Die Welt ist zum Kotzen

Welthass Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" ist ein Beispiel radikaler Zivilisationskritik

Céline, immer wieder Céline. Wie ein Gespenst geistert dieser Arzt, Romanautor, Pamphletist und Antisemit durch die Diskussionen um die Moderne. Wie viele Kritiker haben nicht schon seine wilde Mixtur aus literarischem Avantgardismus und reaktionärer Ideologie zu entwirren versucht? Eigentlich könnte hierzulande eine neue Diskussion einsetzen, denn die bisherige, stark gekürzte und schlampige Übersetzung seines bekanntesten Buches Reise ans Ende der Nacht wird durch eine neue, dem Original nach langen 70 Jahren kongeniale ersetzt. Der Weg für eine klare, eindeutige Kategorisierung dieses Autors dürfte damit dennoch nicht geebnet sein, denn Moderne und Antimoderne verknäueln sich in Célines Texten auf eine geradezu abenteuerliche Weise - und das trägt nicht zum Geringsten zu dem Vergnügen an Céline, diesem rätselhaften Autor, bei. Die häufig geäußerte Ansicht, sein erster und berühmtester Roman Reise ans Ende der Nacht sei noch unbedenklich, überzeugt dabei ebenso wenig wie ein Generalverdacht, der über alle seine Bücher verhängt wird.

Reise ans Ende der Nacht zählt zu den mittlerweile klassischen Werken der Moderne, die in den zwanziger und dreißiger Jahren verfasst wurden. Céline hatte hier bereits einen originellen, unverkennbaren Stil entwickelt, den er mit dem Bild der "emotiven Metro" zu fassen suchte. Leser, so hoffte der Autor, werden mit Bildern, Eindrücken und Wahrnehmungen versorgt, also eben nicht mit Thesen oder Theorien durch die Welt geleitet. So wenig es zu vermeiden ist, dass Ideen und Ideologien dennoch präsent sind, so sehr arbeitet Céline dagegen, dass sie seine Stimmungen und seine Atmosphäre trüben. Zunehmend im Laufe seines Schreibens treten die einzelnen Sätze aus der Beschreibung hervor, erhalten eine lautmalerische Qualität, lösen Syntax und Sinnzusammenhänge auf, bis sie in eine Art Sprechgesang münden. Die späten Bücher, vor allem Guignols Band I/II, könnten mit musikalischer Begleitung in einer finsteren Kaschemme vorgetragen werden. Die Zuhörer würden vermutlich bald ins Zweifeln kommen, ob nach der Lesung irgendwann die Sonne aufgehen wird, denn am "Ende der Nacht" folgt bei diesem Autor nie die Morgendämmerung.

Das Bild der Metro ist noch in anderer Hinsicht plausibel. Es steht mit seiner Geschwindigkeit für die Moderne. Ihre Insassen rekrutieren sich hauptsächlich aus Arbeiterklasse und Kleinbürgertum, folglich dominiert dort die Umgangssprache. Reise ans Ende der Nacht versammelt alle diese Motive. Die Hauptfigur Bardamu tritt zuerst in Paris auf dem Place Clichy auf. Aus Neugierde meldet Bardamu sich zum Militär. Angeekelt von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und gründlich aller Illusionen und Hoffnungen beraubt, übernimmt er einen kleinen Verwaltungsposten in den tropischen Kolonien, wo er gefangen genommen, verkauft und in die Vereinigten Staaten verschifft wird. Er arbeitet dort in den Ford-Werken, kehrt in die Pariser Vorstädte zurück und begegnet dort allerlei Elend und Niedertracht.

Auf seinem Weg durch die geradezu paradigmatischen Orte der Moderne trifft er auf verlorene und deklassierte Gestalten. Nur ganz unten befinden sich bei Céline Menschen, die keine Charaktermasken tragen. Die Bourgeoisie tritt gelegentlich als die "Reichen" auf und wird als soziale Gruppe, die unverdiente Privilegien genießt, mit Verachtung und aus der Entfernung beschrieben, ebenso wie die Vertreter des Kleinbürgertums, die erfüllt von Kleinkariertheit und Boshaftigkeit entweder nach geringen Vorrechten, meistens schlicht nach Geld streben. Seinerzeit konnte das als Gesellschaftskritik gedeutet werden, und viele Linke waren auch nach dem Erscheinen der Reise der Ansicht, hier schreibe einer von ihnen. Letztlich aber artikulierte sich ein verschwommener, unpolitischer Welthass, der aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs aufgestiegen war. Céline ergeht sich in Opferphantasien und erfindet Momentaufnahmen aus einer modernen Hölle, in der überall die Auflösung droht. Meistens sind es Larven und Maden aller Art, die den Körper zerfressen.

Als er sich in die Kolonien einschifft, wähnt sich Bardamu von allen verfolgt. Eingeschlossen in seiner Kabine wartet er darauf, von den anderen Passagieren wie ein Aussätziger über Bord geworfen zu werden. In dieser, literarisch schwachen, larmoyanten Passage lauert überall das Ressentiment eines Außenseiters. Zu einfach wäre es jedoch, aus diesem Verfolgungswahn eine logische Affinität zu rassistischen Ideologien zu folgern. Mit Kausalitäten und Notwendigkeiten ist diesem Autor nicht beizukommen. Besser ist der Begriff der Konstellation, mit dem erklärt werden kann, wie aus einem originellen Modernisten ein übler Antisemit wurde - und, beispielhaft an dem "Fall" Céline, wie aus Welthass ein reaktionäres Programm werden kann.

Einige der Motive im Roman sind leicht einer politischen Seite zuzuordnen. Verfolgungswahn, die Angst vor einem Verlust der Identität, die sich in Bilder von körperlicher Auflösung übersetzt, dazu der Gegensatz von Arm und Reich, der den Roman durchzieht - das alles bildet allemal das, was gerne ein ideologisches Gebräu genannt wird. Manche dieser Motive sind mehrdeutig. Die Phobie vor körperlichem Verfall hat durchaus tragikomische Züge. Wenn er schreibt, Besucher "gingen ungehindert bei mir (wenn man das so nennen kann) ein und aus", kann er durchaus mit Rimbauds berühmtem Satz "Ich ist ein anderer" konkurrieren.

Lichtgestalten oder Helden gibt es keine. Nur für kurze Augenblicke schimmert ein Funken Hoffnung durch Célines Finsternis, ausgesandt von Prostituierten, die sich altruistisch verhalten, oder von subalternen Angestellten, die in der Kolonialverwaltung die Drecksarbeit machen müssen. Allein jene, die ganz unten stehen, scheinen mitmenschlicher Regung fähig, Empathie existiert nur bei denen, die sie selbst nötig hätten. Und nur das Meer und die Schiffe, gelegentlich eine Naturansicht, gewähren dem Erzähler auf seiner Reise durch eine abscheuliche Welt kurzzeitige Erholung.

Keiner hatte die soziale Unterwelt vor Céline in dieser Weise beschrieben, und keiner seiner Epigonen hat es ihm in dieser ästhetischen Qualität nachgemacht, auch wenn die Pseudo-Célines wieder vermehrt auftreten. Houellebecq mit seinem leichthändigen, gut verkäuflichen Weltekel schafft es nicht übers Kleinbürgerliche hinaus, und ein Filmemacher wie Gaspard Noé belegt mit seinem célinesken Skandalfilm Irreversible aus dem Jahr 2001 nur, dass Gewalt und Gefühllosigkeit in dieser Gesellschaft die etablierten Grenzen anständigen Benehmens sprengen. Was Céline jedoch von seinen Nachahmern unterscheidet, ist ein geradezu manisches Erkenntnisinteresse. Immer wieder finden sich in der Reise Bekenntnisse, dem "Dasein, wie es wirklich ist", auf den Grund gehen zu wollen. Der Erzähler will es genau wissen, so verdammt genau, dass er allen misstraut, die mit Erklärungen und Lösungsvorschlägen parat stehen. Er schickt seine Hauptfigur Bardamu in den Krieg, denn dort kann er die offizielle Ideologie, der Krieg sei edel und gerecht, überprüfen. In den Tropen findet er endgültig die Schattenseite des Westens, ehe er auf dem Broadway und in den Ford-Werken seine Mythen ad absurdum führt.

Die Welt ist zum Kotzen - das ist auch ein modisches Gefühl geworden und häufig auch eine Legitimation, beflissen Schäbigkeit und soziale Gewalt auszustellen und ästhetisch aufgemotzt zu verpacken. Céline ist dies nicht zum Vorwurf zu machen. Er ist nicht nur ein überragender Stilist, der aus einer am Argot orientierten, rhythmisierten Sprache seine Schattenwelten mit ihren Pathologien, Exzessen und Halluzinationen, entstehen lässt. Er ist konsequent, radikal und in seiner destruktiven Energie unermüdlich. Er hat aber auch bewiesen, dass Weltekel und Lebensschwärze eine Aggressivität entfesseln können, die sich rassistisch und antisemitisch austobt. Jeder Modernist hat sein Markenzeichen. Das Célines ist die Ambivalenz.

Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, 671 S., 29,90 EUR, Rowohlt-Taschenbuch 12,90 EUR

00:00 17.06.2005

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