Dorf am Grenzwald

Kaliningrader Gebiet Die Küche ist das Herz von Schuras Haus. Dieser Raum ändert sich nicht, ob das Glück oder ein Unglück den Ton angibt

Spätsommer 1996, die kleine Frau steht am Gartenzaun und wickelt unser Gespräch routiniert ab. „Ein Foto? Natürlich!“ Sie zupft den Ausschnitt ihres bunten Kittels zurecht, bindet das Kopftuch ab und schaut ernst. Nach dem Klick des Auslösers streckt sie die Hand aus und nennt den Preis: „Mark!“ Sie hebt zwei Finger, also zwei Mark.

Sergej, der mich hartnäckig „Elisabeth“ nennt, lacht und geht mit mir weiter. Wir machen einen Rundgang durch sein Dorf, das auch einmal das Dorf meiner Mutter war. Das hatte er verstanden, dazu war nur ein Wort nötig gewesen. Mutter, hatte ich gesagt – und mit den Armen einen Halbkreis gezogen. Um uns herum kilometerweit Disteln, kniehohes Gras und eine Allee, die in der Ferne zwischen Gebüsch und niedrigen Häusern verschwand. Sergej hatte mich mit einem lauten „stoij!“ auf einem riesigen Feld, das ich als Abkürzung benutzte, gestoppt und meine Dokumente verlangt, mit denen man dieses Gebiet an der Grenze zu Litauen betreten durfte. „Propusk“ – Passierschein, dieses Wort kannte ich, aber den hatte ich nicht. Sergej stand da in Tarnuniform und schlug sich Grashalme von der Hose. Normalerweise wäre ich jetzt umgedreht, aber das hier war nicht normal. Ich wollte den Ort sehen, aus dem meine Familie stammt, und ich wollte etwas finden. Was genau, wusste ich nicht. Aber es war dringend und wichtig.

Zweite Heimat

Russland Jahrelang hat Astrid Thomsen immer wieder eine Familie im Kaliningrader Gebiet besucht, deren Dorf an der Grenze zu Litauen liegt. Auch wenn sie unverhofft kam, wurde sie freundlich aufgenommen und mit einem „Und wann kommst du wieder?“ verabschiedet. Sie fand im Laufe der Zeit dort eine zweite Heimat, wo einst ihre Mutter auf einem ostpreußischen Bauernhof geboren wurde. Ende 1944 nach Schleswig-Holstein geflohen, wollte diese nie wieder in ihren Geburtsort zurückkehren.

In den zwei Teilen ihrer Reportage „Dorf am Grenzwald“ erzählt die Autorin von alten Alleen, Blaubeeren im Wald und einer Freiheit, die sie bis dahin nicht kannte, vor allem von Menschen, deren einstiges Leben von den Deutschen im Krieg zerstört wurde, und die trotzdem jeden aufnahmen, der aus Deutschland kam und nach dem „Früher“ suchte.

Nach dem peinlichen Moment mit der Frau und dem Foto bringt mich Sergej zum Haus seiner Mutter Schura. Blumen rundherum und ein großer Gemüsegarten. Schura setzt mich in ihrer Küche an den Tisch, kocht Tee, schneidet Tomaten auf und legt ein kleines Stück Schmalzgebäck auf die Wachstuchdecke. In der Küche steht ein Gasherd mit Gasflasche, ein niedriger grüner Kachelofen mit einem langen Ofenrohr, eine Kommode mit Schubladen und ein Hängebord für Tee, Kaffee und Zucker. Einen Wasseranschluss gibt es nicht, aber Kannen mit Brunnenwasser.

Den karierten Schreibblock könnte ich mit geschlossenen Augen finden. Er liegt in der linken oberen Schublade. Wie oft haben wir uns gegenseitig unsere Lebensdaten aufgeschrieben, immer wieder, als wenn wir uns versichern wollten, dass es uns gibt. Dieser Raum ist das Herz und immer da. Er ändert sich nicht, egal ob in diesem Haus gerade das Glück oder ein Unglück den Ton angibt. Im Moment ist es eher das Unglück, Sergej hat keine Arbeit. Er hat früher in den Kolchosen der Gegend gearbeitet, aber die sind nicht mehr da.

Mai 2004

Werden sie mich erkennen? Ja, zum Glück, ja. Schura ist allein zu Hause, wir trinken Tee, essen Brot, und die Küche ist gemütlich. Ein Ort, der sich ganz und gar richtig anfühlt. Schura kann einige Worte Deutsch, ich kann etwas Russisch. Schura erzählt, dass sie mit ihrem Mann nach Kriegsende aus Russland in dieses Dorf kam. Sie bezogen ein verlassenes Haus, das zu deutscher Zeit die Polizeistation war. So hatten es Deutsche erzählt, die das Dorf ebenfalls besuchten und nach Spuren der Vergangenheit suchten. Schura bekam drei Kinder. Eine Tochter lebt heute in der Nähe von St. Petersburg, ein Sohn starb, ihr drittes Kind Sergej kam hier 1955 zur Welt.

Ich möchte Schura Geld geben und weiß nicht, wie ich das schaffen kann, ohne dass es taktlos ist. Ich lege die Rubel einfach auf den Tisch, und sie nimmt sie, so einfach ist das. Dann gehe ich spazieren, über die große Wiese hinter dem Haus. Bis zur litauischen Grenze sind es vielleicht tausend Meter, die Grenze ist ein schmaler Streifen Erde. Der gepflügte Acker eines litauischen Bauern stößt mit der russischen Wiese zusammen. Ungefähr hier stand der Bauernhof meiner Großeltern, hier wurde meine Mutter geboren, ihre Schwester, ihr Bruder, der als 16-jähriger Soldat in den Krieg zog und 1944 in Weißrussland starb. Zu sehen ist nichts, geblieben sind flache Hügel und Fliederbüsche. Aber hier gibt es Weite, Freiheit und Alleinlage, wie meine Tante immer betonte.

Zum Glück hatte ich diese Tante, die im Gegensatz zu meiner Mutter bereit war, realistisch über ihr Leben in Ostpreußen zu berichten. Über den unheimlichen Weg durch die schwarze Allee nach Hause, den wütenden Schäferhund am Dorfeingang, einen hohen Birnbaum, den Teich. Sie sprach auch über die acht Kühe, die sie jeden Tag zweimal gemolken hat, über ihre schmerzenden Hände, und dass sie von ihrer Mutter wie eine Magd behandelt wurde. Sie sagte: „Über unser Land zogen die Soldaten zum Angriff auf Russland, hier haben wir die Laufgräben gebaut für den Rückzug.“ Und sie erzählte vom Grab meiner Urgroßmutter auf dem Dorffriedhof. Später gehe ich ihren Weg rückwärts, am Birnbaum vorbei, am Teich vorbei auf die Dorfstraße, nur der Schäferhund ist nicht mehr da, heute wohnt bei Schura ein kleiner brauner Zottelhund, der freundlich ist, gestreichelt werden möchte und sein Leben lang nicht von der Kette kommt. Der Friedhof ist inzwischen ein Wald mit einigen schräg stehenden Grabsteinen und zugewachsenen Erdlöchern. An diesen Ausgrabungen geben sich Russen und Litauer gegenseitig die Schuld, Plünderer sind das, sagen beide Seiten, Grabräuber.

Sergej ist nach Hause gekommen und freut sich. „Elisabeth“, sagt er und kommt mit ins Haus. Schura war im Dorfladen einkaufen. Öl, Mehl, Margarine und Tee stehen in der Küche auf dem Tisch. Gegen Abend gehe ich los, will die zwölf Kilometer zu meinem Hotel noch im Hellen schaffen. Nach einigen Kilometern hält ein Auto. „Steig ein“, sagt die Handbewegung des Fahrers. Sergej hat mir eine Rückfahrgelegenheit organisiert.

Mai 2005

Alles ist besser. Sergej hat Arbeit, eine ganz und gar seriöse Arbeit als Lkw-Fahrer und ist deshalb nicht zu Hause. Das ist angenehmer, als billiges Benzin im eigenen Autotank nach Litauen zu fahren und dort etwas teurer zu verkaufen. Viele Einwohner des Kaliningrader Gebietes halten sich so über Wasser. Schura will ihre Milchkuh zeigen und zieht sich dafür um. Sie möchte nicht mehr in Arbeitskleidung auf den Fotos zu sehen sein. Diese Kuh ist der Mittelpunkt des Alltags. Später beim Teetrinken zeige ich Schura ein Foto vom Haus meiner Großeltern. Sie kennt es. „Das war ein stabiles Haus“, sagt sie. Es wurde später abgerissen, wie so einige Gebäude, die sehr dicht an der Grenze standen.

Juni 2010

Schura sitzt mit Strickjacke und Nachthemd auf den Betonstufen vor dem Hauseingang und sieht mit leerem Blick in den Garten. Sie erkennt mich, bleibt aber auf der Treppe sitzen und spricht nur einige Worte. Erzählt, dass sie allein zu Hause sei. Auf der Wiese hinter dem Haus sind keine Kühe mehr zu sehen.

Eine Stunde später sind alle Plätze um den Küchentisch besetzt. Es gibt Tee und Neuigkeiten. Sergej hat inzwischen geheiratet und einen Sohn bekommen, Aljoscha. Der sitzt mit strahlenden Augen auf dem Schoß seiner Mutter. Leena sieht glücklich aus und zeigt ihre Hand mit dem Ring. Schura sitzt auf dem Platz am Tisch, auf dem sie immer saß, aber ihre Rolle als Gastgeberin hat sie abgegeben. Sie ist schwerhörig geworden und wird angeschrien, wenn sie nicht versteht. Es tut weh, sie so zu sehen.

Juli 2011

Diesmal bin ich mit meinem Auto da und betrachte von der Straße aus das Haus. Etwas ist anders, ganz anders. Auf jeden Fall sind weniger Blumen zu sehen. Leena kommt angelaufen. „Komm rein“, sagt sie, „komm rein, bitte.“ Und dann: „Schura ist nicht mehr da – ,umer‘, gestorben.“ Aber ihre Küche ist noch da, alles ist wie immer, es gibt nur neue Gardinen und eine neue Wachstuchdecke, das hatte die Tochter aus St. Petersburg zur Beerdigung mitgebracht.Und das Familienleben ist neu, jetzt kocht Leena Tee, Aljoscha tobt mit den Katzen und Sergej ist der Chef. Leena zeigt mir ihr zweites Zuhause im Nachbardorf. Dort hat sie eine eigene Wohnung, eine Mutter und einen erwachsenen Sohn, Serjoscha. Der lebt mit in der Wohnung seiner Oma. Wir machen Fotos. Natürlich – wie in Russland üblich – mit möglichst schönen Blumen im Hintergrund, und wir lachen, und die Schwere hebt sich. Hier ist das Leben.

März 2014

Dieses Treffen sollte anders verlaufen. Ich hatte eine Dolmetscherin engagiert und einen Termin im Dorf abgemacht, um ein ganz langes Gespräch mit Sergej und seiner Familie zu führen. Und dann das: Die Dolmetscherin ist außer sich vor Wut. Wir fahren in ihrem Auto in den Osten des Kaliningrader Gebietes, und sie hört im Autoradio Nachrichten über die Krim und den Krieg in der Ukraine. Sie erklärt mir, warum das gerade so gefährlich für alle Beteiligten ist, sie kann nicht mehr damit aufhören und schlägt auf das Lenkrad ein.

Nach einer halben Stunde bitte ich sie, umzudrehen. Das passt nicht. Das Gespräch, bei dem ich endlich alle Fragen stellen wollte, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, ist sehr kostbar für mich. Und nun fürchte ich, dass es eine angespannte Unterhaltung über den Krieg mit der Ukraine wird. Jetzt ist sie noch wütender, dreht aber um. Ich fahre später wieder allein ins Dorf.

Info

Teil 2 dieser Geschichte finden Sie in der kommenden Ausgabe des Freitag (16/2020)

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06:00 21.04.2021

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