Die Zerstörung der Arbeiterklasse

Klassenerhalt Ein Konservativer kritisiert den Kapitalismus im Lande Tony Blairs

Wenn man in London aus der U-Bahn steigt, warnt eine anonyme Lautsprecherstimme: "Mind the gap". Sie fordert den Fahrgast auf, den Spalt zu beachten, der den Wagen von der Plattform trennt. Wenn man da hineinfällt, kann es tödlich sein.

Diese Alltagsfloskel eignet sich vorzüglich als Metapher für die soziale Realität in Großbritannien - und nicht nur dort. Zwischen den Teilen der Gesellschaft öffnet sich immer bedrohlicher ein Spalt, der eine tödliche Gefahr darstellt. Ferdinand Mount, Autor von neun Romanen und elf Jahre lang Redakteur des renommierten Times Literary Supplement, hat diese neue Klassentrennung zum Gegenstand seines kürzlich erschienenen Buchs gemacht. Man sollte es - trotz bedeutenden Unterschieden in der historischen Entwicklung, die Mount ausdrücklich erwähnt - auch im Land von Tony Blairs Freund Gerhard Schröder zur Kenntnis nehmen.

Mount, der keineswegs ein Linker ist, sondern sich als ein Konservativer zu erkennen gibt, der in Margret Thatchers Verwaltung gearbeitet hat - das dürfte ihn im aktuellen Kontext zu einem unverdächtigen Zeugen machen -, räumt gründlich mit der auch bei uns immer wieder verkündeten Lüge auf, dass es keine Klassen und somit auch keine Klassengegensätze in unserer Gesellschaft mehr gebe.

Mount nennt drei Kriterien für eine klassenlose Gesellschaft: ökonomische Gleichheit, Gleichheit des Lebensstils und Chancengleichheit. Und er weist für alle drei Kriterien nach, dass sie im heutigen Großbritannien keineswegs erfüllt werden. Mount belegt die anhaltende soziale Signifikanz von Sprache, die in Großbritannien stets eine größere Rolle spielte als in Deutschland. Er analysiert das Bild sozialer Gruppen und Schichten in den Soaps des Fernsehens. Er führt zahlreiche Beispiele für die Diskrepanz zwischen der prinzipiellen Anerkennung von Gleichheitsgrundsätzen und der alltäglichen Praxis wachsender Ungleichheit an.

Ferdinand Mount ist kein Marxist. Er argumentiert nicht in erster Linie ökonomisch. Das Problem der Armut, das einem Linken im Zusammenhang mit neuen Klassengegensätzen wohl als vordringlich erscheint, kommt bei Mount erst gegen Ende, im vorletzten Kapitel zur Sprache. Priorität haben für ihn die Zerstörung der Kirche, des (monarchistischen) Patriotismus, der Familie und ihre Auswirkung für die "lower class". Ein Strang aber zieht sich durch das ganze Buch, ob Mount in die Geschichte zurück geht oder von der Gegenwart spricht, ob er Belletristik zitiert oder empirische Daten: die Verachtung, die die herrschenden Klassen den niedrigen Klassen gegenüber empfanden und weiterhin empfinden. Mag sein, dass sie in England ausgeprägter ist als anderswo. Aber die Beispiele, die Mount aufzählt, erscheinen uns keineswegs exotisch. Der "Gap", auf den man achten soll, besteht nicht nur zwischen den Einkommen. Gleich das Beispiel zu Beginn, in dem Mount die titelspendende U-Bahn-Durchsage zitiert, bezieht sich auf eine nicht standesgemäße Heirat. Dass sich keiner als Angehöriger der "lower-middle class" bekennen möchte, dass man allenfalls zugibt, als ein solcher geboren worden zu sein, wenn man aus ihr aufgestiegen ist, bezeugt nur ein weiteres Mal die landläufigen Standesdünkel.

Ferdinand Mount handelt ausführlich von der Zerschlagung der Institutionen der "lower class", die er nur gelegentlich "working class" nennt, etwa wenn er den "Klassiker" E.P. Thompson zitiert, dessen Perspektive er nicht teilt, an dem er aber bei diesem Thema nicht vorbeikommt. Und da fragt sich der Leser in Deutschland: wieso ist das hier kein Thema? Wieso spricht niemand von der offensichtlichen und systematischen Zerstörung der Einrichtungen und Errungenschaften der Arbeiterklasse? Dass die 40-, später die 35-Stunden-Woche ein "Sieg der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften" war, gehörte doch zum täglichen rhetorischen Repertoire der Linken. Wieso spricht heute angesichts verlängerter Arbeitszeiten und schlechterer Arbeitsbedingungen niemand mit derselben Deutlichkeit von der Niederlage der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften? "Mind the gap" - keine Warnung in Deutschland? Müssen wir uns erst den Hals brechen?

Englisch ist an diesem Buch nicht so sehr die Fragestellung, nicht das Problem der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Englisch ist sein Pragmatismus, sein Verzicht auf parteipolitisch vorgeprägte Positionen. Diese ideologische Unbekümmertheit sorgt für Überraschungen, für unorthodoxe Verbindungen von Ideen und Standpunkten. Die kann man dann für plausibel halten oder ablehnen. Auf jeden Fall aber regen sie zur Auseinandersetzung an. Die letzten zwei Sätze von Mounts Buch lauten: "Wir können die Kluft beseitigen, wenn wir wirklich wollen. Aber sie wird nicht verschwinden, solange wir nichts dazu tun, dass sie verschwindet." Sollte das nur für Großbritannien gelten?

Ferdinand Mount: Mind The Gap. The New Class Divide in Britain. Short Books, London 2004, 320 S., 14.99 £


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00:00 10.12.2004

Ausgabe 39/2020

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