Regina General
16.09.2005 | 00:00

Ein Hauch von Welt

Streitschrift Die amerikanische Philosophin Susan Neiman mischt sich mit ihrem Buch "Fremde sehen anders" in den deutschen Wahlkampf ein

"Symbole erkennt man am besten aus einer gewissen Entfernung". Die jüdische Amerikanerin Susan Neiman, die heute als Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam lebt und lehrt, hat mit Blick von außen über das, in den achtziger Jahren von ihr mit Angst und Vorbehalten betretene Land geschrieben, das sie wieder verließ, weil es ihr auf unangenehme Weise eng erschien. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahren kam sie zurück, um einen - wie sie sagt - rasanten Veränderungsprozess zu erleben, der das Land auf eine für sie sympathische Art zu einem international bewunderten, weil selbstbewusst, aber ohne Hochmut agierenden Staat machte. In einem kleinen Band mit dem Titel Fremde sehen anders hat sie aufgeschrieben, was sie an diesem Veränderungsprozess fasziniert, woran sie ihn zu erkennen glaubt, worauf sie ihn zurückführt und warum sie unbedingt noch vor der Wahl damit wahrgenommen werden will.

Für kritische Linke, die Politik als komplexe Reaktion auf innen- wie außenpolitische Probleme betrachten, sind manche Einschätzungen überraschend. Susan Neiman beschreibt immer das dem internationalen Vorurteil entgegen gesetzte. Und sie schreibt als enttäuschte Amerikanerin, die Bushs Lügen, Amerikas Fehleinschätzungen über Entwicklungen in vielen Teilen der Welt durch die europäische Brille wahrnimmt. Die Rigorosität, mit der die Regierung Bush kurzfristige Interessen langfristigen Überlegungen überordnet, nimmt sie mit wachsendem Entsetzen zur Kenntnis. Das setzt sie in Beziehung zu den in Deutschland agierenden politischen Kräften und kommt so zu einer wesentlich positiveren Bewertung der Regierung Schröder/Fischer als die deutschen Medien zeichnen.

Neiman ist nicht entgangen, dass die Selbstwahrnehmung der Deutschen in fast allen Bereichen eher negativ, fast selbstzerfleischend ist. "Ein Großteil der gegenwärtigen Äußerungen zur politischen Lage gleicht weniger einer politischen Analyse als einer verspäteten kollektiven midlife crisis", schreibt sie. Die ist ihr gar nicht so unsympathisch, weil sie Überheblichkeit gegenüber anderen Menschen und anderen Völkern ausbremst. Nur darf das, ihrer Meinung nach, die Sicht auf Vorzüge im kulturellen, im ökonomisch-technischen Bereich nicht verdecken.

Noch wichtiger aber ist ihr, die andere Qualität der Außenwahrnehmung Deutschlands mit der anderen Qualität des verantwortlichen politischen Personals zu verbinden und darauf zu verweisen, dass das Land dabei ist, seine gerade gewonnene globale Präsenz provinzialistischen Überlegungen zu opfern. Dabei versichert sie sich der Stimmen einiger wichtiger jüdischer, amerikanischer, englischer, französischer Autoren und Philosophen, die in der Diskussion globaler Probleme führend sind und untermauert so ihre eigene Bewertung.

Die Provinzialität droht ihrer Meinung nach von rechts - und sie meint nicht rechts außen. CDU/CSU verkörpern für Neiman jenen Teil des deutschen Bürgertums, der vasallenhaft am Kurs der Bush- oder jeder anderen amerikanischen Regierung klebt, unabhängig davon, ob die gerade dabei ist, demokratische Traditionen zu beerdigen oder zu befördern. Natürlich redet sie keinem nationalen Alleingang das Wort, aber sie bewundert, wie durch eine Generation, die im weiteren Sinne mit den 68ern politisiert wurde, Menschheitsprobleme in nationale Politik Eingang fanden, ohne Traditionen über Bord zu werfen. Für sie ist ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Staaten allemal vernünftiger. Allein deshalb, weil Vernunft aus der Summe von Erfahrungen wächst und Austausch, nicht Folgsamkeit voraussetzt. Genau dieses Verhältnis sieht sie von den Christdemokraten gefährdet, von Rot-Grün hingegen beispielhaft umgesetzt. Gepaart mit einem Selbstverständnis, das "Motive mit strenger und wiederholter Aufrichtigkeit" prüft, setzt es nach Meinung der Autorin neue Maßstäbe für ein internationales Miteinander, bei dem auch der Erste unter den Gleichen nicht von automatischer Zustimmung ausgehen kann.

Allein die Tatsache, dass die gegenwärtige US-Administration vorgezogene Wahlen in Deutschland und Schwierigkeiten der Regierung Chirac als Sieg der eigenen Politik feiert, bedeutet für Susan Neiman, dass man gegen diesen "Sieg" der Rechten mobilisieren muss. Sie listet die Erwartungen, die das Wall-Street Journal an eine CDU-Regierung formulierte, so auf: Gefolgschaft in allen außenpolitischen Fragen, Begrenzung der europäischen Handlungsfähigkeit, weshalb das Scheitern der EU-Verfassung in der amerikanischen Presse als "großartige Nachricht" gefeiert wurde, Abbau des Sozialstaats, Abbau des Kündigungsschutzes, sowie außertariflicher Leistungen, Einschränkung des Urlaubsanspruchs als "Verzerrung des Wettbewerbs", Durchsetzung einer "moralischen Politik", verbunden mit Ablehnung der Homo-Ehe, der Abtreibungsmöglichkeiten etcetera. Einiges davon findet sich im Programm von CDU/CSU auch tatsächlich wieder.

Dass Wahlen nicht wegen einer weitsichtigen Umweltpolitik und nur selten wegen eines sensiblen Umgangs mit dem höchsten Gut Frieden, einer weniger ausgeprägten Selbstgerechtigkeit (deutscher jüngerer Geschichte geschuldet) gewonnen werden, ist der Autorin durchaus bewusst. Ihr Plädoyer nimmt die nicht eingelösten Versprechen auf dem Arbeitsmarkt wohl zur Kenntnis, warnt aber davor, sie im Rückgriff auf die CDU/CSU einzufordern. Sie weiß, dass "jemandem etwas Angenehmes zu sagen" in der deutschen Öffentlichkeit als Zeichen von "Anbiederei" gilt, vor allem, "wenn dieser Jemand ein politisches Amt bekleidet. Deutschen Intellektuellen ist es ausgesprochen peinlich, eine bestehende Regierung zu loben." Sie fürchtet aber, dass ein Sieg von CDU/CSU die kosmopolitische Weitsicht aus Deutschland wieder verbannt und einer Risiko behafteten Treue zur Bush-Politik, wie sie in der Debatte um den nuklearen Erstschlag gerade wieder aufflammt, Platz macht.

Vieles an diesem Buch ist überzeugend und wird durch die Kommentare von Leuten wie Shlomo Avineri, Seyla Benhabib, Breyten Breytenbach, Todd Gitlin, Tony Judt, Fritz Stern oder Carl Tham wirkungsvoll untermauert. Das Büchlein hat durchaus die Qualität einer Streitschrift.

Wären die Alternativen so eindeutig, wie Susan Neiman sie sieht, gäbe es keine Krise dieser Politik. Es gibt sie aber, was wohl damit zusammenhängt, dass gerade die von ihr heraus gearbeiteten "modernen" Aspekte der Politik im Tagesgeschäft dieser rot-grünen Regierung oft genug untergingen oder von vornherein nicht bestimmend waren. Der Gegensatz Rechts-Links, den sie im wesentlichen an den Programmen von CDU und SPD festmacht, wird so gerade nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht ist Fremde sehen anders deshalb SPD-Mitgliedern besonders zu empfehlen. Sie könnten daraus entnehmen, dass moderne Politik nicht mit Sozialabbau zu verwechseln ist.

Susan Neimann: Fremde sehen anders. Ausländische Stimmen zur Wahl. Aus dem Amerikanischen von Christina Goldmann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 120 S.,
9 EUR