„Die Worte sollen hart und kurz sein“

Porträt Michael Friedrichs-Friedlaender verarbeitet beim Anfertigen der Stolpersteine auch seine eigene Familiengeschichte
„Die Worte sollen hart und kurz sein“
Michael Friedrichs-Friedlaender stellt die Stolpersteine her, die die Namen von Holocaust-Opfern tragen. Er will mehr sein als nur Handwerker

Foto: Nikita Teryoshin für der Freitag

Vor ein paar Tagen war wieder so ein Moment. Da hat er die Namen von 28 jüdischen Kindern, die 1944 von den Nazis ermordet worden sind, in Stein geschlagen. Es ist ihm besonders nahegegangen. „Das bekommst du nicht mehr aus dem Kopf“, sagt Michael Friedrichs-Friedlaender.

Der 69-Jährige wirkt erst mal reserviert, als er in seiner Werkstatt in Berlin-Pankow, am nördlichen Stadtrand von Berlin, von seiner Arbeit erzählt. So als hätte er sich über die Jahre eine Schutzschicht zugelegt.

Friedlaender ist gelernter Metallbildhauer, seit 14 Jahren stellt er die Stolpersteine her, die in Bordsteine vor Wohnhäusern eingelassen sind, in denen einst jüdische Nachbarn, Sinti und Roma, Homosexuelle oder von den Nazis politisch Verfolgte wohnten. Jeder der mittlerweile mehr als 75.000 Steine ist sein Werk. Der Künstler Gunter Demnig lässt sie medienwirksam ins Trottoir ein. Ein einzelner gefertigter Stein erinnert mit einer Inschrift an das Schicksal von Opfern, die von den Nazis zuvor entmenschlicht, zu Zahlen gemacht und ermordet wurden.

Friedlaender will mehr sein als nur Kunsthandwerker. Er arbeite auch gegen das Vergessen, gegen Hetze und Hass. Immer wieder gibt es diese Augenblicke, in denen er nicht nur Steine klopft, sondern auf Geschichten stößt, die ihn aufwühlen.

Von seiner kleinen Werkstatt gehen die Steine in 26 Länder Europas; von Holland über Ungarn und Tschechien bis in die europäischen Gebiete Russlands.

Namen, Daten, auswendig

Auf den langen Regalbrettern, die an den Wänden der Werkstatt befestigt sind, stehen kleine blaue Plastikboxen, voll mit Stahlwolle und Werkzeug.

Friedlaender hat ein Bündel weißer DIN-A4-Blätter neben sich auf die Werkbank gelegt. Auf ihnen sind die Inschriften notiert, die er später in Stein stanzen soll. Die Schicksale jüdischer Opfer, die sich dahinter verbergen, recherchieren meist Geschichtsvereine, freiwillige Initiativen und Schulklassen, die dann einen Antrag auf einen Stolperstein stellen. Bevor Friedlaender die Inschriften in die Steine haut, prüft er sie auf ihre Richtigkeit.

Die Tage der Befreiung von KZ-Gefangenen hat Friedlaender auswendig im Kopf. Mehr als 170.000 Namen, Daten und Schicksalswege sind im Gedenkbuch des Bundesarchives online einsehbar. Dort schlägt er Daten nach, bei denen er stutzig wird. Erst dann macht er sich an die Arbeit.

Über seine Ohren hat er jetzt schwarze Kopfhörer gestülpt, die ihm als Lärmschutz dienen. Eine Baulampe wirft einen hellen Lichtkegel auf die Messingplatte auf seiner Werkbank. Friedlaender kneift die Augen zusammen, er muss sich konzentrieren.

In der einen Hand hat er den Stempel, in der anderen den Hammer, mit dem er den Stempel in die Messingplatte schlägt. Buchstabe für Buchstabe, jeder vier, acht oder zwölf Millimeter groß. Mittlerweile besitze er Stempel in 24 verschiedenen Sprachen, erzählt Friedlaender, auch ukrainische und griechische. Die Inschriften, die er in die Steine schlägt, folgen einem ähnlichen, nahezu stoischen Muster. In die erste Zeile schreibt Friedlaender: „Hier wohnte.“ Dann folgen Name, Geburtsjahr sowie das Datum der Deportation und der Todesort. Er beginnt von der Mitte des Messingblechs an zu stempeln, arbeitet sich dann nach links und rechts vor. Der 69-Jährige wählt bewusst Worte wie „auf der Flucht“ statt „emigriert“, auch wenn manche Angehörige ihrer Verstorbenen lieber mit pathetischen Formulierungen gedenken würden. Die Inschriften sollen nichts beschönigen, sagt Friedlaender. „Sie sollen hart und kurz klingen, so wie auch ihr Schicksal war.“

Dass die Steine einmal ihre Wirkung verlieren, kann er sich nicht vorstellen

Foto: Nikita Teryoshin für der Freitag

Auf einige fertig polierte Steine vom Vortag, die auf einer Holzpalette aufgereiht sind, hat Friedlaender kleine gelbe Zettel geklebt. Darauf hat er die Namen der Orte notiert, in denen die Steine später verlegt werden sollen. Bautzen, Meißen, Dresden, Chemnitz – alles Städte, in denen Flüchtlinge in den vergangenen Monaten Opfer von rechter Hetze wurden.

In Halle sollen nach dem Anschlag auf die Synagoge im Paulusviertel im Oktober 2019 drei neue Steine verlegt werden. Friedlaender hält sie für notwendig. Er zieht Parallelen: „Mich wundert, dass damals niemand etwas gesehen oder gewusst haben will.“ Oder: „Es waren Juden, sie mussten sterben.“ Solche Sätze sagt er oft.Er weiß von seiner eigenen Familie, wohin Fremdenhass und Antisemitismus führen können. Er hat jüdische Vorfahren. Sein Urgroßvater besaß eine Patisserie in Breslau und war Jude. Sein Vater, der in Berlin lebte, erhielt – auch mit dem Zusatznamen Friedrichs – während des Naziregimes keinen Arier-Nachweis.

In Formularen kürzt Friedlaender heute seinen eigenen Namen gerne mit MFF ab, weil zu wenig Platz für den Doppelnamen sei. „Der Friedlaender ist mir aber wichtig.“

Friedlaender, geboren 1950 in München, wuchs mit seiner Familie im bayrischen Freistaat auf. Mit 18 stieß er dort auf große Widerstände, wenn er Fragen zum Holocaust stellte. Im Geschichtsunterricht weigerten sich die Lehrer, über die Jahre 1933 – 45 zu sprechen. Und auch zu Hause fragte Friedlaender seinen Vater immer wieder vergeblich nach der Vergangenheit.

Friedlaender war Teil einer Generation – Kinder von Opfern, stummen Zeugen und Tätern –, die in den 68ern aufbrechen wollte, was jahrelang verschwiegen wurde. Von der eigenen Familiengeschichte erfährt Friedlaender erst Jahre später. Seine Schwester begann nach dem Tod des Vaters mühsam Erinnerungsstücke zu suchen, las alte Briefe und Tagebucheinträge und fuhr auf den Spuren der Familie nach Breslau. Aus ihrer Recherche machte Carola Cohen-Friedlaender ein Buch, das sie ihrem Bruder vor einigen Jahren zu Weihnachten schenkte: Daumendick Butter. „Das alles liegt nun mehrere Generationen zurück“, sagt Friedlaender, in seiner Stimme liegt bemühte Gleichgültigkeit. Friedlaender weicht aus, wenn man ihn nach seiner eigenen Lebensgeschichte fragt. Als ob seine eigene Erfahrung – wie ein blinder Fleck – in der großen Geschichte nichts zu suchen hätte.

Dabei beschäftigt er sich seit seiner Jugend mit der Vergangenheit, sie hat ihn nie losgelassen. Lange bevor der Erfinder der Stolpersteine, Gunter Demnig, im Sommer 2005 einen Metall-Bildhauer suchte und Friedlaender um Unterstützung bat, hatte der sich bereits Unmengen an Literatur, Filmen und Dokumentationen über die Nazizeit angeeignet. Er stöbere an freien Tagen in Buchhandlungen, sagt er und steckt sich eine selbst gedrehte Zigarette an. Gerade lese er einen mehr als 800-Seiten-Wälzer über die Kriegsjahre 1939 – 45, Der Deutsche Krieg, vom Oxford-Historiker Nicholas Stargardt.

Als freier Künstler fertigte er zuvor Skulpturen aus Metall, die Geschichte war nie bestimmendes Element seiner Arbeit. Mittlerweile ist sie allgegenwärtig.

Routine ist das alles nie geworden

Foto: Nikita Teryoshin für der Freitag

Nach dem Anschlag in Halle zogen vor Friedlaenders innerem Auge die Bilder der Reichspogromnacht vorbei, als 1938 die Synagogen in Flammen standen. Er habe sich auch nach den Vorfällen in Chemnitz, als Ende August 2018 ein rechter Mob durch die Straßen wütete und Menschen attackierte, die „nicht deutsch“ genug aussahen, an die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erinnert gefühlt. „Das alles gab es schon einmal, denke ich dann“, sagt er, er sei wütend über Reden von AfD-Politikern wie Gauland und Höcke, in denen die deutsche Geschichte verharmlost wird. Er spüre in diesen Momenten, dass er weitermachen müsse: Je mehr die Gesellschaft nach rechts rückt, umso wichtiger werde seine Arbeit. Die Kraft der Steine. Er will jedoch niemanden zum Gedenken zwingen.

Er beobachte bei Schulklassen, die ihn in seiner Werkstatt besuchen, dass sie gerührt seien, wenn sie vornübergebeugt die Inschriften lesen. Oder an Angehörigen aus Israel und den Vereinigten Staaten, die für die Stolpersteinverlegung ihrer Eltern in hohem Greisenalter noch einmal nach Deutschland kommen. „Die Gesichter verändern sich“, sagt Friedlaender.

Vor allen Dingen sei ihm der Besuch eines kleinen kräftigen Mannes um die achtzig im Gedächtnis geblieben, der plötzlich in Friedlaenders Werkstatt stand. Er kam in Begleitung eines jungen Mannes. Die beiden hatten sich bei der Verlegung des Stolpersteins kennengelernt, nachdem der rund 80-Jährige an der Haustür der Kreuzberger Wohnung klingelte, in der seine Eltern einst lebten. Es sind solche Begegnungen, bei denen sich Friedlaender und Angehörige von Opfern am Ende in den Armen liegen – manchmal müssen sie alle weinen –, die ihn in seiner Arbeit bestärken.

Dass Stolpersteine einmal ihre Wirkung verlieren, weil es zu viele geworden sind, kann er sich jedenfalls nicht vorstellen. Friedlaender steht, den Oberkörper über einen schwarzen Gummieimer gebeugt, und rührt Beton an. Hinter ihm in der Ecke seiner Werkstatt stapeln sich die Säcke mit dem Baumaterial, aus dem nun die Steine geformt werden. Zuvor hat Friedlaender links und rechts Laschen in die gravierten Messingplatten geschnitten. Mit einer Zange biegt er beide Seiten nach unten, um sie so im Beton verankern zu können. Langsam und gleichmäßig gießt er nun die flüssige Masse in die Gussformen, in der 14 Platten nebeneinanderliegen. Am Ende ist jeder der Stolpersteine 96 x 96 Millimeter lang und zwei Kilogramm schwer.

Wenn seine Steine die Werkstatt einmal verlassen haben und auf dem Bordstein eingelassen sind, begutachte er sie im Grunde nie, sagt er und fährt ein letztes Mal sachte mit dem Spachtel über die Betonmasse, glättet etwas und kratzt schnell ein paar übergelaufene Betonreste weg. Dann schrubbt er sich am Waschbecken im Nebenraum die Hände sauber. Am nächsten Tag wird Friedlaender die Steine aus der Gussform herausklopfen und mit ein wenig Essig und Stahlwolle polieren.

Friedlaender lebt mit seiner Ehefrau, einer russischen Künstlerin, und seiner 14-jährigen Tochter in der Wohnung im zweiten Stock, die sich über der Werkstatt befindet. Wenn er abschalten will, werkelt er im Garten, erledigt Einkäufe, verbringt Zeit mit seiner Tochter. Seine Arbeit trage er nicht mit nach Hause. Er zwinge sich, umzuschalten.

Auch im Gespräch, an dem kleinen Tisch in seiner Werkstatt, schafft er es immer wieder, hin und her zu schalten: Erst erzählt er von 34 Waisenkindern aus Hamburg, die alle am selben Tag ermordet wurden, wischt sich mit dem Handrücken eine Träne weg. Kurz darauf kommt er auf die Anzahl der Steine, die er bis nächsten Monat noch fertigstellen muss.

Nur eines scheint er sich nach all den Jahren seiner Arbeit zu verbieten – dass sie Routine wird.

Ehrung und Widerstand

Die Fußgänger sollen stehen bleiben, sich über die Steine beugen und sich somit symbolisch vor den Opfern verneigen – mit dieser Idee gründete der Kölner Künstler Gunter Demnig Anfang der 90er Jahre das Projekt Stolpersteine. Menschen, die durch die Nazis Nummern geworden sind, sollten ihre Namen zurückbekommen.

Anlass für den ersten Stein war der 50. Jahrestag des Befehls von Heinrich Himmler zur Deportation der „Zigeuner“, der Stein wurde 1992 vor das Kölner Rathaus gelegt. Daraus entwickelte sich später ein Gedenken an alle Opfer gleichermaßen: Juden, politisch Verfolgte, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Euthanasie-Opfer. Inzwischen finden sich die Steine in fast 1.200 Städten und Gemeinden in Deutschland – insgesamt 74.000 Gedenksteine –, nur in Berlin gibt es mehr Stolpersteine als in Hamburg (fast 8.000). In 25 weiteren Ländern wurden sie gelegt, u.a. in Österreich, Belgien, Frankreich, Polen, den Niederlanden und der Ukraine. Die Steine gelten inzwischen als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Doch sie sind nicht unumstritten. Die Stadt München weigert sich etwa, sie zu genehmigen, man würde geradezu auf den Opfern herumtrampeln, so der Einwand der Kritiker der jüdischen Gemeinde. In manchen Fällen sind es auch Hausbesitzer, die keine Gedenksteine vor ihrer Tür wollen, weil sie eine Wertminderung fürchten – oder Angriffe von Neonazis. Düsseldorf hingegen ehrte den Künstler mit einer Medaille.

Das Geld für die Steine kommt durch Spenden zusammen (120 Euro pro Stolperstein). Jeder kann eine Patenschaft übernehmen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 27.01.2020

Ausgabe 31/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1