Eigensinn

Cicerone Zum 80. Geburtstag von Bruno Flierl

Wer darunter leidet, dass die deutsche Hauptstadt noch immer ein halbgefrorener Torso des Kalten Krieges ist, dem sind Leben und Arbeit des gerade 80 Jahre alt gewordenen Architekturtheoretikers Bruno Flierl ein Trost. Seit dem Ende der vierziger Jahre hat dieser hartnäckige Stadtindianer die baulichen Verläufe Berlins mit skeptischem Blick wie historischem Optimismus begleitet. Flierl, im niederschlesischen Bunzlau geboren, gehört zu jener Generation der Davongekommenen des Weltkrieges, die mit Wissens- wie Lebenshunger daran ging, die Dinge zum Besseren zu wenden. Er holte in Berlin sein Abitur nach und studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg Architektur.

Zur Enttäuschung seiner Lehrer ging er 1952 in den Osten der Stadt, um eine wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet von Theorie und Geschichte der Architektur an der Deutschen Bauakademie Unter den Linden zu beginnen. "Dieser Wechsel", hat Flierl selbst einmal bemerkt, "war nicht nur ein Wechsel von einer ursprünglich geplanten Praxis der Architektur zu ihrer Wissenschaft, sondern vor allem von einer Gesellschaft zur anderen." Er habe an seiner West-Hochschule zwar die ästhetisch befreiende Sicht modernen Bauens erfahren, aber keine überzeugende neue, gesellschaftliche Orientierung für das Bauen. Ein Wechsel von West nach Ost war Anfang der Fünfziger unter Kunst- und Kulturschaffenden gar nichts ungewöhnliches. Die Weichen schienen zumindest anfangs in der DDR auf Anfang gestellt. Bruno Flierl wollte wissen, was die neue Gesellschaft dort für eine Architektur brauchte, er konnte nicht ahnen, dass der damalige Präsident der Deutschen Bauakademie, Kurt Liebknecht, ein Neffe Karl Liebknechts, als überzeugter Anhänger stalinistischer Sowjetarchitektur andere ästhetische Prinzipien durchzusetzen hatte.

Dieser Prozess zügiger Desillusionierung hat Bruno Flierl, anders als bei vielen seiner Zunftgenossen, nicht resignieren lassen, sondern seinen Willen zum Einspruch, ja Widerspruch nur bekräftigt. Im Herbst 1961 übernahm er die Chefredaktion der matten Zeitschrift Deutsche Architektur, wie er selbst sagt, "unbeschwert und guten Mutes". Zwei Charaktereigenschaften, die in der scheinbar so optimistischen DDR geradezu zum Scheitern führen mussten. Er machte Hefte über Großwohneinheiten, über Hoyerswerda und vor allem über das Bauhaus. Das Thema war in der DDR tabu, weil es dem Tischler Ulbricht nicht passte. Funktionäre des Bauwesens, einer besonders dogmatischen Abteilung des Arbeiter-und-Bauern-Staates, nahmen deshalb eine "reinigende Waschung" vor, bevor sie selbst "gewaschen" wurden, wie der Jubilar bemerkte, der rausflog.

Flierl, ein überzeugter wie überzeugender Sozialist, litt wie kaum ein anderer an der Grundkrankheit des Systems, der Angst vor offener, vor allem ergebnisoffener Diskussion. Fortan hießen seine beruflichen Stationen Stadtbauamt, wieder Bauakademie und Humboldt-Universität. In all seinen Funktionen setzte er sich mit dem Aufbau wie den Abrissen im alten Zentrum Berlins, dem neuen Tableau der DDR-Hauptstadt auseinander. Ein kritischer Begleiter, im Blick immer die bessere Lösung, die funktionellere Ästhetik, fern von Schwulst und Pomp. Sein Hauptinteresse galt Zukunftskonzeptionen und der Symbiose von Kunst und Bauen. 1982 wurde sein Text zur architekturbezogenen Kunst aus dem schon gedruckten Katalog der IX. Kunstausstellung der DDR entfernt. Seine Kritik an der Unzulänglichkeit des gesellschaftlichen Auftraggebers führte zu dessen Zurückschlagen. Der Gemaßregelte wurde aus allen beruflichen Funktionen entfernt, der gesundheitliche Kollaps folgte. Bruno Flierl wurde mit 55 Jahren Rentner. Er fuhr durch die Welt und informierte auf Vorträgen über DDR-Architektur, zu Hause berichtete er darüber, was er unterwegs gesehen hatte.

Nach der Wende war er ein ungebundener Cicerone, der für die jeweils andere Seite dolmetschen konnte, ohne seine Überzeugungen zu opfern. Er saß im Stadtforum Volker Hassemers wie in den Kolloquien zum Holocaust-Mahnmal. Und war ein harter Streiter, wenn es um Palast der Republik und Stadtschloss ging. Sein Witz und heller Kopf dienten dem erklärten Ziel: Das Gedächtnis der Stadt sichern und die Vision der Stadt ermöglichen. Pünktlich zum Geburtstag hat die Berliner Universität der Künste eine Arbeitsbiographie und Werkdokumentation Bruno Flierls herausgebracht. Sein erster Text von 1948 hat den lebensprogrammatischen Titel "Was also tun, bis es einmal so weit ist?"

00:00 02.02.2007

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