Die permanente Avantgarde

Genialer Bildungsbürger Theodor W. Adorno hat die Widersprüche seiner Zeit aufgeschrieben. Sie verfolgen uns noch heute

Bislang hat in all den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag noch niemand behauptet, dass Theodor W. Adorno ein wirkungsloser Klassiker geworden ist, dessen Bücher distanziert und abgeklärt wie die Max Webers oder Georg Simmels gelesen werden könnten. Die alten Streitereien zwischen ihm und seinen Studenten und Studentinnen werden nochmals aufgewärmt und es wird darüber diskutiert, was heute als affirmativ und positivistisch zu gelten hat. Auch sind wieder viele Stänkereien gegen Habermas zu lesen - ein untrügliches Zeichen für eine Wertschätzung der ursprünglichen "Kritischen Theorie".

Dabei dürfte noch die Erinnerung daran mitspielen, inwieweit Adorno als Galionsfigur einer linken Theorie galt, die nicht nur innerhalb der Soziologie zum ersten - und letzten - Mal in der Geschichte der Republik eine kulturelle Hegemonie erringen konnte. Von ganz links wurde er zwar von den sechziger bis in die achtziger Jahre hinein attackiert, doch das war zu verschmerzen, schließlich gehörte Adorno nach seinem Tod, den Scharmützeln zwischen ihm und den radikalen Aktivisten zum Trotz, zu den 68ern. Mit der Dialektik der Aufklärung ließ sich hervorragend gegen die bürgerliche Gesellschaft und die aufkommende amerikanische Postmoderne argumentieren, also gegen die europäische Vergangenheit und gegen die europäische Zukunft. Die Ästhetische Theorie wiederum forderte zum ästhetischen Elitismus auf. Wie in Trotzkijs Parole von der "permanenten Revolution" war hier die permanente Avantgarde zu finden, die nicht in ihrer Aufmerksamkeit nachlassen, nie hinter den Stand der objektiven Möglichkeiten zurückfallen und unter keinen Umständen das Eindringen der Konvention zulassen durfte. Und Worte wie "Verblendungszusammenhang" wurden gerne benutzt, legen sie doch nahe, dass der, der sie ausspricht, ihm nicht oder zumindest nichts vollends anheim gefallen ist. Die Minima Moralia allerdings drohte, diese Souveränität zu unterminieren, aber auch das konnte hingenommen werden, denn es ist kein Buch für den politischen Gebrauch, eher eines, das im stillen Kämmerlein dessen gelesen wird, der sich eine innere Einkehr genehmigt und privatim eingestehen kann, dass auch ein Hardcore-Ästhetiker seine schwachen Momente hat. (Vermutlich hat deshalb und heimtückisch Habermas die Minima Moralia zu Adornos Hauptwerk erklärt).

Nachträglich sind die in dieser Lektüre enthaltenen Irrtümer und Halbwahrheiten leicht zu berichtigen. Das Gefühl einer tiefgreifenden Krise ist auch in der Ästhetischen Theorie, die nicht elitär argumentiert, enthalten, und die Sache mit der autonomen Kunst, die gegen die Kulturindustrie verteidigt werden muss, ist verwickelter als angenommen. Adorno will nicht das Recht auf Vergnügen abschaffen, sondern er schreibt darüber, wie dieses instrumentalisiert und manipuliert wird. Es kommt also weniger auf die Unterscheidung von hoher und niedriger Kultur an, denn das Schlechte findet sich, wenn man schon diese alteuropäische Unterscheidung akzeptiert, in beiden Bereichen.

Eine Distanz zu Adorno muss auch nicht mehr aufwändig hergestellt werden. Selbst wer von seinen Hauptwerken nichts gelesen hat, weiß heute, dass er vom Jazz nichts verstand und ignorant auf die Beatles herabblickte. Wohlwollende Kritiker machen sich die Mühe und weisen nach, dass er seinerzeit in den USA den guten Jazz nicht gehört und von den Beatles nicht das formal anspruchsvollere Stg Pepper-Album rezipiert habe. Aber diese Fragestellung ist akademisch. Hätte er seine Theorie modifiziert, wenn er noch HipHop gehört und Judith Butlers Queer Theory gelesen hätte?

Die Debatten der sechziger und siebziger Jahre sind endgültig historisch geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob die Kritische Theorie und vor allem Adorno mit seiner Griesgrämigkeit, der Neigung, überall ein Haar in der Suppe zu finden und selbst bei harmlosen Alltagsbeschäftigungen zu insistieren, was diese mit dem System zu schaffen haben, mit seinem angestrengten Gestus einer heroischen Verweigerung ein fragwürdiger Bundesgenosse einer aktiven linken Bewegung ist. All das, was damals gegen ihn vorgebracht wurde, spricht auf seltsame und durchaus auch frustrierende Weise gegenwärtig für ihn. Angesichts einer fortschreitenden gesellschaftlichen Verdummung, die sich als "Agenda 2010", "Gesundheitsreform" oder "militärische Friedensmission" ausgibt, einer Marginalisierung der Kritiker und in einer Zeit, in der an eine gesellschaftliche Veränderung zum Besseren zu denken ein extrem minoritäres Geschäft ist, kann schon eine miese Stimmung aufkommen.

Der konkreten Analyse ist es vorbehalten herauszufinden, wo Adorno in der zeitgenössischen Wissenschaft und Kritik noch aktuell, wo er überholt ist, und an welchen Punkten seine Inaktualität ein Manko in aktuellen Debatten darstellt. Der Kulturkritiker Adorno hat in der Postmoderne jedenfalls einen unschätzbaren Vorteil. Wie Fredric Jameson schreibt und in zahlreichen Analysen auch durchgespielt hat, existiert eine "kulturelle Logik des Spätkapitalismus". Das der Alltagserfahrung nicht mehr zugängliche System kann in seinen Kulturprodukten erkannt werden. Innerhalb der Frankfurter Schule gibt es zwar einige, die in diesem Sinne die Ästhetische Theorie auch als Gesellschaftstheorie begreifen, aber selten genug findet diese Einsicht Eingang in konkrete Analysen.

Mit Adorno geht das kritische Geschäft in Bezug auf die Kultur besser als ohne ihn, und das nicht nur aus taktischen Beweggründen, also etwa um Cultural Studies, Konstruktivismus und Systemtheorie, denen jede Erscheinung gleich viel bedeutet, ein manipulationstheoretisches Gegengewicht zu bieten, das das Beharren auf Objektivität und qualitativen Unterschieden bekräftigt. Mit Adorno ist es denkbar einfach, den Mainstream-Film, der häufig von Werbung und Feuilleton gleichermaßen hochgejubelt wird, als ordinäre Massenware zu durchschauen. Mit der Ästhetischen Theorie und der Dialektik der Aufklärung ist es aber ebenso gut möglich, im Blockbuster Qualitäten zu erkennen.

Eines der geläufigsten Vorurteile gegen den kritischen Theoretiker lebt von seinem Status als Bildungsbürger. Gerne wird er auch zum letzten seiner Art deklariert - wobei das Genre der Nachrufe davon lebt, noch ein nun aber unwiderruflich letztes Exemplar zu bestaunen. Detlev Claussen hat in seinem Buch Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie mit seinem Untertitel immerhin eine Variation gefunden, die für die Zukunft des Individuums nicht ganz schwarz sehen lässt. Das Stichwort des genialen Bildungsbürgers ist auch vielversprechend. Adorno beruft sich auf Proust, den Gedanken-Akrobaten Paul Valéry und die literarische Moderne mit ihrer Feier individueller Originalität und Idiosynkrasie. Er wusste natürlich und hat mit seiner Theorie des Nicht-Identischen ausgiebig darüber reflektiert, dass diese Epoche vorbei ist.

Der Bürger Adorno, den Friedrich Pollock in einem Brief an Max Horkheimer im amerikanischen Exil einmal verdächtigte, er strebe nur eine Existenz als "Kleinrentier" auf Kosten des Instituts an, hatte die Widersprüche seiner Zeit aufgeschrieben: Die zwischen dem Einzelnen und totalen Systemen, zwischen der Sehnsucht nach kollektiver Arbeit und der Aversion gegen die vorhandenen politischen Organisationen, zwischen instrumenteller Vernunft und Freiheitsversprechen. Mit diesen Widersprüchen müssen wir uns heute noch herumplagen, teilweise mehr denn je. Das System ist weltweit totaler geworden, als Adorno es sich ausdenken konnte. Der Gegensatz von instrumenteller Vernunft und einer durch die Produktionsweise blockierten emanzipatorischen Entwicklung hat sich bei der Anwendung der neuen Technologien erneut reproduziert. Der Widerspruch von Individuum und Kollektiv ist zwar mit dem Verschwinden der großen linken Parteien und Bewegungen erst einmal ad acta gelegt, doch Adornos Reflexionen über die Aporien und Antinomien, mit denen der Einzelne zu kämpfen hat, sollten damit an Relevanz gewinnen.

In den Minima Moralia wollte Adorno "den besseren Zustand denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann". In der Postmoderne lässt sich mit solchen Sätzen viel anfangen. Das nomadische Ich, die Differenz, zuletzt das Konzept hybrider Identität, diese Vorstellungen klingen wie getreue Fortsetzungen von Adornos Theorie der Nicht-Identität. Aber sie enthalten auch eine deutliche Kritik an seinem bürgerlichen Ernst, seiner nationalstaatlichen oder europazentrierten Begrenztheit und seiner technikfeindlichen Introvertiertheit. Stattdessen soll es transnational und technikvermittelt zugehen und Motive wie Spiel, Vergnügen oder Begehren sollen einen höheren Stellenwert erhalten, gerade auch, um neue kollektive Möglichkeiten hervorzubringen, die das von heute aus betrachtet limitierte bürgerliche Ich nicht besaß.

Das Schlagwort vom "Ende des Individuums" ist glücklich Geschichte geworden, so dass die Vorstellung aussichtsreich erscheint, heute seien andere Formen von Individualität erreichbar, aus deren Perspektive Adornos Sensibilität, Bildung und Selbstdisziplin gelassen historisiert werden können. Vieles an seiner Kritischen Theorie kann in eine Zeit hinübergerettet werden, die immer noch nicht weiß, ob sie immer noch eine moderne oder vielleicht doch postmoderne, eine post-postmoderne oder eine ist, die noch ihren Namen finden muss. Adornos Theorie ist keine für feste Gewissheiten. Selber sprach er lieber von einem "philosophischen" oder "ästhetischen Verhalten", das angemessen auf konkrete Situationen reagieren kann. Adorno muss also nicht aufwändig "gerettet" werden. Ideologisch motivierte Grabreden gehören zum intellektuellen Tagesgeschäft.

00:00 12.09.2003

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