Ein Schrank voller Manuskripte

Wehmut Die "fast letzten Geschichten" des Peter O. Chotjewitz. Ein Werkporträt aus Anlass seines Geburtstages

In einem vor kurzem erschienenen Büchlein, das im Stil der momentan überaus beliebten "Almanache" Wissenswertes und Kurioses aus der Welt der Bücher versammelt, findet sich folgendes Zitat aus der Frankfurter Rundschau: "Peter Otto Chotjewitz gehört zu den meistvergriffenen und wenigstgelesenen Autoren seiner Generation. Von seinem ersten Roman waren nach 17 Jahren, als das Buch endlich verramscht wurde, keine 1.000 Exemplare, von seinem letzten Erzählband nach einem halben Jahr noch keine 250 Exemplare verkauft - gäbe es die FAZ nicht, würden seine Veröffentlichungen nicht einmal öffentlich verrissen."

Veröffentlicht wurden diese unverhohlen hämischen Zeilen am 11. Juni 1987, drei Tage vor dem 53. Geburtstag des Schriftstellers. In den folgenden Jahren, bis 1991, erschienen keine weiteren Bücher von Peter O. Chotjewitz. Es kann sogar sein, dass in dieser Zeit kein einziger Titel aus seiner langen Publikationsliste lieferbar war. Aber das lässt sich nur schwer recherchieren. Sicher ist, dass Chotjewitz heute, zwei Jahrzehnte später, noch immer zur Gruppe der "meistvergriffenen Autoren" gehört. Seine regulär über den Buchhandel zu beziehenden Bücher lassen sich an einer Hand abzählen. Dafür ist das Angebot der Internet-Antiquariate um so größer. Wer, zum Beispiel, die frühen Romanexperimente Hommage à Frantek (1965) und Die Insel. Erzählungen auf dem Bärenauge (1968) lesen möchte, allein um einen Eindruck davon zu gewinnen, was damals "Popliteratur" war, wird im "Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher" problemlos fündig werden.

Für den Autor selbst scheint die Frage, ob und wie er auf dem Buchmarkt vertreten ist, zweitrangig zu sein. "Ich schreibe nicht, um Geld zu verdienen, berühmt zu werden", gibt er 2002 in einem "Werkstattbericht" kund. "Nur Dummköpfe glauben, dass Bücher geschrieben werden müssen. Verlegt, gekauft, rezensiert, gelesen. Solche Bücher mag es auch geben. Ihre Autoren kriegen Preise, verdienen sich einen goldenen Nabel, können vor Stolz kaum laufen. So könnte ich nicht leben."

Den Text kann man jetzt wieder lesen. Programmatisch eröffnet er die Prosasammlung Fast letzte Erzählungen, die kürzlich im Berliner Verbrecher Verlag erschienen ist, wo bereits die Kriminalgeschichte Urlaub auf dem Lande und (als Wiederveröffentlichung) der Roman Saumlos vorliegen. Der Band kommt unspektakulär daher, ein schlichtes kleinformatiges Paperback in Blau. Er enthält 21 Texte, von denen nur zwei bislang noch nicht veröffentlicht wurden. Die anderen sind bereits in flüchtigen Medien - vor allem in Zeitungen und Zeitschriften - gedruckt worden. Denn in der linken Presse ist Peter O. Chotjewitz regelmäßig zu lesen. Man denke an die bissigen Kolumnen, die er in den neunziger Jahren für den Freitag schrieb. Oder an seine Beiträge in Konkret, wo Chotjewitz in letzter Zeit vor allem als Apologet des, wie er es nennt, "bewaffneten Widerstands" in der Bundesrepublik Deutschland aufgetreten ist. Doch dazu später.

Liest man den Titel des Buches, stellt man sich automatisch den Autor beim Sortieren seines Nachlasses vor. Da ändert auch das relativierende "fast" wenig. Schließlich lässt sich der Tod, der dem Erzähler im zweiten Text des Bandes seinen, gewöhnlich einmaligen, Besuch abstattet, auch nicht von dem hingeknurrten "Verpiss Dich!" seines Opfers aus der Ruhe bringen. Nehmen wir also die Fast letzten Erzählungen als ein mosaikartiges Selbstporträt des Schriftstellers Chotjewitz. Und stellen wir uns zunächst, der besseren Perspektive wegen, vor, wir hätten noch nie zuvor von ihm gehört und würden nun dieses "Alterswerk" wie ein Debüt lesen.

Da begegnet uns jemand, für den Schreiben existenziell ist. "Ich schreibe immer", sagt er. "Egal ob ich schreibe oder nicht." Das muss man erst einmal verstehen. Ein großes Ego spricht hier, ein Autor, der sich selbst genug ist. Jemand, von dem man sich vorstellen kann, dass er ein Bild von sich vorne auf den Einband seines ersten Romans drucken lässt.

Weitere Texte, die die Identität von Autor und Ich-Erzähler nahe legen, folgen. Beim Spielplatzbesuch mit der kleinen Tochter ist der Laptop mit dabei. Und in der kurzen Erinnerungsprosa Das Jahr 1968 heißt es: "Ich war Dichter". Hier zeigt sich Chotjewitz vor allem abgeklärt. "Das Jahr ´68 war kein schlechtes, da wir genug Dope hatten, Klepper und ich", lautet der erste Satz. Man ist mehr Bohemien als politischer Aktivist und wartet kiffend ab, was passieren würde. "Erst 69/70 klärten sich die Sachen einigermaßen. Die einen kauften sich Waffen, die anderen gründeten Parteien, aber revolutionär waren sie alle." So revolutionär wie Andreas Baader, hier noch in einer Nebenrolle als Freund, der dem Erzähler vorgeschlagen hatte, zum Vietnam-Kongress nach Berlin zu fahren: "Sie wollten den Kongress durch ein kleines Feuerwerk verschönern, doch wie man weiß, fand die Veranstaltung dann doch erst zwei Monate später statt und nicht in Berlin." Nämlich in Frankfurt, wo Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in der Nacht des 2. April 1968 Brandsätze in zwei Kaufhäusern deponierten und der linke Terrorismus in der BRD seinen Anfang nahm. Die Nonchalance, mit der Chotjewitz solche Namen und Daten einstreut, ist Programm. Manchmal ist betonte Lakonie eben doch nur eine andere Art von Pathos.

Zwei weitere Texte machen das besonders deutlich. Nicht versöhnt, ein 2002 geschriebenes Porträt Andreas Baaders ist beinahe eine posthume Liebeserklärung. "Er war voller Widersprüche. Intellektuell und spontan, sanft und zupackend, witzig und flink, ungeduldig und cool. Ziemlich sexy." Der damals (1966) schon 32-jährige "Jungdichter" ist hingerissen. Auch von Baaders Neigung zu körperlicher Gewalt: "Einmal machte er, zusammen mit einem Schiffskoch zwei Maler platt, die heute ziemlich berühmt sind. Den Grund kannte ich nicht. Ich saß an der Theke und sah ihnen bei der Arbeit zu. Sie arbeiteten präzise und ließen nichts anbrennen." Es bleibt bei der Bewunderung. Auch später wird der Schriftsteller kein "Fighter". "Ich kriege feuchte Hände, wenn ich einen Polizisten sehe", will er Baader gesagt haben. Und ihn gewarnt: "Sie werden Euch allesamt umbringen." "Sie", das ist der Staat, für Chotjewitz wohl noch immer ein "Bollwerk des Imperialismus", wie er in dem zweiten Stück, einem Artikel über Ulrike Meinhof, ursprünglich im Freitag (18/2006) erschienen, schreibt. Die "Analysen und Zielvorstellungen" der RAF seien virulent, solange der Staat nicht aufhöre, "sich als Erfüllungsgehilfe der Plutokratie zu begreifen, und stattdessen konsequent und wirksam zum Sachwalter der Bedürfnisse der unteren Klassen des eigenen Volkes wie der ausgebeuteten Völker der armen Staaten und Kontinente" werde.

Wer die gesellschaftlichen Verhältnisse so auf den Punkt zu bringen versteht, dem darf man wahrlich ein gefestigtes Weltbild bescheinigen. Mancher würde einiges dafür geben. Aber vielleicht sind diese Zeilen, die sich in ähnlicher Formulierung auch auf den Flugblättern einer marxistisch-leninistisch sich nennenden Minipartei finden, weniger das Ergebnis einer scharfen politischen Analyse als ein Indiz der Wehmut, mit der Chotjewitz auf jene Jahre zurückblickt, da er sich noch als Teil einer Jugendbewegung fühlen durfte: "Die Westberliner Boheme war vielfältig damals vor ´68. Drogen, Promiskuität, Gewalt und die ordinäre Sprache - das war alles kein Thema. Die Kulturrevolution stand seit den fünfziger Jahren auf der Tagesordnung und jagte den Alten Angst ein." Tolle Zeiten eben, und sie kommen nicht wieder. Da ist eine feste Weltanschauung viel wert.

Seltsam nur, dass diese ideologische Entschiedenheit so gar nicht zu den anderen Texten des Bandes passen will. Wenn Chotjewitz sich beispielsweise in die Geschichte der stalinistischen Schauprozesse begibt, um zu recherchieren, ob Sinowjew wirklich, wie in der Morgenandacht im Radio berichtet, angesichts seiner Hinrichtung am 25. August 1936 gebetet hat, gewinnt man nicht den Eindruck, hier wisse jemand von vorneherein, wohin ihn seine Suche führen wird. Stattdessen scheint es, als ob er zwischendurch nicht nur einmal den Faden verliert. Was angesichts der vielen "Selbstmorde, Morde, Hinrichtungen en gros und en detail" auch nicht verwundert. Dabei schlägt der Autor einen bemerkenswert kaltschnäuzigen, manchmal nur schwer erträglichen Ton an: "Zwischen dem Telegramm, durch das er [Stalin] Jeschow zum Volkskommissar für Inneres machte, und dessen Sturz liegen ganze zwei Jahre, in denen der neue Mann 20.000 Beamte seines Vorgängers umbringen ließ, bis sein Nachfolger Berija ihn und seine Bürohengste umnietete." Aber vielleicht ist dies die einzige Methode, der blutigen Farce sprachlich beizukommen.

Irgendwann wird aus der Recherche ein Porträt des Schriftstellers und Revolutionärs Victor Serge, der "einer der wenigen Kommunisten, die nicht zum Renegaten wurden", gewesen sei. Und dies, obwohl er nicht nur Zeuge, sondern auch Opfer des stalinistischen Terrors war. "Dass jemand mit diesen nachweisbaren Erfahrungen bis zuletzt an die Möglichkeit einer sozialistischen Revolution glaubte - unglaublich", schreibt Chotjewitz, offenbar voll ehrlicher Bewunderung und vielleicht auch mit dem Willen zur Identifikation. Wo die alten Schwarten stehen heißt diese bizarre Geschichte, und sie endet mit der Vermutung, dass die Legende vom betenden Sinowjew auf eine grausige Anekdote aus Stalins Umgebung zurückgehen könnte, deren Wahrheitsgehalt allerdings ebenfalls zweifelhaft ist. Und der Leser bleibt gleichermaßen fasziniert wie ratlos zurück. Fasziniert ob des detektivischen Eifers, den der Erzähler an den Tag legt, und ratlos, weil der Erkenntniswert des Textes den der bloßen Mitteilung nicht zu übersteigen scheint.

Doch gesetzt den Fall, es handelte sich nur vordergründig um eine historische Erkundung, sondern vielmehr um die Selbsterforschung eines linken Autors, dem seine Überzeugung doch nicht so selbstverständlich ist, wie es in den Bekennertexten des Bandes den Anschein hat. Dann wäre die betonte Schnoddrigkeit nur eine bewusst schlechte Tarnung für eine große Verzweiflung. Schließlich weiß Chotjewitz mit Sprache umzugehen. "Keiner schreibt besser als er", übertreibt Hermann Peter Piwitt nicht zu Unrecht in Konkret.

Belege dafür gibt es unter den Fast letzten Erzählungen genügend. Mein Schatz unter dem Dachboden beispielsweise, ein wahnwitziges Stück Rollenprosa, das dem Thema "Mein Vater, der Nazi" makabre Pointen abringt. Oder die Kriminalgeschichte Neumond hat etwas zu bedeuten, in der eine letztendlich unaufgeklärt bleibende Mordserie in ländlicher Umgebung rekonstruiert wird. Und nicht zuletzt die kleine Erinnerungsprosa Hommage à Frantek über einen Sonderling, der im Sommer 1961 von einer Gruppe junger Leute aus der Schwabinger Boheme quasi adoptiert wird. Hier haben wir die anekdotische Basis, auf der Chotjewitz das komplexe narrative Konstrukt seines ersten Romans errichtete.

So bilden diese Geschichten einen Ausgangspunkt, von dem aus sich das vielfältige Werk des Autors quasi aus der Retrospektive erschließen lässt. Das Romanfragment Die Herren des Morgengrauens aus dem Jahre 1978 beispielsweise, in dem Chotjewitz seine Erfahrungen als Anwalt Andreas Baaders in Anlehnung an Kafkas Prozess verarbeitet hat. Oder Der Fall Hypatia, eine originelle Mischung aus historischem Sachbuch und Erzählung, die strukturell an die oben erwähnte Sinowjew-Geschichte erinnert. Hier recherchiert der Autor den Tod der Philosophin Hypatia, die im Jahre 415 nach Christus in Alexandria von fanatisierten Christen umgebracht wurde - so will es zumindest die vielfach kolportierte Legende. Solch ein Verbrechen regt die Phantasie an, deshalb existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Erzählungen über die genaueren Umstände der Tat. Allerdings fördern die ausgiebigen, in diesem Buch dokumentierten Literaturstudien vor allem zutage, was alles nicht historisch belegbar beziehungsweise gut erfunden ist.

An objektiven Fakten bleibt nicht viel. Auch eine Forschungsreise, die der Autor nach Ägypten unternimmt, ist eine Enttäuschung. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass eigentlich keiner Geschichtsschreibung so recht zu trauen ist. So verwandelt sich das vorgebliche Sachbuch dann doch in Literatur. In eine Erzählung nämlich, in deren Mittelpunkt nicht die ermordete Philosophin, sondern der in seinen Forschungsbemühungen letztlich erfolg- aber nicht glücklose Autor steht. Einer, der, wie es in der abschließenden der "fast letzten Geschichten" formuliert ist, von einem "Schrank voller Manuskripte für niemand" träumt, die nach seinem Tod auf den Entdecker herabstürzen. "Die Literatur überlebt nicht, wenn sie sich dem Geschmack eines immer größer werdenden Publikums anpasst", heißt es kurz vorher im selben Text. Diese Gefahr besteht bei Peter O. Chotjewitz nicht.

Lieferbare Titel:

Fast letzte Geschichten. 200 Seiten. Verbrecher Verlag, Berlin 2007. 13 EUR

Saumlos. Roman eines Dorfes. 212 Seiten. Verbrecher Verlag, Berlin 2004. 14 EUR

Urlaub auf dem Land. 123 Seiten. Verbrecher Verlag, Berlin 2004. 12 EUR

Machiavellis letzter Brief. Roman. 446 Seiten. Europa Verlag. Hamburg 2003. 22 EUR

Der Fall Hypatia. Eine Verfolgung. 280 Seiten. EVA, Hamburg 2002. 22 EUR

Die Herren des Morgengrauens. (Romanfragment). 201 Seiten. Rotbuch, Hamburg 2007. 18,50 EUR (Neuauflage)

00:00 15.06.2007

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare