.10.2017

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