Eine Fehldiagnose

Kritik Die Vollgeld-Initiative reagiert auf ein reales Problem. Als Lösung taugt sie nicht
Eine Fehldiagnose
Vollgeld kann Finanzspekulation nicht eindämmen, glaubt der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Die Befürworter der Vollgeld-Initiative stützen sich auf eine falsche Diagnose. Nicht das Kreditgeldsystem an sich stellt ein Fundamentalproblem dar, sondern die Art der Verwendung von Geld. Betrachten wir die Nachkriegszeit als Beispiel: In den 1950er und 1960er Jahren lenkten die „Spielbedingungen“ das Gewinnstreben auf die Realwirtschaft, bei festen Wechselkursen, stabilen Rohstoffpreisen und „schlafenden“ Aktienbörsen machte Finanzspekulation keinen Sinn. Die Banken finanzierten daher ausschließlich realwirtschaftliche Transaktionen: „Aus dem Nichts“ wurde etwas geschaffen (Kreditgeld), das die Schaffung von einem „realen Etwas“ (Maschinen, Wohnhäusern) finanzierte.

Der Wechsel von real- zu finanzkapitalistischen Rahmenbedingungen verlagerte seit den 1970er Jahren das Gewinnstreben zu Finanzinvestitionen („Lassen wir unser Geld arbeiten!“), also schufen die Banken Kreditgeld nunmehr zu diesen Zwecken. Das Wirtschaftswachstum sank, Arbeitslosigkeit sowie Staatsverschuldung nahmen zu, ebenso die „manisch-depressiven“ Schwankungen der Finanzmärkte. Ab 2003 entwickelten sich drei simultane „Bullenmärkte“ – Aktienkurse, Rohstoffpreise und Immobilienpreise stiegen drastisch. Die folgenden drei „Bärenmärkte“ verursachten 2008 die massivste Vermögensentwertung seit 1929 und eine globale Krise.

Banken

Am 10. Juni könnten die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz das Geldsystem ihres Landes auf den Kopf stellen: Eine Volksinitiative will privaten Banken die Schöpfung von Geld verbieten. Birgt diese Idee die Überwindung des Finanzkapitalismus?

Das aber heißt: Nicht das Geldsystem an sich hat in die Krise geführt, sondern die Entfesselung der Finanzmärkte. Vollgeld würde die Lage aus mehreren Gründen verschlimmern. Erstens: Geldmengenpolitik kann weder die Inflation noch die reale Nachfrage steuern. Zweitens: Auch in einem Vollgeldsystem boomt die Finanzspekulation. Drittens: Vollgeld beeinträchtigt die Kreditversorgung der Realwirtschaft.

Die These, die Notenbank könne durch ihr Geldschöpfungsmonopol die Gesamtwirtschaft steuern, beruht auf der „Quantitätstheorie des Geldes“ und ihrer Fundamentalgleichung: Geldmenge (M) x Umlaufsgeschwindigkeit (V) = Preisniveau (P) x reales BIP (Q). Wäre die Umlaufsgeschwindigkeit, also die Häufigkeit, mit der Geld für realwirtschaftliche Transaktionen verwendet wird, stabil, dann könnte man durch eine Geldmengenpolitik das nominelle Bruttoinlandsprodukt (BIP) steuern (nach monetaristischer Sicht nur die Inflation). Leider ist die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes die instabilste Komponente der Gleichung. Nimmt etwa der Pessimismus zu, werden Haushalte und Unternehmen weniger Transaktionen tätigen, Geld also horten.

Es würde weiterhin spekuliert

Noch gravierender: Die Vertreter der Quantitätstheorie haben übersehen, dass man Geld auch für Finanztransaktionen verwendet, deren Volumen ein gigantisches Vielfaches des BIP beträgt, in Europa das 120-Fache! Selbst wenn die Notenbank die Geldmenge steuern könnte, bleibt offen, ob sie damit das Wirtschaftswachstum, die Inflation oder die Finanzspekulation beeinflusst. So hat die „Geldschwemme“ der Europäischen Zentralbank (EZB) jahrelang vor allem die Finanztransaktionen beflügelt.

Vollgeld kann Finanzspekulation nicht eindämmen. Dafür sind zwei Gründe bestimmend. Erstens: Die Menge an Finanztransaktionen ist unabhängig von der Geldmenge: Wäre Letztere konstant oder würde sinken, so kann immer das Tempo des Trading gesteigert werden. Genau das ermöglicht die computergesteuerte Spekulation, etwa der Hochfrequenzhandel. Zweitens: Unter finanzkapitalistischen Anreizbedingungen spekulieren ja nicht nur Banken, sondern auch Unternehmen und Haushalte. So nimmt der Unternehmenssektor schon seit etwa 15 Jahren netto keine Kredite mehr auf, sondern bildet Finanzkapital. Auch die Haushalte versuchen, ihr Geld „arbeiten“ zu lassen.

Besonders bei einem – krisenbedingt – niedrigen Zinsniveau werden Unternehmen und Haushalte ihr Geld nicht der Bank als Kredit geben, sondern als Vollgeld halten. Mit diesem können sie unbeschränkt spekulieren, direkt oder indirekt via Investment oder Hedgefonds.

Vollgeld würde die Kreditversorgung der Realwirtschaft einschränken. Realinvestitionen werden (auch) durch Bankkredite finanziert. Bekämpft man Finanzspekulation dadurch, dass man den Banken die Fähigkeit nimmt, Kreditgeld zu schöpfen, dann schüttet man das Kind mit dem Bade aus. Im herrschenden Geldsystem werden Kredite dort geschaffen, wo man sie braucht, also auf dezentraler Ebene, im Vollgeldsystem aber ausschließlich von der Notenbank, also auf höchster Stelle. Die Zwischenschritte „Geldgeschenk an den Staat – Staatsausgaben – Sparen – Aufteilung auf Vollgelddepots und Sparguthaben – Kreditvergabe der Banken“ machen es unmöglich, das zusätzliche Geld dorthin zu lenken, wo man es braucht.

Will die Notenbank die Zwischenschritte vermeiden und den Banken direkt Kreditmittel zukommen lassen, dann müsste etwa die EZB entscheiden, welche einzelne Bank im Euroraum einen berechtigten Kreditbedarf hat. Die Erstellung der Fünfjahrespläne der Sowjetunion war im Vergleich dazu eine einfache Aufgabe.

Überdies kann die Notenbank im Vollgeldsystem das Nominalzinsniveau nicht mehr bestimmen. Der Zins ergäbe sich aus dem Zusammenspiel von Spareinlagen (Angebot) und Kreditnachfrage. Je unsicherer und schlechter die Wirtschaftslage, desto mehr Vollgeld läge auf Depots brach, desto geringer das Kreditangebot. Das Zinsniveau wäre dann hoch und instabil.

Vollgeld würde auch die Gesamtnachfrage dämpfen. Die gesamtwirtschaftliche Dynamik wird vom Verhältnis zwischen Spar- und Investitionsplänen bestimmt. Am Beispiel einer geschlossenen Wirtschaft ohne Staat sieht das so aus: Wenn jener Teil des BIP, den die Haushalte nicht nachfragen (ihr Sparen), größer ist als das, was die Unternehmen als Investitionen zusätzlich zum Konsum der Haushalte nachfragen, dann ist die Gesamtnachfrage kleiner als das BIP („Nachfragelücke“). Unternehmer bleiben dann auf einem Teil der Produktion „sitzen“, sie werden diese so lange einschränken, bis die Spar- und Investitionspläne – auf niedrigerem BIP-Niveau – wieder übereinstimmen. Im Vollgeldsystem wird ein erheblicher Teil des Sparens als Vollgeld „eingefroren“ und steht daher nicht zur Investitionsfinanzierung zur Verfügung. Die so verursachte Nachfragelücke wird in Zeiten von Unsicherheit und Null-Zinsen besonders hoch sein, weil mehr Vollgeld gehalten und damit dem Finanzierungskreislauf entzogen wird.

Die wichtigste Funktion der Banken besteht darin, das Sparen der Haushalte via Kreditvergabe in Realkapital und Arbeitsplätze zu verwandeln. Dazu braucht es kein neues Geldsystem, sondern eine radikale Beschränkung von „Finanzalchemie“ aller Art. Ein Beispiel: Würde der mikrosekundenschnelle Fließhandel durch alle drei Stunden passierende elektronische Aktionen ersetzt – nach dem Verfahren, mit dem die Eröffnungskurse bestimmt werden –, so sähe die Finanzwelt anders aus.

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien. Gerade ist sein Buch Der Weg zur Prosperität im Ecowin Verlag erschienen

06:00 29.05.2018

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