Die Würde des Schweins ist unantastbar

Weihnachten im Forst Bertas letzte Stunde oder: wie das Gulasch auf die festliche Tafel kommt

Adventszeit ist Jagdzeit. Denn bevor die Keule auf dem Tisch landet, soviel ist wohl klar, muss das Tier geschossen werden, an dem sie hängt. Da nützt kein Naserümpfen und kein Gezimper, kein Nieder-mit-den-Jägern-Gerufe und kein Die-Würde-des-Schweins-ist-unantastbar-Gesinge. Und schließlich geht es auch um mehr, als nur die Befriedigung der Essgelüste zur Heiligen Zeit. Es geht um den Wald. Rehrückenesser mit Gewissensbissen sollten wissen, dass Disney seinen Zuschauern ein wichtiges Detail verheimlicht. Bambi und Konsorten lieben junge Bäume und fressen die Setzlinge, kaum, dass diese den Kopf aus der Erde strecken.

Also ist es kurz vor den Festtagen aus mit der Waldesruhe. Denn wenn der Mensch die Geburt des Herrn feiert, möchte er dabei gern üppig speisen, und in Zeiten von BSE, Mastputern und Hormonschweinen ist ein ökologisch unbedenkliches Stück Fleisch auf dem Teller eine gute Sache. So ein Wild, das ernährt sich schließlich nur von gesunden Dingen. Es gibt viele kulinarische Gründe und viele ausgefallene Rezepte, die den Tod von Mümmel und Bambi, und dem Beispielwildschwein dieser Geschichte - es heißt Berta - rechtfertigen.

Blattschuss, meine Herren

Auch kulturhistorisch, evolutionsbedingt, instinktgesteuert, ist die Mahlzeit nach der Jagd näher am Leben, an der Natur, als - sagen wir: der Gang zu McDonalds. Jagen müssen, was man essen will, ein Urverhalten des Mannes. Des M-A-N-N-E-S, wohlgemerkt. Nicht des Weltkirchentagbeters, Rasierschaumbenutzers, Warmduschers oder Leisetreters. Wer essen will, was er selbst erlegt, muss auch ausweiden, was er selbst erlebte - mit beiden Händen bis zu den Unterarmen in das Tierinnere fassen können.

Eine blutige Sache. Zunächst muss die Luftröhre raus. Ein beherzter Stich mit dem Messer in den Hals, ein sauberer gerader Schnitt, schon erledigt. Dann die Innereien. Das Auftrennen der Bauchdecke, ein Kinderspiel. Kniffliger ist das Durchtrennen des "Verschlusses", hinter dem dann der Darm hervorgequollen kommt, für diesen und seinen Restinhalt braucht man schon zwei große Hände. Leber, Herz und Nieren steckt sich der Jäger in die Tasche (Experten nehmen gar einen Gefrierbeutel mit), der Rest wird für den Fuchs vergraben - jenen Fuchs eben, der an diesem Tag entwischen konnte.

Ja, so eine Jagd ist eklig, fürwahr. Tod und Blut in Massen, Schmerz und manchmal auch Siechtum. Alles, was wir nicht gern haben. Schon gar nicht zur Weihnachtszeit. In anderen Gegenden dieser Welt, zum Beispiel in Tschetschenien, tut man solche Dinge Menschen an. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. - Doch zurück zu Berta, der Jagd, dem Jagdfieber und dem Wildschweingulasch danach. Berta landet schließlich nicht freiwillig und schon gar nicht von allein auf der festlichen Weihnachtstafel.

Für die Jäger beginnt der Tag mit Antreten und Zuhören. Was ein guter Forstamtsleiter ist - und mit so einem haben wir es im mecklenburgischen Wald zur Weihnachtszeit im Jahre 2005 zu tun - der möchte nicht, dass ein Tier leiden muss. "Wer schießt, der soll auch was mitbringen", lautet das Motto des Tages. Mit anderen Worten: Einfach durch die Gegend ballern und nichts oder nur schlecht treffen, das wird schon gar nicht gern gesehen. Blattschuss, meine Herren, aber eine Dame ist auch dabei. Sauber durchs Herz, Exitus auf der Stelle. Wer die Bache geschossen hat, soll gefälligst auch die Frischlinge erledigen. Oder nur die Frischlinge. Hirsche haben Schonzeit, ebenso wie späte Pilzsammler und Spaziergänger. Manche Witze sterben eben nie aus.

Für Reh und Wildschwein, Hase und Fuchs beginnt der Morgen nicht sehr friedlich. Angeblich wissen die Tiere schon beim Anblick der vielen in aller Herrgottsfrühe anrollenden Geländewagen, welche Stunde geschlagen hat. Die letzte nämlich. Spätestens wenn die Treiber mit den Hunden durch das Unterholz ziehen, ist es mit der adventlichen Besinnlichkeit des Tiers vorbei.

Berta stirbt als eine der ersten. Sie ist übrigens ein Überläufer, was nicht bedeutet, dass sie sich nun mit den Jägern gegen ihre Artgenossen verbündet, sondern einfach nur in einem Dasein zwischen Frischling und ausgewachsenem Schwein angekommen ist.

Nun ein Halleluja

Berta nimmt, wie geplant, vor den Treibern Reißaus und galoppiert mit der Rotte los, immer schön der Bache nach. Die aber ist vor Angst ganz rammdösig und verliert die Orientierung. Plötzlich steht Berta allein und unbedeckt in der Natur. Schon legt der Jäger an, einen kurzen Moment treffen sich die Augen von Tier und Mensch. Und es ist ein Augenblick zuviel. Hätte Berta sich "spitz" gestellt, also mit der Schnauze zum Jäger, hätte sie vielleicht eine Chance gehabt. Ein Schuss, bei dem das Tier nur verletzt wird, gilt schließlich als unfein. Nun aber dringt ihr die "angetragene Kugel" - so das poetische Jägerwort für einen finalen Schuss - in die Lunge. Krank geschossen, sei die Berta, befindet der Jäger, und was sich wie eine Grippe, aber doch hoffnungsvoll anhört, bedeutet nur, dass das Tier in einem Schockzustand ist, der bis zum Exitus anhält und ihm Schmerzen während des Todeskampfes erspart. Sagen zumindest die Jäger - und weder im Brockhaus noch in Brehms Tierleben noch im Dschungelbuch findet man einen Gegenbeweis.

Berta dreht sich noch dreimal um die Achse, taumelt, fällt, zuckt, rührt sich ein letztes Mal und bleibt mit gen Himmel gewendeten Augen starr liegen. Wenn die Weihnachtsbotschaft stimmt, singen ihr die Engel nun ein Halleluja.

Drei Stunden später ist die Jagd beendet und mit anderen Überläufern und Frischlingen landet Berta erst auf einem geräumigen Pick Up, wird dann in Reih und Glied mit den anderen auf frische Tannenzweige gebettet. Daneben die stolzen Jäger, bereits Latein austauschend. Nur der Forstamtsleiter kriecht noch durch den Wald. Von seinem Hochstand aus hat er ein lahmendes Tier gesehen, angeschossen vielleicht. Gar leidend. Das lässt das Förstergewissen nicht zu. Also sucht er die Schweißspur - im ordinären Deutsch Blutspur genannt. Und er wird fündig. Gleich nach der Erbsensuppe wird er die Treiber erneut losschicken, das verwundete Tier zu suchen.

Bevor Berta im Kühlhaus landet, bläst man ihr und den anderen Wildschweinen noch ein Trompetensignal. Danach den Rehen, schließlich den Füchsen. Da man nicht weiß, wie lange eine Wildschweinseele braucht, um gen Himmel zu fahren, weiß man auch nicht, ob Berta von diesem Signal noch etwas hört und sich freuen kann, dass man den Schöpfer ehrt, der auch an ihr ein gutes Werk getan.

Berta wiegt 30 Kilo. Bis der Jäger sie erlegte, gehörten diese nur ihr selbst. Lebendes Wild ist laut Jagdgesetz herrenlos. Totes Wild gehört jemandem, der auf den scheußlichen Namen "Jagdausübungsberechtigter" hört, was in der Praxis meist das Forstamt ist. Hat der Tierarzt Berta auf Trichinen untersucht, fiese kleine Fadenwürmer, die sich auch beim Menschen ins Muskelfleisch fressen können, wetzt der Fleischer das Messer. Ist abgeschnitten, was nicht genießbar ist und schließlich auch die Schwarte entfernt, bleiben vom Ursprungsgewicht 60 Prozent, das bedeutet 18 Kilo schieres Wildschweinfleisch. Verkauft wird das Fleisch direkt ab Kühlhaus für sechs bis sieben Euro pro Kilo. Über den Daumen gepeilt also ist Bertas schierer, praller Überläuferkörper gut einen Hunderter wert. Der Jäger verdient nichts. Das Geld geht an die Forstbehörde.

Die Tschetschenen essen ihr Wildschwein übrigens am liebsten mit viel Pfeffer und Knoblauch eingerieben, kross gegrillt auf halbrohen Zwiebeln mit frischem Brot dazu. Aber gehört das hierher?


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 23.12.2005

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare