Echo meines Lebens

Berlin-Buch Berlin-Buch. Keine Idee? Ein Krimi geht immer. Dass D. B. Blettenbergs Berlin Fidschitown, dieses Illustriertensprachmuseum, den Deutschen Krimipreis ...

Berlin-Buch. Keine Idee? Ein Krimi geht immer. Dass D. B. Blettenbergs Berlin Fidschitown, dieses Illustriertensprachmuseum, den Deutschen Krimipreis bekommen hat, mag zwar befremden, enthebt uns jedoch glücklich der Notwendigkeit, zu erzählen, wie Surasak Meier aus Bangkok nach Berlin kommt, um hier den Zigaretten-Vietnamesen in den Bunkern und Tunneln der Stadt nachzusteigen und auf natürlich noch viel mehr "dahinter" zu stoßen. Stattdessen können wir uns gleich einem noch dickeren Roman zuwenden, in dem - auch das ja sehr beliebt inzwischen - es historisch zugeht. Pierre Freis Onkel Toms Hütte, Berlin: Sommer 1945 - und mit viel Rückerinnerung an davor. Frauen werden umgebracht. Und ihre Geschichte erzählt. Und am Ende gibt´s noch eine zwar etwas verkalauerte, doch recht nette Jugendvögelei. Leider sind das nur zwei von fast 550 Seiten. Liest man die Angaben zur Biografie des Autors, dann könnte zumindest sein Leben recht spannend gewesen sein.

D. B. Blettenberg: Berlin Fidschitown, Pentragon, Berlin 2003, 335 S., 20,50 EUR


Pierre Frei: Onkel Toms Hütte, Berlin. Blessing, München 2002, 543 S., 22,90 EUR


Berlin ist Hauptstadt ist Berlin. Es ist, auch wenn hier und da noch gebaut wird, ausgeschalt und abgerüstet: erkennbar - so wird es nun aussehen, ob es will oder nicht. Einige wollen. Das heißt dann: Szene. Die kommt nun in einem Kultur-Lesebuch zu Wort, in dem sie zweifach präsent ist - zum einen im obligaten Panorama von Architektur, Bildender Kunst, Galerien, Museen, Literatur, Schauspiel, Varieté und Kleinkunst, Tanz, Musik, Film, Mode, Design, Video, Indis und Clubkultur. (Man muss das hin und wieder aufgezählt sehen, um es zu glauben.) Vor allem aber, indem die jeweiligen Protagonisten selbst zu Wort kommen, interviewt oder schwadronierend, informierend oder dozierend, sarkastisch oder diplomatisch - eine Vielfalt der Figuren und Stile. Jung, lebendig, einfallsreich und zäh. Weder Postamt noch Post-Pop - und schon gar nicht grau in grau!

Hans-Jörg Clement (Hg.): Szene Berlin. Ein Kultur-Lesebuch, B, Berlin 2003, 270 S., 19,80 EUR


Kein Krimi. Schon mal eine gute Idee. Leerstand von Bürofläche am Potsdamer Platz. Im Glashaus, allgemein Placebis genannt, sollen junge Menschen Betrieb und Geschäft simulieren. "Wir sind Kriegsgewinnler in der Schlacht des Geldes mit sich selbst". 120 Tage, wie in Salo. Alle spielen etwas. Und am Ende gibt es die finale Party. Viele Schicksale weben in solch einer Anlage zu diesen Zeiten. Angestellte, Nichtmehr-Angestellte im Nach-Pop der Post-Metropole: "Wirklich groß und wirklich grau .... Die Stadt ist interessant, gerade weil sie noch kein Hirn, kein Herz und eigentlich nur Glieder hat wie ein riesiger Polyp und viele kleine Herzen, die irgendwann gebrochen sind". Deren Schicksale werden hier nach Art einer neurotischen Textgeneriermaschine mittlerer Einfallsreichweite erzeugt und von einem mit einem Liebes-Problem erzählt: "Ich weiß genau, warum ich schreibe: Dies ist mein Liebesbeweis, meine Rache." Ein stimmiges Experiment, doch triste Lektüre.

Lukas Hammerstein: Die 120 Tage von Berlin. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2003, 220 S., 10,00 EUR


Manchmal bedauere ich, dass ich niemals Sehnsucht nach der alten DDR habe, weil keine Sehnsucht so leicht zu stillen wäre wie diese. Ich müsste nur um die Ecke auf mein Postamt gehen." Monika Marons Postamt liegt in Westberlin. Und mit solchen Sätzen ist man gleich zu Hause. Denn der graue Ton macht hier die Musik. Doch datiert das aus dem Jahr 1995. Monika Marons acht kleine Texte über die Stadt, in der sie 1941 geboren wurde, tragen Jahreszahlen zwischen 1986 und 2003, aber man muss höllisch aufpassen, in welchem Jahr man sich befindet. "Das Gesetz, nach dem ich mich erinnere, kann ich nicht erkennen. Scheinbar zufällig und unerwartet werfen die Mauern, nur für mich hörbar, eine mattes Echo meines Lebens zurück." Von der Schulzeit im Grauen Kloster über die Reichstagsverhüllung hin zu den obligaten Berliner Hunden und der Schnauze, die einen süddeutschen Herrn unwiderstehlich belehrt: "Eigentlich sind wir nett." Präzise, minimale Beobachtungen, faszinierend griese Fotos und ein rotes Lesebändchen demonstrieren, dass auch Grau eine lebhafte Farbe sein kann.

Monika Maron: Geburtsort Berlin, S. Fischer, Frankfurt am Main 2003, 126 S.,
13,90 EUR


Und wer nun noch eine Vor-Jetztgeschichte braucht, zum Memorieren oder Schnellinformieren, der kommt von den Askaniern bis zur Reichstagskuppel ebenfalls zu seinem Recht:

Christian Härtel. Berlin. Eine kleine Geschichte, be.bra, Berlin 2003, 80 S., 9,90 EUR


00:00 12.03.2004

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