Ein anderes Kaliber

Porträt Idil Baydar kämpft scharfzüngig gegen Rassismus, trotz Morddrohungen – oder gerade deswegen

Anfang März ploppte die erste Droh-SMS vom selbsternannten „SS-Obersturmbannführer“ auf Idil Baydars Handy auf. Am Tag des Attentats auf mehr als 50 muslimische Menschen im neuseeländischen Christchurch, am 15. März, ging es weiter – ein anonymer Absender ließ sie über den Kurznachrichtendienst 5 vor 12 wissen: „So wie heute in Neuseeland knallen wir dich und Halise Baydar ab.“ Halise ist Idils Mutter, deren Namen sie bislang stets aus der Öffentlichkeit herausgehalten hatte. Sie sei weder überrascht noch schockiert, verriet die Kabarettistin, als sie Screenshots der Nachrichten auf ihrem Facebook-Account veröffentlichte. „War mir schon klar, dass die Möglichkeit besteht, dass ich auch ins Fadenkreuz gerate.“

Die 1975 in Celle geborene Schauspielerin und Komödiantin ist vor allem durch zwei Youtube-Charaktere bekannt. Die rund 18-jährige Deutschtürkin Jilet Ayse und die Berliner Rentnerin Gerda Grischke werden millionenfach angeklickt. Die 2011 ins Leben gerufenen Kunstfiguren bieten in der hitzigen Debatte um Integration mit ihrer Direktheit Zündstoff. Was wie Geschwätz wirkt, entlarvt jede Kleingeistigkeit unserer Gesellschaft mit schonungsloser Absurdität. Das alles war gar nicht so geplant. Ghettobraut Jilet entstand unter erheblichem Einfluss von Mutter Halise. Während Idil Baydar als Integrationsbegleiterin an der Nürtingen Grundschule und an der Rütlischule in Berlin-Kreuzberg arbeitete, machte sie Freunden abends den Jargon der Jugendlichen vor. „Meine Mama sagte, wir packen das auf Youtube. Ich wollte das nicht, aber sie hat keine Ruhe gegeben.“

Auch für die Schulzeit an einer Waldorf-Schule ist Mutter Baydar verantwortlich. „Ich habe dort ein ganz anderes Wertesystem über meine Eigenschaften als Individuum gespiegelt bekommen und somit einen Zugriff erhalten“, erinnert sich die studierte Soziologin. „Das passiert an deutschen Schulen wenig.“ So entstehen Persönlichkeiten wie die Nazi-Oma Gerda Grischke, ihre zweite Bühnenfigur. Die ist, was ihr Wertesystem angeht, eher beim Obersturmbannführer zu verorten. „Trotzdem ist Gerda nicht grundböse. So sehe ich viele Deutsche. Erst wird immer gemeckert, aber eigentlich ist der Lolli für die Migrantenkinder schon in der Tasche. Die Türken lieben Gerda, auch weil sie etwas total Naives hat.“

Mit ihrem ersten abendfüllenden Comedy-Programm Deutschland, wir müssen reden entwickelte sie ihre Youtube-Figuren ab 2016 weiter. Seit 2018 ist sie mit Ghettolektuell auf Deutschland-Tournee. Das Publikum bei ihren Shows ist bemerkenswert divers, findet sie. „Ein paar Migranten sind dabei, ein paar Vertreter der LGBT-Community, und die sogenannten Gutmenschen. Gottseidank gibt es Gutmenschen. Eigentlich sind das ja ganz normale Menschen“, sagt Baydar. Auch fernab ihrer Bühnen- und Medienpräsenz kämpft sie für Toleranz und gegen Rassismus. Ende 2018 war sie mit anderen Prominenten wie der Moderatorin und Influencerin Wana Limar oder dem Rapper Samy Deluxe ein Gesicht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International anlässlich des 70. Jubiläums der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Auf ihrer Mission reisen Idil, Jilet und Gerda kreuz und quer durch die Republik. Zur Zeit spielt sie außerdem am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg in Elfriede Jelineks Inszenierung Am Königsweg. Nebenbei hält sie Vorträge für Nachwuchskräfte zum Thema Selbstverwirklichung, Bildung und Motivation. Am 30. März trat sie bei der Jungen Islam Konferenz in Berlin auf. Am 9. April wird sie die Gäste des Frühlingsempfangs der Linkspartei zum Lachen und Nachdenken bringen. Zwei Tage später sitzt sie in Hamburg für eine Diskussionsrunde der Heinrich Böll Stiftung zum Thema „Heimat – ein gesellschaftspolitisch umstrittenes Konzept“ auf dem Podium. „Ich bin nicht migriert, sondern hier geboren und somit ein Teil dieser Gesellschaft“, ärgert sich Baydar. „Deshalb verstehe ich nicht, warum man aus mir unbedingt eine Migrantin machen will. Das ist auch für mich anstrengend, permanent diese Migrantenrolle zu erfüllen. Deutschland zu verlassen, ist für sie keine Option. Und wenn, dann überhaupt nur nach Kanada. Zwei weitere SMS mit ähnlichem Inhalt sind bislang bei ihr angekommen. Von „totalem Widerstand gegen den hässlichen Türkenbastard“ ist da die Rede und von „being Nazi is the new black“. Aber Idil Baydar lässt sich nicht mundtot machen. Im Gegenteil, sie wird lauter, und stellte Strafanzeige gegen unbekannt.

Ihr Anwalt kennt sich mit dem Thema aus. Mehmet Daimagüler ist der prominenteste Vertreter der Hinterbliebenen der Opfer des so genannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und hat selbst zahlreiche Morddrohungen erhalten. „Den hasserfüllten Gedanken folgen hasserfüllte Worte und enden oft genug in hasserfüllten Taten. Dem muss Einhalt geboten werden. Der Rechtsstaat, der seine Bürger nicht mit seiner ganzen Kraft schützt, verdient diesen Namen nicht“, monierte er in den sozialen Medien.

Mit Angst yok, Liebe var (auf Deutsch: „Es gibt keine Angst, es gibt Liebe“) beschließt Idil Baydar einen ihrer aktuellen Kommentare rund um die Droh-SMS. Diese Frau ist nicht eingeschüchtert, im Gegenteil: „Ich werde ab jetzt noch intensiver, noch schärfer, penetranter, frecher, deutlicher, und intelligenter als bisher gegen Rassismus und Menschenhass in jeglicher Form die mir möglich ist, vorgehen. Ich bin ein anderes Kaliber.“

Kristina Kara, Journalistin in Hamburg, hat gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Firat Kara, das Buch Haymat. Türkisch-deutsche Ansichten (Suhrkamp 2019) herausgegeben. Idil Baydar und Mehmet Daimagüler sind zwei der darin insgesamt 30 Porträtierten

06:00 05.04.2019
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