Die Pistensau in uns

Jede Gesellschaft hat den Massensport, den sie verdient Überlegungen zum Fall Dieter Althaus

Der Ski-Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus wirft viele Fragen auf. Wir müssen seine Situation als immer noch gefährdeter Patient, der gerade erst sein Bewusstsein wiedergewinnt, respektieren. Das verbietet Spekulationen über Schuld und Verantwortung. Was man jedoch sagen kann, ist, dass der Tod der Frau, mit der er auf der Piste in Österreich zusammengestieß, auch deshalb geschehen konnte, weil beide einen hoch riskanten Sport betrieben haben.

Man könnte darüber nachdenken, was es für unsere Kultur bedeutet, dass der Abfahrtsskilauf, der jedes Jahr einige Todesopfer und viele Verletzte fordert, zu einem industriell organisierten Massensport geworden ist. Was sind wir für eine Gesellschaft, dass kluge und leistungsfähige Individuen "zur Erholung" die Erfahrung von Einsamkeit, Freiheit und Risiko suchen, wie sie offenbar das "Schuss-Fahren" auf der gefährlichen Piste zu bieten hat?

Im Zirkus gibt es manchmal die "Nummer" der menschlichen Kanonenkugel, die sich mit großem Knall "abschießen" lässt und dann in einem geeigneten Netz aufgefangen wird. Derartige Netze gibt es auf den Skipisten nicht - und außerdem schießen hier immer mehrere gleichzeitig. Denn das ist das große Risiko, nicht etwa die Piste als solche. Es geht also nicht nur um den Schuss, es geht auch um eine potenziell aggressive Begegnung mit anderen.

Früher - in manchen Kreisen soll sich das ja immer noch halten - gab es den point d´honneur: "Sie haben mich schief angeguckt, ich fordere Sie auf Pistolen!" Da zielte die aggressive Geste auf den anderen als Person. Auf den Skipisten gibt es nur anonyme andere, bis hin zu einer Kleidung, die allenfalls noch Markennamen erkennen lässt.

Die Skiwelt macht sich ein gutes Gewissen: Eigentlich sind alle Zusammenstöße verboten - da sind die geltenden Regeln ganz klar: Extrem defensives Skifahren ist die einzig erlaubte Form der Fortbewegung auf den Skipisten. Die Realität sieht aber ganz anders aus: Das implizit praktizierte Ideal ist die so sehr gekonnte Aggressivität, dass dann doch nichts passiert. Aber das muss, mit rein statistischer Notwendigkeit, immer wieder auch schief gehen. Das kostet: Tote, Verletzte, Traumatisierte.

Brinkmanship, selbstbewusst bis an den Rand der Abgründe zu gehen und dabei doch "alles im Griff" zu haben, wird auf den Pisten als Lebensgefühl ausgelebt. Ließe sich vorstellen, dass wir auf diese Kultur verzichten - und etwa nur noch Langlaufski als Wintersport praktizieren? Oder brauchen wir dieses Ausleben so nötig, weil wir auch sonst so leben?

Ganz traditionell ließe sich sogar fragen, was in unserer Kultur, in unserer Gesellschaft, sonst verändert werden müsste, damit sie diese Art von Massen-Extremsport nicht mehr braucht. Damit wären wir - von einem nicht ungewöhnlichen Unfall ausgehend - wieder bei der großen Frage angekommen: In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben - wirklich in einer Gesellschaft, die diese Art von Extremen in ihrer Freizeitkultur braucht, eben weil sie auch sonst zu solchen Extremen treibt?

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00:00 09.01.2009

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