Die Sozialkapitalisten aus Jottwehdeh

Perspektivwechsel Alle kennen Wittenberge - ­als Klischee des Niedergangs. Aber niemand weiß Bescheid, sagen sich Forscher und Künstler

Die Elbe ist das Beste an Wittenberge. Findet Franziska Sonntag. Wenn sie wütend ist, brüllt die 21-Jährige am Strand den Fluss an. Der schweigt und zieht weiter. Und sie fährt mit ihren Inline-Skates auf dem frisch und glatt asphaltierten Deich. In der Stadt mag sie besonders die verfallenen Viertel, "die haben was Historisches".

Franziska Sonntag, klein, schmal und energisch, sitzt im Fitness-Studio, in dem sie ihre Ausbildung macht, und erzählt dem Besucher, dass sie gerne in Wittenberge bleiben will. Obwohl aus der früheren Indu­striestadt im Nordwesten Brandenburgs so viele wegziehen. In ihrem Haus zum Beispiel hätten nur drei Leute Arbeit. Die anderen, auch die jungen Mütter mit kleinen Kindern, lebten von Hartz IV. Aus ihrer Abschlussklasse sind die meisten weg, kommen höchstens mal am Wochenende zurück, wegen der Eltern. Und weswegen sonst? "Keine Ahnung. Warum kommt man nach Wittenberge?"

Die Stadt kennen alle, die mit dem Zug zwischen Hamburg und Berlin unterwegs sind. Aus dem Fenster sehen sie den imposanten Uhrturm des früheren Nähmaschinenwerks, daneben Plattenbau-Ruinen, auf der anderen Seite die Eisenbahnwerkstatt. Dann ist der ICE vorbeigerauscht, der Blick beruhigt sich wieder an Feldern und Kiefern. Wittenberge ist ein Klischeebild des Niedergangs. Viele Filme wurden in seinen verlassenen Straßenzügen gedreht, die leere Stadt bot Vorkriegsambiente ohne Kulissenaufwand.

Die Litanei des rapiden Abstiegs nach 1990 zählen die Wittenberger auf, als würden sie einen Rosenkranz beten. Allzu oft haben sie die Fakten der Vergangenheit, die sinkenden Einwohnerzahlen, die Namen der geschlossenen Fabriken hergesagt. 32.000 Wittenberger in den achtziger Jahren, 19.000 heute. Das Nähmaschinenwerk, das Zellstoffwerk, die Ölmühle - alle dicht, jeweils tausende Arbeitsplätze weg.

Das Kapital, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Stadt rapide wachsen ließ, ist nach dem Ende der DDR nicht wieder zurückgekehrt nach Wittenberge. Aber was ist mit den Menschen, die noch da sind? Haben sie so etwas wie "soziales Kapital", das sie durch den Tag und durchs Leben trägt? Wie verändern sich die Beziehungen, wenn man sich nicht mehr sicher ist, ob man noch "dazugehört"? Das will jetzt ein Forschungsverbund aus Soziologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftlern herausfinden. Seit einem Jahr suchen sie in Wittenberge nach "Social Capital im Umbruch europäischer Gesellschaften", so die Überschrift des Projekts. Geht es um eine Schatzsuche nach diesem so genannten Sozialkapital? Der Begriff wirkt sperrig und in einer Stadt wie Wittenberge schnell zynisch. Für die Forscher ist er auch eine Provokation. Denn nach der traditionellen Lehre gibt es in erfolgreichen Regionen ein hohes Sozialkapital. Wie sieht es aber dort aus, wo der Zusammenhalt wegen des rapiden Niedergangs zerstört sein müsste - wenn man dem Klischeebild Glauben schenkt?

Nichts Großes suchen die Forscher, ihnen geht es um den Alltag. Acht Doktoranden haben Vereine und Stadtratssitzungen besucht, aber auch detailliert den Tagesablauf von Hartz-IV-Empfängern erforscht. Haben sich Bewältigungsstrategien angesehen: Wie eine Frau jeden Tag auf einem genau geplanten Weg durch die Stadt geht; nicht, weil sie etwas zu erledigen hätte, sondern um ohne Verabredung oder finanzielle Verpflichtung "zufällig" Menschen zu treffen.

Warum kommen die Forscher nach Wittenberge? Etwa, weil es eine "Verlierer-Stadt" ist, wie selbst eine Lokalzeitung schrieb? "Nein, wir wollen raus aus dem Verlierer-Image ostdeutscher Städte", sagt Andreas Willisch. Der 46-jährige Soziologe ist Vorsitzender des Johann Heinrich von Thünen-Instituts für Regionalentwicklung im mecklenburgischen Bollewick und Projektkoordinator des Forschungsverbundes. Willisch hat "Überflüssige" und das Prekariat erforscht, er pendelt zwischen Berlin, Wittenberge, dem Institut und seinem Biobauernhof, wo er Galloway-Rinder hält. Der agile Forscher sitzt in einem fast leeren Wittenberger Café, am Nebentisch ein einzelner Rentner, solariumgebräunten Muskeljungs im Hinterzimmer. Willisch versteht seine Forschung durchaus politisch, sagt er, er will "ein neues Reden über solche Umbruchregionen anstoßen". Die Debatte über Ostdeutschland strotze vor Klischees, sagt er. "Es geht immer um Gewinner und Verlierer. Wir aber wollen wissen, ob man von solchen Regionen etwas lernen kann, die leichthin als Verlierer abgestempelt werden."

Willischs eigenes Teilprojekt heißt "Strategien alltäglicher Überlebenssicherung". Dafür hat er unter anderem Kleingärtner besucht. "Es gibt diese Forderung, den Lang­zeitarbeitslosen Kleingärten zu geben, dami­t sie dort ihr eigenes Gemüse anbauen", erklärt Willisch. "Unser Ergebnis ist: Gerade solche Menschen nutzen den Kleingarten nicht zur Eigenversorgung. Er ist für sie eine Statusfrage, ein Mini-Eigentum, und ein Anker, um den Tag zu strukturieren."

Was braucht man, fragt er, um einen Verein wie den Wittenberger Shanty-Chor oder den Geflügelzüchterverein aufrechtzuerhalten, wenn dessen Mitglieder immer älter werden und die Jüngeren entweder kein Geld oder keine Zeit haben? Kein Geld, weil sie arbeitslos sind, keine Zeit, weil sie die ganze Woche auswärts arbeiten?

Willfried Lattorff sucht auch nach Antworten auf diesen Fragen. Er sitzt in blauer Latzhose und mit Sonnenhut in seinem Kleingarten und telefoniert. Der pensionierte Betriebsleiter ist 74 Jahre alt, und noch immer laufen bei ihm viele Fäden zusammen. "Ich bin alter Wittenberger, ich kann Ihnen sagen, wie´s ist." Solche Sätze liebt Lattorff. Und wie ist es nun? Er zählt die Liste der geschlossenen Fabriken auf, dann sagt er: "Ich jammere nicht mehr." Willfried Lattorff baut auf das Sozialkapital der Älteren. Wittenberge werde schließlich zwangsläufig zur "Rentnerstadt". Diese Rentner sind es, die die Vereine brauchen, und sie sind es, die sie am Laufen halten können. Lattorff ist Vorsitzender des Rassegeflügel-Zuchtvereins und Ehrenmitglied im Shanty-Chor. Er ist hervorragend vernetzt im Ort, doch was nach Leuten wie ihm kommen soll, weiß auch er nicht. Denn ein Einzelfall ist er nicht: Viele Vereinsvorstände sind, wie Lattorff, schon jenseits der 70.

Wenn zu Sozialkapital gehört, Langeweile gut vertreiben zu können, dann ist Franziska Sonntag eine gute Sozialkapitalistin. Weil bei 35 Grad Hitze das Fitness-Studio verwaist ist, erzählt sie dem Besucher ohne Punkt und Komma über sich und Wittenberge. Sie hofft natürlich, nach ihrer Ausbildung übernommen zu werden. Zum Rauchen geht sie deswegen immer außer Sichtweite der Kunden. Falls welche da sind. Aber das Studio hat eine gute Strategie in einer Stadt, die immer älter

wird: Tagsüber bieten sie Krankengymnastik an, 80 Prozent zahlt die Kasse. Abends kommen dann die Jungen, besetzen die Kraftgeräte und die Solariumsliegen. Auch Oliver Hermann, der neue Bürgermeister, sei Mitglied bei ihnen. Aber seit dem Wahlkampf nicht mehr da gewesen. "Aber der Mann ist toll", schwärmt Franziska Sonntag und guckt ehrlich entzückt. "Der hat Ausstrahlung."

Der 42-jährige Oliver Hermann ist das, was Wittenberge zurzeit auf der Hoffnungs-Seite verbuchen kann. Er ist nicht von hier, aber schon lange genug in der Stadt, neun Jahre nämlich. Der promovierte Historiker stammt aus dem Anhaltischen, hat in Potsdam studiert, kam dann zum Wittenberger Stadtmuseum. Danach leitete er den Kultur-, Sport- und Tourismusbetrieb und seit dem ersten Juli als parteiloser Bürgermeister die ganze Stadt. Er wirkt jungenhaft, aber glaubwürdig, spricht bestimmt, aber leise, und er versucht gegenüber jedem Gesprächspartner den Eindruck zu vermitteln, das es was werden könnte mit Wittenberge. Ist jemand wie Hermann nicht auch "Sozialkapital"?

Willischs Forschungsprojekt über die menschlichen Ressourcen findet er "auf jeden Fall erst einmal interessant". Auch wenn es Hermann vor neue Schwierigkeiten im Umgang mit seinen Bürgern stellt. "Was soll der Hochsitz in der Fußgängerzone?", fragt beispielsweise Sieglinde Deul, eine energisch wirkende Frau mit blauen Strähnen in ihren schwarzen Haaren. "So genau kann ich Ihnen das auch nicht erklären", beginnt Hermann und macht eine kleine Pause. "Am besten fragen Sie die Künstler."

Denn nicht nur Forscher sind nach Wittenberge gekommen, sie haben auch Künstler mitgebracht. Das ist Teil des Projekts, es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als "Geisteswissenschaften im öffentlichen Dialog" gefördert. Im Herbst sollen Autoren des Berliner Maxim-Gorki-Theaters hier Stücke schreiben, die Forschungsergebnisse dienen als Material. Wie das genau aussehen wird, weiß bisher noch niemand. Was man vom Hochsitz aus sehen soll, das aber weiß Sophia New.

Die Britin gehört zum Künstlerduo Plan B. Sie verteilten die Hochsitze als temporäre Aussichtspunkte in der Stadt, an den Wänden ist Platz für Kommentare. Es geht ihnen darum, "eine neue Sprache für einen Ort" zu finden. Sie haben auch Passanten mit riesigen weißen Sprechblasen in der Hand fotografiert, die Kommentare zur Stadt abgaben. Ein "sprechender Stadtplan" sollte entstehen und später auch im Internet bei Google Maps abrufbar sein.

Sieglinde Deul schüttelt den Kopf. Sie weiß, wie sie ihre Stadt sieht; hier sei doch keine Industrie mehr und keine Arbeit. Auf den Hochsitz steigt sie nicht. Ein Mann bewacht die wacklige Leiter, sonst ist die Straße leer. Auch Oliver Hermann schweigt für einen Moment. Eine Frau schaut aus ihrem Fenster auf das Holzgerüst. Sie hat aus ihrer Wohnung den besseren Blick, sagt sie. Zehn Jahre Nähmaschinenwerk. Dann Sekretärin. Ihre Tochter ist in der achten Klasse. Wenn die mit der Schule fertig sei, gingen sie beide weg.

Im Kultur- und Festspielhaus gastiert das Berliner Maxim-Gorki-Theater und spielt Heaven (zu Tristan), ein Stück über den Niedergang von Wolfen in Sachsen-Anhalt. "Hier geht ja alles kaputt", wird als letzter Satz in den Saal gebrüllt, und die Kulisse versinkt in schwarz. "Na toll", stöhnt Oliver Hermann. "Das ist der alte Blick! Wir brauchen einen neuen." Der Elbhafen wird ausgebaut, eine Autobahn ist in Planung. "Wittenberge ist Verkehrsknotenpunkt, daraus lässt sich doch was machen." Die Stadt schrumpfe zwar noch, aber nur wegen des Sterbeüberschusses. Weg- und Zuzug seien ausgeglichen. "Es kommen bereits neue Fachkräfte hierher, weil die hiesigen Firmen wegen der Abwanderung im Ort nicht die richtigen Leute finden." Ein neues Problem Wittenberges deutet sich an.

Derweilen pendeln immer noch etwa 2.000 Wittenberger während der Woche zum Broterwerb aus. Am Freitagabend ist der Bahnhofsvorplatz voll von Männern, Frauen und Kindern, die auf Angehörige warten. Während ICEs an ihnen vorbeirauschen, ohne zu halten, warten sie auf Züge aus Hamburg und Berlin. Auf die Rückkehr des ausgeliehenen Sozialkapitals.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare