Ein Asteroid landet

Funkeln In Skandinavien ist Aksel Sandemoses epochaler Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ Kulturgut. Endlich rammt er auch uns

Dass dieser Tag kommen würde, hatte ich immer vage gehofft seit den frühen neunziger Jahren, seit den seltsam verstaubten Tagen des Skandinavistikstudiums in Göttingen. Geistige Überforderung hatte es nicht zu bieten, und mit Überraschungen war nicht zu rechnen: Der einzige Prof des Skandinavischen Seminars hielt Vorlesungen über Romane, die er seit den Siebzigern nicht mehr gelesen hatte und die sich in der Zwischenzeit in seiner Erinnerung verbogen und verformt hatten, was man beim Gegenlesen schnell feststellen konnte. Der Altnordist brachte uns mit brachialer Begeisterung ein Altnordisch bei, das auffallend bayerisch daherrumpelte, und wartete auf einen Ruf, der nie kam. Manchmal versuchten sie uns die Errungenschaften auch der kleineren skandinavischen Literaturen näherzubringen, Laxness und so, ja, selbst der Zwergensprache des Färingischen wollten sie Werke von überregionaler Bedeutung andichten. Wir tranken Tee, lasen brav Ibsen und Strindberg und rechneten mit nicht mehr viel Großem außer der alljährlichen Värmland-Exkursion und dem Lichterfest im Dezember, wo eine ausgesuchte Nachwuchsskandinavistin ein weißes Kleid anzog und sich ein paar Kerzen auf den Kopf setzte, um dann gemessenen Schrittes durchs Seminar zu laufen, ein Lied auf den Lippen, das die Schweden beim Italiener geliehen hatten, Santa Lucia.

Dann kam der Tag, an dem Sandemose mich rammte. Versehentlich war im Mittelbau eine aufgewecktere Seele gelandet, und sie hatte uns ein Seminar über Geschlechterrollen in der skandinavischen Literatur hingeschraubt, ein Seminar, durch das ein frischer Wind der Welt da draußen wehte. So landete Aksel Sandemose auf meinem Tisch. In meinem Bett. En flyktning krysser sitt spor. Ein Autor, von dem du noch nie etwas gehört hast. Ein Buch aus fucking 1933. Das dich plattmacht, als wärst du vor einen 30-Tonner gelaufen. Hamsun, Bang, Enquist, ja alles ganz nett. Sandemose atomisierte sie alle. Nie hatte man diese Wucht erlebt, mit der einer eine frontale Attacke unternahm auf die Gesellschaft, aus der er kam, eine kleine dänische Arbeiterstadt, die vom Sirenenruf der Fabrik beherrscht wurde, ihre mahlende Unterdrückungs- und Zerstörungskraft, den Druck, unter dem die Menschen zu Zombies der Maschine werden. Implodieren. Oder fliehen. Und auf diese Weise die Gewalt hinaustragen in die Welt, wohin auch immer sie gehen.

Kathedrale der Anmaßung

Sandemose kennt das Messgerät, mit dem sich die Gesellschaft am besten untersuchen lässt, das Messgerät ist das Individuum, und unter den Individuen besonders dieses eine: er selbst. Beziehungsweise, leicht abgewandelt: der Ich-Erzähler seines Romans. „Jetzt will ich alles erzählen. Und ich muss mit dem Ende anfangen. Sonst wage ich mich niemals vor bis dahin. Ich habe einmal einen Menschen getötet. Er hieß John Wakefield, und ich ermordete ihn in einer Nacht vor siebzehn Jahren in Misery Harbor. Damals wurden so viele zu Mördern. Der Weltkrieg wütete, aber das waren legalisierte Morde und verdienstvolles Abschlachten. Den Getöteten konnte es egal sein, ob die Massaker legalisiert waren oder nicht, aber nicht den Mördern.“ Mit diesen Zeilen eröffnet Sandemose sein großes Weltpanorama, das gleichzeitig eine wilde, wogende Innensicht ist, und nach diesem Auftakt ist man angefixt für immer oder tot.

In Skandinavien ist das seit jeher Weltliteratur. Sprichwörtlich wurde Janteloven, das „Gesetz von Jante“, jener kleinen Stadt also, aus der der Erzähler stammt. Sandemose hat sie nach Nykøbing/Mors gestaltet, dem Ort seiner Kindheit. Zehn ungeschriebene Gebote sind allen Dortigen in ihre Seelen eingebrannt: „Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir“, „Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst“. Und so immer weiter, bis du nicht mehr nachfragst. Mit diesen Geboten halten die Fabrikarbeiter und ihre Familien in der industriellen Gesellschaft einander klein, es ist ein selbstregulierendes System, das die Menschen den Produktionsmaschinen unterwirft, keinen Gedanken an eine Veränderung zulässt, und dessen Profiteure unsichtbar bleiben: Dieses System beschreiben kann aber nur einer, der in ihm aufgezogen und von ihm durchgewalkt und deformiert wurde, einer, den das Schicksal irgendwann dort herausgeschleudert hat und der das überlebte.

Das Gesetz von Jante

1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist.

2. Du sollst nicht glauben, dass du so viel bist wie wir.

3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.

4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.

5. Du sollst nicht glauben, du weißt mehr als wir.

6. Du sollst nicht glauben, du bist mehr als wir.

7. Du sollst nicht glauben, dass du zu irgendetwas taugst.

8. Du sollst nicht über uns lachen.

9. Du sollst nicht glauben, dass irgendwer sich für dich interessiert.

10. Du sollst nicht glauben, dass du uns irgendetwas beibringen kannst.

Dieser Eine ist Espen Arnakke, der Erzähler. Der Flüchtling. Besinnungslos krümmte er sich als Heranwachsender unter der Terrorgesellschaft der Kleinstadt, und als er so bald wie möglich auf einem Schiff anheuert, um Jante zu entkommen, trägt er nur dessen Selbsthass, Gewalt und Frauenverachtung weiter, zieht er immer wieder dieselben extremen Konstellationen auf sich, bis es zu der nie wirklich geschilderten Nacht in der Finsternis Kanadas kommt: Ein Mann vom Jante-Typus, maskulin und brutal, hat Espen drangsaliert . Dann blitzte das Messer und troff das Blut. Mit siebzehn Jahren wurde Espen zum Mörder – wenn wir ihm denn alles glauben wollen, was er so erzählt. Siebzehn Jahre später legt er sich Rechenschaft ab. Freud hilft ihm dabei, Marx, Alfred Adler. Eine Selbstanalyse sei nicht möglich, sagt der weißbärtige Übervater? Espen wird den Gegenbeweis antreten, er wird triumphieren, wird seine Schwäche und Gebrochenheit, seine Angst und Feigheit und seine Verachtung zu einem epochalen Ereignis umschreiben! Aus dem ekligen kleinen Matsch seines Erdendaseins wird er eine Kathedrale der Erkenntnis und der Selbstüberhöhung formen, und vom obersten Turm wird er hinabsehen auf Jante und alles, was ihn dort einmal kleinhalten wollte.

Es ist dieses unwiderstehliche Amalgam aus Selbsterniedrigung und Selbstüberhöhung, das den epischen Monolog Aksel Sandemoses unvergesslich macht: Einerseits ist da der sarkastische, analytische, unerbittliche Blick, der eine Klarheit und Überlegenheit vorschützt, die man für den Moment glauben mag und die zerschmetternde Urteile wie Werbeslogans raushaut. Und dann sind da diese seltsamen Wahrnehmungsverzerrungen, die Widersprüche, die abstoßende Selbstherrlichkeit, sind Espens düstere Träume, seine schwülstig-paradiesischen Kindheitserinnerungen, in deren Honig die Lüge zu wohnen scheint, sind seine Gewalterfahrungen, die sich auch als Brüche und Auslassungen äußern. War Espen sexuellem Missbrauch ausgesetzt? Wieso wird der Vater inmitten der Kleinstadthölle mit ein paar knappen Worten idealisiert, während alle anderen Figuren in den dunkelsten, gewittrigsten Schattierungen vor sich hinblitzen? Hat der Mord je wirklich stattgefunden?

Dieser Punch, diese Galle

Das Buch ist voller dunkler Flecken, die nie richtig ausgeleuchtet werden und umso länger nachwirken im Leser. Espen schildert düstere Visionen am Rande des Wahnsinns, schildert sich selbst als heruntergekommenen Streuner, der Frauen nachstellt wie ein Raubtier, schildert sein Durchdrungensein von Furcht und den Sadismus seiner Kindheit. Zusammengehalten wird das alles von der übermächtigen, narzisstischen Passion der Selbstanalyse, der man sich anvertraut, da sie Sicherheit und Erkenntnis verspricht: Wie konnte ich werden, wer ich bin? Was haben die mit mir gemacht?

Aksel Sandemose, als Däne geboren, als norwegischer Großautor gestorben, hat einige hervorragende Romane geschrieben, und er hat diesen Asteroiden von Buch auf die Welt gerammt. Bei Erscheinen bekam er auch in den USA euphorische Kritiken. In Skandinavien ragt er bis heute über allem. 1963 war Sandemose für den Nobelpreis nominiert, 1973 gab es bei Volk und Welt eine misslungene deutsche Übersetzung des Flüchtlings, die Sandemose um alles brachte, was ihn ausmacht und was sich bis heute als nicht immer leicht übersetzbar erweist: seinen Punch, seine Galle, seine nahezu körperlich erfahrbare Wut. Und das hätte es dann gewesen sein können mit Aksel Sandemose und dem Rest der Welt. Wäre da nicht der kleine und äußerst verdienstvolle Guggolz-Verlag, Retter ost- und nordeuropäischer Klassiker. Er hat nun endlich, endlich getan, was getan werden musste, und hat diesen gewaltigen Schatz geborgen. Dunkel funkelt er uns an.

Info

Ein Flüchtling kreuzt seine Spur Aksel Sandemose Gabriele Haefs (Übers.), Guggolz 2019, 608 S., 28 €

06:00 01.08.2019
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