Die Stile vor dem Schuss

Terrorismus In Berlin läuft ein großes RAF-Programm, mit Filmen von Holger Meins und Philip Werner Sauber
Ausgabe 02/2015

Die Rote Armee Fraktion hat auch jenseits der Entscheidung für eine terroristische Avantgardebewegung jeden Irrweg eingeschlagen, der sich der westdeutschen Linken in den 70er Jahren bot – von Ulrike Meinhofs antisemitischen Ausreißern bis zu einem von der Realität vollständig entkoppelten Dogmatismus. Was zu dem Paradox führte, dass die gesellschaftliche Diskussion um die RAF immer interessanter war als diese selbst.

Das zeigt aktuell eine Reihe im Berliner Zeughauskino. Begleitend zur Ausstellung RAF – Terroristische Gewalt im Deutschen Historischen Museum setzt die Reihe Arbeiten aus drei Kontexten zueinander in Beziehung: Filme der Neuen Linken in Berlin aus dem Umfeld des SDS und der kurz zuvor, 1966, gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), Klassiker des Neuen Deutschen Films und drei Versuche über die RAF aus historischem Abstand (Christian Petzolds Innere Sicherheit, Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss und Andres Veiels Black Box BRD).

Geprägt wurde diese Repräsentation der RAF durch Filme wie Deutschland im Herbst (1978), Die bleierne Zeit (1981) und Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975). Vor allem Letztgenannter, Volker Schlöndorffs Heinrich-Böll-Adaption, macht im Rückblick deutlich, wie sehr die RAF als Katalysator für ein letztes Aufstampfen des antikommunistischen Obrigkeitsstaats der frühen Bundesrepublik fungierte.

Ihr letzter Toter

Die Perspektive der drei Werke ist die einer doppelten Distanz – zur medialen Sympathisantenhatz einerseits und zum Morden der RAF andererseits. Zugleich wird die RAF von einer konkreten Gruppe spürbar zur zeitgeschichtlichen Chiffre für eine terroristische Herausforderung des Staats. In Stammheim (1986) von Reinhard Hauff, dem späteren dffb-Direktor, gerinnt die Aktualität der RAF schließlich zu bundesrepublikanischer Zeitgeschichte. Daran knüpft nach 1989 wiederum Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss an, der die Geschichte der RAF zur gesamtdeutschen Erzählung weitet, indem er, vage an der Biografie von Inge Viett orientiert, DDR und Stasi integriert. Fast zeitgleich entstanden, könnte Andres Veiels Dokumentation Black Box BRD kaum weiter von Die Stille nach dem Schuss entfernt sein – schon weil Veiel eigentlich nie von „der RAF“ handelt, sondern nur von ihrem letzten Toten, Wolfgang Grams.

Der individuelle Zugang verbindet Black Box BRD wiederum mit Filmen von Weggefährtinnen der RAF-Aktivisten. Renate Sami befragte direkt nach dem Tod von Holger Meins im November 1974 Kommilitonen aus dessen Zeit an der dffb. In Es stirbt allerdings ein jeder wird der Filmemacher Meins sichtbar, das Leben vor der Gewalt steht gegen die Reduktion auf eine RAF-Mitgliedschaft. Neben Holger Meins zieht sich die Geschichte eines weiteren dffb-Studenten durch einige Arbeiten der Reihe, verbindet das kurze Leben von Philip Werner Sauber das West-Berlin und die dffb der späten 60er Jahre mit dem Terror. Anders als Meins entschied sich Sauber, über den Ulrike Edschmid 2013 einen vielbeachteten Roman vorlegte, für die Bewegung 2. Juni. Sauber starb im Mai 1975 in einem Schusswechsel mit der Polizei, den er selbst eröffnet hatte und bei dem er einen Beamten töteten und einen weiteren schwer verletzte.

Ihre ersten Werke

Von Meins und Sauber stammen zwei der schönsten Filme aus den ersten Jahrgängen der dffb. Meins drehte mit Oskar Langenfeld 12x eine ästhetisch beeindruckende dokumentarische Kurzstudie über einen TBC-kranken Mann in West-Berlin. Saubers Der einsame Wanderer ist eine Hommage an den dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer und setzt sich durch den ausgeprägten Willen, eine eigene filmische Welt zu schaffen, vom Gros der fiktionalen Versuche seiner Kommilitonen ab. Bei Meins und Sauber fallen die medialen Bilder und die Erinnerungen an den Menschen durch Weggefährten weit auseinander. Im Rückblick beeindruckt, wie stark dffb-Studenten wie Renate Sami und Gerd Conradt im aufgeheizten Klima der Zeit auf ihrer Sicht beharrten.

Umso überzeugender, dass den Filmen von Meins und Sauber einige Werke von Kommilitonen zur Seite gestellt werden. Ein Kurzfilmprogramm vereint Arbeiten des im vergangenen Jahr verstorbenen Harun Farocki mit denen von Ulrich Knaudt, Thomas Giefer und Carlos Bustamante. In der Zusammenschau verschafft das Programm einen Eindruck von den Auseinandersetzungen, die hinter der anderen großen Chiffre der behandelten Zeit zurücktreten: 1968. Ohne diese Vorgeschichte und den darauffolgenden Zerfall der Studentenbewegung in ungezählte Kleingruppen ist die RAF kaum verständlich. Das Verdienst der Reihe im Zeughauskino besteht darin, den Raum dazwischen mit filmischen Geschichten zu füllen.

Filme statt Bomben. Der deutsche Film und die RAF Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum Berlin, bis 25. Januar dhm.de/zeughauskino

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