Die tägliche Dosis

Medientagebuch Bekenntnisse eines "Soap"-Zuschauers: Der Marienhof

Fast zehn Jahre strahlt die ARD nun schon den Marienhof aus. Es ist eine der ältesten Daily-Soaps im Deutschen Fernsehen und wie alle anderen täglichen Serien verliert auch sie zur Zeit stetig an Zuschauern. Die Verantwortlichen reagieren mit einem neuen Produzenten und weiteren Neuerungen, von denen zu sprechen sein wird. Soviel vorweg: Große Veränderungen sind nie gut für eine Soap. Zwar verspricht die Band Kissmet, die den Marienhof jeden Feierabend um 18 Uhr 25 ankündigt, dass "viel passieren wird" und fügt hinzu, dass "nichts beim Alten bleibt". Aber das ist falsch. Ich schaue die Serie seit Jahren, weil bisher so vieles beim Alten geblieben ist.

Dafür garantiert primär der Ort der Handlung, eben der Marienhof. Er liegt in Köln und besteht im Kern aus einer Einkaufspassage, die - wie ich seltsamerweise erst vor ein paar Tagen entdeckte - "Galerie" heißt. Die meisten Läden, möglicherweise die ganze Passage, gehören Inge Busch, die stets ein offenes Ohr für ihre Mieter hat, und zeigt, dass Geld allein noch nicht glücklich macht. In ihrer übertriebenen Fröhlichkeit wirkt sie immer etwas traurig. Wäre sie jünger, könnte sie ins "Foxi" gehen. "Lass uns heute Abend ins Foxi gehen!" ist eine Wendung, die mir jedes Mal einen wohligen Schauer über den Rücken fahren lässt. Dort bedient seit Jahren ein Mädchen, das ganz in ihrem Wesen als Barmaid ruht. Wenn man sie sieht, hält sie ein Ohr nahe an den Mund des Gastes, weil es so laut ist. Wenn die Jungen im "Foxi" sind, dann ist "Seventies Night", Musik der achtziger Jahre wird aufgelegt, wenn sich die Älteren zusammenfinden. Einmal im Jahr versammeln sich alle dort: zur Karnevalszeit. Dann wird eine der Storys mit Frank Töppers besetzt, der dann an seinen Büttenreden feilt. Er läuft im Blaumann durch die Gegend und in seinem Geschäft hängen Poster wie "Heiztechnik - Die neue Generation".

Mit seiner kölschen Art ist er für den Marienhof unendlich wichtig, gibt er doch einer lockeren Gemeinschaft ihre Erdung. Töppers ist mit Öni verheiratet, die eigentlich Eun-Hi Kim heißt, aus Korea stammt, Sport studiert und die Werte der Familie hochhält. Als die beiden geheiratet haben, war ich erstaunt, dass Önis Vater, ein Gastronom, kein Wort Deutsch spricht, obschon er schon lange in Köln lebt. Aber er wohnt eben nicht im Marienhof. Ausländer, die dort wohnen, sind assimiliert und werden notfalls gegen Rechtsradikale verteidigt. Zwar hoffe ich, dass das Gute gewinnt, aber es sind - wie im Fall des verwirrten Sven - leider nicht immer die besten Geschichten. Wie aufregend war es dagegen, als lange unklar war, ob der nette Bogdan nun ein serbischer Kriegsverbrecher ist, oder alles auf einer Verwechslung beruht. Durch den Plot hindurch konnte man das Ringen der Macher mit ihren eigenen Bedenken deutlich spüren.

Das Böse selbst hat eine transzendentale und eine empirische Seite. Ihre ewige Gestalt ist die Droge. Aktuelle Formen sind neben dem Rechtsradikalismus die Psychiatrie, anderes wie die Umweltverschmutzung spielt dagegen momentan keine Rolle. Der Rhein, den man fast in jeder Sendung kurz mal sieht, fließt im schönsten Blau. Aber es wäre falsch, den Marienhof ganz auf seine political correctness zu reduzieren. So ist zwar die gleichgeschlechtliche Partnerschaft in Form des Lesbentums sehr präsent, aber Billi Vogt, die zu gemeinen Mitteln greifen kann, ist keine Sympathieträgerin. Gleichwohl hat der sanfte Arzt Dr. Roman Westermeier den Kampf um Andrea gegen das Biest verloren. In seinem Schmerz hat er den Marienhof vor ein paar Tagen verlassen und reißt damit eine große Lücke. Bisher war er es, der eine schwere Krankheit diagnostizieren musste, wenn ein Marienhofler partout nicht mehr weitermachen wollen. Aber wie er selbst zeigt, ist Auswanderung leider auch eine Möglichkeit, den Marienhof zu verlassen.

Informationen über die Außenwelt können sich die Bewohner aus dem Internet holen, Bücher und Zeitungen spielen keine große Rolle. Nur Emanuel Zirkowski, der viel älter aussieht als er ist, und eine "Elite-Uni" besuchen will, liest sie regelmäßig. Momentan ist er beim Bund. Zuvor hatte es einige sehr kritische Folgen über die Bundeswehr gegeben. Ich vermute einen Zusammenhang.

In Computerfragen weiß Frederik Neuhaus guten Rat. Er hat die Glasknochenkrankheit. Einmal blieb er dem Marienhof so lange fern, dass ich mir wirklich Sorgen machen musste. Ich fragte meine Nächsten, wo Frederik stecke, aber sie wussten es auch nicht. Auch die treusten Anhänger einer Daily-Soap wissen manchmal nicht, ob sie eine Handlung nicht mehr vollständig erinnern können, oder ob diese einfach abgebrochen wurde. Das verleiht dem Ganzen eine mythische Dimension. Gott sei Dank tauchte Frederik dann in einer Szene im "Erich-Kästner-Gymnasium" des Marienhofs wieder auf.

Es wäre hinzunehmen, dass wir immer älter werden, die neuen Bewohner dagegen immer jünger. Neuerdings kommt es aber verstärkt zu sogenannten "Gastauftritten" von jungen Schauspielern aus anderen Soaps, vorzugsweise aus der Verbotenen Liebe. Das ist kein Wunder, denn diese Sendung endet 5 Minuten vor Beginn des Marienhofs, zur Zeit ruiniert ein von dort geholter Pfleger eine so schon niveauarme Geschichte. Und in einer Story, die sich um eine "Reality-Show" dreht, wird der Moderator tatsächlich von "Walter" aus dem "Big Brother-Haus" gespielt. Gerade weil diese Story recht medienkritisch ist, will man dieses selbstreferentielle Zeugs nicht sehen. Zwar stehen solche Erscheinungsformen in einem größeren Zusammenhang, verweisen auf eine dialektischen Entwicklung in der Geschichte des Mediums Fernsehens. Es wäre freilich gut, wenn der Marienhof hier Motor und nicht Auspuff wäre und dort bliebe, wo andere erst noch ankommen müssen. Nämlich bei sich selbst. Im Marienhof will ich den Marienhof sehen, sonst nichts.

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00:00 22.06.2001

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