Ein deutsches Geheimnis

Buchpreis Ulrich Raulffs „Kreis ohne Meister“ folgt Stefan Georges Spuren bis in die suspekt gewordenen protestantischen Eliten

Im Jahr 2007 erschien, nach zahlreichen Hagiographien, die erste kritische Biographie Stefan Georges, ein 816 Seiten starkes, kenntnisreich und souverän geschriebenes Buch, das vor allem jenseits der mit dem Meister Verbundenen wahrgenommen und diskutiert wurde. Thomas Karlauf rückt darin Leben und Werk des Dichters, seine Gewissheit, dass der „Geist“ die eigentliche „Macht“ repräsentiere, in den Kontext seiner Zeit, und so ist Die Entdeckung des Charisma auch als Abbild einer hypertrophen Epoche zu lesen, die 1933 in Hitler ihren Erlöser sah. Die Frage, ob George ein „Wegbereiter des Faschismus“ oder eher ein „Visionär und Warner“ war, lässt sich nur schwer beantworten, zumal sich der Meister am Ende in Schweigen hüllte.

Mit Ulrich Raulffs monumentalem Essay Kreis ohne Meister folgt nun gleichsam der zweite Streich. Das Werk hat zu Recht den diesjährigen Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen: eine dichte, virtuos verästelte Darstellung von Georges „Nachleben“ und zugleich eine deutsche Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts, beginnend mit dem Tod des Meisters am 4. Dezember 1933 in Minusio und endend mit dem schillernden Jahr 1968, dem hundertsten Geburtsjahr des Dichters. Erzählt wird – von zahlreichen, bislang unbekannten Fotos untermalt – die Geschichte eines elitären Intellektuellen-Kreises, der plötzlich sein magisches Zentrum verloren hat und langsam auseinander fällt, begleitet von Deutungskämpfen, neuen Allianzen und Feindschaften. Enge Freunde, Jünger des Meisters treten auf, darunter die drei Brüder Stauffenberg, die an seinem Totenbett standen, aber auch entferntere Anhänger, Nebenfiguren und selbsternannte Apostel, „kleine Nazis“ wie Frank Mehnert, der letzte Geliebte Georges, und flüchtende Juden wie der Kammergerichtsrat Ernst Morwitz, einer der ältesten Vertrauten.

Raulff berichtet vom „Verschwinden einer großen Präsenz“, einem „Erlöschen“, wobei Georges widerständige Gedichte im Buch seltsamerweise so gut wie keine Rolle spielen; kein einziges wird zitiert. Mit der ihm eigenen Neigung zur koketten Überspitzung bezeichnet Raulff den Zerfall des Kreises als „das größte Kunstwerk Georges überhaupt“, ein „Meisterwerk der Dekomposition“.

Die Georgeaner verstanden sich als „Verschworene gegen die moderne Welt“, als Vertreter jenes „geheimen Deutschland“, das sie bis auf Kaiser Friedrich II. zurückführten und dem auch der Attentäter Claus von Stauffenberg in seinen letzten Lebensmomenten gehuldigt haben soll. Die Zugehörigkeit zu diesem Gegen- oder Phantasiestaat unterlag nicht der Determination des Blutes oder der Rasse, sie war „eine Sache der Liebe“ zum Meister. So sah es etwa der bedeutende Historiker Ernst Kantorovicz, der als Jude seine Karriere in den USA fortsetzte, fern aller Versuche, den segmentierten Kreis zu stabilisieren.

Für ihn, der den Dichter stets mit dem Fürsten verglich, im Lauf der Jahre jedoch eine ironische Distanz zum alten Europa entwickelte, hegt Ulrich Raulff viel Sympathie; ähnlich für den diskreten Ernst Morwitz, für Edith Landmann, „Georges weiblichen Eckermann“, und für Robert Boehringer, den eigentlichen Erben und „Hüter des Grals“. Zum „guten Hirten“ kann auch eine Nebenfigur wie Hubertus Friedrich Prinz zu Löwenstein werden, der als glaubensstarker Apostel, Georges und Gundolfs Werke im Koffer, zwischen 1934 und 1947 durch Amerika reiste und werbende Vorträge hielt.

Netzwerke bis zu Adorno

Raulff folgt Georges Spuren bis in die scheinbar abwegigsten Verästelungen. Man erfährt etwas über die frühe Gründung eines George-Archivs im Kloster Bebenhausen bei Tübingen, über einen „Magdeburger Kreis“ um den Ölfabrikanten Wilhelm Farenholtz und eine „Überlinger Kolonie“ um den Germanisten Rudolf Fahrner und die Goldschmiedin Gemma Wolters-Thiersch. Seiteneinsteiger wie der Politiker und Schöngeist Carlo Schmid tauchen auf.

Viel Raum nimmt Hellmut Becker ein, dem nach dem Zweiten Weltkrieg eine herausragende Rolle im Leben der „Ehemaligen“ zufällt. Der Jurist und spätere Direktor des Max Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, ist ein Sohn des ebenfalls George-freundlichen preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker. Vor dem Nürnberger Tribunal verteidigt er 1948 den einstigen Staatssekretär Ernst von Weizsäcker. Die Anklage vertritt Robert Kempner, der Bruder von Georges Leibarzt Walter Kempner. Ein späterer Mitarbeiter von Hellmut Becker ist der junge Alexander Kluge. So werden Netzwerke bis zu Adorno sichtbar.

Den verschlungenen Wegen nachzuforschen, die von den Bildungsideen Georges in die Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre führen, zu Georg Picht etwa, dem Platon-Kenner und Leiter des Landschulheims Birklehof, oder zu Hartmut von Hentig, der seit 1953 Lateinlehrer am Birklehof war, ist vielleicht das größte Verdienst dieses aufregenden Buchs. Fast sieht es so aus, als sei der Meister, als Knabenliebhaber eine Art Sokrates, ein Dichter für Pädagogen, für Menschenfänger gewesen. So wurde der geistige Vater der Landschulbewegung, Gustav Wyneken, als Verehrer Georges, wegen Päderastie drei Mal entlassen. Raulff beleuchtet den bildungsbürgerlichen Zusammenhang protestantischer Eliten, der bis in die jetzt bekannt geworden Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule hineinreicht.

1968 als Endpunkt

Dass Raulff auf die Darstellung einer George so nahen Gestalt wie Max Kommerell verzichtet, mag Gründe in der Dimension des Gegenstands haben. Unverständlich ist hingegen das Fehlen eines Kapitels über Wolfgang Frommel und das Castrum Peregrini. Wie immer man Frommels Umtriebigkeit einschätzt – er hat viel für das Nachleben Georges getan: als Verleger der Runde und Redakteur der Mitternachtssendungen in den frühen 30er Jahren, als Retter jüdischer Jungen im besetzten Amsterdam, als Gründer und Leiter der Zeitschrift Castrum Peregrini von 1951 bis zu seinem Tod 1986. Ohne ihn und sein Netzwerk wäre, so Karlauf, „die eigentümliche Welt Stefan Georges nicht bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts präsent geblieben.“

Raulff macht Frommel nieder, wo immer sich eine Gelegenheit bietet und übernimmt dabei all die abschätzigen Urteile der „legitimen“ Erben, nennt ihn also den „Pfaffen“, den „Frömmler“, einen Lügner und Betrüger, bezweifelt sogar seine Widerstandsgeschichte und rückt ihn in die Nähe der SA. Frommel ist ihm schlicht im Weg. Denn für Raulff endet Georges Nachleben ziemlich willkürlich 1968, während Frommels Castrum ja noch 40 Jahre fortbestand und bis 2008 für des Meisters Dichtung warb, nicht ohne Erfolg, man denke nur an des Frommel-Adepten Thomas Karlauf schonungslose Biographie.

Womit sich die Frage stellt, ob Raulff, der heutige Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach also, nicht selbst ein entlaufener Spätgeorgeaner ist, ein Apostat, der sich der meisterlichen Weltsicht ironisch zu entledigen versucht. Auf jeden Fall hat Raulff in den 70er Jahren in Marburg bei dem brillanten Komparatisten Gert Mattenklott studiert, der sowohl zum Sowjetmarxismus wie zu George tendierte. Wenn er den kürzlich Gestorbenen nun, sehr georgeanisch, einen „jungen Gott der Schwelle“ nennt, klingt die alte Faszination noch nach.

Kreis ohne Meister. Stefan Georges NachlebenUlrich Raulff, Verlag C.H. Beck, München 2009, 544 S., 29,90

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10:55 14.04.2010

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