Diesseits von Afrika

Handel Wer verdient an Altkleiderspenden aus Mitteleuropa? In Berlin warf unser Autor seine Jacke in einen Container – samt Peilsender
Diesseits von Afrika

Illustration: Christoph Kleinstück für der Freitag

Wer heute eine Hose kauft, kann davon ausgehen, dass sie eine lange Reise hinter sich hat: von den Ländern, in denen die Rohstoffe produziert, zu jenen, in denen sie verarbeitet, zusammengenäht und schließlich verkauft wurden. Aber auch nachdem wir sie getragen haben und nichts mehr mit unserer Kleider anfangen können, geht ihre Zirkulation weiter. Altkleider, gespendet, gesammelt und weitergekauft, reisen ein weiteres Mal um den Globus. Es ist das Geschäft mit der Hilfe. Und das der Zerstörung lokaler Märkte.

Eine olivgrüne Lederjacke, Größe 48. In den 1990ern das letzte Mal getragen – speckig, aber gut in Schuss. Nun muss sie gehen. Ein Peilsender gleitet in die linke Innentasche, eine Handnaht versteckt den kleinen Funkspion. Zusammen mit ein paar löchrigen Pullovern verschwindet sie in einem Plastiksack. Wird die Jacke auf ihrer Reise auffliegen? Wohin wird sie reisen? Und: Wer wird sie einmal tragen?

Rund eine Million Tonnen Altkleidung sammeln deutsche Unternehmen pro Jahr, allein in Berlin sind es 100 Tonnen täglich. Die Deutschen werfen im Schnitt pro Jahr 13 Kilo alte Klamotten in den Container – etwa halb so viel, wie sie Neuware kaufen.

FWS aus Bremen und SOEX aus Ahrensburg bei Hamburg sind die größten Unternehmen der deutschen Altkleider-Branche. Beide sammeln und sortieren, nach eigenen Angaben, je etwa zehn Prozent aller in Deutschland entsorgten Kleidungsstücke. Seit wenigen Jahren fasst auch die Schweizer Firma Texaid Fuß auf dem deutschen Markt, sie betreibt ein Sortierwerk im thüringischen Apolda und sammelt bislang etwa vier Prozent. Das Gros ausgelatschter Schuhe, löchriger Hosen, aus der Zeit gefallener Röcke und ungeliebter Kuscheltiere landet in den Containern und Wäschekörben kleiner, regional ansässiger Händler.

Berlin, U8, Haltestelle Paracelsus-Bad, es ist Dienstag, 14 Uhr. Links um die Ecke in der Teichstraße stehen gleich drei Container am Straßenrand. Einer trägt die Aufschrift „Containerservice“, einer die der Firma NARTEX. Einen Steinwurf weiter steht ein Sammelbehälter mit der Aufschrift „newtex.global“. In diesen, den letzten Container fällt der Beutel mit der Jacke. Der Peilsender schickt nun alle sechs Stunden seine Koordinaten. Auf der Website von Newtex Global findet sich die Handynummer des Firmeninhabers Hüseyin Metin. Der hebt ab, hört sich an, man schreibe einen Artikel über den Altkleiderhandel, und unterbricht: „Positiv oder negativ?“

Rainer Binger, Geschäftsführer von FWS, einer der zwei größten Altkleiderfirmen in Deutschland, sagt, natürlich solle man kritisch berichten. Denn: Mehr Transparenz könne seine Branche in besseres Licht rücken. Viele Schelten seien unberechtigt. Halb ironisch, halb ernst sagt Binger: „Bitte nicht wieder so eine Afrika-Geschichte!“

Seit den 1990er Jahren steht der Altkleiderhandel in der Kritik. 1995 veröffentlichte der Volkswirtschaftler Friedel Hütz-Adams eine Studie beim Südwind-Institut: Kleider machen Beute. Deutsche Altkleider vernichten afrikanische Arbeitsplätze. Was Afrika angehe, sagt Hütz-Adams heute, habe sich seitdem wenig verändert: Afrika produziert die Baumwolle, genäht wird in Billiglohnländern, der Globale Norden konsumiert und profitiert, bevor die Altkleidung am Ende im Globalen Süden entsorgt wird und dort als Dumpingware den lokalen Textilmarkt kaputtmacht.

„Der Altkleiderhandel zerstört Afrikas Textilindustrie“ ist nach wie vor der populärste Vorwurf an die Branche – und er lässt sich trefflich diskutieren: War nun zuerst die Altkleidung da oder die Textilindustrie kaputt? Altkleidung ist – im Verhältnis zum Lohn in armen Ländern – zwar teuer, aber oft noch billiger und von besserer Qualität als asiatische Neuware. Ist Altkleidung also nicht doch die bessere Wahl? Natürlich verschwinden Arbeitsplätze in der Nähindustrie, zugleich entstehen neue im oft informellen – und männlich dominierten – Handel mit Altkleidung.

Seit 1980 hat sich das internationale Handelsvolumen inflationsbereinigt versechsfacht. Heute sind es gut vier Millionen Tonnen Altkleidung für 3,5 Milliarden Euro jedes Jahr. Handelte es sich dabei um Jeans, wären das neun Milliarden Stück.

Am Freitagmorgen, 66 Stunden nach Einwurf, schickt die Jacke ein Signal von einem Parkplatz im Wedding. Dort stehen zwei Container der Firma Newtex vor einem Lidl-Supermarkt an der Pankstraße. Offenbar wurden sie frühmorgens geleert, ihr Inhalt zusammen mit dem Container der Winterjacke abtransportiert. Um 14 Uhr folgt das nächste Signal aus dem Berliner Norden: Thyssenstraße 28, ein Industriehof in Berlin-Reinickendorf.

Was Afrika angeht, macht die Lage heute ratloser als noch in den 1990ern. „Schadet oder hilft Altkleidung?“ ist keine einfache Frage mehr, sondern fordert ein Abwägen ohne Ende, denn: Uns fehlen die Variablen. Wer schöpft welchen Wert in der Kette von Lumpensammlern, Rotem Kreuz, Sortierunternehmen, mosambikanischen Großhändlern und urbanen Vintageshops?

So viel ist sicher: Ein Drittel der weltweit entsorgten Kleidung endet in Afrika. Als in den 1980ern nach Schuldenkrisen und Marktliberalisierungen durch den IWF viele lokale Textilfabriken schließen mussten, schloss Altkleidung die Versorgungslücke, lähmt aber bis heute das Wachstum eigenständiger Industrie. Einige Länder begegnen dem mit Importverboten. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, gilt seit 1970 ein Importverbot für Altkleidung. Durch den Schmuggel über Benin gelangt sie dennoch ins Land.

Die Ostafrikanische Gemeinschaft (bestehend aus Burundi, Kenia, Ruanda, Tansania, Uganda) will ab 2019 den Import gebrauchter Kleidung und von Schuhen verbieten. Ob das Vorhaben durchkommt, ist offen: Lokale Händler und US-Diplomaten protestieren. Der britische Wirtschaftsgeograf Andrew Brooks erwartet, dass teurere und schlechtere Ware aus Asien schnell die fehlende Altkleidung ersetzen wird. Sollte auch diese beschränkt werden, könne die lokale Industrie womöglich langsam wieder wachsen – leisten könnten sich diese Kleidung wiederum nur wenige.

Auf den Containern von Newtex prangt das Logo eines interkulturellen Familienzentrums in Berlin, „Vielen Dank für Ihre Mithilfe“. Auf der Newtex-Website steht: „Teile des Verwertungs-Erlöses fließen in soziale Projekte in Afrika.“ Daneben findet sich eine Fördervereinbarung von 2009, die dem Zentrum 100 Euro pro Monat dafür zusagt, dass Newtex sein Vereinslogo auf die gelben Container drucken darf.

Kleine Firmen wie Newtex, die ihre Behälter oft illegal in den Städten aufstellen, imitieren das Geschäftsmodell der großen, als seriöser angesehenen Firmen: die Charity-Private-Partnership. In Berlin läuft das wie andernorts: Die SOEX-Tochter EFIBA schmückt ihre Container mit dem Logo des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). SOEX leert, sammelt und verkauft die Altkleider, das DRK erhält von EFIBA einen Festpreis pro Kilogramm Kleidung.

Wie viel, will Fritz Jünger nicht verraten. Er ist Geschäftsführer des DRK Berlin-City und Sprecher aller Berliner Kreisverbände in puncto Altkleidung. Auch, wie viel Geld das Berliner Rote Kreuz mit Altkleidung erwirtschaftet, teilt Jünger nicht mit. Nur so viel: Ohne das Prinzip „Sachspende zu Geldspende“ könne das DRK viele Projekte gar nicht finanzieren. Darum benötige das Berliner Rote Kreuz die öffentlichen Stellplätze, die die meisten Berliner Bezirke seit 2016 ausschreiben. In jedem Verfahren um Mitte, Köpenick, Marzahn, Pankow, Charlottenburg und Reinickendorf bekam der Verbund aus DRK und EFIBA den Zuschlag.

Ein DRK-Logo weckt Vertrauen, so landet mehr Kleidung im Container als bei einer gewerblichen Sammlung. Bei SOEX bestimmen Stichproben den Preis, den die karitativen Partner pro Tonne erhalten. Die späteren Erträge, sagt der SOEX-Pressesprecher, könne man logistisch nicht zu bestimmten Sammlungen zurückverfolgen. Im Sortierwerk wird dann ohnehin alles zusammengeworfen.

Noch schickt der Peilsender sein Signal aus der Thyssenstraße. Hinter einem Maschendrahtzaun reihen sich hier Dutzende Container in Taxigelb, Aufschrift „Containerservice“. So einer stand auch schon in der Teichstraße. Ein Schild am Zaun verweist auf die Second Hand Recycling & Sammlung GmbH, „An- und Verkauf von Altkleidern, Altpapier und Restposten“.

Was tun – mit aufgetragenen Klamotten?

Auch, wer nur das Nötigste kauft, steht alle Jahre mit einem Sack voller alter Kleider da. Unter fairwertung.de gibt es eine Liste von Abgabestellen, deren Gemeinnützigkeit von FairWertung überwacht wird, einem Dachverband von NGOs und Textilsortierern. Kaputte Kleidung sollte man nicht in illegale Sammlun-gen geben, warnt der Verband, denn oft werde diese umweltschädlich verbrannt statt recycelt. Arianna Nicoletti, Berliner Designerin nachhaltiger Mode, rät deshalb, Textilmüll in Extra-säcken und eigens beschriftet zur Abfallanlage zu bringen. Wer die globalen Folgen seiner Kleiderspenden berücksichtigen will, muss Folgendes bedenken: Den Großteil ihres Verdiensts ziehen Sortierer aus sehr guter und Vintage-Ware, die nur drei bis fünf Prozent der Sammlungen ausmacht.

Wenn man diese im Freun-deskreis verteilen würde, statt sie kommerziellen Samm-lern zu überlassen, so mutmaßt Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut, dann müssten die Sortierer das Gros ihrer tragbaren Kleidung teurer exportieren, was afrikanische Produzenten wieder konkurrenzfähig machen würde. „Was passiert mit meinen Sachen?“, schreibt die Anthropologin Lucy Norris, sei die wichtigste Frage, die man sich stellen sollte, auch wenn die Antwort selten zufriedenstellend ausfallen wird. Fazit: Ihre weiße Weste behalten Sie am ehesten, wenn Sie wenig und langlebige Kleidung kaufen, die zu-dem nur aus einer Fasersorte besteht – zwecks späterem Recycling. Fällt Altkleidung an, gleichen Sie sie mit den Bedarfslisten örtlicher Kleiderkammern ab. Was sonst noch gut ist, verschenken oder verkaufen Sie, den Rest entsorgen Sie am besten als gekennzeichneten Textilmüll.

Sobald man von den Händlern wissen will, wie viel etwa ein Kilo gut erhaltener Herrenhemden kostet, schließen sich die Schotten: Geschäftsgeheimnis. Unternehmensgewinne sind da erst recht nicht zu erfahren, die Gewinnstruktur bleibt opak. Verständlich, schließlich würden relativ schlecht bezahlte Wohltätigkeitsorganisationen wohl einen größeren Anteil fordern, sollte herauskommen, dass die Profite groß sind.

Zumindest potenziell sind sie es in der Tat: Laut dem Fachverband Textilrecycling kostet eine Tonne unsortierter Altkleidung derzeit etwa 250 bis 350 Euro. Auch die SOEX-eigenen Vintage-Läden namens Pick’n’Weight verkaufen nach Gewicht, ein Kilo Military-Hosen kostet hier beispielsweise 35 Euro – im Vergleich zur unsortierten Ware hat sich der Preis in diesem Fall also verhundertfacht.

Die Firmen begründen diese Sprünge mit den hohen Kosten der Logistik, der Läden und der Sortierung – Letztere beziffert Rainer Binger von FWS auf mindestens 300 Euro die Tonne. Nur gut die Hälfte einer Kleidersammlung bestehe überhaupt aus Kleidung, und auch davon seien manche Stücke nicht mehr zu gebrauchen. Deren Entsorgung und Recycling verursache zusätzliche Kosten. Lediglich ein Drittel der Gesamtmenge bringe Gewinn.

Allein: Solange die Unternehmen wesentlich mit der Gemeinnützigkeit ihrer Partner werben, können selbst kleine Profite anstößig wirken. Solange die Branche die Gewinnstrukturen ihrer Charity-Private-Partnerships nicht offenlegt, wird sie ihr dubioses Image wohl nicht los.

Neben dem Eingang des Gewerbehofs in der Thyssenstraße stehen zwei Gütercontainer mit Vorhängeschloss, daneben vier Altpapierbehälter der Abfallfirma ALBA. Darin, statt Kartonagen: Säcke mit Teddybären, dreckigen Gartenbezügen, durchgelatschten Schuhen – alles wertlos für Altkleiderhändler. Der Fachverband Textilrecycling vermutet, dass unseriöse Sammler solche Ware oft rechtswidrig verbrennen, statt sie zu recyclen. An einem rostigen Tor hinter den Containern hängt ein Schild der Firma Newtex, nebst einem Briefkasten mit der Aufschrift „Hüseyin Metin“. Hinter dem Gitter stehen gelbe Sammelkästen, ein Bauwagen, womöglich eine Art Büro, mit orangem Alarmlicht auf dem Dach. Neben der verlassenen Ecke steht eine weitere Wellblechhalle, rot, auch hier der Name: Hüseyin Metin. Auf Klopfen keine Regung. Von oben blickt eine Überwachungskamera auf die Eingangstür.

Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut empört das Argument, für die Ärmsten – ob in Lagos oder Halle-Neustadt – seien Altkleider die einzige Chance, an hochwertige Bekleidung zu kommen. „Die guten Stücke kommen eben nicht den Ärmsten zugute“, sagt er. Die nämlich erreichen nur die Zahlungsstarken, egal auf welchem Kontinent. „Als im Kongo Krieg tobte, schickten die Unternehmen keine Altkleidung hin. Die lukrativen Märkte lagen schließlich in Nigeria und Südafrika. Und für Profite auf diesen Märkten umging man sogar bestehende Importverbote.“ Dem Roten Kreuz in Berlin genügen 30 Container, die es anstelle von EFIBA selbst leert, um den Bedarf der eigenen Kleiderkammern zu decken. Es gibt mehr Kleidung als Bedürftige. Der Inhalt der restlichen 700 Container wird zu Geld gemacht.

An einem Donnerstag, drei Wochen nach Einwurf, schickt die Winterjacke ein neues Signal. Aus Polen, kurz vor Wrocław.

Deutschland ist nach den USA der größte Exporteur von Altkleidung. 2017 waren es 518.000 Tonnen, ein Fünftel davon geht nach Polen – so viel wie nirgendwohin sonst, mehr als nach ganz Afrika. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs öffneten hier große Werke, in denen Arbeiter im Schichtbetrieb die Kleidung sortieren, die Mitteleuropa herankarrt. Ohne den in der deutschen Abfallbranche fälligen Mindestlohn. Manches wird in Polen verkauft, vieles wandert ins Ausland, neben Pakistan, Kenia und Togo vor allem in die Ukraine.

Hinter Wrocław wird die Autobahn zur Staatsstraße, auf Landstraßen geht es weiter in die 50.000-Einwohner-Stadt Starachowice, auf halber Strecke zwischen Warschau und Krakau. Der Wagen hält auf einem Industriehof. Dort befinden sich ein Fachverkauf für Bodenbeläge, eine deutsche Logistikfirma – und ein Betrieb namens „EWA Großhandel für Gebrauchtkleidung Starachowice Export/Import“. Auf Google Maps ist an der Adresse Bugaj 4 eine kleine Lagerhalle zu sehen, ausgelegt mit Holzpaletten, darauf Plastiksäcke. In ihnen: Kleidung.

An internationalen Handelsdaten lässt sich ablesen, wer wo vom Altkleiderhandel profitiert: 713 Euro kostet eine Tonne deutscher gebrauchter Klamotten im Schnitt. Polen kauft die Tonne günstig für 513 Euro und verkauft selbst für 897 Euro – gen Osten wird deutsche Garderobe teuer, Russland zahlt bereits 3.162 Euro. Pakistan berappt nur 272 Euro, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass dort viele Lumpen zu Putzlappen recycelt werden. Kamerun zahlt 1.274 Euro pro Tonne, was etwa den Preisen beim Export in andere afrikanische Länder entspricht. Auch diese Zahlen verraten nicht, wie viel verschlissene Schlüpfer im Vergleich zu Herrenhemden kosten, aber sie deuten an, wie ein Großteil der Wertschöpfung im Globalen Norden passiert – in Polen dazu besonders billig.

Anruf in Starachowice. Ein Mitarbeiter hebt ab, von der Jacke erfährt er nichts. Ob man den Betrieb besuchen könne? Der Mann zögert, will seinen Chef sprechen. Zweiter Anruf eine Woche später. Nein, das gehe nicht, auf keinen Fall, auf Wiederhören.

Rainer Binger von FWS versteht die Aufregung um die eigene Branche nicht. „Die größten Missstände“, sagt er, „bestehen in der Produktion, an Orten wie Rana Plaza.“ Besonders scharf rüffelt er die Welt der Fast Fashion: „Getrieben vom Profit bringen Hersteller wie H&M und Zara mittlerweile 27 Kollektionen pro Jahr in die Geschäfte. In den letzten 15 Jahren hat sich der Konsum verdoppelt und die Lebensdauer halbiert!“ Das sei auch nicht in seinem Interesse – erhöht sich so doch der Sortieraufwand, ohne dass mehr Erlös rausspringt.

Tatsächlich erscheint es unfair, dass eine Branche, die Rohstoffe recycelt und entsorgte Kleidung neuen Trägern zuführt, so viel Fett wegbekommt. Sie ist Schnittstelle zwischen der Überproduktion der „schmutzigsten Industrie nach dem Öl“ (Binger) und der Ungleichheit von Nord und Süd. An ökonomischer Ungerechtigkeit mag die Branche ihren Anteil haben, aber ohne sie wäre die Welt kaum eine bessere. Oder, wie Fritz Jünger vom Roten Kreuz sagt: „Auch das H&M-Shirt gehört besser in den Container statt in die Müllverbrennung.“

Die Charity-Private-Partnerships der Altkleiderbranche kennen dabei schon lange das Problem, das unter der Maxime der Nachhaltigkeit nun die breite Wirtschaft betrifft: Profite reichen nicht mehr – das Ganze muss auch noch irgendwie gut für Mensch und Planet sein. Bei allen Berichtspflichten, bei aller Gemeinnützigkeit: Sobald zu viel Transparenz die Wertschöpfung stört, prallt sie an die Mauern des Geschäftsgeheimnisses.

Hüseyin Metin, Inhaber von Newtex, geht noch ein paarmal ans Telefon. Bald könne man sich im Schrebergarten treffen, er werde alles über den Altkleiderhandel erzählen. Gerade aber müsse er duschen, dann heißt es, er sei auf einer großen Familienfeier – zu einem Termin kommt es nie.

Nach zwei Monaten Polen-Aufenthalt schickt die Lederjacke ihr letztes Signal, aus einem kleinen Waldstück, 300 Meter entfernt vom Kleiderlager in Starachowice. Vermutlich wurde der Sender entdeckt und zerstört. Nur 50 und 20 Kilometer westlich stehen zwei der größten Textilsortierwerke Europas: VIVE und Wtórpol. Zusammen sortieren dort über 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter fast 500 Tonnen Textilien pro Tag. Auf Anfragen reagiert keines der Unternehmen.

Fabian Stark hat Europäische Ethnologie studiert. Er arbeitet als freier Journalist und ist Chefredakteur des TONIC-Magazins

06:00 25.04.2018

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