Ein Job ist ein Job

Spanien Wer unter 35 Jahre alt ist, lebt häufig in prekären Verhältnissen und muss mit einem 800-Euro-Gehalt glücklich und zufrieden sein

Was ist los mit dir?“ – „Nichts, Mama.“ – „Hau endlich ab, du verfluchter Drogenjunkie!“ Die Tür knallt zu. Cristo, Hauptdarsteller des Films Criando Ratas (Rattenzucht) landet wieder einmal auf der Straße. Die Episode ist noch eine der harmloseren Sequenzen einer Low-Budget-Produktion, die derzeit in Spanien für Furore sorgt. Mehr als eine Million Zuschauer gab es bisher auf YouTube. Der Film hinterlässt einen so starken Eindruck, weil sich die Schauspieler selbst spielen. Das heißt, sie reinszenieren ihre eigene Lebenswirklichkeit in einer Siedlung der Mittelmeerstadt Alicante, die von Drogenhandel, Bandenkriegen, Kleinkriminalität und dem schieren Kampf ums Überleben geprägt ist. So mussten die Dreharbeiten unterbrochen werden, weil Hauptdarsteller Cristo wegen Drogenhandels für ein Jahr ins Gefängnis wanderte. Criando Ratas ist ein krudes Porträt der wirklich Armen, all der Unsichtbaren und Erniedrigten, an denen niemand Anteil nimmt in der spanischen Gesellschaft.

Spanien nach einem Jahrzehnt Wirtschaftskrise, das ist ein Land, welches sich damit abgefunden hat, dass der am häufigsten verdiente Monatslohn bei 1.100 Euro brutto liegt und die Arbeitslosenrate bei knapp 20 Prozent verharrt, bei den unter 30-Jährigen aber mehr als doppelt so hoch ist. Knapp eine Million Haushalte erhalten weder Einkommen noch Unterstützung. In Spanien existiert keine Sozialhilfe; läuft das Arbeitslosengeld aus, bleiben nur die Eltern. Oder es muss auf die Rente der Großeltern zurückgegriffen werden. Zwangsräumungen bleiben ein Massenphänomen. 2016 gab es davon mehr als 63.000, so dass trotz des ökonomischen Aufschwungs Armut und Ungleichheit weiter zunehmen (einer von drei Bürgern fristet ein Dasein an der Armutsgrenze).

Konsum und Wohneigentum

Hinter den Zahlen verbirgt sich ein harter Alltag. Tagein, tagaus scheppern die Einkaufswägelchen der chatarreros, der „professionellen“ Müllsammler, über die Straßen. Meist sind es Rumänen oder Nordafrikaner, die im Müll nach recycelbaren Materialien oder schlichtweg nach Essen suchen. Der pakistanische Gemüsehändler um die Ecke hat 14 Stunden lang geöffnet, und das sieben Tage in der Woche. Viele Kneipen werden mittlerweile von Chinesen oder Vietnamesen betrieben. Bei ihnen packt die gesamte Familie mit an, nur so kann sich der Betrieb trotz niedrigen Umsatzes über Wasser halten.

Doch nicht nur die Unterschichten und „Eingewanderten“ bekommen die Krise zu spüren. Verarmung greift bis tief in die Mitte der Gesellschaft um sich. Die Mittelschicht schrumpft und hat an Anziehungskraft eingebüßt. Spanien verstand sich lange als Domäne der Mittelklasse. Selbst wer in der Gesellschaft weiter unten – und teils auch weiter oben – zu verorten war, zählte sich zur Mittelschicht. Dreierlei zeichnete die clases medias maßgeblich aus: gesicherte Arbeitsverhältnisse, ein individualistischer, konsumorientierter Lebensstil und Wohneigentum. Wer in diesem Milieu zu Hause sein wollte, besaß oder mietete neben seinem Hauptwohnsitz noch eine Zweitresidenz fürs Wochenende oder die Ferien. „Queremos un país de propietarios, no de proletarios“ (Wir möchten ein Land von Eigentümern, nicht von Proletariern) – dies war eine der Wirtschaftsmaximen der Franco-Diktatur, um aufbegehrendes Arbeiterbewusstsein stillzulegen und durch kleinbürgerlichen Konformismus zu ersetzen. Eigentum ist Sicherheit, so sollte es im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sein. Tatsächlich speiste sich Spaniens Immobilienblase wesentlich aus der millionenfachen Entscheidung von Einzelhaushalten, trotz oft bescheidener Mittel eine Hypothek aufzunehmen, flankiert von einem Bankensektor und einer Gesetzgebung, die diesem Verhalten nicht entgegenwirkten, sondern es zusätzlich anheizten. Als die Blase platzte und die Krise einsetzte, waren die großen Leidtragenden nicht die Babyboomer (die heute 50- bis 70-Jährigen), die das überkommene Modell mitverantwortet und davon profitiert hatten, sondern ihre Söhne und Töchter.

Wer in Spanien unter 35 ist, lebt häufig in prekären Verhältnissen. Es darf sich glücklich schätzen, wer von zu Hause ausziehen kann und mit dem Job an die Tausend-Euro-Grenze kommt. Der Lebensstandard der Eltern ist in weite Ferne gerückt. Was aber kommt danach? Kollektive wie „Jugend ohne Zukunft“ versuchen seit Jahren, die Verarmung der jungen Generation zu politisieren. Das Motto „Ohne Haus, ohne Job, ohne Rente, ohne Angst!“ fruchtete bei vielen und fand in neuen linken Parteien wie Podemos institutionelle Ausdruckschancen. Doch sind von den Betroffenen die wenigsten in Parteien, Bewegungen oder Gewerkschaften organisiert.

Die Mentalität des Einzelkämpfers herrscht vor: hier einige Monate jobben, dann wechseln, dann wieder ohne Arbeit, eine Zeit lang bei den Eltern leben, dann vielleicht auswandern, um einen Neustart in London oder Berlin zu wagen. Ein Neoliberalismus ohne Aufstiegsversprechen, das ist Spaniens Arbeitsmarkt für eine Mehrheit der Bevölkerung. Entzug von Anerkennung, Alternativlosigkeit und Angst sind seine Markenzeichen.

Wer in Spanien arbeitet, darf sich glücklich schätzen, hat aber ansonsten wenig zu erwarten. Angefangen bei einem Lohn, der sich oft zwischen fünf und acht Euro in der Stunde bewegt. In vielen Verträgen sind weit weniger Stunden festgehalten als geleistet werden. Die „Überstunden“ (bis zur Hälfte der Arbeitszeit) werden „in B“ ausgezahlt, das heißt, auf die Hand und in einem Umschlag. Sozialabgaben und Arbeitnehmerschutz bleiben auf der Strecke. Nicht nur die Löhne, auch die Verträge sind prekär, denn neun von zehn Arbeitsvereinbarungen, die 2016 geschlossen wurden, waren befristet. Dabei wenden die Unternehmen allerlei Tricks an, um Festanstellungen zu vermeiden: von der Nötigung zur Scheinselbstständigkeit bis zur zwischenzeitlichen Entlassung von Mitarbeitern für einen Monat, um sie anschließend wieder – befristet – einzustellen. Eine populäre Metapher bringt auf den Punkt, was vor sich geht: Den Jungen wurde schlichtweg der Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Die 20- und 30-Jährigen wuchsen mit dem Versprechen auf, dass nach Studium, dem Erwerb von Sprachen, Auslandserfahrung und Praktika, – nach all diesen Anstrengungen irgendwann eine würdevolle Arbeit käme, die der Qualifikation entspricht. Das Versprechen wird inzwischen nicht mehr eingelöst.

Stigma des Versagens

Doch folgt die konservative Regierung unter Premier Mariano Rajoy – mit dem Wohlwollen Brüssels – dem Leitmotiv „Weiter so“. Zwei zentrale Säulen der Wirtschaft weisen hohe Wachstumsraten auf. Zum einen die Tourismusbranche: 75 Millionen Urlauber kamen 2016 nach Spanien, ein Rekordhoch. Zum anderen der Immobiliensektor: Es wird wieder gebaut, verkauft, nun auch wieder mehr vermietet. Besonders in den Großstädten schießen die Preise für Wohnraum in die Höhe. Es fehlt nicht an Warnungen, dass eine neue Immobilienblase entstehen könnte. In jedem Fall bleibt aus, was notwendig wäre: die öffentliche Debatte zur Neuausrichtung von Spaniens Wirtschaftsmodell. Die Frage bleibt: Warum wehren sich die Betroffenen nicht, sei es am Arbeitsplatz oder auf der Straße? Es mangelt nicht an kritischem Bewusstsein, doch grassiert die Furcht, das zu verlieren, was an kleinen Sicherheiten angeboten wird. Anders als 2012 oder 2013, als die Krise ihre Zenit erreichte, ist es wieder möglich, Jobs zu finden. Oft mäßig bezahlt und ohne großen Qualifikationsanspruch. Doch Job ist Job. Die Diplompädagogin Ana (25) etwa arbeitete nach dem Studium in einer Bäckerei. Nach drei Monaten geriet der Arbeitgeber mit der Lohnzahlung (800 Euro monatlich/Vollzeit) in Verzug. Begründung: Man sei in Schwierigkeiten geraten. Schließlich zahlte er gar nicht mehr. Ana arbeitete gut zwei Monate, ohne Gehalt zu bekommen. Schließlich kündigte sie und machte sich auf die Suche nach einer anderen Arbeit. Warum brachte sie die Bäckerei nicht vor Gericht? Solche „Probleme“ wolle sie sich ersparen, meint Ana. Zu klagen, das wäre ohnehin aussichtslos. Jugend ohne Zukunft, Jugend ohne Angst? Die Jungen haben sich mit ihrer Deklassierung abgefunden. Die Angst sitzt tief, dass der soziale Abstieg einmal nach ganz unten führen könnte und das Stigma des eigenen Versagen alles überlagert.

Im Film Rattenzucht gibt es auf Armut und Erniedrigung eine einzige Antwort: Gewalt. Im Rausch von Prostitution, Alkohol und Drogen bekriegen sich die Armen untereinander. Erbarmungslos tritt der Vorletzte auf den Letzten. Die Reichen aber bleiben völlig unsichtbar.

06:00 17.05.2017

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