Dienstmädchenträume

Prager Szene Max Brod war mehr als nur der Herausgeber des Nachlasses von Franz Kafka. Das zeigt eine neue Werkauswahl

Es scheint zum biografischen Schicksal von Max Brod gehört zu haben, immer ein wenig zu spät zu kommen und nie etwas Besseres als den zweiten Platz zu ergattern. Obwohl er nach seinem im Alter von 22 Jahren vorgelegten Debüt, der 1906 erschienenen Novellensammlung Tod den Toten, bald ein erfolgreicher Autor wurde, erlangte er in den literarischen Avantgardezirkeln Prags, in denen er sich bewegte, mit seinem Werk nie das gleiche Renommee wie seine Freunde Franz Kafka und Franz Werfel.

Obgleich er seit dem Ersten Weltkrieg im Zuge seines Engagements für den von Martin Buber begründeten Kulturzionismus und später für einen politischen Zionismus zu einer bedeutenden Vermittlerfigur im internationalen Kunst- und Kulturbetrieb wurde, brachte ihm das nicht annähernd den gleichen Ruhm wie Buber. Und obwohl er als einer der wichtigsten Gesprächspartner und Freunde Kafkas dessen unpublizierte Texte entgegen Kafkas eigener Bestimmung nicht zerstörte, sondern der Nachwelt zugänglich machte, ist er weniger als Retter, denn als Verderber von Kafkas Werk bekannt geworden. Das philologisch berechtigte Entsetzen über die eigenmächtigen Eingriffe, die Brod vorgenommen hat, um Kafkas nachgelassenen Romanen und fragmentarischen Notizen partout eine abgerundete Gestalt zu verleihen, täuscht mitunter darüber hinweg, dass Kafka ohne Brods Bemühungen heute wohl kaum bekannter wäre als Brod selbst.

Sprachen- und Kulturgemisch

Gut also, dass der Wallstein-Verlag Max Brod nun mit einer von Hans-Gerd Koch und Hans Dieter Zimmermann herausgegebenen Werkauswahl als eigenständigen Autor präsent macht. Die zwei Bände, die bisher vorliegen, enthalten Romane und Erzählungen aus Brods Frühwerk von 1909 bis 1916. Ergänzt werden sie durch angenehm knappe und präzise Essays von Zimmermann, Alena Wagnerová und anderen. Neben den Romanen Jüdinnen von 1909 und Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden von 1912 enthalten die Bände kleinere Prosatexte, die meist als sozialpsychologische Skizzen angelegt sind. Im Unterschied zu seinen späteren, noch heute recht bekannten Romanen wie Stefan Rott, oder das Jahr der Entscheidung von 1932 und seiner 1960 erschienenen Autobiografie Streitbares Leben, in denen die erzählerische Konstruktion immer wieder durch ermündende Weltanschauungsexkurse gestört wird, stehen die frühen Texte ganz in der Tradition des literarischen Realismus, greifen aber auch Elemente der impressionistischen Prosa Arthur Schnitzlers auf. Die historische Erfahrung, die sie anschaulich machen, ist die des Sprachen- und Kulturengemischs im österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat.

Während die Heterogenität der Sprachen und literarischen Traditionen im Werk Kafkas die ästhetische Form durchdringen und sich bis in die Nuancen des Stils niederschlagen, lässt Brod seine Sprache kaum von seinem Gegenstand affizieren. Sein literarischer Ton erinnert an die epischen Gesellschafts- und Historienromane Franz Werfels, oft auch an die Sittengemälde des Prager Judentums, die der Sprachphilosoph Fritz Mauthner in seinem Roman Der neue Ahasver und seinen Erinnerungen Prager Jugendjahre entworfen hat. Jedenfalls lässt sich Brods Prosa heute primär als historisches Zeugnis mit Gewinn lesen. Besonders ergiebig ist hier die Kurzprosa.

Anders als in den Romanen lässt Brod sich hier, etwa in der 1916 entstandenen Gespenstergeschichte Die erste Stunde nach dem Tode, die stark an Schnitzler, aber auch an die Galizischen Geschichten Leopold von Sacher-Masochs denken lässt, zu moderaten ästhetischen Experimenten hinreißen, etwa wenn Innen- und Außenwelt, Phantasie und Realität miteinander verschwimmen und die Dialoge sich zu inneren Monologen ausweiten, in denen die Figuren im Grunde nur noch sich selbst etwas mitteilen. Die Franz Blei gewidmete Erzählung Ein tschechisches Dienstmädchen, die die charmante Gattungsbezeichnung „Kleiner Roman“ trägt und anhand der Liebesgeschichte zwischen einem jungen Wiener und einer Slawin die Ressentiments des herabgesunkenen österreichischen Bürgertums gegenüber „den Tschechen“ reflektiert, stellt in Form einer Ich-Erzählung das Abtauchen des Mannes in das „dunkle Reich“ seiner Abstiegsängste und Selbstzweifel dar, die in Misogynie und Erotomanie umschlagen und denen er „wie ein Detektiv“ nachzugehen versucht.

Affinität zur Boheme

Nicht nur die Mischform des Textes, der zu konzis für einen Roman und zu episch für eine Novelle ist, sondern auch die Neigung zur destruktiven Selbstanalyse und die Figurenikonografie erinnern an die Erzählungen Schnitzlers. Überdies bietet die Erzählung ein Soziogramm des Dienstmädchenberufs, dessen diffuser Status zwischen partieller beruflicher Emanzipation und Prostitution gegenüber den Dienstherren präzise nachgezeichnet wird.

Durch treffende, teils satirische Darstellungen zeitgenössischer Geschlechtscharaktere zeichnen sich auch die übrigen Texte aus, vor allem der Roman Jüdinnen, dessen weibliche Figuren ein ganzes Gesellschafts- und Generationenpanorama von Dienstbotinnen und gnädigen Frauen bis zu jenen „süßen Mädels“ der Vorstädte skizzieren, die auch in Schnitzlers Novellen einen wichtigen Rang einnehmen. Die Erzählung „Weiberwirtschaft“, die – anders als ihr Titel nahelegt – eine keineswegs misogyne Haltung einnimmt, beschreibt den Alltag von vier jungen Tschechinnen, die sich vor der Ödnis und Dummheit ihres männlichen Umfeldes in die abenteuerliche Welt der Salons flüchten.

Dort treffen Bohemiens, Hochstapler, Lumpenproletarier und Extravagante zusammen, und selbst „die vornehmsten Damen“ verirren sich „wie Mücken von diesem fragwürdigen Schimmer angezogen“ immer wieder dorthin, um mit „denselben, denen sie auf der Gasse auswichen“, Unterhaltungen zu führen. Indem die das seinerzeit bekannte Stereotyp von der „schönen Jüdin“, die die bürgerlichen Männer mit einer Mischung aus Koketterie und Dämonie vom Pfad der Tugend abbringt, gleichsam materialistisch erdet und erklärt, weshalb die selbstbewussteren Frauen jener Zeit eine Affinität zur Boheme entwickelten, erfüllt sie die Klischeefiguren mit Leben und hält der in der Erzählung meist abwesenden Männerwelt den Spiegel vor. Die sozialpsychologische Genauigkeit macht aus Brods früher Prosa keine Werke der literarischen Avantgarde, sie lässt aber erahnen, was Kafka an ihm schätzte, in dessen Werk die Dienstmädchen dann endgültig aus ihrer gesellschaftlichen Rolle fallen sollten.

Arnold Beer. Das Schicksal eines Juden Max Brod Wallstein 2013, 348 S., 29,90 € Jüdinnen Max Brod Wallstein 2013, 344 S., 29,90 € Magnus Klaue ist Germanist

01:00 04.04.2013

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