Ein ganzes Land wäre pleite

Absturz-Szenarien Wenn Griechenland die Eurozone verlässt, ist mit einem mittleren bis schweren Beben auch für die anderen Eurostaaten zu rechnen

In Griechenland leben etwa elf Millionen Menschen, die gesamte EU hat eine Bevölkerung von 492 Millionen, davon 324 Millionen in der Eurozone. Die griechische Ökonomie steht an 32. Stelle der Weltrangliste und erzielt ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 222 Milliarden Euro (Stand 2010). Alles andere als ein Gigant, verglichen mit der wirtschaftlichen Leistungskraft der EU. Deutschland bringt mit etwa 2.600 Milliarden Euro fast ein Drittel des BIP der Eurozone auf die Waage. Kaum anzunehmen, dass eine griechische Staatspleite und ein Austritt aus der Eurozone die Weltökonomie erschüttern, dennoch wird seit fast zwei Jahren vor einer Pleite des Euro-Partners gezittert. Genau genommen ist dessen Bankrott längst Realität – es fragt sich nur noch, wie intelligent wir damit umgehen.

Sollten die Griechen die Eurozone verlassen oder hinausgeworfen werden, beschwört das eine Katastrophe für Griechenland und ein schweres bis mittleres Beben für die verbleibenden 16 Eurostaaten herauf. Französische und deutsche Banken, dazu einige Schweizer Institute verlieren Geld. Was freilich mehr beunruhigt, ist die zu erwartende Panikreaktion der Märkte, denn die „Ansteckungsgefahr“ ist enorm.

Kündigt die Regierung in Athen eine Rückkehr zur Drachme an, wird die Kapitalflucht, die jetzt schon in vollem Gange ist, extrem beschleunigt. Nicht nur griechische Oligarchen, auch ganz gewöhnliche Sparer werden alle vorhandenen Euro-Guthaben ins Ausland verlagern, ausländische Geldgeber ihre Eurokredite an griechische Klienten stornieren beziehungsweise zurückfordern. Griechische Banken werden schließen, um den Sturm auf die Konten zu stoppen. Die Griechen hätten in wenigen Stunden eine veritable Geldkrise am Hals.

Unter den Gefrierpunkt

Kehrt die Drachme zurück, fällt ihr Kurs zum Euro von der ersten Minute an ins Bodenlose. Mit mindestens 60 Prozent rechnen Marktanalysten schon jetzt. Im Handumdrehen gäbe es eine galoppierende Inflation. Sofort würde der Krach um die Schulden ausbrechen. Nicht nur um die des Staates, sondern um sämtliche Kredite im In- und Ausland. Die meisten werden über Nacht „faul“, wenn sie wie die griechische Staatsschuld weiter als Euro-Schulden gelten. Wenn die Drachme abstürzt, können die meisten Schuldner ihre Wechsel nicht mehr bedienen. Nicht nur der griechische Staat – das ganz Land wäre pleite.

Weil niemand genau weiß, wie viel „faule“ Griechenland-Kredite europäische Banken in ihren Portefeuilles haben, ist eine Kreditklemme absehbar: Im Interbankengeschäft dürfte die Stimmung unter den Gefrierpunkt sinken, und die EZB müsste einspringen. Weil es für die griechischen Banken keine Finanzhilfen aus der Eurozone gäbe, würde die Geld- zur Bankenkrise. Die Regierung in Athen müsste die Kapitalflucht stoppen, um die Drachme wenigstens in Maßen zu stützen. Konsequenz: ein massiv eingeschränkter Zahlungsverkehr mit dem Ausland.

Die Angst vor ähnlichen Szenarien in Portugal, Irland, Spanien und Italien, die jetzt schon geschürt wird, treibt die Kosten für die Refinanzierung der Staatsschulden all dieser Länder in schwindelnde Höhen. Gehebelt und noch mal gehebelt wird der Euro-Rettungsfonds (EFSF) nicht ausreichen, um eine Staatspleite von vier Ländern aufzuhalten. Wenn es zum Äußersten kommt, werden die Banken deren Anleihen massenhaft abstoßen – um so schneller, je rascher der „Repo-Markt“ austrocknet, auf dem sie die Anleihen in ihren Portefeuilles gewinnbringend parken können. Wenn es aber keine Händler mehr gibt, die damit auf steigende Renditen spekulieren können und wollen, schläft auch der „normale“ Handel am Sekundärmarkt ein. Es bleibt nur noch die EZB als Käufer solcher Anleihen übrig. Unverkäuflich sind sie wertlos.

Dann wird es teuer

Eine Staatspleite Griechenlands wäre innerhalb der Eurozone noch zu bewältigen. Tritt Griechenland jedoch aus, rutscht ganz Euroland in eine Finanzkrise. Bisher haben die hiesigen Steuerzahler vom südeuropäischen Schulden-Desaster profitiert. Noch nie konnte sich ein deutscher Finanzminister so billig verschulden wie Wolfgang Schäuble (der so klug ist, davon nicht zu reden).

Bisher haben die allseits bejammerten und sich bejammernden deutschen Steuerzahler (ebenso wie die französischen oder niederländischen) noch keinen Cent für die Griechen gezahlt, denn die Bundesregierung hat nur Garantien gegeben. Solange Griechenland in der Eurozone und die griechische Staatspleite beherrschbar bleibt, bürgt Deutschland nur, aber zahlt nicht. Selbst wenn der Rettungsfonds eine griechische Staatspleite auffangen müsste – die Sache käme die Deutschen nicht sonderlich teuer zu stehen, wenn man die enormen Gewinne des Fiskus seit Beginn der Schuldenkrise einrechnet.

Solange es noch einen Markt für derartige Staatsanleihen gibt, sind „freiwillige” Abschreibungen bei den Griechenland-Papieren von 50 bis 60 Prozent für die europäischen Großbanken verkraftbar. BNP Paribas, die Commerzbank, die ING-Bank, Barclays und einige andere haben es gerade vorexerziert. Etliche 100 Millionen Euro zu verlieren und abzuschreiben, das heißt, Gewinneinbrüche von 70 Prozent und mehr einzustecken, allerdings nur im Quartal der Abschreibung. So etwas wirft international operierende Großbanken nicht um, im schlimmsten Fall werden sie ihre Gewinnziele für das kommende Jahr nicht erreichen. Griechische Privatschulden sind einstweilen noch sicher, solange die Griechen in der Eurozone bleiben.

Schenkt Kanzlerin Merkel jedoch den Weisheiten von Hans Olaf Henkel und ähnlichen Berufsideologen Gehör und verweist Griechenland der Eurozone, wird die Sache richtig teuer – auch für deutsche Steuerzahler. Und nicht nur für sie: Eine europäische Finanzkrise – die zweite seit 2008, also innerhalb von drei Jahren – obendrein mitten in einer Rezession, wird böse enden. Nicht in einem weltökonomischen Gau, aber in einem europaweiten Einbruch, an den die deutschen Patrioten in ihrem anti-griechischen Ressentiment noch lange denken werden.

Michael R. Krätke lehrt Ökonomie an der Universität Lancaster

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07:00 10.10.2011

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