Die Säkularisierung des Jüngsten Gerichts

Kirchentag und "Freitag"-Konferenz Es gibt Dinge zwischen Religion und Aufklärung, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt

Die kleine Religionskonferenz des Freitag, die parallel zum großen Kirchentag stattfindet (siehe Anzeige auf Seite 17), wird Raum zur Erörterung des merkwürdigen Verhältnisses von Kirche und "Aufklärung" geben. Ja, dies Verhältnis ist ein merkwürdiges. Die Zeitschrift Das Parlament, die sich in Nr. 18-19/2003 dem Kirchentag widmet, beginnt auf Seite eins mit "Gretchens Frage an Faust": Wie hast du´s mit der Religion? Sie präsentiert Daten, die sich, so scheint es oder so könnte man es haben wollen, als Niederschlag des Kräfteverhältnisses von Religion und "Aufklärung" lesen lassen: "An die leibliche Auferstehung Jesu, Kernaussage der Kirchen, glauben nach der neuesten Emnid-Umfrage lediglich 21 Prozent der Bundesbürger (in der Bundeshauptstadt Berlin ganze acht Prozent). 32 Prozent sind überzeugt, dass Jesus in den Herzen der Gläubigen auferstanden ist. Für weitere 16 Prozent ist lediglich Jesu Seele auferstanden, während elf Prozent davon überzeugt sind, dass Jesus tot ist und es keine Auferstehung gibt."

Wenn sich "Aufklärung" daran misst, ob man von Jesu Tod überzeugt ist, dann sind vor allem die Theologen "aufgeklärt". Die namhaftesten Theologen des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum waren auf katholischer Seite Karl Rahner, auf protestantischer Karl Barth. Der letztere schreibt: Jesu "wie die aller anderen Menschen einmal geschehene Geschichte bedurfte keiner, auch keiner jenseitigen Ergänzungen und Fortsetzungen". Weiter: "Darf man nicht fragen, ob man sich das Leben in der Hölle schlimmer vorstellen könnte als ein Leben, das, in einer immerwährenden Zeit sich abspielend, selber immerwährend sein müsste?" Da er sich nicht vorstellt, dass Jesus eine Hölle bevölkert, hat er keinen Grund, ihm ein Leben nach dem Tod anzudichten. Auch Karl Rahner hält es für nötig, sich zu dieser Chimäre zu äußern. "Ewigkeit", ja, das gibt es, aber: "Wer einmal eine sittlich gute Entscheidung auf Leben und Tod getroffen hat, radikal und unversüßt, so dass daraus absolut nichts für ihn herausspringt als die angenommene Güte dieser Entscheidung selbst, der hat darin schon jene Ewigkeit erfahren, die wir hier meinen" und die durchaus nicht "als ein zeitliches Weiterdauern ›hinter‹ unserem Leben sich hinzieht". Zu dem Buch, in dem dieser Satz steht, hat Kardinal Joseph Ratzinger in einer Rezension bemerkt, es sei "groß" und werde "eine Quelle der Inspiration bleiben, wenn einmal ein Großteil der heutigen theologischen Produktion vergessen ist". Ratzinger ist immerhin Präfekt der römischen Inquisitionsbehörde, die heute "Glaubenskongregation" heißt.

Die meisten Bundesbürger sind anscheinend weniger "aufgeklärt" als die christlichen Theologen. Man kann es nicht genau ermessen, da vor allem und zuerst die Emnid-Umfrager unter einem Aufklärungsmangel leiden und davon ihr Umfrage-Ergebnis in Mitleidenschaft gezogen wird. Denn sie wissen nicht, dass das Neue Testament unter Jesu "leiblicher" Auferstehung nicht irgendeine verflossene Vision versteht, die man irgendwo nachlesen kann, sondern die Kirche. "Sie ist sein Leib", heißt es lapidar im Epheserbrief. Ob an der Kirche etwas gelegen ist, darum geht es, wenn gefragt wird, wie man´s mit der Religion hat. Aber das wollte schon Goethes Faust nicht wissen, als Gretchen ihn fragte. Er sprach lieber von seinem "Gefühl". So fragen die Emnid-Frager, die sich an Goethe immerhin erinnern, statt nach der Kirche nach den "Herzen der Gläubigen". Was hätten denn die Theologen antworten sollen, die von Jesu Tod überzeugt sind und zugleich von seinem auferstandenen Leib, eben von der Kirche, als deren Glieder sie ja selber agieren?

Eine Diskussion dieses Punktes, so grotesk sie sich ausnimmt, führt auf ein wichtiges Moment von "Aufklärung". Ich habe das Wort bisher in Gänsefüße gesetzt, weil sein üblicher Gebrauch verworren ist und die Sache eher verbirgt. Es ist nämlich so, dass "Aufklärung", obgleich ein historisches Phänomen, häufig als zeitlose Idee beschworen wird. Ungefähr wie Marx - mit Recht - von der Arbeit sprach: Gearbeitet wurde schon immer, irgendwann nannte man es auch so. "Aufklärung", mag man entsprechend denken, "war schon immer notwendig, vernünftig, human; so konnte es nicht ausbleiben, dass sie irgendwann zu siegen anfing." "Aufklärung" heißt ja auch, dass man erfährt, wie die kleinen Kinder gemacht werden. Aber so geht es nicht. Zur historischen Aufklärung gehören Phänomene wie der deutsche Freimaurer-Orden "die Illuminaten". Was der gedacht hat, muss man studieren, und was davon bis heute nachwirkt. Man kann "Aufklärung" nicht als den Prozess definieren, in dem man erfährt, wie die Dinge wirklich sind. Sie hat denn doch ein paar spezifischere Eigenschaften - wie alles, was unter Bedingungen entsteht, historischen Bedingungen. Zu diesen Eigenschaften gehört nun gerade die Wertschätzung des "Gefühls" und der "Herzen".

Wie das kam, hat Reinhart Kosellek in seiner Studie über die Aufklärung gezeigt (Kritik und Krise, zuerst 1959): Nach den furchtbaren Konfessionskriegen wachte ein neu organisierter, der "absolutistische" Staat darüber, dass Religion Privatsache wurde und blieb. Alle politischen Implikationen des Christentums wurden untersagt, denn nie wieder sollten sich religiöse Leidenschaften zu bewaffneten Auseinandersetzungen entwickeln können. Das hat Folgen bis heute, so diejenige, dass seitdem die meisten Gläubigen das Neue Testament als Buch allein der privaten Seelsorge lesen, obwohl es immerhin zum Beispiel von einer kommunistischen Wirtschaftsverfassung der Urkirche zu erzählen weiß. Als "Pietismus" breitete sich schon früh ein privates Gefühlschristentum aus, buchstäblich eine machtgestützte Innerlichkeit, die für Fausts Gretchen-Antwort "Gefühl ist alles" den Hintergrund bildet. Aber eine andere und ganz unerwartete Folge war, dass sich in diesem von der staatlichen Herrschaft ausgenommenen, eigentlich den Kirchen vorbehaltenen Privatraum die Aufklärung entwickeln konnte. Kosellek zeichnet nach, wie sie sich lange Zeit so verhielt, als sei sie nur Privatsache, nur Denken, nur Geschichtsphilosophie ohne politischen Gestaltungsanspruch - wie sie das anfangs selbst glaubte, es dann als Tarnung einsetzte und schließlich, die Maske wegwerfend, zur Revolution rief.

Darüber freuen wir uns noch heute, weil wir die Kinder dieser Revolution sind. Aber die Sache hat eine Schattenseite. Im doppelten Kampf hier mit dem absolutistischen Staat, da mit der Kirche stehend, wurde die Aufklärung mit beiden Gegnern zwar fertig, aber auch von ihnen gefärbt. Vom Staat empfing sie die Begrenztheit aufs Innerliche - was in ihrem Fall hieß: auf eine scheinbar an sich unpolitische Vernünftigkeit - und von der Kirche die Wiederkehr, wenn auch in umfunktionierter Form, theologischer Strukturen im eigenen Denken. So wäre ein großes Kapitel über den aufklärerischen Messianismus zu schreiben, der, als die Aufklärung dann doch politisch wurde, auf den revolutionär entstandenen Nationalstaat überging. Ein anderer, von Kosellek besonders hervorgehobener Aspekt ist die Übernahme der Figur des "Jüngsten Gerichts". Man kennt den Spruch von Schiller: "Die Weltgeschichte ist das Weltgerichte." Auch dieser Spruch wurde nicht nur geschichtsphilosophisch verstanden, sondern teilweise in die Tat umgesetzt. Es gibt seitdem Menschen und Bewegungen, die sich selbst zu Richtern des Jüngsten Gerichts ernennen und keine Hemmung haben, die Menschheit in Schafe und Böcke zu unterteilen.

Vielleicht ist es ein Zufall, dass jemand wie Hans Magnus Enzensberger zum einen die Enzyklopädie der französischen Aufklärer neu herausgibt und zum andern die "Befreiung" des Irak emphatisch feiert. Aber diese "Befreiung" selber sieht ernstlich wie die Anwendung des aufklärerischen Musters aus. Denn wieder treffen alle historischen Implikationen zusammen: Genau wie Kosellek zeigt, hat sich von neuem "der Fortschritt der Freiheit", scheinbar nur eine geschichtsphilosophische Idee, als handfeste militärische Hebammentat entpuppt, und auch der Weltrichter, der die Weltgeschichte in gute und böse Achsen zersägt, ist zur Stelle. - Darauf kann man "Aufklärung" nicht reduzieren. Worauf kann man sie reduzieren? Und worauf die Religion? Vielleicht findet die Religionskonferenz des Freitag ein paar Antworten.

00:00 23.05.2003

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