Peter Glaser
01.04.2011 | 13:00 9

Die Zuvielisation

Im Tickerwald Man kann am steten Strom der partikularisierten Informationen verzweifeln. Oder sagen: Veränderung ist der Zustand. Nine to five war gestern. Jetzt ist immer

Arabien erwacht. Jahrhundertbeben in Japan. Tsunami. Reaktor-Katastrophe in Fukushima. Dann stirbt auch noch Knut. Die Großereignisse schie­ben sich nachrichtlich ineinander und die Medien versuchen, diese Ereignisflut zu kanalisieren. Die reale Monsterwelle wird umgeformt in eine Sturzwelle aus Nachrichten. Sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sonst solide eingedeicht gegen unerwartete Programmänderungen, berichtet zeitweise im 20-Minuten-Takt. Besonders die Online-Medien scheinen sich in der Ereignisfülle förmlich zu überschlagen. Leuchtendes Beispiel für heraus­ragende Berichterstattung ist Al Dschasira, das mit seinem Livestream auch die ins Netz abgewanderten Nachrichtennutzer wieder nach Hause holt, in die Gegenwart der Bilder. Und die deutschen Nachrichten-Portale entdecken den Live-Ticker wieder.

In einer ruckeligen Art von Echtzeit-Nachrichtenversorgung kommen in Fünf-Minuten­-Abständen die neuesten Katastrophenfragmente herein. Jedermann hat nun eine Nach­richtenlage, wie sie noch vor einem Jahrzehnt nur Privilegierten zugänglich war; mit Wikileaks und Cryptome gibt es heute sogar die Bürgergeheimdienste dazu. Was früher die Morgenlage im Kanzleramt war, ist jetzt dank der durchs Netz geisternden Weltnachrichtenströme demokratisiert und Public Domain.

Vor lauter Eilheit

Bemerkenswert ist, dass das Erkennungszeichen der Tickermeldungen nichts Neues ist, sondern ein Rückgriff in die Frühzeit der Telegrafie. Aus Kostengründen wurden damals im sprichwörtlichen Telegrammstil keine ganzen Sätze gebildet, nur knappe Wortanein­anderreihungen. Um bei der telefonischen Übermittlung an das Telegrafenamt sicherzustellen, dass das Ende einer Sinneinheit richtig markiert wird, war es üblich, „stop“ zu sagen – auf dem Telegramm standen dann an der Stelle drei Pluszeichen („schicket gelder +++ darbe +++ sohn“). Dieser kleine, alte Haltebefehl soll nun im Online-Journalismus für jene Anmutung von Atem­losigkeit sorgen, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Das Stilmittel ist dabei längst selbst überdreht. Als etwa Focus Online im Juli 2005 über eine Serie von Bombenanschlägen in London tickerte, waren es bereits acht Pluszeichen, mit denen die Kurz­meldungen jeweils angerissen wurden. Heute zeigen die Nachrichtenschnipsel der Online-Ticker vor allem eines: dass auch der Journalismus heimgesucht wird von etwas, das die einen für eine fundamentale Umwälzung halten, andere für eine Katastrophe. Die alten Formen, in denen Kulturprodukte gebündelt waren, zerfallen in Folge der Digitalisierung und Vernetzung. Das Musik-Album ist atomisiert zu einzelnen Tracks. Filme zerfallen zu YouTube-Clips, der Trailer ist oft schon der Hauptfilm. Auch die Weltordnung in einer Zeitung, die in Rubriken strukturierten Texte und Bilder, lösen sich auf. Mehr und mehr werden die einzelnen Texte, Mel­dungen, Stories zu Tracks. Sie werden nicht mehr nur an der Quelle gelesen, sondern weiterge­reicht, verteilt, getwittert, via Facebook empfohen, reblogged und weiter partikularisiert zu Zitaten und Ausschnitten.

Die Nachrichtenfetzchen in den Livetickern passen genau in das Muster – fasste man mehrere der keuchend hervorgestoßenen Zeilen zu einer übersichtlicheren Mel­dung zu­sammen, ergäbe sich meist eine ganz gewöhnliche Nachricht über die ungewöhnlichen Dinge auf dieser Welt. Aber erst einmal zerbröseln die Nachrichten jetzt. Und sie lassen sich in hysteri­schem Ton vernehmen, um nicht überhört und übersehen zu werden im Orchester der neuesten Mitteilungen aus der Wirklichkeit. Denn schon gibt es die ersten Strukturen, in denen die herum­fliegenden Realitätspartikel sich zu den nächsten Evolutionsformen von Kulturproduk­ten neu zusammensetzen – Google News etwa, die Informationszumutung schlechthin. Aber jeder, der über ein Zuviel an Information klagt, kann selbst entscheiden, wie weit er aufdreht – vom flüch­tigen Blick über die von Googles Weltwichtigkeitsalgorithmus hervorgehobenen Schlag­zeilen bis hin zum Kreuzvergleich der Nachrichtenwolken über mehrere nationale Google News-Versionen hinweg.

Trotz Vernetzung linear

Was die Liveticker mit ihrem +++-Gefuchtel zu simulieren versuchen, ein fließendes Kompen­dium aus Nachrichten, Informationen und Einschätzungen, gibt es auch schon in echt: Twitter. Twitter ist die erste Zeitung, die nur aus dem Inhaltsverzeichnis besteht – aber was für eins! Augenzeugen, Experten, Bekannte, die auf bemerkenswerte Artikel, Bilder, Videos hinweisen, das alles in einer fließenden Zeitleiste („Timeline“) am Bildschirm, die allerdings trotz Vernet­zung und Verlinkung nach wie vor linear abläuft. Bei manchen führen diese neuartigen Vorgänge gelegentlich zu etwas wie einer wütenden Sehnsucht nach Nichtlinearität. Kaum wird in einer der zahllosen individualisierten Dimensionen, aus denen Twitter besteht, zu lange über zu Guttenberg parliert, beschweren sich schon welche, in Libyen, im Jemen, in Syrien würden Menschen ster­ben, etc. Das leuchtende Schwert der Aufmerksamkeit müsse seine Spitze auf das Zentrum des Geschehens richten. Aber es gibt kein Zentrum mehr.

„Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur mehr ein Dorf“, schrieb der Medientheoretiker Marshall McLu­han bereits 1964. „Die elektrische Geschwindig­keit, mit der alle sozialen und politischen Funktio­nen in einer plötzlichen Implosion koordiniert wer­den, hat die Verantwortung des Menschen in erhöhtem Maß bewußt werden lassen. ... Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf ‚Standpunkte‘ zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt.“

Frank Schirrmacher spricht von den „jede Aufmerksamkeitskraft überfordernden apo­kalyptischen Echtzeittickern“ und übersieht dabei, dass Überinformation nicht die Folge einer Informations-, Wissens- und Kommunikationsgesellschaft ist, sondern ihre Grundbedingung. Nietzsche fand schon 1878: „Die Summe der Empfindungen, Kenntnisse, Erfahrungen, also die ganze Last der Kultur, ist so groß geworden, dass eine Überreizung der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist.“ Mit seiner Streitschrift Payback hat Schirrmacher zuvor eine Art Skript für ein intellektuelles B-Movie vorgelegt, in dem sich gehirnzersetzende Maschinen­systeme, verbunden zum Internet, über unser Bewusstsein hermachen. Da das entsprechende Grusel-Oevre nicht neu ist – in den sechziger Jahren hieß es wahlweise „Reizüberflutung“ oder „Managerkrankheit“, später „Information Overload“ oder „Trödelfaktor“ –, bedient Schirrmacher sich eines rhetorischen Tricks. Es gibt verschiedene Möglichkeiten einen Waldspaziergang zu beschreiben. Man kann sich von der Wahrnehmung einer Unzahl von Blättern und Tannennadeln überfordert sehen und eine Rückkehr zur humanistischen Gehölzwahrnehmungstechnologie fordern. Man kann aber auch einen Spaziergang durch einen Wald machen und erholt wieder nach Haus kommen.

Sämtliche Medien, allen voran das Netz, sind inzwischen auf einen Zustand der Ständigkeit ausgerichtet – Permanenz. Der digitale Medienfluss ist dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln. Etwas, das überall und immer da ist. Früher öffnete sich einmal pro Abend mit der Tagesschau das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Auskunftsströme unausgesetzt und vielarmig. Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Ver­änderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Nine to Five war gestern, jetzt ist Immer.

„Im übrigen“, schrieb der Kulturphilosoph Lewis Mumford 1967, „ist der Vorschlag, den Menschen in die Gegenwart einzusperren und ihn von Vergangenheit und Zukunft abzuschnei­den, nicht erst unserer Zeit entsprungen und auch nicht an die ausschließliche Orientierung auf die elektronische Kommunikation gebunden. Die alte Bezeichnung für diese Form zentralisierter Kontrollmacht ist Bücherverbrennung.“

Peter Glaser ist Schriftsteller und bloggt ohne +++ auf der Website der Stuttgarter Zeitung. Im Freitag schrieb er zuletzt über Google Instant

Kommentare (9)

das brueckenkarma 01.04.2011 | 20:55

Das Bild des steten Stromes - es ist so einleuchtend, dass es wohl aus dem Blick geriet. Kein Mensch, die/der sich an Elbe oder Rhein zum Schauen niederlässt, hat die Erwartung nun auch jedes Tröpflein, das vorüber strömt, wahrnehmen zu müssen, um das Wesen des Stromes zu fassen.
Diese ganzen Informationsflüsse und -kanäle sind vollkommen optional und erweitern die Freiheit des mündigen und medienkompetenten Individuums. Den unterschwellig mitklingenden Leidensdruck kann ich nur schwer nachvollziehen - dahinter scheint die Haltung zu stehen "WEIL es nicht mehr nur Zeitung, Radio und TV gibt, sondern eine rasant steigende Zahl neuer Medien, MUSS jede/r Einzelne das daraus resultierende Trommelfeuer von Informationen irgendwie verkraften."
Dass das Quatsch ist, legen zwei Begriffe nahe, die in dem Artikel nicht vorkommen: Relevanz und Redundanz. Die Permanenz des Internets ändert an diesen beiden Kriterien nicht das Geringste - die (neuen) Medien jedoch, deren selbst zugeschriebene Legitimation (und Finanzierung!) in einer Höchstzahl von Klicks besteht, geben das aber naturgemäß nur ungern zu.
Wenn vor 25 Jahren ein Passagierflugzeug mit X Menschen an Bord über dem weit entfernten Y abstürzte - es gab ein kurzes Video in den Abendnachrichten, einen längeren Artikel in der Zeitung am nächsten Tag und einen Fünfzeiler, wenn nach Wochen die Absturzursache geklärt war.
Seither hat sich nicht die "Qualität" solcher Ereignisse verändert, sondern die medialen Möglichkeiten diese Ereignisse auszuschlachten, dem Sensationshunger und Katastrophen-Voyeurismus weiter Bevölkerungskreise zu dienen. Was damals für 99,8% der Bevölkerung für ihren Lebensalltag irrelevant war (nice to know), ist es heute bei Lichte betrachtet wohl immer noch. Und dadurch, dass nun nicht mehr 5 Journalisten darüber berichten, sondern gefühlte 5.000 Irgendwie-ein-bisschen-Journalisten steigt nur eins: die Redundanz bzw. die Schwierigkeit, das Wesentliche vom Möchtegern-Wesentlichen, die Tatsache vom Gerücht, die Information von der Fehlinformation zu unterscheiden.
Fazit: Gelassenheit! Natürlich ist dieser Kommentar kein Plädoyer für die Rückkehr in die nachrichtentechnische Steinzeit! Aber hin und wieder mal ne Woche offline - man stellt fest, dass die Erde sich unbeeindruckt weiter dreht...

mr.h-man 02.04.2011 | 22:53

Dieser Artikel greift eine enorme Entwicklung der Informationsübermittlung auf, die ich ebenfalls seit längerer Zeit kritisch betrachte. Die Internetseiten der bekannten Tages- und Wochenzeitungen sind stark auf größtmögliche Aktualität ausgerichtet. Man versucht bei jedem "Besuch" dem User was Neues zu bieten, damit die Sensationslust befriedigt wird. Die Ticker setzen noch einen drauf. Folge dieser Permanenz: Wozu eine Wochenzeitung wie z.B. den Freitag lesen, ist doch eh dann alles kalter Kaffee.
Die Versorgung mit kleinen "Echtzeitinforationen" erzieht die Menschen dazu, sich nicht mehr langen, gut recherchieren, gebündelten und reflektieren Artiklen zu stellen. Die Folge sind dann Leute, die meinen alles zu wissen, weil sie zu vielen Themen Bruchteile kennen.

Ich bin kein Fortschrittsgegner, im Gegenteil. Doch diese Entwicklung halte ich - in Bezug auf Wissenszuwachs und Meinungsbildung - für problematisch.

THX1138 03.04.2011 | 17:08

“Presse” ist hier definiert im inzwischen üblichen Sinn von “jeder, der irgendwo irgendetwas veröffentlicht, was mehr als fünf Menschen lesen, die nicht das Geburtsdatum des Autors kennen”

Sascha Lobo 2011

Ein sehr guter Artikel, der das Wesentliche des (Near) Real-Time-Informationszeitalters auf den Punkt bringt. Die Informationshierarchien brechen langsam zusammen, Informationen sind nicht mehr ein Privileg, sondern allgemein und für jedermann jederzeit zugänglich. Neulich sagte mir jemand, dass er Blogs kenne, deren Autoren nicht nur besser informiert seien, als die Journaille, sondern auch noch besser schreiben würden.

Das hätte sich Neil Postman nicht einmal in seinen kühnsten (Alb)Träumen vorstellen können!

externaleffect 04.04.2011 | 18:31

"Veränderung ist Zustand". Dies erinnert mich zunehmends an eine Welt, die in dem Klassiker "1984" von George Orwell beschrieben wird. Big Brother führte letztendlich täglich die Veränderung herbei um die tägliche Veränderung dem Volk aufzuzwingen, damit dieses nicht ein Bewusstsein für seine Gegenwart entwickeln kann, sondern auf das positive Ende wartet, ohne ein Bezug zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erhalten.

Dennoch: Ja zum Ticker. Es ist gut, wenn die Medien flexibel sind und kurzfristig den Menschen mit Eilmeldungen informieren.

Aber auch: Nein zum Ticker. Aufklärung impliziert eine Zeit für Reflexion. Ein Ticker erfüllt nicht die Aufgabe der Aufklärung sondern zunächst einmal des Aufzeigens einer Veränderung.

Einen Krisenstab nach 4 Tagen zu beurteilen, unterscheidet sich eben auch von einer Beurteilung nach 30 Tagen. Die Live-Meldungen zum Zustand der Menschen in einer Katastrophe bringt uns emotional zum Geschehen vermeidet aber häufig eine sachliche Debatte. Die mediale Aufmerksamkeit ist nicht selten gerechtfertigt, jedoch was die Medien daraus machen ist verantwortungslos. Als mündiger Bürger erfreue ich mich zwar daran in einem Text möglichst viel zu erfahren, was mich aber am meisten erfreut ist, wenn die Quellen besser angegeben. Somit hätte ich als Leser, auch die Möglichkeit, die Argumentation des Autors eines Artikels, besser einzuordnen, bzw. nachzuvollziehen und gegebenfalls weiterzuentwickeln.

Abschliessend: Sollte der Mensch sich zunehmend daran gewöhnen, von seinen Gefühlen gelenkt zu werden um politische Gegebenheiten zu bewerten, dann "Gute Nacht" zur sachlichen Politik. Auch als Atom-Gegner stelle ich diese Tage fest, dass viele Argumente zu pathetisch und nicht immer inhaltlich schlüssig wirken.

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Ehemaliger Nutzer 06.04.2011 | 17:24

Diesen spezifischen Zwang der Medien, ständig neue Nachrichten zu liefern, beschreibt auch gut dieser alte Witz: "Komisch, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Bild-Zeitung passt!"

Ticker und Tweeds sind für mich Trends, die bald schon wieder an Bedeutung verlieren werden. Unabhängig davon sehe ich in unserer Medienwelt folgende Probleme:
1. Eine neue Nachricht oder wissenschaftlicher Artikel verdrängt automatisch die älteren, auch wenn diese noch aktuell und differenzierter sind (dies spiegelt sich ja auch auf der Freitag-Website auf der rechten Seite wider: Meistkommentiert - 7 Tage (vorausgewählt) / Monat (eben nicht vorausgewählt))
2. Es gibt zu wenig Medien, die Nachrichten zu einem Thema konsolidieren (darum lese ich z. B. prinzipiell keine Tageszeitungen, sondern mit dem Freitag eine Wochenzeitung, weil da vieles schon konsolidiert ist) und Zusammenhänge aufzeigen