Die Töchter

Sportplatz Der Kölner Express freute sich, dass am vergangenen Wochenende Jaqueline Frazier und Laila Ali "über acht heiße Runden" gingen und dabei etwas ...

Der Kölner Express freute sich, dass am vergangenen Wochenende Jaqueline Frazier und Laila Ali "über acht heiße Runden" gingen und dabei etwas richtig Heißes boten, das aber, so bedauerte der Express, "mit Boxen eher wenig zu tun hatte". Das Boulevardblatt berichtete über den bislang weltweit größte Aufmerksamkeit erzielenden Frauenboxkampf zwischen den Töchtern der einst besten Schwergewichtsboxer der Welt, Muhammad Ali und Joe Frazier, Laila und Jaqueline.

Die ARD übertrug diesen Kampf am vergangenen Freitag live und zeigte vorher noch die alten Kämpfe von Ali und Frazier aus den Siebzigern, die zum besten und beeindruckendsten gehören, das im Boxsport je geboten wurde. Nach ARD-Angaben sahen den Kampf der Töchter, etwas etikettenschwindelig als "Ali-Frazier IV" angekündigt, nachts um fünf Uhr 420.000 Zuschauer, die Wiederholung am nächsten Tag gar 2,95 Millionen. In der Bild-Zeitung kommentierte Deutschlands bekannteste Boxerin, Regina Halmich, dass es sich um "wirklich spektakuläre Unterhaltung" handelte, "aber nichts für Box-Ästheten". Sie erkannte aber bei der 24-jährigen Laila Ali gute technische Ansätze. Für die Berliner Zeitung war es jedoch ein einziger "Box-Klamauk", und die Passauer Neue Presse, eine andere Lokalzeitung, ergänzte den Bericht der Deutschen Presseagentur, wonach sich Laila Ali als "technisch bessere Boxerin" erwies, um den ganz schön kritischen Halbsatz, "soweit man überhaupt von Technik sprechen konnte". Auch die taz sprach von einer "Hauerei", und der Wiener Standard fühlte sich gar berufen, diesen Kampf richtig patriarchats- und kapitalismuskritisch zu kommentieren. "Alis Tochter misshandelt auf männliche Art Jacqui Frazier", hieß es und: "Frau Ali gewann die schmerzhafte Vorstellung von acht Runden nach Punkten und lehnte ein Revanchematch ab. Das steigert Nachfrage und Preis." So etwas, wo Geld verdient wird, findet auch die Welt nicht gut: "Nicht um Boxen" sei es gegangen, bemängelte Springers Leitorgan, "sondern um den Nervenkitzel für mehr als eine Hand voll Dollar".

Ha! Da hat man´s. Um Geld ging´s. Die deutschen Kritiker sind ganz aufgeregt, sie glauben erkannt zu haben, dass die boxenden Frauen Geld für ihre Tätigkeit kassierten, und also, glauben die doch sehr deutschen Kritiker, sei es kein Sport mehr. Welche Motive, muss man fragen, würden denn akzeptiert? Das Austragen einer alten Familienfehde zwischen den Alis und den Fraziers? Das wäre ehrbarer, fortschrittlicher und fürs aufgeklärt-liberale Bürgertum akzeptabler gewesen? Oder der selbstlose Kampf zweier der Idee des Faustfechtens ergebenen jungen Frauen? Im Fernsehen übertragen, hingeschaut - und in Artikeln kommentiert - wurde der Fight nur, weil es der Kampf zweier berühmter Töchter war. In Kommentaren nachträglich an die zwei Kämpferinnen die Forderung zu richten, sie hätten bitte boxästhetisch einwandfrei kämpfen sollen, ist erkennbar absurd. Wie es ohnehin nicht einzusehen ist, warum Menschen, die "Boxästhetik" fordern, sich nicht schon längst fanatisch dem Florettfechten hingegeben haben.

Laila Ali und Jaqueline Frazier boten also einen Boxkampf, und der war von dem bestimmt, was große Kämpfe prägt: dem Willen zum Sieg. Letztlich gewann Ali nach acht Runden durch Punkte, und Frazier gratulierte. Dass dies überall vermeldet wurde, ist nicht so überraschend - schließlich wurde für "Ali-Frazier IV" ja auch die Werbetrommel geschlagen. Wirklich verblüffend ist der Umstand, dass in vielen Blättern die Meldung über den Kampf zum Anlass genommen wird, abzuurteilen. Dass es nicht weiblich und nicht ästhetisch sei, traut sich, das gehört zu den Fortschritten, die im 21. Jahrhundert erreicht wurden, kaum noch jemand zu schreiben (zu sagen übrigens schon). Also wird das scheinbar kritische Argument hervorgezaubert, wonach es um Geld - also um etwas Böses - geht. Warum Menschen, die eine Fähigkeit gut beherrschen, egal ob dies Boxen, Malen, Dirigieren oder Schauspielern ist, nicht dafür auch bezahlt werden sollten, leuchtet eigentlich nicht ein, und es wird ja selbst bei den schlechtesten Gegnern für Sven Ottke oder Dariusz Michalczewski auch von niemandem vorgetragen. Nein, das Argument, Frauenboxen sei abzulehnen, weil es da um Geld ginge, ist so absurd, wie alle früheren Argumente gegen Frauenboxen absurd sind: Boxen verursache Brustkrebs, Frauen seien wegen ihrer monatlichen Menstruation psychisch zu instabil fürs Boxen, die Gebärfähigkeit leide durchs Boxen, und Frauen, die boxen, bekämen keinen Mann mehr ab.

Das Besondere des Argumentes vom schlechten Geld - und deswegen muss man beinah dankbar sein, es wieder und wieder zu hören - ist die Erkenntnis, dass die tiefe Überzeugung, Frauen sollten Dinge sein lassen, die Männer bei ihnen ungern sehen, auch bei solchen Männern verbreitet ist, die sich selbst für aufgeklärt und kritisch halten.

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00:00 15.06.2001

Ausgabe 43/2021

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