Die Reality-Show wird echt

Gemetzel in Staub und Dreck Die US-Armee muss einen Krieg führen wie seit Vietnam nicht mehr

Das war doch noch etwas beim Golfkrieg von 1991: An die 90 Prozent der US-Amerikaner zollten damals Beifall, als General Norman Schwarzkopfs Männer und Frauen von Saudi-Arabien Richtung Kuwait rollten und nach 100 Stunden »Bodenkampf« gegen einen sich ergebenden und fliehenden Feind den Sieg errangen. Beim derzeit laufenden Golfkrieg dagegen wackelt anscheinend selbst der seit jeher geltende Grundsatz, dass Amerika Fahnen schwenkt, wenn die GIs schießen und unter Beschuss geraten. Trotz der angeblich munter gen Bagdad vorrückenden Panzer der »Koalition der Willigen«, das heißt der USA und Großbritanniens. Sicher - eine deutliche Mehrheit der Amerikaner sagt in Umfragen - sie stimme dem Angriff zu. Aber selbst Schwarzkopf, nun »Berater« eines Fernsehsenders, kann sich offenkundig nicht begeistern. Vor Beginn der Kampfhandlungen hatte er noch abgeraten.

Eine bemerkenswerte Wandlung der USA, die man erst im Nachhinein zu bewerten versuchen kann: Im Frühherbst 2002, als die Leute um George W. Bush scheinbar aus dem blauen Himmel heraus Saddam Hussein zum Hauptfeind erklärten, schien die Oppositionsbewegung wie gelähmt. In der Bevölkerung kein Enthusiasmus für Krieg, aber unter dem Eindruck des gerade eben ein Jahr zurückliegenden 11. September wollten viele Bürgerinnen und Bürger ihrem Präsidenten nicht misstrauen. Dann, so nach und nach, machte sich die in den USA übliche, traditionelle Skepsis breit, dass man Aussagen der Regierung nur mit einer Prise Salz genießt. George W. Bush als »Anti-Terror-Präsident« war davon zuvor verschont geblieben. Im Laufe des Herbstes aber wuchsen Zweifel an dem Mann, der gelobt hatte, Moral und Ethik ins Weiße Haus zurückzubringen.

Es häuften sich die Wirtschaftsskandale bei Bushs Wahlspendern und in Republikanern nahestehenden Firmen. Bushs Rhetorik über einen Aufschwung durch Steuersenkungen für die Wohlhabenden kollidierte mit der Realität. Und die Begründungen für den angeblich so dringenden Krieg gegen Saddam Hussein wechselten ständig. Kritik ertönte im Ausland, hochrangige Ex-Militärs meldeten Zweifel an. Friedensgruppen und Kirchen fassten sich - und plötzlich marschierten auch in den USA die Kriegsgegner. Bushs Widersprüche häuften sich während der Debatten im UN-Sicherheitsrat, als der Präsident sein in wahren Wildwest-Tönen abgegebenes Versprechen zurücknahm, er werde auf eine Abstimmung über den Krieg bestehen. Und statt dessen mit seinem Hilfssheriff aus London in den Krieg zog, der - so wurde dem Volk vermittelt - angesichts einer riesigen Militärübermacht bald vorbei sein würde.

Aber noch immer demonstrieren sie auch in New York gegen den Krieg. Wer zumindest in Washington mit einem Anti-Kriegs-Bumpersticker durch die Straßen kurvt, erntet hauptsächlich freundliches Winken. Und in Los Angeles bei der Oscar-Verleihung explodiert nicht nur der notorische Querdenker Michael Moore mit seinem »Schande über Sie, Mister Bush«. Statements gegen den Krieg kommen unter anderem auch von Nicole Kidman, Chris Cooper, Adrien Brody und Pedro Almodovar. Die katholischen Bischöfe und die meisten großen protestantischen Kirchen halten an ihrem Nein fest, auch wenn in den Gottesdiensten nun für die amerikanischen Soldaten gebetet wird, die ein paar Wochen zuvor noch in den Bänken saßen. Bisher haben sich die klugen Strategen des Weißen Hauses etwas verrechnet mit der Irak-Politik. Es machte auch keinen guten Eindruck, dass der Präsident das erste Kriegswochenende auf seinem Landsitz in Camp David verbrachte. Das erinnerte an seine Kriegsankündigung auf dem Golfcart im Sommer.

Eine störrische Minderheit bleibt gegen den Krieg, die Befürworter halten sich eher zurück. Laura Bush sagt gar eine Lesung im Weißen Haus ab, aus Angst, die renitenten Dichter würden gegen den Krieg loslegen. Anscheinend hat der Präsident das eigene Volk im Moment ebenso wenig in der Hand wie den UN-Sicherheitsrat. Und das, obwohl die Kriegsgegner bei den großen Medienanstalten nur minimal zu Wort kommen. Dort dominieren die Bilder der »Embedded« (eingebetteten) Vertreter von Funk und Fernsehen mit ihren Video-Telefonen. Dort dominieren Geschichten vom Vormarsch und die Experten, allesamt Ex-Militärs und Vertreter Pentagon-naher Think Tanks. 75 Milliarden Dollar soll das Experiment des vorbeugenden Krieges zur Absetzung einer Regierung kosten, machte der Präsident in dieser Woche bekannt. Im ersten Kriegsmonat. Finanziert wird in den kommenden Wochen möglicherweise ein Krieg, wie ihn US-Einheiten schon seit Jahrzehnten nicht mehr führen mussten: Keine Marschflugkörper und Bomben von oben, sondern Gemetzel in Staub und Dreck am Boden. Es kann dann sein, dass die »Embedded«-Journalisten vietnamkriegsartige Bilder sehen und zeigen werden.

Und dann das ganz große Ungewisse, sollte Saddam den Befehl zum Einsatz der chemischen Waffen geben, die er nach Darstellung der US-Regierung besitzt.

00:00 28.03.2003

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