Die tragischen Vier

US-Vorwahlen Santorum holt auf, ­Romney zittert, Gingrich wird ­durchgefüttert – ­Barack Obamas ­Gegner kommen einfach nicht von der Stelle

Sie tun sich schwer, die vier Kandidaten bei den republikanischen Vorwahlen. Ihr Kulturkampf gegen Präsident Barack Obama – dem etwa der ultrakonservative Anwärter Rick Santorum eine „verlogene Theologie“ vorhält – bringt zwar das Blut der Konservativen in Wallung. Doch schreckt er auch etliche Republikaner ab. So klagt der frühere Bürgermeister von New York und einstige Präsidentschaftskandidat Rudy Giuliani, die Bewerber vermittelten den Eindruck, die Partei verstehe „unsere moderne Welt“ nicht richtig. Auch der Alarmruf des Bewerbers Newt Gingrich, Obama sei „der gefährlichste Präsident der modernen amerikanischen Geschichte“, wirkt auf viele befremdlich.

Vor dem morgigen „Super-Dienstag“ scheint das ganze republikanische Bewerberfeld reichlich planlos. Freuen kann sich Obama, der vom Richtungskampf rechtsaußen profitiert.

Aus Sicht der politischen Elite wurde Obama 2008 Präsident, um die Ökonomie zu kitten, um dem Ausland Neuanfang und Stärke zu signalisieren und um den eigenen Bürgern das Gefühl zu vermitteln, mehr Toleranz, Chancengleichheit und Offenheit seien möglich. Viele Anhänger erhofften mehr, aber mit diesem Kandidaten und bei diesen Gegnern seiner Präsidentschaft war mehr offenbar ausgeschlossen. Gemessen an den Möglichkeiten, hat Obama seinen Auftrag ganz gut erledigt. Nun kann er sogar erstmals seit langem auf ein paar positive Wirtschaftsdaten blicken.

Nicht konservativ genug

Da überraschst es nicht, dass die republikanischen Aspiranten nicht von der Stelle kommen. Das gilt auch für Mitt Romney. Er konnte Arizona und seinen Heimatstadt Michigan Anfang der Woche nur knapp für sich entscheiden. Lange erschien er als Wunschkandidat der Eliten, nun spürt auch er Gegenwind. Ganz besonders beim harten Kern der Republikaner, den rechten Christen und den vermeintlichen Vertretern der „wirklichen Amerikaner“ in Gestalt der Tea-Party-Aktivisten. Romney tat sich selbst keinen Gefallen, als er immer wieder deutlich machte, dass er einer der reichsten Präsidentschaftsbewerber der US-Geschichte ist. Gegen Wohlstand hat man nichts im Land der Republikaner, ganz im Gegenteil. Aber der Präsident sollte einen nicht an den hochnäsigen Chef am eigenen Arbeitsplatz erinnern, der gern durchblicken lässt, dass er besser verdient.

Seine Frau fahre zwei Cadillacs, er einen Mustang und einen Chevy Pickup, teilte Romney vor einer Woche in Detroit mit. Er wollte punkten in der Autostadt. Doch hat die auch eine der höchsten Armutsraten in den USA. Romneys hat zwar am meisten Geld im Wahlkampf und einen wohl organisierten Kampagnenapparat. Dennoch hat er größte Probleme mit der sehr eigenen Dynamik der republikanischen Vorwahlen, bei denen besonders die Rechten wählen gehen. Und so beschuldigen die Kandidaten einander – angefeuert von den rechten Kommentatoren der Talk-Shows – nicht konservativ genug zu sein. Die Rechtsaußen Santorum und Gingrich, Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses, erfüllen bei vielen Vorwählern Sehnsüchte nach einer vermeintlich heilen Welt. Nur steuert man in eine politische Ecke, aus der bei den Hauptwahlen gegen Obama schwer wieder rauszukommen ist.

Zum Beispiel, wenn Kandidaten den Zugang zur Empfängnisverhütung in Frage stellen. Das Thema kam hoch, als Obama vorschrieb, von Arbeitgebern gestellte Krankenversicherungen müssten auch für Verhütungsmittel zahlen. Das empört die Republikaner schon seit Wochen, denn möglicherweise würden religiöse Arbeitgeber gezwungen, „gegen ihr Gewissen“ die Pille zu finanzieren. Das marginalisiere den Glauben, schimpfte Santorum, wie das seinerzeit bei der Französischen Revolution geschehen sei. Und die habe doch bekanntermaßen zur Guillotine geführt. Nur sein Gegenkandidat Ron Paul, der gelernte Gynäkologe, widersprach leise. Bei der 20. Fernsehdebatte der Vorwahlkämpfer meinte er, „die Pillen können nicht verantwortlich gemacht werden für die Immoralität unserer Gesellschaft“.

Santorums Rolle ist besonders bemerkenswert. 2006 wurde er als republikanischer Senator hochkantig abgewählt. Und noch im Sommer 2011 schien er ein chancenloser Außenseiter, der ohne viel Geld durch die Vorwahlstaaten Iowa und South Carolina rollte, um zu warnen, dass in den USA „sexuelle Freiheit wichtiger geworden ist als Glaubensfreiheit“. Santorum, streng katholisch, sieben Kinder, hatte sich in seinen zwölf Jahren im Senat einen Namen gemacht als Kämpfer gegen Schwangerschaftsabbrüche und Schwule. Angesichts seiner moralpolitischen Exzentrik kann man die Analyse des Magazins Time verstehen: der Katholik Santorum platziere sich unter den 25 wichtigsten evangelikalen Führungspersönlichkeiten. Ehefrau Karen Santorum sieht das so: Spätestens nach der Gesundheitsreform sei ihr klar geworden, dass Gott „große Pläne“ habe für Rick, sagt sie im Gespräch mit dem rechten Publizisten Glenn Beck. Würde Obama wiedergewählt, „werden wir unsere Nation verlieren, so wie wir sie jetzt kennen“.

Verunsichert sind viele Republikaner auch durch die Neuregelung der Wahlfinanzierung nach dem Citizens-United-Urteil des Obersten Gerichts von 2010, wonach Unternehmen und Privatpersonen unbegrenzt hohe Spenden erlaubt sind. Ein einziger schwerreicher Geldgeber kann nun – zumindest in den Vorwahlen – einen Kandidaten am Leben halten. Der Investment-Manager Foster Friess – mit einem Vermögen von einer halben Milliarde Dollar schon lange bekannt als Geldgeber rechtschristlicher Anliegen – hat für Santorum rund 1,5 Millionen gespendet. Gingrich wiederum wäre de facto pleite ohne die mehr als zehn Millionen der Casino-Eigentümer Sheldon und Miriam Adelson.

Dann wird gedealt

Hohn und Spott aus dem linksliberalen Lager überfluten das republikanische Quartett. Das steht so weit rechts, wie der Satiriker Bill Maher in seiner Show im HBO-Fernsehen meint, dass linke Kritiker letztlich „in Barack Obamas Arme laufen werden“. Denn der Präsident hat keinen Herausforderer von links (im weitesten Sinne). Maher kündigt jedenfalls an, er spende schon einmal eine Million Dollar an Obama und hoffe, seine begüterten liberalen Freunde ziehen mit. Komplizierte Zeiten für die Occupy-Bewegung. Obama spricht gelegentlich ihre Worte, will sogar eine Millionärssteuer einführen: Bürger mit Jahreseinkommen über einer Million Dollar sollten mindestens 30 Prozent Steuern zahlen. Aber zugleich fordert er Steuernachlässe für Unternehmen.

Beim Parteikonvent der Republikaner im August in Tampa (Florida) wählen die bei den Vorwahlen nominierten 2.286 Delegierten den Präsidentschaftskandidaten. Vorstellbar, dass auch die gebündelten Vorwahlen am „Super Tuesday“ keine Vorentscheidung bringen und die vier Anwärter bis zum Nominierungsparteitag weitermachen. Nicht ausgeschlossen, dass Spitzenreiter Romney dort nicht über die 1.144-Stimmen-Hürde kommt. Dann wird gedealt, möglicherweise käme ein neuer Konsenskandidat ins Spiel. Das wäre beispiellos in der modernen Geschichte.

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12:35 05.03.2012

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