Die Pistole unter dem Kopfkissen

Kriegsfreunde Warum definiert eigentlich kaum noch jemand den positiven Frieden?

»Der Friede ist zur Überlebensbedingung des technischen Zeitalters geworden«. Das Diktum des Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1963, gesprochen in der Frankfurter Paulskirche, entstammt noch einer Welt, die vom Atomfrieden der Abschreckung gekennzeichnet war. Jeder kleine Funken konnte das Fass der globalen Feuersbrunst entzünden. Frieden schien die conditio sine qua non des nuklearen Zeitalters. Die Spuren dieses Denkens finden sich bis heute: »Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts«. Unter der Abschlussresolution der Berliner Friedensdemonstration von Mitte Februar findet man einen Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der Weizsäckers Impuls aufnahm und 1970 die »Deutsche Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung« ins Leben rief.

Müssen die Friedensfreunde nach dem Irak-Krieg umlernen? Sind Kriege wieder führbar geworden, gar das neue moralische Projekt unserer Zeit? Ein Ergebnis dieses Feldzuges ist: Der Geist ist aus der Flasche. Jetzt erst zeigt sich das Ende des bipolaren Zeitalters. Ein regionaler Krieg dieser Dimension hätte die Welt vor 1989 an den Rand des nuklearen Abgrunds manövriert. 2003 ertrug ihn eine ohnmächtige Welt ohne Gegenwehr. Die interessante These Antonio Negri und Michael Hardt´s, dass das künftige Empire und die USA nicht identisch, ja das Zeitalter des Imperialismus überhaupt und gänzlich vorbei sei, will einem unter dem Eindruck des US-Auftrumpfens im Irak plötzlich als Musterbeispiel politischer Anästhesie erscheinen. Doch selbst wenn Krieg nun nicht zum ganz großen Showdown geführt hat - die schlimmste Bewältigung dieses Waffengangs wäre die Gewöhnung an den Krieg als jederzeit gefahrlos einsetzbares Mittel der Konfliktlösung. Wenn sich in Zukunft jeder der knapp zweihundert Staaten dieser Erde herausnehmen würde, die ab- und nicht zunehmenden globalen Konflikte nach dem neuen US-Modell des Präventivkrieges lösen zu wollen, kann man sich leicht ausrechnen, auf welcher Strecke der Frieden dann bleiben wird.

Gerade deswegen befördert die rechthaberische Lust mit der kürzlich Hans-Magnus Enzensberger den Zeigefinger auf den schnellen amerikanischen »Sieg« richtete und ohne den leisesten Anflug einer kritischen Reflexion zum Völkerrecht oder zu den fadenscheinigen Kriegsgründen an den Kritikern des Krieges herumnörgelte, jenes Denken, das die normative Kraft des Faktischen zur moralischen Letztinstanz adelt. Lassen wir einmal die sonstigen schiefen Vergleiche dieses Pamphlets außer Acht. Der Kampf der Amerikaner gegen die Nazis, die historische Analogie mit Enzensberger und andere den Kritikern des Irak-Krieges hierzulande am liebsten den Mund stopfen, zieht nämlich nicht. Der amerikanische Kriegseintritt gegen Nazi-Deutschland war zunächst ein Akt der Selbstverteidigung gegen militärische Aggression. Davon konnte beim Irak kaum die Rede sein. Der Zweite Weltkrieg entwickelte sich dann nicht zu einer Intervention für democracy-building, sondern zu einer für die Wiederherstellung der Demokratie. In Deutschland existierte bekanntlich vor den Nazis eine, wenn auch unvollkommene.

Schwerer wiegt es jedoch, angesichts des schnellen Sieges »fünf gerade sein zu lassen«. So kann man einen gefährlichen Präzedenzfall nachträglich intellektuell salben. Dass ausgerechnet der Krieg der Schlüssel zur Durchsetzung des Friedens sein könnte, hat auch der Irak-Krieg nicht bewiesen. Enzensberger mag »triumphale «Freude« empfinden. In Wahrheit ist »triumphale Skepsis« angesagt. Im letzten Einsatzgebiet der liberalen Interventionisten, in Afghanistan, wird nämlich das zarte Pflänzchen des Projekts »Freedom and Democracy« gerade wieder zertrampelt. Die Subjekte des herbeigebombten Friedens fehlen. Im Irak haben die USA die real vorhandene Chance verpasst, ein zukunftsweisendes Modell der Abrüstung und Demokratisierung etablieren zu helfen, dass militärischen Druck, zivile Inspektionen und gesellschaftlichen Druck von unten vereint - auf der Basis eines Mehrheitswillens der Weltgemeinschaft.

»Blinder Frieden« hat Enzensberger der Friedensbewegung vorgeworfen. Umgekehrt könnte man fragen: Wie viel kreative Energie könnten Intellektuelle darauf verwenden, Bedingungen des »positiven Friedens« zu formulieren, statt sich als Cheerleader des »militanten Wilsonismus« zu gebärden? So hat kürzlich der niederländische Publizist Ian Buruma die Strategie der amerikanischen Ultrarechten um Dick Cheney und Paul Wolfowitz genannt. Wäre es nicht lohnender, für eine Welt zu streiten, in der »abnehmende Gewalt und zunehmende Gerechtigkeit« miteinander verbunden werden, wie es eine uneingelöste Formel der kritischen Friedensforschung aus den siebziger Jahren definiert; gerade weil die Hoffnung, dass sich ein solcher Friedensbegriff durchsetzt, so gering ist?

Es mag etwas dünkelhaftes haben, wie sich westliche Intellektuelle über den »niedrigen« zivilisatorischen Standard der plündernden Iraker mokierten. An zivilisatorischen Standards festzuhalten, kann aber generell nicht schlechtes sein. In dem Erfolgsfilm Bowling for Columbine kann man beobachten, wie der amerikanische Dokumentarfilmer Michael Moore einen Gefährten Timothy McVeighs besucht. James Nichols lebte mit dem Attentäter von Oklahoma zeitweilig in einem Haus. Auf Moores beiläufige Frage, ob er Mahatma Gandhi und sein Wirken kenne, antwortet der Mann, der mit einer Pistole unter dem Kopfkissen schläft sichtlich irritiert: »Oh, I´m not familiar with that«. Der Krieg lebt im Frieden.

00:00 02.05.2003

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