Ein Film als Held

Hit „Black Panther“ ist einer der größten Erfolge aller Zeiten. Wie kam es dazu?
Ein Film als Held
Sie können jetzt klarer sehen, können jedes Hindernis auf ihrem Weg besser erkennen

Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Ryan Cooglers Black Panther hat es unter die erfolgreichsten Filme aller Zeiten geschafft. Schon damit ist Hollywood widerlegt: Dass sich Filme mit Schwarzen¹ Hauptfiguren nicht rentierten, lässt sich nun nicht mehr behaupten.

Bis jetzt war das die Ausrede dafür, dass es so wenige große Filme mit Schwarzen Charakteren gibt. Falls überhaupt Figuren of Color vorkamen, waren sie Stereotype (wie Eddie Murphy in seinen großen Rollen) oder Sidekicks und wurden lieblos behandelt. Die Trope „Der Schwarze stirbt immer zuerst“ entstand so. Oft schien besonders wichtig, dass Schwarze Figuren nicht „zu Schwarz“ sind (große Teile der Karriere von Will Smith). Ausnahmen bildeten Filme wie 12 Years a Slave (Freitag 3/2014) und Precious, in denen es um Schwarzes Leid geht.

Diesmal keine Opfer

Black Panther bedeutet nun einen Umbruch, einen Paradigmenwechsel. Im 17. Film aus dem Marvel-Universum (Budget: 200 Millionen Dollar) sind alle wichtigen Figuren Schwarz, ohne dass man das Gefühl hätte, sie würden sich dafür entschuldigen. Es wird nicht von Opfern erzählt, die auf einen weißen Retter warten, sondern von einem Schwarzen Superheld – in einem Film, der nicht mal einen weißen Erzfeind braucht. Black Panther kommt im richtigen Moment. Veröffentlicht im Februar, dem Black History Month, in einer Zeit, in der wieder auflebender Rassismus und Rechtsruck im Globalen Norden den Hunger nach Schwarzen Heldinnen und Helden in Fiktion und Alltag verstärken.

Im Berliner Kino Alhambra organisierte das Empowerment-Projekt Each One Teach One (EOTO) gemeinsam mit weiteren Schwarzen Organisationen ein Community-Screening mit 350 Besucher*innen. Solche exklusiven Vorstellungen für ein Schwarzes Publikum fanden weltweit an vielen Orten statt. Nach der Premiere war das Netz voll mit Bildern von Community-Events in Brasilien, den USA und Großbritannien, von Schlangen vor Kinos in Addis Abeba, Accra und Nairobi. Es gab Fotos von Schwarzen Menschen in Kino-Foyers, vor Black-Panther-Postern und -Pappaufstellern. Wochenlang verband der Film die Communitys in globalen Gesprächen.

Black Panther ist der erste Film, der sich für eine solch breite Diskussion eignet. Ein Blockbuster, um den selbst Kleinstadtkinos nicht herumkommen. Vor allem aber: ein Film über die globale Frage nach dem Verhältnis zwischen Afrikaner*innen und Schwarzen Menschen in der Diaspora.

Der fiktive afrikanische Staat Wakanda ist das technisch fortschrittlichste Land der Welt, das sich hinter einer Dritte-Welt-Fassade versteckt, um dem Kampf gegen europäische Kolonisation und Einflussnahme zu entgehen. Die Schätze und das Wissen wurden damit aber auch den Opfern von Kolonialismus, Versklavung und Jahrhunderten der Unterdrückung vorenthalten. Wakanda steht für die Sehnsucht nach Afrika als Zufluchtsort für Schwarze, die in weißen Mehrheitsgesellschaften leben. Und für das Gefühl des Ausgeschlossenseins.

Der Film hat zwei Antihelden. Oder Helden. T’Challa (Chadwick Boseman), der nach dem Tod des Vaters König und damit Black Panther wird, tut, was Superhelden eben so tun – jedoch nur zum Schutz der Menschen von Wakanda, die ohnehin ein relativ friedliches und sicheres Leben führen. T’Challa ist anstrengend traditionsverhaftet und sich seiner Privilegien nicht bewusst. Sein Cousin N’Jadaka (Michael B. Jordan) wuchs in den Armenvierteln Oaklands auf. Er nennt sich Killmonger, seine Wut und Brutalität kennzeichnen ihn zwar als Antagonisten, doch seine Motivation, die Macht in Wakanda zu erlangen, um Ressourcen zur Befreiung Schwarzer Menschen auf der ganzen Welt einzusetzen, ist selbst heldenhaft. So stehen sich zwei Schwarze Erfahrungen gegenüber, getrennt durchs Trauma des einen und das Privileg des anderen. Verpflichtung und Verbindung zu den Ahnen und der Erde, in der sie begraben sind, kämpfen mit Verpflichtung und Verbindung zum Jahrhunderte andauernden Kampf Schwarzer Menschen um Freiheit und Anerkennung.

Globales Ereignis

Keiner der Cousins handelt aus egoistischen Motiven. Beiden geht es um ein Wir, um die Frage, wer Teil dieses Wir und was das Beste für uns ist. Dieses komplexe Schwarze Wir treibt Schwarze Menschen in die Kinos und macht den Film und den Austausch darüber zum globalen Ereignis für die Communitys. Alle Frauenfiguren erinnern an die große Rolle von Frauen in vielen vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften: Erfinderin Shuri (Letitia Wright), Superspionin Nakia (Lupita Nyong’o) und Generalin Okoye (Danai Gurira), die eine – den Kriegerinnen von Dahomey nachempfundene – Elite-Streitkraft anführt.

Wie in jeder größeren Community gehen Meinungen und Interpretationen auseinander. Neben den vorhersehbaren Schlagworten #teamkillmonger vs. #teamtchalla ging es auch darum, welche Vorstellungen von Afrika der Film vermittelt. Wurden von den einen Architektur und Kostüme als afrofuturistisch und empowernd beschrieben und als stolze Selbstrepräsentation gefeiert, verwiesen andere darauf, dass man doch wieder das Afrika mit der schönen Landschaft und Menschen in bunten Kostümen geboten bekommt – die Exotisierung also verstärkt wird. Und ist es nicht ermüdend, erneut einen Film zu sehen, in dem der Revolutionär stirbt? Am Ende gibt der reiche Prinz die Geheimnisse seines Landes preis – ausgerechnet vor der UN.

Alles Fragen, die sich bisher so nicht stellen ließen, weil sie überhaupt nicht verhandelt wurden. Wie die Ästhetik eines Superheldenfilms in Afrika aussehen soll, lässt sich effektiv nur besprechen, wenn es diese Filme gibt. Wie Black Panther.

¹ Schwarz wird von der Autorin in diesem Text groß geschrieben, um auf die Konstruiertheit des Begriffs zu verweisen

Simone Dede Ayivi ist Theatermacherin. Ihre jüngste Arbeit Queens ist am 21. April im Mousonturm in Frankfurt/M. zu sehen

06:00 28.04.2018

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