Eine Klasse für sich

Gerechtigkeit Ob heute bei Löhnen und Gehältern oder später bei der Rente: Frauen sind, was das Geld angeht, die ewigen Verliererinnen
Nina Scholz | Ausgabe 44/2016 5
Eine Klasse für sich
Die Möglichkeit des Aufstiegs als soziale Verheißung: für Frauen oft eine Illusion

Foto: Killig/momentphoto/Imago

Kürzlich ist der „Alterssicherungsbericht 2016“ der Bundesregierung erschienen, und in der Pressekonferenz dazu wurde eine gute Nachricht verkündet: Vielen Rentnern gehe es heute gut. Hinter dieser Mitteilung versteckt sich allerdings eine schlechte Nachricht. In Zukunft wird es für die meisten Deutschen im Alter keineswegs mehr so rosig aussehen – und am meisten werden Frauen von Altersarmut betroffen sein. Der Grund dafür: Im unteren Einkommenszehntel sind sie mit einem Anteil von 61 Prozent deutlich überrepräsentiert. Das heißt, Frauen sind heute schon arm – und sie werden perspektivisch immer ärmer werden.

Was ist Armut überhaupt, wie sieht sie hierzulande aus? Armut ist, wenn mir alle vier Wochen vor dem Monatsende graut, weil die Miete und die Handyrechnung anstehen. Wenn ich darauf verzichten muss, meine Freunde zu sehen, am sozialen Leben teilzunehmen oder gar mal für ein paar Tage in einen kleinen Urlaub rauszukommen. Wenn ich öfters mit einer Decke auf dem Sofa sitze, weil das Heizen zu teuer ist. Wenn ich tagelang Nudeln mit Tomatensauce esse oder mich noch stärker einschränke, weil meine Kinder nach Naschzeug verlangen, wie sie es von ihren Mitschülern kennen. Wenn ich nachts wach liege, weil ich diese oder jene Rechnung schon wieder nicht bezahlen kann. Und wenn ich an Altersvorsorge oder Zusatzversicherungen nicht einmal denke – weil dafür schlicht kein Euro übrig ist. Armut ist, wenn ich mit 70 Jahren Pfandflaschen sammeln muss. All das ist heute der Alltag für eine wachsende Zahl von Menschen, vor allem auch von Frauen.

War uns Frauen nicht mal etwas anderes versprochen worden? Ich bin in den 80er Jahren in Westdeutschland geboren. Eine der sozialen Verheißungen war die Möglichkeit des Aufstiegs. Uns wurde erzählt, dass es uns besser gehen würde als unseren Eltern, vor allem sollte es uns Mädchen besser gehen als unseren Müttern. Meine Mutter hatte von ihren Eltern noch Steine bei der Ausbildung in den Weg gelegt bekommen, meinem Vater zuliebe hat sie auf vieles verzichtet und später die Kindererziehung – und damit auch den Haushalt – übernommen. Erst in Vollzeit, dann halbtags, und je älter ich wurde, desto mehr konnte sie schließlich auch arbeiten gehen. Eine Trennung wäre damals katastrophal für sie gewesen, allein schon aus fianziellen Gründen, an die eigene Rente wurde in dieser Frauengeneration kaum gedacht.

Meiner Mittelschichtsgeneration wurde gesagt, dass wir mit unserer guten Ausbildung nie auf etwas verzichten müssten, wir würden einen interessanten Beruf, vielleicht eine beeindruckende Karriere haben können, Kinder, schöne Wohnungen und Reisen. Daran lässt sich 2016 nicht mehr glauben. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, und zu den Verlierinnen gehören größtenteils eben tatsächlich Frauen. Der Pay Gap, das Gehaltsgefälle zwischen Frauen und Männern, hält sich hartnäckig, und er zieht sich durch alle Berufsniveaus. „Innerhalb jeder sozialen Klasse gibt es noch einmal eine Unterschicht: die Frauen“ – so hat es die Soziologin Regina Becker-Schmidt 1987 unter der Überschrift Frauen und Deklassierung formuliert. Fast 30 Jahre später, vergangene Woche nämlich, verkündete das Weltwirtschaftsforum, die ökonomische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern habe seit der Wirtschaftskrise 2008 zugenommen. Und dass es, gemessen am heutigen Tempo, bis 2186 dauern werde, bis diese Ungleichheit überwunden wäre – 170 Jahre.

Wenige Tage vor diesen Berichten saß ich mit einer Freundin in einem Café. Wir sprachen über ihr Leben, mein Leben, und die Leben von anderen. Wir kamen auf einige Freundinnen, die Familien gegründet haben und schon lange unglücklich in ihren Beziehungen sind, sich aber nicht von ihren Partnern trennen, weil sie fürchten, es sich nicht leisten zu können. Sie wissen nicht, wie es nach der Trennung für sie und ihre Kinder weiterginge. Dass Alleinerziehende fünfmal häufiger in der Armutsfalle landen als andere: wissen sie, wissen wir alle. Dass immer noch fast 90 Prozent der Alleinerziehenden Frauen sind, ebenso.

Das Versprechen vom eigenen sozialen Aufstieg ist nicht die einzige Illusion, der wir aufgesessen sind. Die andere ist das Versprechen vom Sieg des Feminismus über die Klassengrenzen hinweg. Da ist immerhin Angela Merkel, und in den USA wird in wenigen Tagen vielleicht die erste Präsidentin gewählt. Ja, langsam nimmt der Frauenanteil auf Führungsebenen zu. Einigen geht es tatsächlich sehr gut. Vielen anderen aber zunehmend schlechter. Zur Zeit sehen wir vor allem die Frauen im Scheinwerferlicht – die vielen im Dunklen sehen wir nicht. Können wir wirklich von einem Sieg des Feminismus sprechen, wenn es mehr Frauen in Vorstandsetagen gibt, wenn gleichzeitig aber der Niedriglohnsektor wächst und hier vor allem Frauen arbeiten? Indem wir uns die Siege erfolgreicher Frauen als Fortschritt verkaufen, erzählen wir ein falsches Versprechen weiter. Denn damit erzählen wir uns selber, dass wir sein können, was wir wollen – wenn wir uns nur genug anstrengen. Und wir verpassen es, gemeinsam mit den anderen für mehr Gleichheit zu kämpfen.

06:00 30.11.2016
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 5