Ein ganz spezieller Fluch

Verstoss Der wortgewaltige Streit um Peter Handke ist ein Streit um kaum zu benennende Wahrnehmungen

"Das ist ein physikalisches Gesetz: wenn 1.000 Leute immer dasselbe sagen und dann kommt einer und sagt, ich habe etwas anderes erlebt, dann wird der lächerlich sein."
(Peter Handke 1999 im Interview)

Die Aufregung über Peter Handkes Jugoslawien-Texte begann lange, bevor er ein Wort zur Verteidigung Serbiens äußerte: 1991, als er den Abschied des Träumers vom neunten Land veröffentlichte, das kleine Buch über Sloweniens Trennung von Jugoslawien. Er bedauerte die Trennung. Und das war ein Tabubruch. Noch herrschte Euphorie über die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens als unabhängige Staaten, vor allem im gerade vereinigten Deutschland. Das Wort "Jugonostalgiker" reichte, Einwände verächtlich zu machen. Jugoslawien war in kurzer Frist demontiert, ein angeblich künstliches, nur mit Gewalt zusammengehaltenes Staatsgebilde. Die vielen vormaligen Liebhaber und Freunde des Landes verstummten.

Weil im Streit über Handkes Slowenien-Buch für mich fast eine Freundschaft zuschanden kam, weiß ich das noch so gut. Der Freund, verheiratet mit einer Jugoslawin, die nun zur Kroatin wurde, in jenem Sinn, dass sich vor ihr etwas zu Verteidigendes auftat und eine ferne, helle Perspektive, dieser Freund warf Handke empört, fast tobend vor, er wolle ein rückständiges Slowenien erhalten, ohne Rücksicht auf die Menschen, sich selbst zur Freude, wie es nur Intellektuelle in ihrem Hochmut fertig brächten. Was ich über das Buch sagen wollte, hörte er nicht an.

Es war auch nicht so leicht, mit einem Wütenden über den Text zu reden. Handke sprach über Wahrnehmungen, die kaum zu benennen und gar nicht zu beweisen sind. Ich kannte aus anderen Teilen des Landes vieles von dem, was Handke an Slowenien geliebt hatte und was er verschwinden sah, er sagte einfach, in Slowenien habe sich ihm Wirklichkeit gezeigt, in der Landschaft, in den Dingen, dem Umgang mit ihnen, sogar im Gang der Menschen und in der sanftmütigen Sprache. Und als in Slowenien "Krieg" war, zählte er die Toten und wagte es, darüber laut nachzudenken, worüber alle schwiegen: dass die meisten Toten junge Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee waren. Er betrachtete Zeitungsfotos der schnell gegründeten Heimwehr und sah, was alle sehen konnten, aber auch beschwiegen: einen Mann, der prahlte mit "seinem ersten Toten, einem 18-jährigen Makedonier". Und er durfte prahlen, denn er war auf der richtigen Seite. Handke sah "Killermienen" und fragte, und ich betone, es war vor den Kriegen: "Hat Jugoslawien ... nun seinen speziellen Fluch?"

Handkes Sätze kommen zögerlich, umkreisend, mehr fragend als behauptend. So schreibt er bis heute. Aber seine Vorsicht besänftigt nicht, bei diesem Thema provoziert das leiseste Widerwort. Das Selbstverständnis ist betroffen, zuerst das deutsche, später auch das französische und anderer Länder. An diesem Konflikt hat sich in Europa vieles verwandelt.


Fünf Jahre später der zweite Aufschrei über Handke, sein Text Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien löst ihn aus. An den Anfang setzt er diesmal ein Kapitel über die Kriegsberichterstattung aus Bosnien: Wie schnell Schuld und Unschuld zugeteilt sind und wie sich das Schema in jedem berichteten Vorfall wiederholt. Dem will er "nicht trauen". Wieder schreibt er tastend, vorsichtig, auch umständlich, wie im Bewusstsein des Argwohns, der ihn begleitet, den er aber von sich wegschiebt. Er wolle nicht beobachten, sondern das Land auf sich einwirken lassen, sagt er in einem Interview, und so beschreibt er einfach seine Reise durch Serbien, eine verschneite Landstraße, die Ankunft in einem abgelegenen Städtchen. Sich lesend mit ihm zu bewegen, ist schön. Er gibt damit den Serben, der Wahrnehmung von ihnen, so etwas wie eine Wirklichkeit zurück. Er macht aus ihnen nicht Opfer, wie ihm vorgeworfen wird, sieht nur Menschen, die unter dem Krieg leiden. Und ihre Ratlosigkeit. Er nennt sein Buch einen Friedenstext, sagt in einem Zeit-Interview: "Ich bin nicht hingegangen, um mitzuhassen." Sich auf diese Weise dem allgemeinen Konsens zu entziehen, wirkt aber geradezu anstößig.

Es folgen weitere Texte, eine Oster-Reise 1999 in das Serbien unter Nato-Bomben, das Theaterstück Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg 1999, Texte über Besuche in Srebrenica und Den Haag, auch über ein dreistündiges Gespräch mit Milosevic in der Zelle.

Handke kann auch austeilen, in Interviews wird er zum Polemiker, vor allem 1999 im Nato-Krieg gegen Serbien-Montenegro. Journalisten sind "Zeitungsratten mit ihren Fertigsätzen". Über "die Grünen, den Typ, der Bundeskanzler ist, und den Bombenminister, den Spanier von der NATO, den amerikanischen Dreckskerl, den englischen Kunstturner" höhnt er, sie hätten einst das Lied "Make love not war" gesungen und hielten sich darum auf ewig für unschuldig. FAZ, Spiegel, Le Monde nennt er Kriegstreiber.


Von Serbien aus sieht alles - Milosevic, dessen Anhänger und Gegner, das zerrissene, verelendete eigene Land, die Schuld, die Bomben des Westens - ganz anders aus. Peter Handke hat nicht für die Serben gesprochen, nicht statt ihrer, nicht als ihr Sprachrohr und Deuter. Er sucht Erkenntnis für sich, und zugleich für jene mit, die wie er Beobachter von außen sind. Seit einigen Tagen werden serbische Stimmen gegen Handke gesammelt, um mit ihnen die Kritik hier oder in Frankreich zu bekräftigen. Aber das ist eine ganz andere Perspektive. Der wichtigste Satz: Für Serbien sein, heißt gegen Milosevic sein. Er kommt aus der Opposition, die alle Jahre der Kriege und der Isolation stark und aktiv war. Weit über 200.000 junge Männer sind desertiert. In den meisten großen Städten Serbiens hatte die Opposition die Mehrheit und machte dort eine andere Politik, so weit es ging.

Jahrelang warfen die oppositionellen Bewegungen dem Westen erbittert vor, nicht sie, sondern Milosevic zu unterstützen, weil er auch nach dem Ende des Bosnien-Krieges 1995 als Feind gebraucht wurde. Und je mehr Milosevic dämonisiert wurde, desto finsterer wirkte Serbien als Ganzes. Es hatte den Präsidenten, den es verdiente, sagte man, Serbien und Milosevic waren das Gleiche. Die Serben mögen eine eindeutige Haltung zu Milosevic haben, für sie mag das Bild klar sein, von außen aber ist es voller unklarer Stellen, und Handkes Blick ist daher ein anderer als der serbische.

Die knappe Meldung einer Presseagentur über ihn als Trauergast bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic und über seine Ansprache geht wie ein böser Triumph durch die Presse: Nun hat er sich selbst übertroffen. Ist zu weit gegangen. Wie Handke anschließend im Focus mitteilt, hat er sich im letzten Moment entschlossen, nach Pozarevac zu fahren, in den Geburtsort von Milosevic, wo dessen Garten nach hektischem Suchen Grabstätte wurde. "Ich wollte Zeuge sein."

Die erste Reaktion kommt unerwartet: Die Comédie Française setzt sein für 2007 geplantes Stück Spiel vom Fragen ab. Es geht nicht gegen das Stück, das weit vor den Konflikten in Jugoslawien entstand. Der Intendant Marcel Bonzonnet erklärt: "Es war für meine Seele und mein Gewissen unmöglich, diese Person in meinem Theater zu empfangen." Wie in Deutschland wurde auch in Frankreich der Jugoslawienkrieg zum Katalysator für den "Paradigmenwechsel" der neunziger Jahre. Die Franzosen hatten historische Sympathien für Serbien aus ihren Herzen zu reißen, dabei konnten die Wortführer der Veränderung neue geistige Trennlinien ziehen, Loyalitäten aufbauen und Bekenntnisse einfordern.

Kurz darauf folgt der Skandal in Düsseldorf, der eigentliche Anlass für diesen Artikel: Eine von der Stadt bestellte Jury wählt Peter Handke für den Heinrich-Heine-Preis 2006 aus, im Stadtrat wird Protest laut und lauter, Beleidigungen und Banausentum mischen sich, die Feuilletons überbieten sich mit Kommentaren. Günter Grass kommentiert in der Zeit väterlich: Handke hat sich "verrannt", ist "einseitig" mit fast "bewundernswertem Starrsinn". Im Spiegel gießt Matthias Matussek eine wahre Suada des Hohns über den "leergeschriebenen Klotzfuß deutschsprachiger Rätselhaftigkeit" und die "Betriebsnudeln" der Düsseldorfer Jury aus und spart auch nicht mit Andeutungen, dass Handke wohl scharf auf die 50.000 Euro des Preises sei.

Doch die Literaturkritikerin Sigrid Löffler verlässt die Jury wegen des "Düsseldorfer Hysterienspiels" und erklärt dazu: "Handke muss exorziert werden, weil er in seiner Unabhängigkeit Ansichten äußert, die sich die Intelligenz hierzulande nicht gestatten darf und daher auch ihm nicht zugesteht." Diesmal findet Peter Handke wirkliche Verteidiger, wie den Filmregisseur Wim Wenders und den Schriftsteller Martin Mosebach: "Was der Richter, der Politiker, der Historiker, die Feinde und Opfer zu Milosevic sagen, mag gegenwärtig einem großen A-capella-Gesang gleichen. Für den Romancier ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, den Fall von der anderen Seite zu betrachten ...", schrieb Mosebach in der Zeit.

Handke hat auf den Preis der Stadt Düsseldorf verzichtet. Mittlerweile haben Schauspieler und Publizisten eine Initiative zur Verleihung eines "Berliner Heinrich-Heine-Preises für Peter Handke" ins Leben gerufen.

Was hat er eigentlich am Grab gesagt? fragen jene, denen im Wust der Berichte und Kommentare der Faden abhanden kam.

"... Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milosevic. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier," sagte Handke. "Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milosevic."n


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00:00 23.06.2006

Ausgabe 37/2021

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