Die Sonnensucher

Medientagebuch Doku-Fiktion: "Sommerblitze" erzählt aus dem Leben eines griechischen Pensionswirts

Eigentlich geben sie ein sehr merkwürdiges Bild ab: Diese hellhäutigen Menschen, die regungslos am Meeresufer liegen, um ihren Körper, möglichst unbedeckt, der Sonne preiszugeben. Was vordergründig nach harmlosem Nichtstun aussieht, hat jedoch historische Wirkungen von erheblichen Ausmaßen erzeugt: Der "Urlaub", von Nordeuropäern zelebriert als Stillen eines unersättlichen Dursts nach Sonne, ist eine relativ neue Erscheinung, aber hat in den vergangenen 50 Jahren unter dem Label "Tourismus" nachhaltig die Länder Südeuropas verändert. Es ist nicht so, dass die Urlauber selbst das nicht wüssten. Sie denken nur meistens nicht darüber nach.

Dokumentarfilme zum Thema, kritische Studien, die von Entstehung, Ausbreitung und Wirkung des Tourismus im Allgemeinen und Besonderen erzählen, um schließlich Bilanz zu ziehen von wirtschaftlichem Gewinn auf der einen und schädlichen Folgen für Umwelt, Tradition und Kultur auf der anderen - das alles hat es schon gegeben. Nicos Ligouris hat mit Sommerblitze einen Film ganz anderer Art gemacht. Sein Genre ist schwer zu bestimmen, seine Wirkung aber ist folgende: Der Film lädt ein, ja, verführt geradezu zur etwas anderen Reflektion über den Zusammenhang von Sonne und Lebensweisen, von Nord und Süd. Im Ton zurückhaltend und entspannt ermöglicht er eine Blickverschiebung, eine angenehm distanzierte Betrachtung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In gewisser Weise macht der Film sich die Haltung seines Gegenstands zu eigen: den versonnenen Blick über das Meer.

Sommerblitze beginnt mit der Aufnahme eines Photoapparats auf einem Stativ am Straßenrand. Das Objektiv ist aufs Meer gerichtet, wir sind irgendwo an der Südküste Kretas. Auf der anderen Straßenseite liegt eine kleine Pension. Dort unter der Pergola sitzt zeitungslesend der "Pensionswirt" - und macht sich Sorgen, dass jetzt, im Juli, noch nicht alle Zimmer belegt sind.

Ligouris´ Film kommt ohne die üblichen Interviews, das bedeutet ohne die oft so öde Nummernschau der talking heads aus; es werden auch keine investigativen Fragen gestellt. Stattdessen setzt der Regisseur einen veritablen Kunstgriff ein: Er unterlegt das gefilmte Material, die dokumentarischen Aufnahmen aus dem Leben der Pensionsinhaber, mit einer "inneren" Stimme, die aus dem Off die Überlegungen des "Pensionswirtes" wiedergibt. Da das in dritter Person geschieht - "er dachte" - wird der Wirt zu einer fiktiven Gestalt, die dem dokumentarischen Material des Films eine eigene Tiefe und besondere Charakteristik verleiht. "Wir kommen nicht wegen euch, wir kommen wegen der Sonne", habe ein Gast neulich zu ihm gesagt, erzählt die Stimme. Diese Kränkung bildet von da an den Ausgangspunkt seiner Gedanken.

Im Lauf des Films, von der Stimme aus dem Off und dem, was sich die Personen gegenseitig vor der Kamera erzählen, erfährt man Einiges über das Woher der Familie: etwa dass der Pensionswirt früher Olivenbauer war, dass seine Frau darauf drängte, die Pension aufzumachen, dass sie zunächst das unteres Stockwerk an einen Disko-Betreiber vermietet hatten, der die Musik so laut aufdrehte, dass man sie im Nachbardorf hören konnte. Sie habe sich gewundert, warum alle Gäste immer nur für eine Nacht geblieben seien, obwohl sie am Vortag nach zwei Wochen gefragt hatten, erinnert sich die Wirtin, - bis sie eben selbst mal für eine Nacht hier schliefen. Der Diskobetreiber hat sich die Kündigung des Vertrags teuer bezahlen lassen.

Doch mit Anekdoten dieser Art hält sich der Film nicht lange auf: Die Stimme aus dem Off gibt die Überlegungen des "Pensionswirts" zu den tiefer greifenden Veränderungen wieder. Was wird, wenn immer mehr Griechen wie er ihre angestammten Berufe aufgeben, um im Tourismus zu arbeiten, fragt er sich. Die Alten der Gegend klagen darüber, dass der Tourismus das Geld in den Vordergrund stelle, erzählt die Stimme und davon, dass das Geschäft mit den Touristen die traditionelle Gastfreundschaft zerstöre: Neulich habe er ein paar Stammgästen, die jedes Jahr wiederkommen, einen Raki ausgegeben. "Schon wieder spendieren!" habe sich seine Frau danach beklagt. Früher hätten sie den Gästen den Raki flaschenweise hingestellt, damit sie die ganze Nacht was zu trinken haben.

Die Aufnahmen zeigen die Familie, den Wirt, seine Frau, ihre Tochter, ihren Sohn und dessen Verlobte, im Durchgang durch das Jahr. In wenigen Szenen sieht man die Ankunft verschiedener Gäste aus dem Norden Europas; das seltsame Verhältnis von Vertraulichkeit und Fremdheit zwischen den Pensionsleuten und ihnen wird darin allerdings schlagartig deutlich. Die letztlich nie ganz zu überbrückende Distanz zwischen Touristen und Einheimischen kommt auch in den Kommentaren der Wirtin zum Ausdruck, die den Anblick der Urlauber gerne auf griechisch begleitet: "Ihr Grazien" tituliert sie die Nackten unten am Strand, "ihr Mühseligen und Beladenen" gilt den kurzbehosten Wanderern mit ihren Rucksäcken, die die Straße vor der Pension frequentieren.

Immer wieder zeigt der Film die Familie unter der Pergola, beim Warten auf Gäste und Beobachten des Wetters. Das Beobachten ist ihr gemeinsames Hobby: Ihre Lieblingstätigkeit nämlich besteht im Photographieren des Meers. Abwechselnd, wann immer es einem von ihnen richtig erscheint, betätigen sie den Auslöser jener Kamera auf dem Stativ, die bereits in der ersten Szene zu sehen war. Das Projekt ist, so erzählt ein weiteres Mal die Stimme aus dem Off, einmal das Phänomen der "Sommerblitze" auf Film zu bannen, eine seltene Lichterscheinung über dem Meer. Doch längst hat sich das Warten auf das eine Bild verselbständigt zur Lebensaufgabe: Photoalbum für Photoalbum füllt sich mit Aufnahmen des Meers, die aus dem immer gleichen Blickwinkel den beständigen Wechsel von Licht und Farbe dokumentieren. Die Haltung der photographierenden Familie dabei ist absolut unangestrengt, völlig ohne Attitüde. Darin liegt eine stille Anmut und Größe, die sich auf den ganzen Film überträgt.

Sommerblitze. Szenen aus dem Leben eines Pensionswirtes und seiner Familie. Am Sonntag, den 27. November um 22.15 Uhr in 3Sat


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00:00 25.11.2005

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