Dominanz des Boulevard

Aufklärung Das Freiheitsversprechen des Internet hat sich nicht erfüllt. Wir brauchen mehr unabhängige Projekte

Momentan hat es die Gegenöffentlichkeit ziemlich schwer. Sie wird auf die Hasskommentare bei Facebook reduziert, auf kruden Populismus und dumme Nazisprüche („Lügenpresse“). Ihre Protagonisten – wie Albrecht Müller von den Nachdenkseiten – werden mit Verschwörungstheoretikern und Querfrontlern in einen Topf geworfen. Der Begriff der Gegenöffentlichkeit hat seinen aufklärerischen Charme verloren. Er wird auf die Gossensprache eines Akif Pirinçci verengt. Nein, so hatte man sich das nicht vorgestellt, als das Internet vor zehn oder 20 Jahren zum entscheidenden Produktionsmittel für alternative Medien zu werden schien.

Damals, im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, war „Gegenöffentlichkeit“ noch eine positive Utopie: Das freie und gleiche und brüderlich geteilte Internet, so seine glühendsten Verfechter, habe die Kraft, eine freie, gleiche und brüderliche Gesellschaft hervorzubringen.

Die Wiki-Republik

Auf dem Höhepunkt der Euphorie – die Piraten lagen bei zwölf Prozent – hieß die Erlösungsformel der Digital Natives: „Westliche Demokratie + neue digitale Kultur = Wiki-Republik“. Diese große Netzgemeinde uneigennützig kollaborierender Bürger war Gegenmodell zur „Konzernrepublik“. Mit Hilfe freier Software sollte eine internetbasierte flüssige Demokratie entstehen, in welcher der Staat nichts verbirgt und Bürger Öffentlichkeit herstellen. Transparenz, Medienrevolution und Arabischer Frühling bildeten eine gedankliche Einheit.

Doch der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist anders verlaufen als gedacht. Die Euphoriker des Internets haben es nur zu spät bemerkt: 2012, als die Piraten noch glaubten, kurz vor der politischen Machtübernahme zu stehen, nannte Julian Assange, der Chefredakteur des neuen Zentralorgans der digitalen Gegenöffentlichkeit, das Internet „eine riesige Spionagemaschine“. Aus dem Werkzeug der Freiheit sei eines der Unterdrückung geworden. Drei Tendenzen haben den Wandel befördert.

Erstens: Der Boulevard ist zur alles dominierenden Öffentlichkeit geworden, von Twitter über Facebook bis zu Youtube und Buzzfeed. Die Webseite der BILD-Zeitung zieht heute täglich so viele Besucher an wie 30.000 gut besuchte Blogs zusammen. Die Webseite des Freitag erreicht nur 0,4 Prozent der Leser von bild.de. Die Folge ist eine deutliche Absenkung des Öffentlichkeits-Niveaus durch das Internet. Das Einzige, was steigt, ist die Kampagnenfähigkeit der Medien und ihre Anfälligkeit für Herdentriebe aller Art. Doch statt dem Boulevard – durch Leserfinanzierung – etwas entgegenzusetzen, klammern sich die besorgten Bürger lieber an Netzwerke wie Facebook oder an die Kommentarspalten großer Medien und Blogs. Dort werden ihre Wutausbrüche von erschrockenen Journalisten für „Gegenöffentlichkeit“ gehalten, obwohl sie nur ein Zerrbild dessen abgeben, was damit gemeint war: die unvoreingenommene Berichterstattung über vernachlässigte, verdrängte und unterschlagene Themen.

Mit Hass kontaminiert

Seit der Mob die Idee der Gegenöffentlichkeit mit seinem Hass kontaminiert, flüchten viele Blogger und Twitternutzer in die innere Emigration ihrer Filterblasen.

Zweitens: Aber nicht nur die Niveau-Senkung im Netz ist ein Problem. 25 Jahre nach der Bereitstellung des World Wide Web durch den britischen Informatiker Tim Berners-Lee befinden wir uns in der Endphase des anarchischen Universal-Netzes. Letzte Schlupflöcher werden mit Hilfe juristisch ausgefeilter Regulierungen und staatlicher Überwachung geschlossen. Nichts verdeutlicht die Entwicklung besser als die soeben durchgewunkenen Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung und zur Netzneutralität. „Als ich das World Wide Web entworfen habe“, schrieb Tim Berners-Lee in einem eindringlichen Appell an die EU-Parlamentarier, „war es eine offene Plattform, die Kollaboration und Innovation förderte“, nun wird es ein durchkommerzialisierter, total überwachter Raum, der die großen Player begünstigt und die kleinen benachteiligt.

1993

Pow Wow Die Debatte MARX MEGA findet viel Zuspruch, obwohl sie es so gar nicht mit dem Zeitgeist hält. Aus der kontrovers geführten Diskussion entsteht ein Buch, das gut verkauft wird. Die Redaktion hat sich inzwischen so weit gefunden, dass sie sogar für Monate im Grünen Salon der Berliner Volksbühne die Veranstaltungsreihe Pow Wow (meint alte indianische Sitte, gemeinsam zu tanzen und sich auszutauschen) organisiert, auf der unter anderem der Journalist Klaus Bednarz und der Schriftsteller Reinhard Lettau auftreten.

Drittens: Dazu kommt als dritte Plage nun das „Internet der Dinge“. Die Vernetzung aller Geräte mit dem Internet wird eine Phase einleiten, die man als postdemokratische Planwirtschaft bezeichnen könnte. Alles wird künftig über Netzsteuerung funktionieren: vom Militäreinsatz bis zum Städtebau, von der Finanzwirtschaft bis zur Energieversorgung, vom Automobilbau bis zur Medienindustrie Die Medien agieren als Teil der Zulieferindustrie für die Internet-, Computer- und Telekommunikationsbranche, deren Plattformen, Endgeräte und Zugangsbedingungen unsere Mediennutzung lenken. Klassischer Journalismus wird dann nur einen winzigen Bruchteil der digitalen Gesamtöffentlichkeit bilden, eine Randnotiz für besonders Interessierte. Der Löwenanteil des Contents wird eine Mischung aus Unterhaltung, Public Relations, viralen Kampagnen und Chatrooms sein.

Muss es wirklich so schlimm kommen? Muss man das einstige Paradies vorschnell zur digitalen Hölle erklären? Nüchtern betrachtet steigen nämlich die Chancen, das Konzept der Gegenöffentlichkeit wieder aus der rechten Ecke zu holen und zu revitalisieren. Wenn die kleinen erprobten Medien sich dieser Aufgabe stellen, könnte es als Aufklärungsmodell eine Renaissance erfahren.

Info

Dieser Artikel ist Teil der Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag des Freitag

16:00 05.11.2015

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