Ein Spiel, das nur Gewinner kennt

Südafrika Im Jahr der Weltmeisterschaft wird der Fußball in Südafrika zum sozialen Wohltäter und holt Tausende Kinder von der Straße

Susan van der Merwe steht am Rand eines Fußballfelds und hüpft trotz sengender Nachmittagssonne auf und ab. „Lauf“, schreit sie. „Schieß“. Egal, welches Team gerade ein Tor berennt, van der Merwe feuert an, was das Zeug hält und bläst dazwischen auf einer roten Vuvuzela, einer ohrenbetäubenden Tröte. „Fußball in Südafrika“, japst sie atemlos, „ist die beste Methode, die Kinder von der Straße zu holen.“

Es ist soweit. Südafrika rüstet sich für die Weltmeisterschaft. 2010 wird das Jahr, in dem Fußball alle politische und seelische Schwere dieses Landes mit ungewohnter Leichtigkeit umgeben soll. Dafür werden Stadien und Hotels gebaut, Straßen gesäubert, Hunderte zusätzlicher Polizisten ausgebildet. Der Glanz, den das Ereignis umgibt, soll auf die abfärben, die im Elend leben. Zehntausende von Touristen könnten soviel Geld ins Land bringen, dass auch für die Armen etwas davon abfällt.

Jahrzehntelang war Fußball in Südafrika der Sport des Schwarzen Mannes. Was soviel hieß wie: nicht gesellschaftsfähig. Die Weißen spielten Rugby, Golf oder Cricket. Nur in den Townships kickten barfüßige Jungen eine aus Stofffetzen gewundene Kugel über staubige Straßen und taten dies in der zarten Hoffnung, eines Tages damit berühmt zu werden. Als aber feststand, das Südafrika Nelson Mandelas werde das Championat ausrichten, begann im Land der Regenbogennation der Schmuddelsport hoffähig zu werden.

Generöse Sponsoren

Der Rasen, auf dem an diesem Dezembertag in der 800- Seelen-Gemeinde Huntington, tief in der Provinz Limpopo gelegen, eine Amateurmeisterschaft unter elf Schulteams ausgetragen wird, ist von sattem Grün. Die Tore haben Netze, die Spieler tragen neue Trikots und Fußballschuhe. Auf einem Tisch stehen Pokale, daneben liegen Medaillen und Urkunden. „Egal, ob sie gewinnen oder verlieren, eine Auszeichnung bekommen sie alle“, sagt van der Merwe. „Weil wir ihnen zeigen wollen, dass sie etwas leisten.“

Die 31jährige Johannesburgerin ist ehrenamtliche Mitarbeiterin des Projekts Dreamfields – Traumfelder. Mit Blick auf die WM hat es der Radioreporter John Perlmann vor zwei Jahren gegründet. Die Idee: Mit finanzieller Hilfe von Sponsoren werden dort, wo Jugendliche ohne ermutigende Perspektive sind – in Townships und abgelegenen Dörfern – Fußballfelder gebaut, Teams ausgestattet und Wettkämpfe wie der von Huntington ausgetragen. In den Dreambags, die Perlmanns Helfer an ausgesuchten Schulen verteilen, sind Fußballschuhe, Trikots, Bälle, Trillerpfeifen und andere Kleinigkeiten, die man braucht, um ein Team auszurüsten. Der Deal, den einzuhalten, sich die Schulen verpflichten: Wer dabei sein will, muss regelmäßig zum Unterricht und Training erscheinen. „Spielen darf nur, wer Disziplin zeigt“, sagt van der Merwe. „Keine Gewalt, kein Alkohol, keine Drogen. Dafür bieten wir den Jungen eine Chance. Wenn sie 18 sind, stellen wir die Begabten bei den Profiteams vor.“

„I can’t wait to marry you, my love, my love”, tönt es ohrenbetäubend aus den Lautsprechern am Rande des Spielfelds. Huntingtons Jugend tanzt dazu. Die eigene Equipe hat das Endspiel zwar verloren, doch Spieler Paul Hundzukani, ein schlaksiger 17-Jähriger, nimmt es gut gelaunt. „Wenigstens war hier ordentlich was los“.

Huntington liegt anderthalb Autostunden von Nelspruit entfernt. Dort wurde extra für das WM-Turnier das Mbombela-Stadion mit 46.000 Sitzen gebaut, obwohl es in dieser Stadt gerade einmal eine Grundschule und ein Waisenhaus gibt, in dem ein Siebtel der Kinder HIV-positiv ist. Die Nachbarorte Lilydale und Justicia sind auch nur Ansammlungen von Häuschen, ringsherum nichts als Buschland, private Reservate und der Krüger-Nationalpark. Die Bewohner leben von dem, was sie anbauen, und damit von der Hand in den Mund. Arbeit finden sie, wenn überhaupt, in den Lodges der Game Parks.

Eine davon ist die Fünf-Sterne-Domäne Sabi Sabi, deren Eigentümer Hilton Loon zu den Sponsoren des Dreamfields-Projekts gehört. Der 67-Jährige betreibt seine Anlage seit über drei Jahrzehnten, so dass mancher Angestellte bereits in der dritten Generation für ihn arbeitet. Loon weiß, womit die Jungen in seiner Region zu kämpfen haben: „Aids, frühe Schwangerschaften, Alkohol, keine Zukunft. Viele gehen gar nicht oder nur unregelmäßig zur Schule.“ Er habe seine Lodge aufgebaut, als in Südafrika noch die Apartheid herrschte, heute helfe er mit seinen Gewinnen nicht nur Dreamfields, sondern unterstütze auch ein Waisenhaus und einen Kindergarten. Seine Gäste seien nicht mehr damit zufrieden, auf ihren Safaris nur Tiere zu sehen. Touristen aus Übersee wollten „auch Menschen erleben und wissen, wie man im ländlichen Afrika wohnt.“

Dreamfields Bilanz im Jahr der WM fällt entsprechend positiv aus: 800 Dreambags, von denen jedes 600 Rand (55 Euro) kostet, wurden gesponsert und zwölf Fußballfelder gebaut. Weil Dreamfields auch Mädchen mit Dreambags für Softball-Spiele fördert, erreicht das Projekt inzwischen 10.000 Kinder. „Jedes Mal wenn wir einen Fußballplatz bauen, ist das gleichzeitig eine Botschaft an die Jugendlichen, dass sie uns wichtig sind, und wir ihnen die Chance zum Erfolg geben wollen. Sie müssen nur zugreifen”, glaubt van der Merwe.

Spendable Liga

1.800 Kilometer von Huntington weg, in Gansbaii, einem Ort am Rande des Vergessens, gestikuliert ein paar Tage später Michael Lutzeyer ebenfalls an der Grundlinie eines Fußballfeldes. Dort ist der Rasen noch dicker, noch grüner. „Kunstrasen, FIFA-Standard,“ sagt Lutzeyer stolz, wie Loon Besitzer einer Luxus-Lodge mit dem Namen Grootbos. Der deutschstämmige ehemalige Kneipier kaufte das Land samt eines heruntergekommenen Farmhauses für einen Spottpreis. Damals kamen keine Touristen in die Gegend an der Walker Bay südlich von Kapstadt. Das braune Gestrüpp auf Lutzeyers Land aber verwandelte sich im darauf folgenden afrikanischen Frühling in einen blühenden Garten. Es wuchs Fynbos, zu deutsch: feinblättriger Busch, eine weltweit einmalige Flora. Heute ist Grootbos eine Top-Adresse in Südafrika, so dass Lutzeyer mit einem Teil seiner Gewinne die Grootbos Foundation begründete, eine Stiftung, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmert.

Zunächst ließ Lutzeyer junge Leute aus den armen Gemeinden der Umgebung zu Gärtnern ausbilden, doch als die Entscheidung für Südafrika als Austragungsort der Weltmeisterschaft fiel, sah er die Chance, Gelder für ein Fußballfeld einzuwerben. 2007 überredete der Unternehmer den Gemeinderat, etwas Land zur Verfügung zu stellen. Der British Premier League rang er einen Kunstrasen ab, während eine englische Bank und der südafrikanische Fußballverband überzeugt wurden, sich gleichfalls als Gönner zu exponieren. Der Wohltäter stellte Studenten ein, die mit den Kindern nicht nur trainierten, sondern sie auch über HIV, Hygiene und umweltgerechtes Verhalten aufklärten. Und er führte seine Gäste zum Fußballfeld. „Die waren immer ganz erstaunt, wie talentiert und ehrgeizig die Jungen hier kicken.“

Heute sind es über 50 Kinder, die auf dem Platz von Gansbaii zum Training auflaufen. Die 27-jährige Fußball-Lehrerin Tean Terblanche lobt das Gemeinschaftsgefühl, das unter ihnen entstanden sei. „Die Jungen kommen aus drei verschiedenen Gemeinden. Bisher hatten sie keinerlei Berührungen mit den jeweils anderen. Und falls sie sich begegnet wären, hätten sie sich wahrscheinlich geprügelt.“

Das Grootbos-Fußballprojekt zieht inzwischen sogar Freiwillige aus Deutschland an. Wie den 27jährigen Sportstudenten Florian Münch aus Berlin, der für drei Monate die Trainerin unterstützt. Er schwärmt von dem positiven Lebensgefühl, das die Jugendlichen ausstrahlen. „In puncto Freude beim Spiel sind die nicht zu schlagen. Da ist es ganz egal, ob sie gewinnen oder verlieren.“

Andrea Jeska ist freie Autorin und berichtet als Reisekorrespondentin aus den Staaten des südlichen Afrika

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16:20 06.01.2010

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