Andreas Förster
09.12.2011 | 09:00 12

Dünne Erkenntnislage

Neonazis Eine Blutspur durch Deutschland, fast täglich neue Wendungen: Im Fall der Zwickauer Zelle bleiben auch nach fünf Wochen weit mehr Fragen als Antworten. Eine Zwischenbilanz

Es ist der 4. November, als gegen mittag in einer ruhigen Siedlung am Rande des Thüringer Dörfchens Stregda, unweit von Eisenach, ein weißes Wohnmobil in Flammen aufgeht. Darin sterben zwei Männer. Drei Stunden später fliegt nach einer Explosion in der Frühlingsstraße im Zwickauer Stadtteil Weißenborn die Vorderwand eines Wohnhauses in den Vorgarten. Bald macht die Nachricht die Runde, dass in den Trümmern des Wohnmobils die Dienstwaffe einer Polizistin gefunden wurde, die 2007 in Heilbronn erschossen worden war. Am 11. November erklärt die Polizei, man habe nun auch die Tatwaffe einer bis dato unaufgeklärten Mordserie entdeckt, der zwischen 2000 und 2006 acht türkischstämmige und ein griechischer Kleinunternehmer zum Opfer fielen.

Das ist der Anfang der Geschichte, die seither die Republik erschüttert. Es geht um den ungeheuerlichen Verdacht, eine von Hass auf Ausländer und den Staat getriebene rechte Mörderbande habe seit der Jahrtausendwende – unbemerkt von den Sicherheitsbehörden – eine Blutspur durch Deutschland gezogen. Die für terroristische Verbrechen zuständige Generalbundesanwaltschaft leitet die Ermittlungen, fast täglich kommen neue Details ans Licht. Doch bietet eine Zwischenbilanz der vergangenen fünf Wochen immer noch mehr Fragen als Antworten zu dem verworrenen Fall.

In den Trümmern des Zwickauer Hauses fanden sich mehrere Kopien einer DVD, die eine zynische Filmcollage aus Tatortbildern sowie Film- und Wortsequenzen der Zeichentrickserie Paulchen Panther enthält. Versteht man diesen Film als Bekennervideo, dann übernimmt eine darin erwähnte Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) die Verantwortung für die Mordserie an den Migranten, den Überfall auf die Polizistin in Heilbronn und einen Nagelbombenanschlag in einer vorwiegend von türkischen Migranten bewohnten Straße in Köln am 9. Juni 2004.

Für die Ermittler steht damit trotz aller noch offenen Fragen fest: Uwe Böhnhardt (34) und Uwe Mundlos (38), die toten Männer aus dem Wohnmobil, und Beate Z. (36), die mit den beiden seit 2008 in Zwickau gewohnt hat und in Untersuchungshaft sitzt, sind der Kern jener mysteriösen Terrorgruppe NSU. Um sie herum gab es eine Handvoll etwa gleichaltriger Unterstützer, die dem unter falscher Identität lebenden Trio mit Personaldokumenten, Bahncards und vielleicht auch Waffen geholfen haben. Inzwischen hat sich auch die Politik des Falles bemächtigt und diskutiert, losgelöst von der noch immer dünnen Erkenntnislage der Ermittler, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD.

Kann man das glauben?

Bislang aber fördern die Ermittlungen mehr Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten zutage als Fakten. Ist es etwa vorstellbar, dass drei junge Menschen, von denen zwei nur über eine mittelmäßige Schulbildung verfügen, nach ihrem Abtauchen 1998 mehr als 13 Jahre lang unbehelligt und unerkannt mitten in der Bundesrepublik leben und dabei mordend und raubend durchs Land ziehen? Ohne dass deutsche Ermittlungsbehörden und Geheimdienste davon etwas mitbekommen oder auch nur ahnen? Dass die drei für sich festgelegt haben sollen, welches Leben ausgelöscht werden muss, ohne in der üblichen Selbstbezichtigung die Öffentlichkeit an ihren abstrusen politischen Motiven teilhaben zu lassen? Ohne ein Signal an mögliche Sympathisanten im rechtsextremen Bodensatz der Gesellschaft zu senden, wonach endlich einer von ihnen das Heft des Handelns in die Hand genommen hat?

Insgesamt 2.500 Asservate müssen von Ermittlern der Sonderkommission „Trio“ ausgewertet werden. Sie stammen aus dem Schutt der Zwickauer Wohnung und dem ausgebrannten Wrack des Wohnmobils in Stregda. Die gut 400 Ermittler, die bis Jahresende noch einmal um fast 100 weitere Beamte aufgestockt werden, erhoffen sich von der mühsamen Sichtung und Rekonstruktion der zum Teil stark beschädigten Hinterlassenschaft des Trios Aufschluss über die Frage, wo sich Böhnhardt, Mundlos und Z. in den letzten 13 Jahren aufgehalten, was sie getan haben und mit wem sie in Kontakt standen.

Festzustehen scheint, dass Mundlos und Böhnhardt an jenem 4. November eine Sparkassenfiliale am Eisenacher Nordplatz überfallen haben. Sie flohen mit Fahrrädern zu einem Parkplatz im Nachbarort Stregda, wo sie ihr Wohnmobil abgestellt hatten – eine Vorgehensweise wie schon bei mehreren Banküberfällen seit 1999 in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, die Ermittler den beiden Männern zuschreiben. Und doch läuft es diesmal anders: Die Täter fliehen mit ihrem Fahrzeug nicht über Nebenstraßen und Landstraßen, um einer Ringfahndung der Polizei zu entgehen, sondern fahren in ein ruhiges Wohngebiet in Stregda, in dem ein parkender Camper auffällt. Hier beginnt der Showdown der Gruppe, der nach wie vor Rätsel aufgibt.

Wohnmobil voller Waffen

Selbst BKA-Chef Jörg Ziercke musste auf einer Pressekonferenz vor einer Woche einräumen, dass das Geschehen an diesem Tag nicht zu dem bis dahin so planvollen Vorgehen der Gruppe passe. Warum fuhren die Profis nicht schnurstracks nach Zwickau zurück? Und warum hatten sie ihr Wohnmobil mit Waffen und Geld vollgestopft? Sieben Waffen, darunter zwei Pumpguns und eine Maschinenpistole, fanden sich im Fahrzeug. Auch die beiden geraubten Dienstwaffen vom Heilbronner Polizistinnenmord waren an Bord – Trophäen eigentlich, die man besser versteckt und nicht mit zu einem Bankraub nimmt, weil doch immer die Gefahr einer Festnahme besteht. Und dann fanden sich in dem Auto noch mehr als 111.000 Euro in bar. Das Geld stammte aus früheren Banküberfällen, das bewiesen die zum Teil noch mit Banderolen umwickelten Bündel.

Warum haben sie sich den Weg nicht freigeschossen, als sich gegen Mittag eine Polizeistreife näherte? Angeblich gibt es eine Zeugenaussage, wonach die drei einmal gesagt haben sollen, dass die Polizei sie nicht lebend in die Finger bekommen werde. Die Aussage stammt aber von Ende der neunziger Jahre. Zwischenzeitlich hieß es auch, es sei ein Schuss abgegeben worden nach außen, in Richtung Polizei. BKA-Chef Ziercke korrigierte das aber zuletzt: Es gebe bislang keinen Beweis dafür.

Die Leichen der beiden Männer sind nach wie vor nicht freigegeben. Ziercke sprach von einem „komplexen Tatort“ in Stregda und einer „komplexen Auffindesituation“. Tatsächlich ist noch immer unklar, wie und durch wen die beiden Männer umgekommen sind. Fest steht: Böhnhardt, der als brutaler Waffennarr beschrieben wird, hielt eine Pistole in der Hand, aus der jedoch kein Schuss abgegeben wurde. In seinem Kopf fand sich ein Einschussloch. Ob der tödliche Schuss aus großer Nähe abgegeben wurde oder durch eine aufgesetzte Waffe, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Feuer im Wagen hat die Leichen so verunstaltet, dass weder Schmauchspuren noch sogenannte Stanzmarken auf der Haut nachgewiesen werden konnten, von DNA-Spuren Dritter ganz zu schweigen.

Die Ermittler gehen bislang davon aus, dass Mundlos, der als der intelligentere und weichere der beiden Männer galt, Böhnhardt erschossen und sich dann selbst gerichtet hat. Mundlos hatte ebenfalls eine Schussverletzung. Doch fanden sich in seiner Lunge Rußpartikel. Der Schuss, den er sich mit einer Langwaffe selbst beigebracht haben soll, war also nicht tödlich. Offenbar ist er erstickt.

Stadtpläne vom ADAC

Dank der Waffen und einer Reihe von Beweismitteln, die wie durch ein Wunder das starke Feuer und die Explosion in der Zwickauer Wohnung überstanden haben, können die Ermittler inzwischen Verbindungen zwischen dem Trio und einigen der ihnen zur Last gelegten Verbrechen herstellen. So hat man mehr als 50 Wohnmobile und Fahrzeuge identifizieren können, die Mundlos und Böhnhardt mit von Unterstützern bereitgestellten Personaldokumenten seit 2000 angemietet hatten. Auffällig ist eine zeitliche Übereinstimmung mit einigen der Mordanschläge auf Migranten sowie mit Banküberfällen. Auch fanden sich im Schutt der Zwickauer Wohnung Reisekarten und Stadtpläne vom ADAC, auf denen Tatorte eingezeichnet waren. Zudem gibt es Notizen, die darauf hindeuten, dass die Opfer vor der Tat genau ausspioniert wurden.

Nicht gefunden aber hat man eine Karte oder Notizen zum Polizistenmord in Heilbronn. Dieses Verbrechen gibt den Ermittlern wegen eines fehlenden Motivs nach wie vor große Rätsel auf. Die von BKA-Chef Ziercke zunächst gezogene Verbindung zwischen rechten Umtrieben in der Thüringer Heimatstadt der ermordeten Polizistin und der Tat wird von den Fahndern mittlerweile als kalte Spur bewertet. Viel heißer ist ein vergangene Woche bekanntgewordener angeblicher Bericht des US-Militärnachrichtendienstes DIA. Darin soll es Hinweise geben, dass am Tattag, dem 25. April 2007, Neonazis und ein Islamist, der von deutschen Verfassungsschützern und US-Geheimdienstlern observiert wurde, in Heilbronn in eine Schießerei mit Polizisten verwickelt worden seien. Die Täter seien zu einem Waffendeal verabredet gewesen und von der Polizei gestört worden.

Noch ist die Echtheit des angeblichen DIA-Berichts nicht geklärt; auch haben die Verfassungsschutzämter von Bayern und Baden-Württemberg eine Verwicklung in einen solchen Vorgang bestritten. Sollte sich die Version dennoch erhärten, müsste dann auch geklärt werden, ob es tatsächlich noch zu einem Waffengeschäft auf dem Heilbronner Parkplatz gekommen ist und wenn ja, ob die dort anwesenden Neonazis Waffen von dem observierten Islamisten übernahmen. Das wäre brisant: Bei dem Mann handelt es sich um den mittlerweile mit internationalem Haftbefehl gesuchten Türken Mevlüt Kar, der als fünfter Mann der sogenannten Sauerland-Zelle gilt, einer 2007 zerschlagenen Gruppe deutscher Islamisten, die Anschläge planten. Kar gilt als V-Mann des türkischen Geheimdienstes und soll auch zur CIA Kontakt gehabt haben.

Islamisten, der türkische Geheimdienst und deutsche Neonazis – wie passt das zusammen? Wenn es um kriminelle Waffengeschäfte geht, spielen in solchen Kreisen ethnische Unterschiede kaum eine Rolle. Hinzu kommt, dass deutsche Neonazis und faschistische türkische Gruppen wie etwa die „Grauen Wölfe“ zumindest Brüder im Geiste sind.

Festnahme gescheitert

Aber noch mehr Rätsel gilt es für die Ermittler zu lösen. Warum haben die drei in der Zwickauer Wohnung so auffällig wenig Wasser verbraucht – hatten sie möglicherweise seit 2008 noch einen weiteren Unterschlupf? Ist es realistisch, dass unter falscher Identität agierende Terroristen Urlaubsfreundschaften auf Campingplätzen schließen und den neuen Bekannten später sogar Fotos und Videos von sich schicken? Was machte das Trio in der Schweiz, wo es offenbar zeitweise lebte und sogar ein Auto mit Schweizer Kennzeichen fuhr, mit dem man Urlaub in Deutschland machte? Wer finanzierte das Trio? Zwar sollen sie bei ihren Banküberfällen insgesamt 600.000 Euro erbeutet haben; zieht man die im Wohnmobil gefundene Summe ab, bleiben knapp eine halbe Million Euro. Das ist nicht viel für einen Zeitraum von zwölf Jahren und drei Erwachsene, die Wohnungen unterhalten, Fahrzeuge mieten, in der ganzen Bundesrepublik umherfahren und aus Tarngründen vermutlich auch keine Krankenversicherung haben.

Welche Rolle spielen die Nachrichtendienste und die Polizei? Mehrfach hat es in den ersten Jahren nach ihrem Untertauchen 1998 Gelegenheiten gegeben, die drei festzunehmen. Das scheiterte immer wieder – aus Unvermögen oder Unwillen? Warum enden 2007 Morde und Banküberfälle, nachdem im Umfeld der letzten beiden Mordtaten angeblich Verfassungsschützer aufgetaucht waren? Auch wenn Generalbundesanwalt, BKA-Chef und Politiker den Eindruck vermitteln, der Fall sei weitgehend gelöst – mehr als einen Monat nach dem Ende der Zwickauer Zelle stochern die Ermittler bei vielem weiter im Nebel.

Andreas Förster schreibt als freier Journalist vorwiegend über Sicherheitsbehörden

Kommentare (12)

Sinan A. 10.12.2011 | 18:04

Viele Nebelkerzen, die Andreas Förster hier wirft. Er stellt sogar in Frage, dass aus Hass auf (bestimmte) Ausländer in Serie gemordet wurde.

1) Wurde aus Ausländerhass gemordet?
Selbstverständlich!

2) Ist es glaubwürdig, dass in einem ausgebommten Haus intakte DVDs gefunden werden?
Klar, außerdem wurden die DVDs nicht nur in den Trümmern gefunden, sondern auch an verschiedene Stellen verschickt.

3) Ist es möglich, mit nur mittlerer Schulbildung im "Untergrund" zu leben?
Natürlich, besonders wenn man viele Gleichgesinnte kennt und Behörden keinen großen Eifer bei der Fahndung haben.

4) Wird hier ein Fall konstruiert, um die NPD zu verbieten?
Morden in Serie für ein Parteiverbot, krude Theorie! Die Politik greift den Ball auf, mehr nicht.

5) Wieso gab es nicht die üblichen Selbstbezichtigungen?
Die waren nie üblich unter rechten Gewalttätern. Intern in der Szene wird dieses Vorgehen empfohlen, auf Bekennerschreiben zu verzichten.

6) Wieso haben sich die beiden nach dem Bankraub anders verhalten?
Das haben sie nicht. Es war offenbar die Taktik, sich nach einer kurzen Flucht auf Fahrrädern in dem Wohnmobil zu verstecken, bis die Luft rein war. Diesmal wurden sie entdeckt.

7) Wieso war das Wohnmobil mit Waffen und Geld vollgestopft?
Das war der ganz normale Hausrat der beiden. Die waren auf einer nationalen Mission. Festnehmen lassen war vermutlich keine Option.

8) Warum haben sie sich den Weg nicht frei geschossen?
Weil die beiden nicht Darsteller in einem 90min Action-Film waren, sondern im richtigen Leben.

9) Hat ein dritter Mann Uwe erschossen?
Nicht völlig ausgeschlossen, aber wohl kaum in dem Sinne, dass ein Geheimdienst das von oben angeordnet hätte.

10) Ist es ein Wunder, dass Beweismittel in den Zwickauer Trümmern gefunden wurden?
Sicher nicht, es gab einen großen Knall und ein anschließendes Feuer. Vollkommen normal, dass überall Sachen rumliegen in den Trümmern.

11) Ist die Spur nach Thüringen im Polizistinnenmord eine kalte Spur?
Keineswegs, das hat BKA-Chef Ziercke nochmal klar bekräftet.

12) Ist die Notiz vom US-Geheimdienst echt?
Äußerst unwahrscheinlich. Richtig ist, auf die Polizeibeamtin Kiesewetter und ihren Kollegen wurde aus kurzer Entfernung geschossen, als sie völlig unverbereitet in ihrem Wagen saßen. Ein gezielter Mordanschlag. Das spricht gegen ein Waffengeschäft, das von Polizisten gestört wurde.

13) Islamisten, der türkische Geheimdienst und deutsche Neonazis – wie passt das zusammen?
Schwer, aber in der Phantasie von Andreas Förster ist wohl alles möglich.

14) Ist es realistisch, dass unter falscher Identität agierende Terroristen Urlaubsfreundschaften auf Campingplätzen schließen?
Absolut realistisch. Wegen der Morde waren sie nie verdächtig, und ansonsten gab es keinen Fahndungsdruck.

15) Was machte das Trio in der Schweiz?
Freunde und Gleichgesinnte treffen.

16) Wer finanzierte das Trio?
Gönner, Freunde, Gleichgesinnte, all die Menschen, die in diesem Artikel nicht vorkommen, obwohl teilweise bereits in Haft.

17) Welche Rolle spielen die Nachrichtendienste und die Polizei?
Der Verfassungsschutz hat die Szene beobachtet und finanziert, so wie immer. Die Polizei hat ermittelt, allerdings in die falsche Richtung.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2011 | 20:11

@ Sinan A. schrieb am 10.12.2011 um 17:04

Stilistisch agieren Sie so, als würden Sie etwas wissen. Inhaltlich agieren Sie wie Herr Förster auch, Sie spekulieren.

Wenn ich das Spekulieren Kombinieren nenne, komme ich zu einer kriminalistischen Methode, die wissenschaftlich betrieben zum Erfolg führen kann.

Insofern ist Ihr Beitrag unwissenschaftlich, weil Sie auf komplexe Sachverhalte mit mehrdeutigen Indizien eindeutige Antworten geben. Das tut Förster nicht, er stellt vorerst nur Fragen. Diese Fragen sind möglich und wurden bisher weder gestellt noch ausreichend erörtert.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2011 | 20:29

>>>3) Ist es möglich, mit nur mittlerer Schulbildung im "Untergrund" zu leben?
Natürlich, besonders wenn man viele Gleichgesinnte kennt und Behörden keinen großen Eifer bei der Fahndung haben.

Ich nehme nur mal eine Ihrer Argumentationen heraus, um zu zeigen, wie wenig Ihre Selbstsicherheit bei der Beantwortung - auch nur der Ihnen passenden Fragen - angebracht ist: Die Frage, die Förster stellt lautet ganz anders als Sie aufführen. Nämlich:

"Ist es etwa vorstellbar,...., nach ihrem Abtauchen 1998 mehr als 13 Jahre lang unbehelligt und unerkannt mitten in der Bundesrepublik leben und dabei mordend und raubend durchs Land ziehen?"

Die drei Nazis haben sich 1998 Haftbefehl entzogen. Wenn es so ist, wie Sie selbst schreiben, dass Sie einen großen Unterstützerkreis gehabt haben müssen: Wie erklären Sie sich, dass bei der Durchsetzung dieser Szene mit V-Leuten keiner einen Hinweis an seinen Führungsoffizier gab, dass da drei per Haftbefehl gesuchte Verbrecher sich versteckt haben?

Sie behaupten unter 14) >>>ansonsten gab es keinen Fahndungsdruck

Wenn Sie nicht mehr zu bieten haben, erachte ich Ihren Beitrag als hinfällig und bleibe lieber bei den Fragen von Andreas Förster.

Sinan A. 11.12.2011 | 00:01

Kein Problem Rapanui,
wir können gern genauer hinschauen auf diesen Untergrund.

Nach der etwas dubios mißlungen Festnahme 1998 sind die 3 untergetaucht. Die Polizei fahndete nach ihnen. Der Verfassungsschutz war mit seinen Kenntnissen behilflich und bot eine Vermittlung an. Die brachte nichts. Das Trio ging nicht drauf ein. Nach 5 Jahren war die Sache verjährt und wurde zu den Akten gelegt. All zu viel dürfte sowieso nicht passiert sein. Die Polizei hatte keinen großen Ehrgeiz, wie sich bereits 1998 zeigte, und das Umfeld der Nazis hat sie beherbergt. Alles vollkommen plausibel. Nichts ungewöhnliches.

Bleibt die Rolle der Verfassungsschutzbeamten. Die haben, als Gras über der Sache war, weiter gemacht wie immer. Vertrauen und Kontakte gepflegt. Man darf, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, bei einigen Beamten eine freundschaftliche Gesinnung unterstellen. Die frischen Papiere belegen außerdem, dass Beamte logistisch behilflich waren.

Bleibt die Frage, worauf will Andreas Förster hinaus?
Er schreibt alles, was Nazi ist, klein. Und alles, was geheimdienstlich ist, groß. Meint denn jemand ernsthaft, die Morde, Bomben- und Brandanschläge waren staatlich gesteuert, um politisch tätig zu werden, sprich die NPD zu verbieten? Sicher waren einzelne Beamte begleitend dabei, in welcher Weise auch immer. Aber anzudeuten, hier wäre das große Ding, eine staatliche Verschwörung, ist absurd.

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Ehemaliger Nutzer 12.12.2011 | 12:30

@ Sinan A. schrieb am 10.12.2011 um 23:01

>>>Meint denn jemand ernsthaft, die Morde, Bomben- und Brandanschläge waren staatlich gesteuert, um politisch tätig zu werden, sprich die NPD zu verbieten?

Interessant. Auf den Gedanken, den Artikel so zu lesen, bin ich gar nicht gekommen. Diese These unterstütze ich nicht.

Ich begrüße den Artikel von Förster deshalb, weil mir die Artikel von Hensel, Kraske,... hier im Freitag als bloß soziologisierend erscheinen und wenig förderlich für die Aufklärung des Falles sind.

Im Thread unter www.freitag.de/politik/1148-unter-abwieglern hatte ich dafür plädiert, den Fall "Zwickauer Zelle" unter dem Blickwinkel "Rechtsextremismus als Spielfigur politischer Eliten" zu untersuchen.

Ostdeutsche Ethnologie, ostdeutsche Soziologie, faschistische Ideologie... alles notwendig für eine umfassende Beurteilung, aber nicht hinreichend. Wenn über das Agieren des staatlichen Machtmittels "Verfassungsschutz" nur in Vermutungen berichtet wird, wenn einfachste Fragen nicht gestellt werden - und das tut Förster wenigstens - dann kommen wir nicht weiter.

Der Fall "Zwickauer Zelle" könnte ein Licht auf das Zusammenwirken von faschistischen Gruppierungen und Staat werfen. Von einer Unterschätzung der Gefahr, die von faschistischen Gruppierungen, auch ohne ein direktes Einwirken des Staates ausgeht, bin ich weit entfernt.

apatit 22.12.2011 | 12:57

Quelle Wikipedia siehe…
“Das unsichtbare Visier ist eine sechzehnteilige deutsche Fernsehserie von Peter Hagen. Sie wurde durch das Fernsehen der DDR in den Jahren 1973 bis 1979 produziert und entstand in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR.“ In der Zweite Staffel, siebente Episode (Folgen 15–16) von 1979 wird ein Szenario beschrieben, was mich sehr stutzig macht.
“Die Geheimdienste der BRD und der USA finden die Situation in Südeuropa immer beunruhigender – die CIA schmiedet Pläne für national-faschistische Umstürze in Griechenland, der Türkei und Italien.“ Das ist zwar sehr weit her geholt, aber lassen wir uns mal als “ Spinner “ bezeichnen. Auch werden Verbindungen zur ODESSA beschrieben. Für mich war das zwar auch eine Art propaganda Film, aber kalte unbelehrbare Krieger und Strategien sind doch nicht ausgestorben, ja stehen offensichtlich unter “Artenschutz“. Kann man Menschen ins Hirn sehen, und warum kommen auch bei Ermittlungsbehörden Begriffe wie “Dönermorde oder Bosporus “ vor? Was hat der Thüringer EX- Verfassungsschützer Roewer abgelassen. Kürzlich hat Bernd Wagner von Exit dazu etwas gesagt: “ Besonders merkwürdig und in gewisser Weise auch undurchsichtig schätzt er die Rolle des damaligen Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten Helmut Roewer ein. Seine exzentrischen Auftritte sind allgemein bekannt. Aber Wagner geht noch weiter, er hinterfragt Roewers Verständnis der politischen Szene. Wagner erinnert sich beispielsweise an einen gemeinsamen Auftritt mit Roewer bei einer Podiumsdiskussion, wo Roewer argumentierte, man solle die jungen Männer und Frauen in der Naziszene nicht so ernst nehmen, viele von denen seien nur verblendet. Und aus seiner Argumentation konnte man durchaus schließen, dass er dem Dritten Reich auch gute Seiten attestierte, erinnert sich Wagner heute.“ Hatte/ hat sich da nichts verselbständigt? ( Siehe auch Frankfurter Allgemeine “Braune Kellergeister“ 19.03.2009 ) – diese Traditionen und der Geist der Truppe kann man nicht per Dekret abschalten so wie wenn man einen Schalter umlegt. Damit beschäftigt man sich öffentlich nicht, höchstens paar Spinner im Freitag. Das mit dem Staus Quo hat auch so ähnlich gesehen Gerhard Zwerenz im Poetenladen, ein Teil seiner brillanten Analyse!
“Hatte nicht Adolf der Verführer das verdiente Ende seines Volkes konstatiert, das im Kampf mit den Russen schwächlich unterlag? Die Enkel fechten's, dem Lügen¬bold folgend, besser aus? So ist das Leben. Früher stand der Hamburger W. Biermann weit links vom Hamburger Schmidt-Schnauze. Heute steht er weit rechts von Schmidt-Bambi, der im Alter Meister Popper zu spielen versucht, obwohl dem Wehr¬machts-Ober¬leut¬nant sein verschluckter Stahlhelm noch im Magen liegt. Such is Life. Unsere Kriegs¬helden kriegen ihre große Vergangen¬heit einfach nicht aus den Klamotten.
Gibt es Gott Janus als Schatten? Franz Josef Strauß forderte die Deutschen auf, endlich aus dem Schatten Hitlers herauszutreten. Der war gewiss ein Gott und überlebt als Schatten. Was aber geschieht, tritt einer draus heraus? Wo ist er dann? Angenommen, die NPD würde verboten. Was passiert mit den 130 eingeschleusten V-Leuten des Verfas¬sungs¬schutzes – werden sie pensioniert wie Beamte? Als Beamte? Auch wenn sie führende NPD-Funktionäre waren, verantwortlich für die Politik einer Partei, die dafür verboten wird (wurde)? Wie nennt sich so ein Pensionär dann? Pensioniert wegen verbotener Politik? Es gibt Schatten, die die Schatten¬menschen als Vergangenheit scheuen oder aufarbeiten, und Schatten, auf die sie stolz sind. Schmidt, Gauck, Sarrazin sind stolz auf sich, wie ihre Bücher und Gesichter zeigen. Sie sind, gänzlich schattenlos, ganz windschlüpfig mit sich im reinen.“