Die Narbe macht den Körper schön

Imitatio Christi Man muss sich den Märtyrer als einen glücklichen Menschen vorstellen

Die Passionsgeschichte kann ein gläubig erzogenes Kind in arge Gewissensnöte bringen. Früher, im Alter zwischen sechs und zehn, geriet ich zur Karwoche regelmäßig in Bedrängnis, weil ich angestrengt nach einem Mitleiden für Jesus suchte, die aufrichtige Trauer aber immer gestört wurde durch die Geschichten anderer Märtyrer, von denen ich gehört hatte. Jesu Schmerzen seien die größten gewesen, hatte man uns eingebläut, und genauso suchte ich zu fühlen, aber es war schlicht nicht einzusehen, dass Geißeln und ans Kreuz schlagen so viel mehr weh tun sollte, als bei lebendigem Leibe gebraten, entzweigesägt oder von Löwen zerfetzt zu werden. Das sind die Tücken des katholischen Naturalismus. Nur Mel Gibson, der Filmemacher, um den es im Folgenden nicht gehen soll, hat es mit seinem Skandalfilm The Passion of the Christ, einer Mischung aus Herr der Ringe und Splattermovie, geschafft, alle Zweifel zu beseitigen: er verwandelt die Jesusfigur in ein rohes Stück Fleisch. Keine Frage mehr, sein Leiden war das größte.


Was ist ein Märtyrium? Was ist die Lust an der Passion? Und worin besteht das Fasziosum, an das Mel Gibson rührt mit dem Thema seines Films und der Art, wie er es aufnimmt? Die Heilige Agatha lebte unter dem Kaiser Diokletian und wollte nicht vom Glauben lassen. So hat man ihr grausam mit Stricken und Binden den Leib zerschlagen, "darnach" - so sagt die Legende - "ihre Bürste an ihrem herzen abscheiden: Item das Fleisch unten an den Fußsohlen abreißen" und sie auf zerbrochenen Scherben gehen lassen. Dem heiligen Vincentius stießen die Henker eiserne Kämme tief in die Seiten, sie rissen ihm die Rippen heraus, drückten ihm Nägel und glühende Klingen in alle Glieder. Vincentius bestieg freiwillig den Rost und ließ sich braten und brennen, seine Eingeweide hingen aus dem Körper heraus, doch bei alldem blieb er "unbeweglich mit nach oben gerichteten Augen zum Herrn." Auch die "liebe Agatha" zeigte sich mit "mit fröhlichem Angesicht und unerschrockenen Worten". Als man sie zum Tode und zur Marter führte, tat sie als führe "man sie zum Tanze oder zu einem köstlichen Wolleben."

Märtyrerlegenden sind Foltergeschichten der besonderen Art. Der ehemals juristische Begriff "Märtyrer" bezeichnete im antiken Sprachgebrauch einen Zeugen im Gerichtsprozess, im christlichen Kontext wird aus ihm ein (Blut-)Zeuge der Auferstehung, einer, der stirbt um des Glaubens willen. Während im Islam mit dem Martyrium vorwiegend das Sterben im Kampf für den Glauben gemeint ist, geht es in der christlichen Märtyrerlogik nicht so sehr ums Kämpfen sondern ums Durchhalten, um die Inauguration des Prinzips der Passivität, um die Imitatio Christi. Diese Märtyrer leiden nicht. Sie freuen sich. Sie blicken meist verzückt, gen Himmel gerichtet die Augen, die Folter kann ihnen nichts anhaben. In feiner Äquivalenz korrespondiert das Maß der irdischen Qual dem Maß des himmlischen Heils - je größer der Schmerz, desto schöner wird die Erlösung sein. "Tue mit mir, was du willst", treibt das Opfer den Henker an, "mir ist deine Qual eine Salbe". Eine Großzahl der christlichen Märtyrer sind überdies weiblichen Geschlechts, und egal wie man sie auch durchbohrt und schindet, sie sterben, der Legende zufolge, immer als Jungfrauen.

Märtyrerlegenden haben, wohlgemerkt, wenig mit der Realität zu tun. Sie sind Literatur, kollektive Phantasie, die in ihrer Übertriebenheit über alles hinausgeht, was in der recht nüchtern gehaltenen biblischen Passionsgeschichte steht; sie bilden eine einzigartig typische Mischung aus den Erfahrungen frühchristlicher Verfolgung, Auferstehungsmystik und der doppelbödigen Liebesethik des neuen Testaments. Friedrich Nietzsche, der das Christentum roch wie Schwefel, hat den Gott am Kreuz nicht ganz zu Unrecht als Perversion gedeutet, eine Umkehrung des natürlichen Strafbedürfnisses. Das Christentum verschiebt den Opfergedanken unter Beibehaltung seiner Prinzipien von Stellvertretung und Tausch. Ein Paradox ist es tatsächlich, dass nicht die Menschen dem Gott opfern, sondern Gottes Sohn sich den Menschen opfert, ein Paradox und ein "Geniestreich", wie Nietzsche sagt, denn wo das unschuldige Lamm Gottes stellvertretend alle Sünde der Welt auf sich nimmt, "gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben", haben wir im Tausch - denn kein Opfer ist umsonst - einen perfiden Wechsel am Hals: solche Liebestat auf Pump und im Voraus ist nicht aufzuwiegen. Ist es da ein Wunder, dass mancher so gerne Christus folgen möchte in seinem Leid? Schmerz erlöst. "Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken", betet der gute Katholik und pocht sich dreimal an die Brust, "durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld."

Dass die christlichen Passionsnachfolgen, vor allem aber in den Heiligenlegenden, von einer verkappten Erotik getragen sind, dass es in der "Ertödtung des Fleisches" um Sexualität qua Negation geht, ist oft gesehen worden. In ihrer Studie Martyrium und Pornografie bezeichnet Gabriele Sorgo die Heiligenlegenden als Vorläufer der heutigen Snuff-Videos, die ebenfalls mechanisch mit dem Tod des Opfers enden. Pornografie negiere die Seele in derselben Weise wie der christliche Martyriumsgedanke den Körper, beide verfolgten die Logik einer absoluten Trennung von Geist und Leib, bis hin zur totalen Ekstase.

Das Martyrium war Hingabe, es kitzelte den Todestrieb und entwickelte offenbar eine schwer zu bremsende Eigendynamik. Die Amtskirche hat die Heiligenlegenden als beispielgebende Literatur geduldet, nie aber als offizielles Schriftgut anerkannt und war stets in Besorgnis um das Übermaß der Affekte, auch in den späteren Formen des vergeistigten Martyriums, der harten Askese, des Fastens und der Selbst-Geißelung, der disciplina. Sprichwörtlich ist die Hysterie der Geißlerzüge des 13. Jahrhunderts, und auch heute noch soll es während der Semana Santa in allen möglichen Teilen der Welt zu bedenklichen Exzessen der spirituellen Schmerzlust kommen.

Die Flagellation stand immer im zweideutigen Ruf der lustbefördernden Kasteiung. Schon aus der Antike gibt es Berichte über die potenzsteigernde Wirkung von Rutenschlägen, in der Neuzeit entwickelte sich gar ein medizinischer Diskurs ausgehend von Johann Heinrich Meiboms Traktat über Die Nützlichkeit der Geißelhiebe in den Vergnügungen der Ehe, so wie in der ärztlichen Praxis (1639), und im vikorianischen Zeitalter wurde das Peitschen zu einem "englischen Laster". Erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings begriff man die Flagellation als Sexualpathologie und sexuelle Abweichung. Das war, schreibt Michael Farin im Vorwort einer historischen Textsammlung zum Thema, "der Anfang vom Ende des Flagellantismus". Widersagt ihr dem Teufel?, fragt der Priester die Gemeinde, die antwortet: "Wir widersagen".

Wie wird aus Schmerz Lust, wie wird aus Leid Freude? Auch hier gilt die Logik der Substitution, das Mysterium der Einheit der Gegensätze. Es scheint, als sei unser Fühlen in seinen tiefsten Schichten nicht fähig zu unterscheiden, als nähme es hier nur das Quantum wahr, bloß die Stärke eines Reizes, und wüsste deswegen das eine ins andere zu verwandeln. Die Märtyrer jedenfalls verneinen den Leib so sehr, bis sie nichts mehr außer Leib sind. So kippt das erwartete Jenseits in reines Diesseits zurück.

Die Erotik des Martyriums versinnbildlichen am deutlichsten die Darstellungen des Heiligen Sebastian, der schwulen Ikone par excellence. Nicht umsonst beschreibt der Schriftsteller Yukio Mishima seine ersten erotischen Genüsse beim unerwarteten Anblick des pfeildurchbohrten Säulenheiligen. Sadomasochistische Praktiken übernehmen die christliche Ikonographie des Schmerzes als Spiel und Szene, sie offenbaren ihren Bühnencharakter, ihre absolute Künstlichkeit. Gerne wüsste man, in welchem Maß die christliche Religion mit ihrer "schwarzen Wollust" (Sorgo) selbst den Nährboden und die kulturelle Voraussetzung für sadomasochistische Praktiken bilden. Gäbe es einen Sadomasochismus, die süße Lust am Schmerz, ohne Christentum?


Die Religion, das Bewußtsein von der strafenden und beglückenden Allmacht Gottes, für sich allein wirkt niemals zivilisierend oder affektdämpfend", schreibt Norbert Elias in Über den Prozeß der Zivilisation, seiner Theorie von der historisch fortschreitenden Mäßigung der Affekte und der Verinnerlichung der Zwänge. Im Gegenteil, die Religion sei immer nur genauso "zivilisierend", wie die Gesellschaft, die sie trägt.

Was tut nun Mel Gibson, wenn er heute filmisch-realistisch an die Passionsgeschichte anknüpft? Stellt er den geschundenen Jesus als Sinnbild des gesamten Christentums dar, gefoltert von seinen Feinden? Das wäre absurd. Die Figur des Märtyrers, die sich mit der des (Sado-)Masochisten und der des Helden im Kampf jeweils in Teilen überschneidet, aber eben nur in Teilen, stimmt nicht mehr. Sie ist absolut archaisch und auch von den Kirchen nicht mehr zu halten. Und sie wäre die falsche Antwort auf sich derzeit verändernde Gewaltökonomien.

Es gibt keine Märtyrer mehr. Was heute unter dem Terminus "Selbstmordattentäter" als Martyrium auftritt, ist nicht religiös, sondern politisch, ist nicht Verklärung des Leides zu höherem Ziel sondern Kampf für eine andere irdische Ordnung. In der westlichen Welt hat der Gedanke vom Opfer und dem Sterben für ein Ideal (mit Ausnahme kleiner Residuen vielleicht) derzeit kaum einen Boden mehr, und so lebt das Prinzip Martyrium auf fast anästhetischer Schwundstufe im Dschungelcamp oder in Bodybuildingstudios als Exerzitium fort. Das mag angehen.

Das Wichtigste im Umgang mit dem Modell Märtyrer ist es, zwischen Spiel und Ernst zu unterscheiden, auch wenn das Spiel sich so gern zum Ernst aufplustert und der Ernst so gerne tut, als spiele er nur. Die Grenzen sind hier in den Grauzonen auch solche des persönlichen Geschmacks. Keine Ideologie aber - sei es die des heroischen Kämpfers oder die des leidenden Dulders - sollte Opfer, sollte Terror, Folter, Krieg zu irgend einem Zweck schön reden. Sie sind, auch das wusste Nietzsche, nichts als rohe und brutale Gewalt, unsinnig und reine Willkür der Macht, durch nichts tröstend zu lindern. Schmerz ist Schmerz. Das jedoch hat nichts zu tun mit seiner erotischen Besetzung im Spiel, in der Simulation, von der die christliche Ikonographie einiges vormacht. In der Stilisierung der Wunde schafft sie das schöne Objekt, und sie rührt mit ihren kitschig blutenden Herzen. In ihrer Bildtradition wirkt sie wie das Archiv eines alten Affektausdrucks, den wir heute kaum mehr kennen. Davon wusste der tumbe Willens-Positivist Nietzsche dann doch zu wenig: von dem romantischen Mehrwert des Schmerzes als Kunstwerk.


00:00 19.03.2004

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