Draufhauen – und das nach Kräften

Ausgrenzung Die Parallelen zu den Unruhen der siebziger und achtziger Jahre sind offensichtlich: Benachteiligte ­Jugendliche werden geächtet

Viel mehr als eine verschärfte Law-and-Order-Politik fällt der britischen Regierungskoalition offenbar nicht ein – und auch nicht der oppositionellen Labour-Partei. Jedenfalls waren sich fast alle Abgeordneten einig, als sich das Unterhaus nach den Unruhen zu einer Sondersitzung versammelte. Es gebe „absolut keine Entschuldigung“ für Aufruhr und Plünderungen, so Regierungschef Cameron, der eine Politik der harten Hand versprach. Konkret: den Einsatz von Hartplastikgeschossen, Wasserwerfern und – vielleicht – der Armee – wie in Nordirland, wo dieses Instrumentarium 40 Jahre lang für einen schwelenden Bürgerkrieg gesorgt hat. Auch dort gab es Sondergerichte, die in Schnellverfahren aburteilten wie in den von einem Massenaufgebot der Polizei besetzten Londoner Armenvierteln, wo Richter ganze Nächte der Schnelljustiz widmen.

Natürlich ist London im Sommer 2011 nicht mit Belfast in den siebziger Jahren zu vergleichen. Die Krawalle sind nach wenigen Tagen vorbei, doch es gibt Ähnlichkeiten: Die offenkundige Diskriminierung eines Teils der Bevölkerung, die eklatanter sozialer Benachteiligung geschuldet ist.

Der Aufruhr kam nicht aus heiterem Himmel. Eine Woche zuvor hatte der Guardian einen Videofilm ins Netz gestellt, in dem sich Jugendliche aus Haringey in Nordlondon heftig über Sparmaßnahmen beklagten, die den Kommunen von der Regierung Cameron derzeit aufgezwungen werden. Rund drei Viertel der Gelder, die es bisher für Jugendarbeit gab, werden in den nächsten zwei bis drei Jahren gestrichen. So hatte die von Labour dominierte Stadtverwaltung von Haringey praktisch über Nacht acht der dreizehn Jugendzentren geschlossen. „Ich bin jeden Tag in den Youth Club gegangen“, sagte einer der Interviewten: „Wo soll ich jetzt hin? An den Ecken rumlungern?“ Auf den Straßen gebe es einen unerbittlichen Überlebenskampf. „Je mehr Leute den Gangs beitreten, desto gefährlicher wird es für jeden, der nicht dazugehört.“ Und dann sagte einer der jungen Schwarzen ganz offen in die Kamera: „Es wird Aufstände geben.“

Kurz danach war es so weit, nachdem im Stadtteil Tottenham Mark Duggan von der Polizei erschossen wurde. Es war nicht diese Tat allein, die Wut und Empörung auslöste, sondern die Arroganz, mit der die Polizei Duggans Angehörige abfahren ließ und deren Recht auf Auskunft ignorierte. Kein Offizier, kein Kommissar wollte mit den Hinterbliebenen reden. Vier Stunden standen sie vor dem Revier. Dann ging die Familie nach Hause – und der Aufruhr brach los und erreichte innerhalb von 48 Stunden Birmingham, Bristol, Manchester und Liverpool.

Brixton 1981

Dort war es vor 30 Jahren zu ähnlichen Unruhen gekommen, als in einem desolaten Quartier wie Toxteth im Sommer 1981 Tausende von Jugendlichen (zumeist Schwarze und arme Weiße) tagelang randalierten. Anlass war damals die Verfolgung eines schwarzen Jugendlichen, dem die Polizei fälschlicherweise vorwarf, auf einem gestohlenen Motorrad zu sitzen. Die Staatsgewalt hat seit Brixton 1981 nichts getan, um ihr stoisches Verhalten zu ändern, obwohl in offiziellen Untersuchungsberichten der „institutionelle Rassismus der Polizei“ immer wieder scharf kritisiert wird: Laut Statistik werden schwarze Jugendliche von der Polizei 26 Mal häufiger gestoppt und durchsucht als weiße. Und es drängt sich noch eine Parallele zu den Krawallen vor drei Jahrzehnten auf: Damals hatte die konservative Regierung Thatcher gerade ihre Politik der Deindustrialisierung, Deregulierung und Privatisierung begonnen. Die Folgen für die Arbeiterschaft waren absehbar; besonders in Sozialgettos wie Toxteth und Brixton hatte sich das schnell herumgesprochen.

Erinnerung an Nordirland

Seit über einem Jahr regiert nun ein konservativ-liberales Kabinett, das die Reste des Sozialstaates schleift. Es kassiert Ausbildungsbeihilfen für Jugendliche aus armen Familien, hat die Studiengebühren verdreifacht und Beihilfen für die Ärmsten gekürzt. In einer Klassengesellschaft wie der englischen, die soziale Unterschiede zementiert wie nirgendwo sonst in Europa, versperrt diese Politik einer ausgegrenzten Jugend jeden Ausweg: Sie können nicht einmal mehr auf einen schlecht bezahlten Job im öffentlichen Dienst hoffen. Dort werden den rabiaten Sparmaßnahmen bis 2014 etwa 700.000 Stellen zum Opfer fallen.

Und so probten die Missachteten und Herumgestoßenen als Kids ohne Zukunft den Aufstand. Nur fehlt ihrem Aufbegehren jedes politische Motiv oder Ziel, es gab keine expliziten Forderungen. Die Randale richtete sich nur vereinzelt gegen die Institutionen, es gingen (anders als 1981) auch kaum Gebäude konservativer Geschäftsleute oder Politiker in Flammen auf.

Der Krawall war stattdessen selbstzerstörerisch, er zog vor allem die eigene Gemeinschaft in Mitleidenschaft. Das ist keineswegs überraschend, auch an den Armenvierteln ist das neoliberale Diktum vom Individuum, das für sich selber sorgen muss, nicht vorbeigegangen. Und so haben sich die Jugendlichen ein paar Nächte lang das geholt, was ihnen die kapitalistische Warenwelt als einzig Erstrebenswertes erst hin- und dann vorenthält. Wird ihnen nicht ständig erzählt, Markenartikel seien Statussymbole? Und ist es nicht so, dass erst vor Kurzem die Banken die britische Staatskasse leer plündern konnten? „Die Politiker sagen, wir würden plündern und rauben“, sagte einer der Jugendlichen, „dabei sind sie die eigentlichen Gangster“.

Die britische Regierung, in der vorzugsweise Millionäre sitzen, weiß um die Risiken ihrer Sparpolitik. Erst vor einem Jahr – noch vor den spektakulären Aktionen der Studenten und den Universitätsbesetzungen, den Streiks der Staatsangestellten und den Großdemonstrationen der Gewerkschaften – hatten Polizeichefs vor einer weiteren Fragmentierung der ohnehin zerrissenen Gesellschaft gewarnt: Der Sozialabbau könnte „soziale Spannungen“ und „verbreitet Unruhen“ auslösen. Die Gewaltausbrüche müssen also nicht wundern. Auch Paul Rogers, Friedensforscher an der Universität Bradford, hatte damit gerechnet. Er und andere Wissenschaftler seien davon ausgegangen, dass es Probleme geben werde, sagte er. Allerdings erst später, wenn die langfristig angelegten Sozialkürzungen richtig nach unten durchschlagen.

Ein konservativer Abgeordneter hat im Unterhaus vorgeschlagen, alle verdächtigen Jugendlichen ins Wembley-Stadion zu sperren. Und Cameron denkt allen Ernstes darüber nach, bei künftigen Straßenkrawallen die sozialen Netze im Internet zu blockieren und Ausgangssperren zu verhängen. Das wiederum erinnert dann doch an Nordirland.

Pit Wuhrer schreibt für den Freitag seit Jahren über soziale Brennpunkte und die Gewerkschaftsszene in Großbritannien

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14:00 18.08.2011

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