Dünne Erkenntnislage

Neonazis Eine Blutspur durch Deutschland, fast täglich neue Wendungen: Im Fall der Zwickauer Zelle bleiben auch nach fünf Wochen weit mehr Fragen als Antworten. Eine Zwischenbilanz

Es ist der 4. November, als gegen mittag in einer ruhigen Siedlung am Rande des Thüringer Dörfchens Stregda, unweit von Eisenach, ein weißes Wohnmobil in Flammen aufgeht. Darin sterben zwei Männer. Drei Stunden später fliegt nach einer Explosion in der Frühlingsstraße im Zwickauer Stadtteil Weißenborn die Vorderwand eines Wohnhauses in den Vorgarten. Bald macht die Nachricht die Runde, dass in den Trümmern des Wohnmobils die Dienstwaffe einer Polizistin gefunden wurde, die 2007 in Heilbronn erschossen worden war. Am 11. November erklärt die Polizei, man habe nun auch die Tatwaffe einer bis dato unaufgeklärten Mordserie entdeckt, der zwischen 2000 und 2006 acht türkischstämmige und ein griechischer Kleinunternehmer zum Opfer fielen.

Das ist der Anfang der Geschichte, die seither die Republik erschüttert. Es geht um den ungeheuerlichen Verdacht, eine von Hass auf Ausländer und den Staat getriebene rechte Mörderbande habe seit der Jahrtausendwende – unbemerkt von den Sicherheitsbehörden – eine Blutspur durch Deutschland gezogen. Die für terroristische Verbrechen zuständige Generalbundesanwaltschaft leitet die Ermittlungen, fast täglich kommen neue Details ans Licht. Doch bietet eine Zwischenbilanz der vergangenen fünf Wochen immer noch mehr Fragen als Antworten zu dem verworrenen Fall.

In den Trümmern des Zwickauer Hauses fanden sich mehrere Kopien einer DVD, die eine zynische Filmcollage aus Tatortbildern sowie Film- und Wortsequenzen der Zeichentrickserie Paulchen Panther enthält. Versteht man diesen Film als Bekennervideo, dann übernimmt eine darin erwähnte Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) die Verantwortung für die Mordserie an den Migranten, den Überfall auf die Polizistin in Heilbronn und einen Nagelbombenanschlag in einer vorwiegend von türkischen Migranten bewohnten Straße in Köln am 9. Juni 2004.

Für die Ermittler steht damit trotz aller noch offenen Fragen fest: Uwe Böhnhardt (34) und Uwe Mundlos (38), die toten Männer aus dem Wohnmobil, und Beate Z. (36), die mit den beiden seit 2008 in Zwickau gewohnt hat und in Untersuchungshaft sitzt, sind der Kern jener mysteriösen Terrorgruppe NSU. Um sie herum gab es eine Handvoll etwa gleichaltriger Unterstützer, die dem unter falscher Identität lebenden Trio mit Personaldokumenten, Bahncards und vielleicht auch Waffen geholfen haben. Inzwischen hat sich auch die Politik des Falles bemächtigt und diskutiert, losgelöst von der noch immer dünnen Erkenntnislage der Ermittler, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD.

Kann man das glauben?

Bislang aber fördern die Ermittlungen mehr Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten zutage als Fakten. Ist es etwa vorstellbar, dass drei junge Menschen, von denen zwei nur über eine mittelmäßige Schulbildung verfügen, nach ihrem Abtauchen 1998 mehr als 13 Jahre lang unbehelligt und unerkannt mitten in der Bundesrepublik leben und dabei mordend und raubend durchs Land ziehen? Ohne dass deutsche Ermittlungsbehörden und Geheimdienste davon etwas mitbekommen oder auch nur ahnen? Dass die drei für sich festgelegt haben sollen, welches Leben ausgelöscht werden muss, ohne in der üblichen Selbstbezichtigung die Öffentlichkeit an ihren abstrusen politischen Motiven teilhaben zu lassen? Ohne ein Signal an mögliche Sympathisanten im rechtsextremen Bodensatz der Gesellschaft zu senden, wonach endlich einer von ihnen das Heft des Handelns in die Hand genommen hat?

Insgesamt 2.500 Asservate müssen von Ermittlern der Sonderkommission „Trio“ ausgewertet werden. Sie stammen aus dem Schutt der Zwickauer Wohnung und dem ausgebrannten Wrack des Wohnmobils in Stregda. Die gut 400 Ermittler, die bis Jahresende noch einmal um fast 100 weitere Beamte aufgestockt werden, erhoffen sich von der mühsamen Sichtung und Rekonstruktion der zum Teil stark beschädigten Hinterlassenschaft des Trios Aufschluss über die Frage, wo sich Böhnhardt, Mundlos und Z. in den letzten 13 Jahren aufgehalten, was sie getan haben und mit wem sie in Kontakt standen.

Festzustehen scheint, dass Mundlos und Böhnhardt an jenem 4. November eine Sparkassenfiliale am Eisenacher Nordplatz überfallen haben. Sie flohen mit Fahrrädern zu einem Parkplatz im Nachbarort Stregda, wo sie ihr Wohnmobil abgestellt hatten – eine Vorgehensweise wie schon bei mehreren Banküberfällen seit 1999 in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, die Ermittler den beiden Männern zuschreiben. Und doch läuft es diesmal anders: Die Täter fliehen mit ihrem Fahrzeug nicht über Nebenstraßen und Landstraßen, um einer Ringfahndung der Polizei zu entgehen, sondern fahren in ein ruhiges Wohngebiet in Stregda, in dem ein parkender Camper auffällt. Hier beginnt der Showdown der Gruppe, der nach wie vor Rätsel aufgibt.

Wohnmobil voller Waffen

Selbst BKA-Chef Jörg Ziercke musste auf einer Pressekonferenz vor einer Woche einräumen, dass das Geschehen an diesem Tag nicht zu dem bis dahin so planvollen Vorgehen der Gruppe passe. Warum fuhren die Profis nicht schnurstracks nach Zwickau zurück? Und warum hatten sie ihr Wohnmobil mit Waffen und Geld vollgestopft? Sieben Waffen, darunter zwei Pumpguns und eine Maschinenpistole, fanden sich im Fahrzeug. Auch die beiden geraubten Dienstwaffen vom Heilbronner Polizistinnenmord waren an Bord – Trophäen eigentlich, die man besser versteckt und nicht mit zu einem Bankraub nimmt, weil doch immer die Gefahr einer Festnahme besteht. Und dann fanden sich in dem Auto noch mehr als 111.000 Euro in bar. Das Geld stammte aus früheren Banküberfällen, das bewiesen die zum Teil noch mit Banderolen umwickelten Bündel.

Warum haben sie sich den Weg nicht freigeschossen, als sich gegen Mittag eine Polizeistreife näherte? Angeblich gibt es eine Zeugenaussage, wonach die drei einmal gesagt haben sollen, dass die Polizei sie nicht lebend in die Finger bekommen werde. Die Aussage stammt aber von Ende der neunziger Jahre. Zwischenzeitlich hieß es auch, es sei ein Schuss abgegeben worden nach außen, in Richtung Polizei. BKA-Chef Ziercke korrigierte das aber zuletzt: Es gebe bislang keinen Beweis dafür.

Die Leichen der beiden Männer sind nach wie vor nicht freigegeben. Ziercke sprach von einem „komplexen Tatort“ in Stregda und einer „komplexen Auffindesituation“. Tatsächlich ist noch immer unklar, wie und durch wen die beiden Männer umgekommen sind. Fest steht: Böhnhardt, der als brutaler Waffennarr beschrieben wird, hielt eine Pistole in der Hand, aus der jedoch kein Schuss abgegeben wurde. In seinem Kopf fand sich ein Einschussloch. Ob der tödliche Schuss aus großer Nähe abgegeben wurde oder durch eine aufgesetzte Waffe, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Feuer im Wagen hat die Leichen so verunstaltet, dass weder Schmauchspuren noch sogenannte Stanzmarken auf der Haut nachgewiesen werden konnten, von DNA-Spuren Dritter ganz zu schweigen.

Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass Mundlos, der als der intelligentere und weichere der beiden Männer galt, Böhnhardt erschossen und sich dann selbst gerichtet hat. Mundlos hatte ebenfalls eine Schussverletzung. Doch fanden sich in seiner Lunge Rußpartikel. Der Schuss, den er sich mit einer Langwaffe selbst beigebracht haben soll, war also nicht tödlich. Offenbar ist er erstickt.

Stadtpläne vom ADAC

Dank der Waffen und einer Reihe von Beweismitteln, die wie durch ein Wunder das starke Feuer und die Explosion in der Zwickauer Wohnung überstanden haben, können die Ermittler inzwischen Verbindungen zwischen dem Trio und einigen der ihnen zur Last gelegten Verbrechen herstellen. So hat man mehr als 50 Wohnmobile und Fahrzeuge identifizieren können, die Mundlos und Böhnhardt mit von Unterstützern bereitgestellten Personaldokumenten seit 2000 angemietet hatten. Auffällig ist eine zeitliche Übereinstimmung mit einigen der Mordanschläge auf Migranten sowie mit Banküberfällen. Auch fanden sich im Schutt der Zwickauer Wohnung Reisekarten und Stadtpläne vom ADAC, auf denen Tatorte eingezeichnet waren. Zudem gibt es Notizen, die darauf hindeuten, dass die Opfer vor der Tat genau ausspioniert wurden.

Nicht gefunden aber hat man eine Karte oder Notizen zum Polizistenmord in Heilbronn. Dieses Verbrechen gibt den Ermittlern wegen eines fehlenden Motivs nach wie vor große Rätsel auf. Die von BKA-Chef Ziercke zunächst gezogene Verbindung zwischen rechten Umtrieben in der Thüringer Heimatstadt der ermordeten Polizistin und der Tat wird von den Fahndern mittlerweile als kalte Spur bewertet. Viel heißer ist ein vergangene Woche bekanntgewordener angeblicher Bericht des US-Militärnachrichtendienstes DIA. Darin soll es Hinweise geben, dass am Tattag, dem 25. April 2007, Neonazis und ein Islamist, der von deutschen Verfassungsschützern und US-Geheimdienstlern observiert wurde, in Heilbronn in eine Schießerei mit Polizisten verwickelt worden seien. Die Täter seien zu einem Waffendeal verabredet gewesen und von der Polizei gestört worden.

Noch ist die Echtheit des angeblichen DIA-Berichts nicht geklärt; auch haben die Verfassungsschutzämter von Bayern und Baden-Württemberg eine Verwicklung in einen solchen Vorgang bestritten. Sollte sich die Version dennoch erhärten, müsste dann auch geklärt werden, ob es tatsächlich noch zu einem Waffengeschäft auf dem Heilbronner Parkplatz gekommen ist und wenn ja, ob die dort anwesenden Neonazis Waffen von dem observierten Islamisten übernahmen. Das wäre brisant: Bei dem Mann handelt es sich um den mittlerweile mit internationalem Haftbefehl gesuchten Türken Mevlüt Kar, der als fünfter Mann der sogenannten Sauerland-Zelle gilt, einer 2007 zerschlagenen Gruppe deutscher Islamisten, die Anschläge planten. Kar gilt als V-Mann des türkischen Geheimdienstes und soll auch zur CIA Kontakt gehabt haben.

Islamisten, der türkische Geheimdienst und deutsche Neonazis – wie passt das zusammen? Wenn es um kriminelle Waffengeschäfte geht, spielen in solchen Kreisen ethnische Unterschiede kaum eine Rolle. Hinzu kommt, dass deutsche Neonazis und faschistische türkische Gruppen wie etwa die „Grauen Wölfe“ zumindest Brüder im Geiste sind.

Festnahme gescheitert

Aber noch mehr Rätsel gilt es für die Ermittler zu lösen. Warum haben die drei in der Zwickauer Wohnung so auffällig wenig Wasser verbraucht – hatten sie möglicherweise seit 2008 noch einen weiteren Unterschlupf? Ist es realistisch, dass unter falscher Identität agierende Terroristen Urlaubsfreundschaften auf Campingplätzen schließen und den neuen Bekannten später sogar Fotos und Videos von sich schicken? Was machte das Trio in der Schweiz, wo es offenbar zeitweise lebte und sogar ein Auto mit Schweizer Kennzeichen fuhr, mit dem man Urlaub in Deutschland machte? Wer finanzierte das Trio? Zwar sollen sie bei ihren Banküberfällen insgesamt 600.000 Euro erbeutet haben; zieht man die im Wohnmobil gefundene Summe ab, bleiben knapp eine halbe Million Euro. Das ist nicht viel für einen Zeitraum von zwölf Jahren und drei Erwachsene, die Wohnungen unterhalten, Fahrzeuge mieten, in der ganzen Bundesrepublik umherfahren und aus Tarngründen vermutlich auch keine Krankenversicherung haben.

Welche Rolle spielen die Nachrichtendienste und die Polizei? Mehrfach hat es in den ersten Jahren nach ihrem Untertauchen 1998 Gelegenheiten gegeben, die drei festzunehmen. Das scheiterte immer wieder – aus Unvermögen oder Unwillen? Warum enden 2007 Morde und Banküberfälle, nachdem im Umfeld der letzten beiden Mordtaten angeblich Verfassungsschützer aufgetaucht waren? Auch wenn Generalbundesanwalt, BKA-Chef und Politiker den Eindruck vermitteln, der Fall sei weitgehend gelöst – mehr als einen Monat nach dem Ende der Zwickauer Zelle stochern die Ermittler bei vielem weiter im Nebel.

Andreas Förster schreibt als freier Journalist vorwiegend über Sicherheitsbehörden

09:00 09.12.2011

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