Die Wölfe kehren zurück

Umbruch Die Krise erfasst nicht nur Griechenland oder Spanien, auch auf dem Balkan verzweifeln die Menschen, liegen Unternehmen brach, veröden ganze Landstriche
Die Wölfe kehren zurück
Im künftigen EU-Land Kroatien hat manche Bürgerkriegsruine aus den neunziger Jahren bis heute überlebt

FOTO: Hrvoje Polan/ AFP/ Getty Images

In Milicinici haben „unbekannte Tiere“ neulich elf Schafe gerissen. Es könnten Schakale gewesen sein, aber auch eine neuerdings häufig anzutreffende Kreuzung von Wölfen und wilden Hunden kommt infrage. Die fast verlassenen Dörfer um Leskovac in Südserbien entwickeln sich zu einem interessanten Objekt für Naturschützer. In der Gegend von Pirot im Osten fährt das Rote Kreuz umher, um die isoliert lebenden alten Leute mit Essens- und Hygienepaketen zu versorgen. Es gibt im weiten Umkreis keine Geschäfte mehr, von öffentlichem Nahverkehr ganz zu schweigen. Nur in den Städten sind Läden von chinesischen Händlern eröffnet worden, die nach einem Jahr weiterziehen, wenn die Steuererklärung fällig wird.

Ähnlich wie hier sieht es im Osten Bosniens und Mazedoniens aus, in der rumänischen Moldau, in Teilen Olteniens und sogar in der Krajina rund um Knin, nur ein paar Dutzend Kilometer von der mondänen Adriaküste entfernt. Kulturlandschaften entvölkern sich und veröden. Wer bleibt, rutscht ins Elend. In den Hauptstädten Südosteuropas fehlen die Kraft und der Wille, an der Entwicklung etwas zu ändern. Regionalpolitik findet nicht statt. Die Hälfte der Wirtschaftsleistung Serbiens entfällt auf Belgrad, wo aber nur jeder fünfte Serbe lebt. In Kroatien sind die Unterschiede im Pro-Kopf-Einkommen von Region zu Region drei Mal so groß wie im wiedervereinigten und 20 mal so großen Deutschland. In Rumänien beschränkte sich der Boom von 2002 bis 2008 auf das Banat, die Region Cluj und auf Bukarest. In Bosnien blieb er ganz aus.

Zur Emigration gezwungen

Eine Weile herrschte die Illusion, Südosteuropa würde irgendwann zur Mitte des Kontinents aufschließen. Vor zehn Jahren erklärten die EU-Regierungschefs in Saloniki, dass die Staaten in der Region allesamt eine Beitrittsperspektive hätten. Vier Jahre später, am 1. Januar 2007, traten Rumänien und Bulgarien tatsächlich bei, für Kroatien soll es im Sommer 2013 so weit sein, heißt es in Brüssel. Überall wurden schöne Wachstumsraten verzeichnet. In Serbien halbierte sich die Zahl der Armen, derjenigen also, die weniger als 80 Euro im Monat zur Verfügung haben.

Dann kam die Finanzkrise. Seither sind in Kroatien sechs Prozent der Jobs verloren gegangen, in Serbien gilt das sogar für jeden fünften Arbeisplatz. Überall sinken die ohnehin niedrigen Beschäftigungsraten. 2011 sah es kurz einmal so aus, als könnten die Länder an den Aufholprozess der zweitausender Jahre anknüpfen. Aber in Kroatien, Bosnien, Serbien sinkt die Wirtschaftsleistung weiter, überall sonst bleibt sie unter dem Niveau von 2009. Österreicher und Italiener, die hier die Banken gekauft haben, ziehen ihr Kapital ab, um die Mutterbanken zu finanzieren. Die epochale Depression, die den südöstlichen Teil Europas über alle Brüche, ob in Plan-, Markt- oder Selbstverwaltungswirtschaft, seit 30 Jahren im Griff hält, ist wieder da.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch: um die 28 Prozent in Serbien und Bosnien, 50 bis 60 Prozent im Kosovo, mehr als 30 in Mazedonien und immerhin noch zwischen 15 und 20 Prozent in Kroatien und Albanien. Aber die Zahlen geben den Mangel an bezahlter Arbeit nicht annähernd wieder. Rumänien hat in zehn Jahren mehr als zehn Prozent seiner Bevölkerung verloren. Wer kann, sucht Arbeit im Ausland. In Albanien und im Kosovo ist es ein althergebrachtes Muster, dass die Jungen in die Welt gehen, dort Geld verdienen und so die Herkunftsfamilie unterstützen. Wo die Familienbande weniger stark sind, verdämmern die Alten einfach. Die Jungen haben keine andere Wahl, als zu emigrieren. In den vergleichsweise reichen Hauptstädten einen Job zu suchen, ist keine Alternative. Es gibt dort keinen nennenswerten Mietwohnungsmarkt, und Pendeln geht nicht, weil es keine S-Bahn gibt.

Von Südosteuropa aus gesehen ist der Kontinent längst eine einzige Volkswirtschaft, die eben ihre regionalen Schwerpunkte hat. In den Vereinigten Staaten findet ja auch niemand etwas dabei, dass man in Kalifornien oder Colorado studiert, in Pennsylvania oder New York arbeitet und in Florida die Rente verzehrt. Das zentrale Merkmal einer gemeinsamen Volkswirtschaft – die Währung – ist de facto vorhanden. Kosovo und Montenegro zahlen schon mit Euro, in Bosnien und Bulgarien hat die D-Mark als Halb-Euro überlebt. In allen anderen Ländern der Region ist der Euro die Schattenwährung. Entscheidungen der Europäischen Zentralbank und der Eurozone betreffen den Südosten mit. Er wird nur niemals mitbedacht.

In den USA herrscht volle Freizügigkeit, in Europa nicht. Die reichen EU-Staaten können Armutswanderung aus den sogenannten Kandidatenländern unterbinden und tun das auch. Der deutsche Arbeitsmarkt bleibt 2013 sogar für die EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien geschlossen. Aber nicht für alle, und das illustriert das Problem: Rumänische Ärzte dürfen ein Jahr nach der Approbation und nach erfolgreichem Deutschkurs nach Deutschland auswandern. Wegen des herrschenden Ärztemangels kommen ganze Absolventenjahrgänge. Und kaum jemand stört sich daran, dass Rumänien die niedrigste Ärztedichte in Europa hat und besonders die Armutsregionen eklatant unterversorgt sind. Für Arbeit suchende Fachkräfte aus dem Südosten des Kontinents ist Europa ein gemeinsamer Arbeitsmarkt. Reguliert wird er, wenn man so will, von Konsulaten und Ausländerbehörden der Aufnahmeländer.

Streichhölzer aus Bulgarien

Produziert wird auf dem Balkan kaum, exportiert noch viel weniger. In Serbien liegt die Industrieproduktion bei 45 Prozent des Niveaus von 1989. Äpfel kommen aus Holland, Schuhe aus China, Streichhölzer aus Bulgarien. Die Lohnsteigerungen der zweitausender Jahre wurden für Importe ausgegeben und haben gleichzeitig die serbischen Produkte so verteuert, dass sie auch auf dem Binnenmarkt nicht mehr konkurrenzfähig sind. In Serbien liegt das Defizit in der Leistungsbilanz bei elf, in Montenegro bei 22 Prozent. Das gilt in „guten“ Zeiten. In schlechten verringert sich das Defizit – aber nur, weil dann auch für die allerbilligste Importware das Geld fehlt.

Die EU-Aufnahme ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für eine mögliche Besserung. Wenn Kroatien im Juli dem Staatenbund beitritt, bringt es eine Adriaküste mit, an der schon jetzt jeder sein Häuschen kaufen kann. Noch fehlen Flugverbindungen und Landeplätze auf den Inseln. Sobald es die gibt, ist alles perfekt nutzbar. Zugleich droht der Balkan als Kroatiens einziger Wachstumsmarkt mit Zöllen zwischen 15 und 20 Prozent einzubrechen. Kroatien ist Mitglied der Cefta, des mitteleuropäischen Freihandelsabkommens, und scheidet dort mit dem EU-Beitritt automatisch aus. Serben und Bosnier werden sich die kroatischen Lebensmittel dann nicht mehr leisten können.

Norbert Mappes-Niediek ist Balkan-Korrespondent. Zuletzt erschien von ihm Arme Roma, böse Zigeuner im Christoph Links Verlag (2012)

09:00 09.02.2013

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